Sadistische KZ-Spiele

01.05.2004

Nicht nur amerikanische, sondern auch britische Soldaten haben auf brutale Weise irakische Gefangene gedemütigt: die Befreier als Sadisten

Dass ein Krieg die Beteiligten verroht, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Wenn Menschenleben zum Abschuss beiderseits frei gegeben ist, fällt sein Preis gegen Null. Lieber schnell einmal sicherheitshalber geschossen, als selbst Opfer zu werden. Noch viel weniger wert ist die Würde des Menschen. Das haben im Irak beide Seiten gezeigt. Dass aber ausgerechnet die amerikanischen und britischen Befreier nun auch als Sadisten kenntlich werden, dürfte den sowieso bereits angerichteten Schaden in der Region noch weiter vertiefen.

Einige US-Medien sind schon seit einiger Zeit wieder aus ihrem Betäubungszustand nach dem 11.9. aufgewacht. Dass CBS die Bilder gezeigt hat, auf denen zu sehen ist, wie US-Soldaten, Männer und Frauen, mit wehrlosen Gefangenen umgehen, ist Zeichen dafür, dass die Medien wieder freier geworden sind und ihre Rolle als Korrektiv einnehmen können (Nachtrag: Seymour Hersh führt im New Yorker aus, dass es sich keineswegs um Einzelfälle gehandelt hat und dass das Pentagon bereits im Februar einen internen Bericht vorliegen hatte, der auf zahlreiche Misshandlungen Ende 2003 im Abu Ghraib Gefängnis hinwies).

Natürlich versichert US-Präsident Bush, dass es sich bei den sadistischen Inszenierungen der US-Soldaten nur um Einzelfälle handelt und dass er dies verabscheut. Aber womöglich zeigen die Bilder der gedemütigten irakischen Gefangenen die Einstellung der Befreier, die ständig in Angst vor manchen der Befreiten leben müssen: (feindselige oder machtlose) Iraker sind für sie Menschen zweiter Klasse. Das ist an sich auch wenig verwunderlich. Soldaten, die zu Killermaschinen ausgebildet wurden und angeblich auf eine Befreiungsmission geschickt wurden, die auf wenig Begeisterung, wachsenden Widerstand und zunehmende Ablehnung stößt, können ihren Hass auf ihre Lage nur gegen ihre unterlegenen Widersacher richten. Zudem sind es oft junge Menschen, die in eine fremde Welt geraten und die schlicht Angst haben, während sie für den Umgang mit den Angehörigen einer anderen Kultur nicht ausgebildet wurden und für lange Zeit weit weg von der Heimat stationiert werden, ohne Verbindung mit einem normalen, zivilen Leben.

Offenbar waren die jungen Gefängniswärter nicht einmal mit den Regeln der Genfer Konventionen oder dem Umgang mit Gefangenen vertraut gemacht worden. Mit 18 Jahren oder so müssen sie auf einmal Aufgaben übernehmen, die viel Disziplin, Reife und Verständnis verlangen. Und dass gerade in einer Situation, in der ein Land von einer lange feindlich dargestellten Macht erobert wurde, ein besonders sensibles Vorgehen erforderlich ist, um nicht weitere Ressentiments zu schüren, ist nicht nur ein Verschulden der jungen Soldaten, sondern des Pentagon und der US-Regierung.

Andenkenfoto einer US-Soldatin

Im Krieg oder auch in den Kämpfen zwischen einer militärisch weit überlegenen Besatzungsmacht und dem deswegen asymmetrisch, d.h. auch terroristisch agieernden Widerstand werden Rechtlosigkeit und Grausamkeit systematisch geschürt. Zur Einschüchterung des Widerstands greifen die Besatzungstruppen, deren Mitglieder ja nur einen "Job" ausführen, zu Maßnahmen, die auch Unbeteiligte treffen, zumal Feinde und Zivilisten nicht wirklich auseinander gehalten werden können, die militärisch Aufständischen hingegen nehmen sich auch die Ziele, die sie erreichen können und die für sie mit der Besatzungsmacht zusammen hängen. Auf beiden Seiten entlädt sich die Spannung in Grausamkeiten: in die Ermordung und Demütigung von Geiseln oder auch von Leichnamen wie in Falludscha (Triumph der Grausamkeit) sowie in die Demütigung von Gefangenen, die keinerlei Rechte haben und ganz dem Belieben der "Herren" ausgesetzt sind (Tod am Fluss).

Feixend fürs Publikum

Dass die "humanitäre" Aktion der Koalitionstruppen, die den Irak von einem Diktator befreit haben, der die Menschen gefoltert, gequält und ermordet hat, nun in Vorgänge mündet, wie sie in sadistischen Fantasien über KZ-Wärter auftreten, siehe Pasolinis "Salo", mag wenig überraschend sein. Aber das zeigt noch einmal auf, dass Kriege, die angeblich zur Befreiung und Erlösung der Menschen geführt werden, unter einem erhöhten moralischen Anspruch stehen und auch entsprechend geplant und vorbereitet werden müssen.

I shared a deep disgust that those prisoners were treated the way they were treated. Their treatment does not reflect the nature of the American people. That's not the way we do things in America. And so I -- I didn't like it one bit. But I also want to remind people that those few people who did that do not reflect the nature of the men and women we've sent overseas. That's not the way the people are, that's not their character, that are serving our nation in the cause of freedom. And there will be an investigation. I think -- they'll be taken care of.

Natürlich werden wie üblich nur die untersten Mitglieder einer Organisation identifiziert und bestraft, aber zur Verantwortung gezogen werden müssten eigentlich auch jene, die die jungen und unerfahrenen Soldaten in diese Lage gebracht haben. Die von oberster Stelle offenbar von Anfang an akzeptierte Maßnahme, Gefangene ihres Blickes durch Kapuzen zu berauben, fördert den Sadismus. Ein Mensch, der nur noch wehrlose Körper ist und nicht mehr zurück schauen kann, ist kein Mensch mehr, sondern nur noch Objekt. Und wenn dann die "kleinen" Soldaten noch glauben dürfen, dass ihre Demütigung und Einschüchterung der Gefangenen weiter oben anerkannt wird, weil die verängstigten Gefangenen dann aussagewillig sind, dann lässt sich die Verantwortung nicht mehr so einfach abschieben und beschränken.

Zu den amerikanischen Soldaten und Soldatinnen, die ihren Sadismus endlich einmal ausleben und ihn zugleich dummerweise in Aufnahmen dokumentieren mussten, gesellen sich nun britische Soldaten, die einen mutmaßlichen Dieb nicht nur geschlagen, sondern in einer animalischen Weise gedemütigt haben, indem sie auf ihn pissten. Auch hier heißt es wieder, dass Regierung und Verteidigungsministerium entsetzt seien und dass es sich nur um isolierte Einzelfälle handle. Aber wer Krieg und Besatzung will, muss mit solchen Übergriffen rechnen, wenn er seine Soldaten nicht streng auswählt und schult - und sie auf die schwierige Mission vorbereitet, in einem Unrechtzustand für Recht und Gerechtigkeit zu stehen. Immerhin wurde die Bilder dem Mirror von zwei der Täter mit der Versicherung zugespielt, ihre Namen nicht preiszugeben. Es scheint also auch bei den Tätern nachträglich eine Art Scham zu geben.

Wie die beiden Soldaten dem Mirror erzählten, scheint die demütigende "Behandlung" oder Folter zur Alltagsroutine zu gehören. Die Gefangenen werden gefesselt, sie werden unter eine Kapuze gesteckt und systematisch durchgeprügelt. Normalerweise würde man das Gesicht verschonen, um nachträglich nicht belangt zu werden. Man droht, ihn zu töten. Der jetzt bekannt gewordene Fall spielte sich im September ab. Angeblich deckten die Offiziere die Täter und befahlen den Soldaten, den lebensgefährlich Verwundeten und alle Spuren des Vorfalls zu beseitigen. Nach Auskunft der beiden Soldaten habe es sich um keinen Einzelfall gehandelt. Wie bei dem amerikanischen Vorfall ist es von oben gedeckte Routine, Gefangene "weich" zu foltern, also zu ängstigen und zu quälen, bis sie in den anschließenden Verhören bereitwillig aussagen. Betroffen ist also das gesamte Militär, nicht nur einzelne, die direkt an einem Vorfall beteiligt sind und als Sündenböcke herangezogen werden.

Auch Amnesty sagt, dass zahlreiche Vorfälle von Misshandlungen von gefangenen Irakern berichtet worden seien und es sich um keine Einzelfälle handeln würde. Bislang aber sei man bei den Briten und Amerikanern den Vorwürfen nicht nachgegangen. Es sei nicht genug, wenn das Pentagon nur einschreite, wenn Bilder an die Öffentlichkeit gelangen. Amnesty fordert eine unabhängige und umfassende Untersuchung, da die Beachtung der Menschenrechte für eine friedliche Zukunft des Irak zentral sei. Es müsse klar sein, dass die Verletzung von Menschenrechten bestraft wird.

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