Dringend benötigt: Eine amerikanische "Cautio Criminalis"

Christian Gapp 12.05.2004

1631 bewies der Jesuit Friedrich Spe, wieso Folter als Instrument der Justiz nicht wirksam sein kann

Die von der amerikanischen Regierung ohne nennenswerten politischen Widerstand nach dem 11. September geschaffenen rechtsfreien Räume haben dem Glauben, mit Gewalt letztendlich doch wieder Recht schaffen zu können, großen Auftrieb verschafft. Zwar versucht die US-Regierung, die inzwischen bekannt gewordenen Erniedrigungen irakischer Gefangener durch weibliche und männliche US-Soldaten als Einzelfälle darzustellen, in Wirklichkeit ist der Glaube, durch Folter "Wahrheit" ans Licht bringen zu können, offensichtlich jedoch schon so verbreitet, dass nur eine radikale Erinnerung an die unausweichlich destruktiven Folgen von Folter für die gesamte Gesellschaft eine Änderung herbeiführen könnte.

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Die Folter, als "peinliche Befragung" gerne verniedlicht, diente in Europa über lange Jahrhunderte als probates und bewährtes Mittel der Wahrheitsfindung. Insbesondere bei der Überführung von Hexen und Magiern spielte sie eine entscheidende Rolle, mit ihrer Hilfe konnten manchmal selbst Kinder als Hexen entlarvt werden.

Hexen und Hexer wurden lange Zeit verfolgt, jedoch scheint heute bei vielen eine unzulässig verkürzte Sicht der Geschehnisse präsent zu sein. Im wesentlichen werden sie als Vorkommnisse des Mittelalters gesehen, getragen von einer dogmatisch argumentieren, zentralistisch denkenden römischen Inquisition. Die heraufziehende Neuzeit und die damit sich entwickelnde Rationalität hätten dann jedoch langsam zu einem Ende geführt. Zeitlich verortet wird der Beginn des Umbruchs durch Personen wie Kopernikus und Spinoza oder Ereignissen wie der Entdeckung Amerikas und dem Einsetzen der Lutherischen Reformation.

Die Katholische Kirche verbleibt in der Erinnerung als einziger Sündenbock und Luthers bekannter Dämonenglaube wird als unbedeutendes Überbleibsel seines katholischen Ursprungs klein geredet. In der Geschichte spielt die Inquisition tatsächlich eine entscheidende Rolle, aber sie ist nicht die des Immerbösen. Auch wer heute "die Kirche" kritisiert, meint fast immer ausschließlich die katholische. Evangelische Kirchen bleiben von Pauschalkritik verschont.

Intensivierung der Hexenverfolgung

Die meisten vermeintlichen Hexen und Magier wurden allerdings nicht im Mittelalter, sondern im 16. und 17. Jahrhundert ermordet. Grundlage für die intensivierte Verfolgung war der von den beiden Dominikanern H. Institoris und J. Sprengler 1487 veröffentlichte "Hexenhammer". Das waren ganze fünf Jahre vor der Entdeckung Amerikas.

Die Hexenverfolgung wurde in den einzelnen Ländern mit immensen Unterschieden praktiziert: In Deutschland nahm sie gewaltige Ausmaße an, ebenso in Schottland. In Irland gab es sie hingegen fast gar nicht. Nordamerika blieb ebenfalls fast vollständig von ihr verschont. Zwar hatten die Inquisitoren schon in den Jahrhunderten zuvor Hexen entlarvt und verurteilt, aber der "Hexenhammer" systematisierte den vorher nicht strukturierten Alltags-Aberglauben und diente später so der weltlichen Gerichtsbarkeit als Rahmenwerk für eigene, von der Kirchenjustiz unabhängige Prozesse. In ihm wurden Folterprozeduren detailliert beschrieben, einschließlich der Bewertungen der Ergebnisse.

Zwar wurde auch darüber theoretisiert, was mit einer unglücklichen Unschuldigen passiert (eine gefesselt ins Wasser geworfene Unschuldige ertrinkt, während eine echte Hexe vom Teufel über Wasser gehalten wird), aber die Bedrohung durch die echten Hexen wurde war so groß angesehen, dass man einfach argumentierte, eine unschuldig Getötete werde von Gott schon gnädig aufgenommen. Ein möglicher Justizirrtum rechtfertige auf jeden Fall nicht die Aussetzung des ganzen Verfahrens. Luthers Aberglauben erwies sich in den protestantischen Kirchen übrigens nicht als Auslaufmodell: In den evangelischen Regionen Deutschlands wurden Hexen und Hexer ebenso gnadenlos verfolgt, wie in den katholischen, gerade auch im evangelisch-fundamentalistischen, calvinistischen Teil der Schweiz fanden Verfolgungen statt. Calvin persönlich setzte Exekutionen durch.

Im 16./17. Jahrhundert kämpfte die katholische Kirche an drei Fronten, erstens mit den sich entwickelnden Naturwissenschaften, zweitens mit der aufstrebenden Reformation und erst dann, drittens, mit den Hexen. Diese zeitliche Koinzidenz bewirkte, dass sich so höchst unterschiedliche Menschen wie Luther, Calvin, Galilei, Kepler und die angeblichen Hexen auf der einen Seite, der der "Guten", wiederfanden.

Die Reformation besaß jedoch von Anfang an anti-humanistische Züge. Insbesondere Luther war ein erklärter Gegner der humanistischen Ansichten Erasmus von Rotterdams, ebenso stand er den aufständischen Bauern im Bauernkrieg entgegen (die sich wieder von der Reformation distanzierten, als sie merkten, dass es den meisten Reformatoren nicht um allgemeine Freiheiten ging). Während die katholische Kirche in ihrer Geschichte zwar immer wieder gerne Einfluss auf weltliche Belange genommen hatte, so wurde es ihr doch immer wichtiger, von den erstarkenden weltlichen Institutionen unabhängig zu sein. Dahingegen errichtete der schriftgläubige Calvin in Genf einen Gottesstaat, also eine Einheit von Kirche und Staat mit dem Evangelium als oberster Entscheidungsgrundlage, christliche Scharia inbegriffen. Im Deutschen Reich war die protestantische Kirche bis ins 20. Jahrhundert hinein Staatskirche.

Einsicht am Höhepunkt einer Katastrophe

1618 resultierten die religiösen Spannungen im schon lange ideologisch zerrissenen Deutschland zur Katastrophe des 30jähringen Krieges. Zu allem Überfluss führten Klimaschwankungen zu einer Folge von jahrelang ausbleibenden Sommern. Ernteausfälle und Aberglauben, Krieg und Elend waren ein idealer Nährboden für allerlei Denunziationen. Vor allem weltliche Gerichtsbarkeit verhängte Urteile gegen Hexen, basierend auf den Methoden des "Hexenhammers". Mit ihm hatten die beiden deutsche Mönche ein irrationales Bestrafungssystem ins Rollen gebracht.

Die ebenfalls in Deutschland begonnene Reformation hatte zu immensen Spannungen geführt. Jetzt entlud sich alles in Deutschland. Aber gerade auf dem Höhepunkt des Irrsinns, 1631, veröffentlichte der Jesuit Friedrich Spe seinen Band "Cautio Criminalis", in dem er die Argumentation der auf Folter basierenden Hexenprozesse ad absurdum führte. Er argumentierte, man möge ihm irgend ein wie auch immer monströs geartetes, fiktives Verbrechen nennen, dazu eine willkürlich des Verbrechens beschuldigte Person, und er würde mit Hilfe der Folter immer die Schuld beweisen können.

In Rom war Spe hochgeachtet, in Deutschland blieb er zunächst anonym. Die Hexenexzesse beunruhigten Rom zusehends. Franzesco Albizzi, eines der einflussreichsten Mitglieder des Heiligen Offiziums, gehörte einer Delegation an, die 1636/37 nach Köln reiste, um auf diplomatischem Weg dem Wüten Einhalt zu gebieten. Die Mission war wenig erfolgreich, aber die Scheiterhaufen hinterließen bei ihm einen bleibenden Eindruck. Er setzte sich zunehmend für Verfolgte ein, beispielsweise die "Hexenkinder aus Graubünden". Theologisch zwar konservativ eingestellt, so lies er doch Ärzte mit den jungen naturwissenschaftlichen Methodiken Fälle von "Schadenszauber" untersuchen, die er allesamt als nicht-mystisch erklärbar befand.

Alpha und Omega

Deutsche katholische Geistliche spielten eine zentrale Rolle sowohl bei der Intensivierung, als auch der Eindämmung des Hexenwahnsinns. Den protestantischen Kirchen ist es über die Jahrhunderte fast perfekt gelungen, sich als Schuldige hinter Rom zu verstecken.

Im christlichen, vornehmlich protestantisch geprägten Amerika, ist jetzt zu beobachten, wie die Logik des "Hexenhammers" nach den "dämonischen" Ereignissen vom 11. September wieder Politik macht. Die Bedrohung wird als so groß eingeschätzt, dass ungeregelte Gewalt als erlaubt gilt, selbst wenn Unschuldige dabei auf der Strecke bleiben. Den bei der Wasserprobe ertrunkenen vermeintlichen Hexen half wenigstens noch Gott, den ohne Anklage inhaftierten und gefolterten Irakern sollen Entschuldigungen von Präsident und Verteidigungsminister reichen.

Ein großer Teil der im Irak stationierten US-Truppen glaubt laut verschiedener Berichte immer noch, gegen Drahtzieher von 9-11 vor zu gehen. Und die von ihnen angewendeten Methoden genügen, wie Friedrich Spe gezeigt hat, ihren Verdacht auch dutzendweise zu "beweisen".

Das Verbrechen vom 11. September war monströs und real. Aber die anschließende irrationale Jagd nach Hexen und Oberschurken trifft nicht nur oft die falschen, sondern zermürbt und entmenschlicht die eigenen Soldatinnen und Soldaten genauso wie das gesamte amerikanische Wertesystem und gefährdet somit jeden Einzelnen, denn jeder kann in die Mühlen der Folter geraten und für schuldig befunden werden. So wie die Eindämmung des deutschen Hexenwahns nur von Deutschland selbst ausgehen konnte, muss eine moderne Fassung der "Cautio Criminalis" amerikanischen Ursprungs sein. Wird sie nicht bald geschrieben, dann stehen womöglich düstere Zeiten bevor.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17390/1.html
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