"Der Krieg gleicht immer mehr einem Dauerkino."
Wir sind visuelle Analphabeten für die politischen Bilder, mit Blindheit geschlagen aber ist die gesamte Politiwissenschaft
"Der Krieg gleicht immer mehr einem Dauerkino." Der französische Kulturphilosoph Paul Virilio ist seit Jahrzehnten für seine provokanten Sätze zum Zusammenhang von Bildern und Gewalt bekannt. Zwar gibt es noch immer viele kluge Menschen, die Virilios Gerede über die "Lichtgeschwindigkeit der kathodischen Angriffe" oder über das "Arsenal des Lichtkriegs" für puren Schwachsinn halten. Aber sie liegen falsch: Fast scheint es, als hätte Virilio alleine schon vor 20 Jahren mehr zur visuellen Logik des aktuellen Konflikts im Irak zu sagen gehabt als unsere gesamte Politikwissenschaft bis heute. Dabei hatten wir sozialwissenschaftliche Orientierungshilfe selten nötiger als gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
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Der vermeintlich längst beendete Irakkrieg entpuppt sich zunehmend als eine gewaltige Bild-Maschinerie, die niemand mehr abzustellen vermag. Einzelne menschliche Individuen werden als mediale Abbilder immer vehementer ins Zentrum des politischen Diskurses gezerrt.
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George W. Bush hatte sich zwar noch freiwillig als "Top Gun" der USA inszenieren lassen, doch sein Flugzeugträger-Auftritt wurde nicht (wie erhofft) zum Schlussbild des Krieges. Vielmehr war Bushs Tom-Cruise-Imitation nur ein schaler Vorgeschmack auf das, was noch an visuellen Zumutungen auf uns zukommen sollte.
Seitdem folgten unter anderem Saddam Hussein als demütiger Patient beim Militärarzt, Lynndie England als Folterknechtin und jetzt der hingerichtete Nicholas Berg als Personifizierung US-amerikanischer Machtlosigkeit. Weitere Bilder werden folgen und nicht nur die Identitäten der Abgebildeten neu schreiben.
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Diese Ikonen verändern auch ihre Betrachter für immer - für diese traurige Wahrheit steht als Schlüssel-Bild "Ground Zero" in New York. Seitdem die dortigen Ereignisse als Abbilder um die Welt gingen, ist tatsächlich nichts mehr, wie es war - oder wie es zu sein schien. Auf die seit dem 11. September 2001 gestellten Fragen haben wir alle noch immer keine befriedigenden Antworten gefunden. Das liegt auch daran, dass uns nie jemand beigebracht hat, "politische Bilder" zu lesen. Fast alle sind wir visuelle Analphabeten - und das beginnt sich jetzt bitter zu rächen.
Das gestörte Verhältnis der Politikwissenschaft zu den Bildern
In Echtzeit drängen die Ikonen der Grausamkeit heute in unsere Bilder-Welten hinein. Sie verändern dabei unabweislich und auf immer unsere Welt-Bilder. Dagegen kann man wenig tun. Höchstens kann man hoffen, dass die visuellen Ereignisse der vergangenen Wochen auch die deutsche Politikwissenschaft nachhaltig verändern werden. Die hat es bisher nämlich weitgehend vermieden, sich mit der politischen Bedeutung von Bildern ernsthaft auseinander zu setzen. Sie hielt sich schlicht für nicht zuständig. Bilder galten ihr (in platonischer Tradition) als irrational.
Entsprechend entwickelte sie ein irrationales Verhältnis zu visuellen Kommunikationsformen: Diese hat sie ignoriert, so gut es eben ging. Selbst als der saarländische Ministerpräsident Peter Müller nach dem Bundesrat-Eklat um das Zuwanderungsgesetz die Rede vom "legitimen Theater" in der Politik salonfähig machte (F.A.Z. vom 28. März 2002), wurde dies nur für eine Handvoll PolitikwissenschaftlerInnen zum Anlass der Erforschung visueller politischer Kommunikation.
Die deutsche Politikwissenschaft hätte ihr Verhältnis zur Bildlichkeit längst überdenken müssen. Aber seit Ulrich Sarcinelli 1987 über "Symbolische Politik" geschrieben hat, ist leider nur sehr wenig passiert, das den Namen "politikwissenschaftliche Bildforschung" verdienen würde.
Schade, dass nicht alle Vertreter der Disziplin so hellsichtig waren wie Michael Strübel (Erfurt), Wilhelm Hofmann (Augsburg) und Frank Lesske (Magdeburg). Sie treiben die Erforschung unserer "ikonozentrischen politischen Kultur" seit einiger Zeit in einer Arbeitsgruppe der "Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft" voran. Damit sind sie in ihrer Disziplin aber noch immer Außenseiter.
Hätten bereits mehr Politikwissenschaftler so weit gedacht, könnte die Disziplin insgesamt kompetenter mitreden und -schreiben, wenn die taz jetzt "Bilder als Waffen" entdeckt, wenn der Medienwissenschaftler Joseph Vogl in der Zeit erkennt, dass "Privatfotos" durchaus politisch sein können, oder wenn Veronika Rall in der Frankfurter Rundschau behauptet: "Die Aufnahmen dokumentieren nicht nur Verbrechen, sie sind selbst welche."
Immer wieder zitieren die Journalisten Susan Sontags Schrift "Das Leiden anderer betrachten", wenn es um die schrecklichen Bilder geht, mit denen wir nun alle leben müssen. Daneben werden auch Künstler wie Francisco de Goya oder Hieronymus Bosch auffällig häufig angeführt. Politikwissenschaftler werden in Bezug auf die jüngsten "politischen Bilder" (fast) nicht zitiert. Das sollte uns zu denken geben.
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17450/1.html- Kleine Korrektur- Erstes Foto eines Leoparden im Kaukasus (24.5.2004 22:40)
- kommt: Idolokratie, kommt: bildpolitik.de (24.5.2004 13:59)
- Vielfalt vs. Totalität (24.5.2004 13:54)
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