Die Medien und die grausamen Bilder

13.05.2004

Sollen Journalisten entscheiden, welche Bilder die Öffentlichkeit sehen darf?

Das Video, das die Enthauptung des US-Amerikaners zeigt, wurde auf der Website al-ansar.biz zuerst veröffentlicht. Bis jetzt haben die deutschen Medien weder den Film vollständig gezeigt noch Links publiziert, wo er im Internet heruntergeladen werden kann. Die meisten Websites, die in der Vergangenheit Al Qaida-Dokumente im Original publiziert haben, sind zu Zeit nicht zu erreichen, unter anderem auch die malayischen "hostnow"-Domains (Die Spur führt von Dortmund nach Malaysia).

Online-Portale in den USA wie The Memory Hole oder Cryptome jedoch bieten das grausame Exekutions-Video an: evote.com warnt etwa ausdrücklich davor, den Clip anzusehen:

This video clip contains one of the worst atrocities against a human being ever captured on film. Please do not download and view it if there is ANY chance you would wish you could un-see what you will see.

Das Video der Enthauptung Nick Bergs wurde evote von Aaron Weisburd, dem Direktor der Internet Haganah, eine pro-israelische "Online-Selbstverteidigungstruppe" gegen muslimischen Terrorismus (Angriff auf Internet Haganah), zur Verfügung gestellt. In den letzten Tagen kursierten auch im Usenet Links, unter anderem in den Newsgoups alt.religion.islam, soc.culture.usa, soc.culture.britain und soc.culture.iraq. Eine englische Übersetzung des Videos, hergestellt vom National Virtual Translation Center (NVTC) findet sich auf Tides World Press Report.

Das Online-Video vom Mord an Berg provoziert zu Recht die Frage, ob man Bilder äußerster Grausamkeit der Öffentlichkeit zumuten kann. Die Medien in Deutschland haben sich entschieden, dass sie es nicht tun. Das ist jedoch inkonsequent. Der US-Fernsehsender CBS hat schon angekündigt, weitere Fotos von Folter und Misshandlungen von Irakern durch US-Soldaten zu zeigen.

Journalisten sind nicht weniger oder mehr sittlich gefährdet als andere Menschen. Wenn sie dokumentarisches Material bekommen, das eventuell die Menschenwürde verletzt, ist es trotzdem ihre Pflicht, die Quellen nicht im eigenen "Giftschrank" zu verschließen. Das mediale Nachrichtenmonopol, selbst entscheiden zu können, was der Öffentlichkeit preisgeben wird, hat im Zeitalter des Internet jede Bedeutung verloren. Evote.com schreibt:

People have the right to see it, and it seems wrong for other media outlets to go on and on and on about it and not show it. If it's that horrific, it's historical and should be available - not for shock value, but so that people won't view the issue as just more bad news from Iraq.

Grausame Bilder von Kriegshandlungen sind seit jeher aus den unterschiedlichsten Motiven publiziert worden. Das Foto eines vietnamesischen Offiziers, der einen Gefangenen erschießt - eines der bekanntesten Kriegsfotos überhaupt - ging damals um die Welt und war maßgeblich dafür verantwortlich, das sich die öffentliche Meinung gegen den Krieg wendete.

Goya

Die "Vietnam Legion Veteran's Association" hat auf ihrer Website eine Aufnahme aus dem Jahr 1943: Sergeant Len Siffleet wurde in Neu Guinea von einem Japaner enthauptet. Das Foto diente als propagandistischer Beweis für die Grausamkeit des damaligen Kriegsgegner der USA. Schon vor 200 Jahren schockierten die Gemälde des spanischen Malers Francisco de Goya die Öffentlichkeit, insbesondere der Zyklus Los desastres de la guerra über den Krieg der Spanier gegen die Intervention Napoleons. Getötete Menschen mit abgehackten Gliedmaßen hängen auf Bäumen, das gegenseitige Abschlachten wird in jedem Detail gezeigt. Die Bildes Goyas, entstanden zwischen 1810 und 1820, unterscheiden sich in ihrer Wirkung nicht von den schrecklichsten Kriegsfilmen, die heute gezeigt werden.

Eins ist unstrittig: Je grausamer die Bilder waren, um so mehr bekamen die Recht, die gegen einen Krieg waren. Daraus kann man nur das Fazit ziehen, dass die Medien den Krieg nicht "embedded" zeigen dürfen, sondern ihn so darstellen müssen, wie er wirklich ist. Und vermutlich würden manche Abstimmungen in Parlamenten anders ausgehen, wenn diejenigen, die andere in den Krieg schicken, währenddessen live mit ansehen müssen, was auf den Schlachtfeldern der Welt geschieht.

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