Der seltsame Fall Nicholas Berg

Florian Rötzer 14.05.2004

Weil viele Unklarheiten über die auf einem Video veröffentlichte Hinrichtung des jungen Amerikaners im Irak bestehen und die US-Behörden mauern, gedeihen wieder einmal Verschwörungstheorien und Spekulationen

Gelegentlich scheinen Dinge zeitlich so gut zu passen, dass Misstrauen gedeiht, wenn zudem verlässliche Informationen fehlen. Seit dem 11.9. ist die Verunsicherung groß und das Vertrauen in Regierungen und Medien gering geworden, bestärkt natürlich durch die vielen Listen, Schwindeleien, Spin-Inszenierungen und Heimlichtuereien, durch die sich vor allem die US-Regierung hervorgetan hat (Aufruhr um Verschwörungstheorien). Die Skepsis ist mittlerweile groß. So schossen etwa auch bei der Gefangennahme von Hussein Verschwörungstheorien ins Kraut (US-Regierung erneut im Propagandakrieg?). Und als jetzt das Video, auf dem die Ermordung des jungen Amerikaners als Rache für die Misshandlungen irakischer Gefangener vorgeführt wird, just zu der Zeit auftauchte, als die US-Regierung wegen der Misshandlungen in einer großen Krise steckte, ist das nicht anders. Tatsächlich scheint die Stimmung durch die gefilmte Exekution in den USA und anderswo wieder umzukippen. Waren die Fotos von den Misshandlungen irakischer Gefangener praktisch Propaganda für den Widerstand und al-Qaida, so erfüllt nun das al-Qaida-Video Propagandazwecke für die US-Regierung, die das auch schnell ausgenutzt hat. In der arabischen Welt wurde die Hinrichtung meist verurteilt, Kommentatoren äußern auch deswegen Unverständnis, weil sie den Amerikanern hilft.

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Tatsächlich aber ist einiges merkwürdig an diesem blutigen Schauspiel einer Hinrichtung für die Weltöffentlichkeit, wobei die Vermutungen auch deshalb gedeihen können, weil US-Militär und FBI die Unklarheiten (noch) nicht beiseite geräumt und für Transparenz gesorgt haben, wie auch die New York Times in einem Editorial moniert. Das aber scheint fast schon zum Merkmal der gegenwärtigen US-Administration zu gehören.

Unsicher ist im Fall des Köpfungsvideos bereits, ob der Mörder tatsächlich al-Sarkawi ist. Der aus Jordanien stammende al-Qaida-Führer soll, wie es heißt, schon länger tot sein - und zwar seit April 2003. Sehen lässt sich nichts, weil die Täter ihre Gesichter verhüllt hatten. Ein CIA-Mitarbeiter hat erklärt, dass der Sprecher und Mörder mit "hoher Wahrscheinlichkeit" al-Sarkawi sei.

Rätsel gibt auch der getötete Nicholas Berg auf, der bereits seit 10. April verschwunden und dessen Leiche angeblich letzten Samstag gefunden worden war. Berg war bereits im Dezember und Januar im Irak gewesen und wollte angeblich beim Wiederaufbau helfen. Noch gibt es keine Informationen darüber, wie lange er schon tot war. Sein Vater macht der US-Regierung schwere Vorwürfe. Am 24.3. wurde Berg nach seiner Einreise über Israel und Jordanien in den Irak von der irakischen Polizei festgenommen und von FBI-Agenten im Gefängnis besucht. Aufgrund der Festnahme war es ihm nicht möglich, einen für den 30. 3. gebuchten Flug in die USA nehmen zu können. Erst nach einer vom Vater am 5. Mai eingereichten Klage wurde Berg am folgenden Tag freigelassen.

Über den Grund der Festnahme ist nichts offiziell bekannt. Nach Auskunft des FBI habe man Berg nichts vorzuwerfen gehabt und ihm geraten, sofort aus dem Irak abzureisen, was er aber nicht wollte. Seine Absicht war offenbar über Land weiter nach Kuwait zu reisen - oder aber in die Türkei, wie es woanders heißt.

Es heißt aber auch, dass das FBI von der amerikanischen Zivilverwaltung aufgefordert worden sei zu überprüfen, was Berg im Irak macht und warum er in gefährlichen Gebieten herumgeht. Berg hingegen habe Bekannten erzählt, dass er vermutlich bei der Kontrolle in einem Taxi festgenommen worden sei, weil aus seinem Ausweis kenntlich war, dass er aus Israel kam. Die irakischen Polizisten hätten gedacht, er sei ein Spion. Seine Mutter aber weiß wiederum davon nichts. Angeblich werden auch keine Stempel in den Ausweis gemacht.

Militärsprecher Dan Senor hatte die Berichte zurückgewiesen, dass die Amerikaner Berg festgenommen haben, aber gesagt, dass das FBI ihn drei Mal aufgesucht hatte. Die Polizei in Mosul erklärte wiederum, Berg überhaupt nicht festgenommen zu haben. Sein Vater sagt, sein Sohn habe von amerikanischen Militärpolizisten im Gefängnis gesprochen. Das wird von einem US-Offizier auch eingeräumt, aber die Militärpolizisten würden nur für den Schutz sorgen und hätten mit den polizeilichen Aufgaben nichts zu tun. Das erzürnt Bergs Vater:

The Iraqi police is mentioned frequently, which is, of course, absurd, because there is no Iraqi government right now. And if you think about it, to be detained by the Iraqi police without the U.S. government's knowing would be tantamount to kidnapping.

Zudem scheint es Dokumente von einer amerikanischen Botschaftsmitarbeiterin im Irak zu geben, die bestätigen, dass Nicholas in amerikanischen Händen war. Berg war Jude, weswegen andere davon ausgehen, dass dies ein Grund gewesen sei, warum er getötet wurde. Ein US-Offizier wiederum meinte, Berg habe judenfeindliche Schriften bei sich gehabt. Er selbst soll seinen Eltern geschrieben haben, das FBI habe ihn gefragt, ob er schon einmal eine Bombe gebaut habe oder im Iran gewesen sei. Nach anderen Berichten habe das FBI eine mögliche Verbindung von Berg mit Zacarias Moussaoui, der an der Planung der Anschläge vom 11.9. beteiligt gewesen sein soll und einen Monat zuvor festgenommen wurde. Das Kennwort von Berg sei bei Moussaoui gefunden worden. Als Berg auf der University of Oklahoma studierte, hatte Moussaoui in der Nähe gelebt. Berg habe das FBI selbst darauf aufmerksam gemacht, weswegen man der Spur weiter nachgegangen und ihn im Gefängnis behalten habe. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass die Verbindung nur zufällig war.

Die Washington Post berichtet, dass niemand von der Polizei oder vom FBI nach dem Verschwinden von Berg im Hotel nachgefragt habe. Seltsam ist, dass Michael S. Berg mit der Firma seines Sohnes, Prometheus Methods Tower Service, Inc., auf einer enemy list der rechten FreeRepublic.com genannt wird: "Here you are, FReepers. Here is the enemy. Working in conjunction with A.N.S.W.E.R., they have given us their names." Der Vater ist zwar gegen den Krieg gewesen, der Sohn aber stand angeblich hinter der Irakpolitik von Bush. Möglicherweise, so wird auf einer Website vermutet, ist der Name auch zum FBI oder zu FReepers im Militär gelangt, was dann vielleicht irrigerweise zur Festnahme von Nicholas geführt haben könnte. Womöglich, so wird zudem nicht nur hier wegen des langen Verschwindens von Nicholas unterstellt, hat die CIA oder wer auch immer bei der zeitlich passenden Exekution die Finger im Spiel.

Spekuliert wird, ob es sich auf dem Video überhaupt um Nicholas Berg handelt oder ob er nicht schon tot gewesen ist, als er geköpft wurde, weil er so bewegungslos gewesen sei. Zudem hätte man weitere Stimmen hören können, möglicherweise von anderen Gefangenen, der angebliche Schmerzenslaute von Nicholas seien von einer Frau gekommen. In einem Artikel von al-Dschasira wird auch der Zweifel ausgesprochen, dass das Video tatsächlich ursprünglich von der Website www.al-ansar.biz stammt, die als Organ von al-Qaida galt, in Malaysia gehostet war, aber inzwischen vom Provider vom Netz genommen wurde - unter anderen, weil so viele Zugriffe wahrscheinlich von Neugierigen auf der Suche nach dem Video auf die Seite erfolgten. Al-Dschasira behauptet, 90 Minuten nach Bekanntwerden, wo das Video gepostet worden sei, die Website abgesucht und das Video nicht gefunden zu haben.

Verdächtig erscheint manchen auch, dass Nicholas ausgerechnet auch in der Nähe des Abu Ghraib-Gefängnisses Radiomasten inspiziert hat. Andere wiederum denken über die Schnitte beim Video nach, erkennbar an der Aufnahmezeit, oder wollen hören, dass die vermummten Terroristen auch russisch sprechen. Je weniger man weiß und je mehr widersprechende Informationen zirkulieren, desto stärker werden Spekulationen genährt.

Möglicherweise sind die US-Behörden im Irak in einem unübersichtlichen Chaos versunken und es herrscht Willkür, so dass eine Aufklärung nicht möglich ist und jeder etwas anderes sagt. Vielleicht sollen auch Fehler vertuscht werden und durch eine genauere Aufklärung der positive Medieneffekt für die Bush-Regierung bewahrt werden. Wie auch immer, bislang ist der Fall Berg ein typisches Beispiel dafür, wie das Misstrauen - in diesem Fall einmal wieder - gegenüber der US-Regierung in den USA und auf der ganzen Welt gestärkt und wilde Spekulationen gefördert werden. Das Internet ermöglicht es, dass Menschen, die über die ganze Welt verstreut sind, gemeinsam die offenen Punkte sezieren, sich in der Skepsis stärken und Gedanken ausbrüten, die vom begründeten und rationalem Zweifel bis zu den wildesten paranoiden Spekulationen reichen. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Bush-Regierung mit ihren Spin-Experten diesen "Nebel" für ihre Politik benötigt und schätzt.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17431/1.html
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