Barbarei als Kriegsroutine

01.05.2004

Über den Zusammenhang von Politik, Krieg und Folter

Wer erfahren will, wie man brachial foltert, sollte Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen lesen. Was im "Simplicius Simplicissimus" (1667/68) Landsknechte während des Dreißigjährigen Kriegs Bauern antun, wenn sie ihnen die Körperteile abschneiden, sie rösten und strangulieren, ist selbst in der literarischen Abstraktion solcher Vorgänge starker Tobak. Oder sollte das nur gewöhnlicher Soldatenalltag sein? Nicht mehr als eine Routine, die der "universal soldier" über die Jahrtausende mit unterschiedlicher Raffinesse praktiziert? Nicht immer, aber oft genug, um die Verquickung von Krieg und Folter als Strukturzusammenhang zu begreifen.

Elaine Scarry hat in ihren Studien über den "Körper im Schmerz" (1985) zwar behauptet, es sei klar, dass der Krieg nichts mit der Folter gemein habe. Doch diese Klarheit löst sich sofort auf, wenn unzählige Kriege erinnert werden, in denen der Gegner nicht nur besiegt, sondern auch der Tortur unterworfen wurde.

In der humanen, humanchirurgischen Kriegführung wurde das Foltern offiziell abgeschafft, geächtet durch die Genfer Konvention und zahlreiche rationalisierende Zurüstungen des Krieges. Humane Kriegführung heißt so idealtypisch wie ideologisch, dem Gegner nur jene unvermeidlichen, mitunter "leider" letalen Schläge zu versetzen, die zum Erfolg des Unternehmens unabdingbar sind. So wenig Gewalt wie möglich, so viel Gewalt wie nötig.

Das könnte die Kriegsdoktrin von scheinaufgeklärten Nationen sein, die die alte Furie "Krieg" ihren Gesellschaften als inzwischen folgsamen Hofhund verkaufen, der nur aus Gründen der Gefahrenabwehr beißt, wenn er die Stimme seines Herrn hört. Der Krieg folgt in dieser Gewaltrationalisierung vermeintlich einer kühlen Zweck-Mittel-Analyse, die bereits von Clausewitz in so nüchterner Weise vom Kriegshandwerk reden lässt, als wäre Blut ein ähnlicher Stoff wie die Druckerschwärze der Marschbefehle. Krieg ist ein nach rationalen Grundsätzen moderner Betriebsführung geleitetes Unternehmen, geradewegs die Fortsetzung der Vernunft mit anderen Mitteln.

Nun haben amerikanische und britische Soldaten Irakis gefoltert, übel gefoltert und dabei auch nicht vergessen, die Bilder für das Familienalbum festzuhalten (Sadistische KZ-Spiele). Werden wir Zeuge eines bedauerlichen Betriebsunfalls in diesem humandemokratischen Unternehmen der Welt- und Menschenrettung? Sind bei einigen, ob des groben Undanks der Besetzten gestressten Besatzern die Sicherungen durchgebrannt, die aber das Ansehen des Unternehmens im Übrigen nicht lädieren? Reichen schließlich einige saftige Strafen, um die wahre Kriegsräson, jenes korrekte Kalkül gewalttätiger Humanität, wieder herzustellen?

Die Banalität der Folter

Foltern ist prinzipiell keine obsolete Begleiterscheinung des Krieges in seiner modernen Façon. Der vermeintliche Einzelfall erscheint eher als Regel. Foltern war fast immer ein integraler Bestandteil kriegerischer Gewalt. Denn gefoltert wurde nicht nur zu den Zeiten von Grimmelshausen oder jenen des fast sprichwörtlich gewordenen Mongolenfürsten Timur Lenk alias Tamerlan (1336 - 1405), der die Leiber seiner Opfer, gleichviel ob tot oder lebendig, zu Brücken und Triumphbauten verarbeiten ließ. Auch die Kriege der Neuzeit waren, je länger sie dauerten und je dreckiger sie wurden, Gräuel-Kriege, die keine Barbarei ausließen, ohne dass je ein anderer Zweck erkennbar gewesen wäre, als das zu tun, was man mit Lust tat. Ob nun die beiden Weltkriege, zahllose ethnische Kriege, Vietnam (Das Massaker) oder gerade noch Afghanistan (Vorwürfe gegen US-Armee weiter ungeprüft), immer reden wir von einem Standard der Feindbehandlung bzw. -misshandlung, von Blutrausch-Exzessen und Abreaktionsspielen, die von Soldaten ausgeübt worden, die anschließend oft genug in die bürgerliche Normalität zurückkehrten. Ist das nicht die Fundamentallehre des menschenverachtenden militärischen Drills, der "Private Paula" in Stanley Kubricks Film "Full metal jacket" (1987) erst Sergeant Hartman und dann sich selbst hinrichten lässt?

Die Folterpraxis in unzähligen Kriegen hat System. Dieser Mechanismus der äußersten Form von Feinddemütigung und Menschenverachtung liegt in der Unnatur der Sache. Anders ist dieser Terror der erzwungenen Selbstenthemmung wohl für einige Akteure gar nicht auszuhalten. In der Regression des Kriegs ist der Feind kein Gegner mehr, der zu achten wäre, sondern eine Projektionsfläche, um alle Hunde, die schon lange im eigenen Keller bellen, nun endlich von der Kette zu lassen. Und die politische Vorbereitung von Kriegen arbeitet mächtig mit daran, den Feind in das Vernichtungsformat zu bannen. Der Feind wird propagandistisch als Un- und Untermensch, als Wurm und Teufel diffamiert, der folglich also auch so behandelt werden darf.

Wer erst einmal zum Töten enthemmt wurde, verliert die Scheu, den Feind zu foltern. Aber erklärt das schon alles? Kriegsforscher haben auf der Suche nach den Kriegsgründen, die vorderhand zahlreich sind, immer wieder die "Letztbegründung" im Blut- und Vernichtungsrausch selbst, in der Lust am Töten und am Quälen gefunden. Hinter wirtschaftlichen, politischen, religiösen oder ethnischen Gründen lauert die nackte Barbarei, die Barbarei an sich, die letztlich eine existenzielle Lust des Menschen zu sein scheint, die bisher nicht erfolgreich ausgetrieben wurde. Und das Chaos von Krieg und Nachkrieg produziert auch die nötige gesellschaftliche Unschärfe, in der kriegerische Akte, Polizeiaktionen und Folter so ineinander verlaufen, dass die Kontrolle der Verhältnisse zu oft aus dem Ruder läuft.

Auch Bushs Irak-Krieg hat sich nun endgültig als ein solcher Primatenkrieg entlarvt, der dem Triebstau der zivilisatorisch enthemmten Soldateska freien Lauf verschafft. Jene, die sich schon im Vorgefühl sonnten, als Befreier begrüßt zu werden, werden nun zu Peinigern, die sich nicht mehr signifikant von jenen Schergen des Hussein-Regimes unterscheiden, die uns noch vor kurzem als der schlimmste Abschaum der Menschheit vorgestellt wurden.

Der zweite Verrat der Kriegsgründe

Besonders perfide werden diese amerikanischen Folterer vor dem Hintergrund der eilig von Bush nachgereichten Kriegsgründe. Nachdem sich die Massenvernichtungswaffen als amerikanisch konstruierte Fata Morgana im heißen Wüstensand auflösten, präsentierte Bush den Vorwand humanitärer Kriegsgründe, also just jene Gründe, die man über lange Jahre in Amerika vergessen hatte und die keinen US-Präsidenten zu einem Krieg gegen den Irak provoziert hätten. Weder die Schreie der Gefolterten noch der hungernden Kinder im Irak wollte man zuvor als Kriegsgrund für ausreichend erachten.

Dann aber erklärte Bush junior in einer Rede an die vielleicht noch nicht völlig überzeugte Kriegsnation und die mit dem Krieg mehrheitlich hadernde Weltöffentlichkeit eindringlich, wie schrecklich in irakischen Gefängnissen gefoltert würde, was dieses Regime an Abscheulichkeiten mit Menschen veranstalte. Der längst zum Krieg entschlossene Präsident sparte nicht mit Folter-Details, um die Widerwärtigkeit und Entmenschung des irakischen Regimes zum veritablen Kriegsgrund hochzufahren. Eifrig wurden die Bilder und Videos von misshandelten Gefangenen Saddam Husseins in die Medien geschleust, um das abgrundtief Böse durch die Folter, den barbarischsten Akt des an inhumanen Großtaten nicht gerade armen Menschengeschlechts, zu belegen.

Die schale Ironie dieser Geschichte: Just einige der Verrichtungsgehilfen des Humanität verkündenden Predigers Bush greifen nun zu denselben Mitteln, die eben keine Mittel sind, sondern unabdingbarer Bestand ihres und jedes kriegerischen Arsenals. Diese Gewalt demokratischen Ursprungs ist nicht besser als das zuvor Verfemte. Diese Akte haben diesen Krieg, der schon zuvor nicht zu rechtfertigen war, vollends diskreditiert. Mit diesem Nachkrieg, der der wahre Krieg ist, hat dieser Kriegsherr den moralischen Anspruch vollends verloren, Menschen den Weg in die Zivilisation zu weisen. Bush verurteilt diese Akte nun als verabscheuungswürdig. Dieses Verhalten entspreche nicht der "Natur" von Amerikanern.

Die Gnade der Geschichtsvergessenheit etwa im Blick auf die Abscheulichkeiten in Vietnam gehört wohl zum rhetorischen Standard solcher Freizeichnungserklärungen. Nun kannte etwa der Sezessionskrieg (1861 bis 1865) der amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft fürchterliche Zustände in KZ-artigen Gefangenenlagern. Amerikanische Kettensträflinge, Todeszellenkandidaten und Gehirnwäschemethoden der CIA nebst der Verkarrung von Delinquenten ins Ausland zur Umgehung des Rechtsstaats vermitteln gegenwärtig die Fragilität amerikanischer Menschenrechtsstandards.

Doch nationale Eigenarten auf der nach oben offenen Skala der Grausamkeiten zu untersuchen, dürfte ein müßiges Unterfangen sein, zudem vor der eigenen Tür dieser Historie der Tod als ein Meister aus Deutschland erscheint. Was wäre, wenn Folter der Natur des Menschen entsprechen würde, eben jener Natur, die so natürlich wie widernatürlich ist, dass es lediglich einen veritablen Krieg braucht, um sie immer wieder erfolgreich hervorzulocken?

Unter der Flagge der USA

Statt hier nun das alte manichäische Spiel von Gut und Böse diesmal in den eigenen Reihen aufzuführen, zwischen braven und bösen GIss zu scheiden, wäre es vorzugswürdig, wenn Bush einräumen würde, dass er den Anlass geschaffen hat, um solche unamerikanischen Taten erst möglich werden zu lassen. Die Kapuzenbilder von gefangenen Irakis, die Deprivation von irakischen Soldaten haben doch längst erwiesen, mit welcher Brutalität der freie Westen hier vorgeht. Und wussten nicht auch die amerikanischen Eroberer des Irak, wie die jenseits des Kriegsrechts in Guantanamo Bay gehaltenen Gefangenen offensichtlich mit Billigung der US-Regierung in unwürdigster Weise traktiert werden? Dort geht es genauso wenig wie in den vorliegenden Fällen um Exzesse, sondern um das Selbstverständnis der Kriegführenden, die ihren Gegnern die Menschlichkeit absprechen, um die eigenen Unmenschlichkeiten zu legitimieren.

Elaine Scarry hat das Phänomen der Folter als gewaltsame Auflösung der Welt des Unterworfenen charakterisiert. Kapuzen und Ohrklappen, die dem Gefangenen jede Wahrnehmung seiner Umwelt rauben, und die politische Fremdverordnung des richtigen Lebens entspringen derselben Weltzerstörungsabsicht gegenüber dem Feind. Wer Gefangene zu Pyramiden aufbaut, um auf ihnen herumzutrampeln, spricht ihnen das Recht, die eigene Welt zu konstruieren, genauso ab wie derjenige, der sich anmaßt, die Mündigkeit der Menschen seiner politischen Kontrolle zu unterwerfen. Wo sich ein bedingungsloser staatlicher Herrschaftswille durchsetzen will, wird man nach der Folter nicht lange suchen müssen.

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