Kondratieffkonjunkturen

Die Schwierigkeiten mit der Wirtschaftspolitik oder: Das System arbeitet wie ein Uhrwerk

Handelsblatt, Montag, 29. Dezember 2003
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat eine "neue Innovationskultur" für Deutschland gefordert. (...)
"Bereits im Kindergarten und Schule muss die (natur)wissenschaftliche Neugier und Kreativität unserer Kinder stärker gefördert werden. Unsere Kinder müssen wieder Forscher und Erfinder werden wollen."

Gegen Krisen kann keiner was!
Unverrückbar über uns
Stehen die Gesetze der Wirtschaft, unbekannte
Wiederkehren in furchtbaren Zyklen
Katastrophen der Natur.

Berthold Brecht

Innovationspanik

An den von Monat zu Monat tiefer gefurchten Magengeschwürfalten des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit kann man es am deutlichsten ablesen: Bei den führenden Männern der Regierung wachsen die Zweifel an der Tauglichkeit der Krisenrezepte. Deutschland steckt tief in der Depressionskrise, das unwillige Wahlvolk läuft der SPD in Scharen davon und die Wirtschaftsinstitute verschieben den Konjunkturaufschwung mal wieder weit nach hinten.

Der VW-Manager Hartz hat sein Werk getan und Hartz Eins, Zwei, Drei und Vier sind auf dem Wege. Jetzt soll eine "neue Innovationskultur" vom Band rollen.

Am 15. Januar lud der Kanzler zu einem "Innovationsgespräch" ins Kanzleramt. Geladen waren die üblichen Vertreter deutscher Großkonzerne wie Kai-Uwe Ricke (Deutsche Telekom AG), Heinrich von Pierer (Siemens AG) Roland Berger (Roland Berger Strategy, Consultants GmbH) Utz Claassen (EnBW AG) Eggert Voscherau, (BASF AG) und andere. Die Automobilindustrie war zur Abwechslung nicht durch VW vertreten. Den Part übernahm diesmal der BMW-Aufsichtsrat Joachim Milberg. Im Anschluss erklärte der Kanzler:

Das wollen wir jetzt anpacken. Wir arbeiten gemeinsam daran, Felder, auf denen wir gut sind, zu entwickeln, um gut zu bleiben: zum Beispiel in der Automobilindustrie, da sind wir Weltspitze, im Werkzeugmaschinenbau sind wir immer noch Weltspitze, auch in der Chemie, in der Biotechnologie, in der Nanotechnologie.

Aufgaben und Resultate der Innovationsinitiative hat die Regierung in einem "9-Punkte-Plan" zusammengefasst. Für deren Umsetzung wurde ein "Innovationsbüro" eingerichtet. Der Kanzler aller Autos bleibt sich selbst und den Automobilen treu. In Großbritannien ist man mehr dem Wasser und den Wellen verbunden. "Catch the wave" hieß es am 18. Februar 1999, also noch während des Internethype, im Economist.

Die Grafik, die "the leading source of analysis on international business" seinen Lesern zur Illustration des Surfwettkampfmodells der Weltwirtschaft bot, geistert seitdem durch diverse Veröffentlichungen, sie fand sich auch vor kurzem in einem Artikel von Jochen Röpke & Elizaveta Kozlova auf Telepolis (Die Kopplung von Wissenschaft und Innovation durch Unternehmertum erzeugt Wachstum).

Das Tempo steigt. Die Wettkampfbedingungen werden immer schärfer. Der Economist präsentiert ein Modell von mal zu mal kürzer werdenden langen Wellen. Das Aufspringen scheint somit zunehmend schwieriger, zumal die Wellen bei konstantem Trend ab 2050 negativ werden müssten, wie ein scharfsinniger Beobachter im Telepolisforum bemerkt hat. Im Text kommentiert der Economist:

If, as seems likely, we are already a decade into this new industrial cycle, it may now be almost too late for the dilatory to catch up.

Wer rechtzeitig auf die anwogende Konjunkturwelle aufspringt, siegt, wer zaudert oder sonst zu spät kommt, verliert. Den Kampf um Meter und Sekunden beschreibt Ulrich Schumacher , bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender von Infineon, aus eigener Erfahrung:

Unternehmen, die in der IT-Industrie oder in der Telekommunikation arbeiten, müssen ihre Zeit in Hundejahren messen. (...) Die Produkt- oder Produktlebenszyklen - die Phase von der Produktidee über die Produktentwicklung und die serielle Fertigung bis zum Verschwinden des Produktes vom Markt - haben sich von zehn auf sieben oder fünf Jahre reduziert. In manchen Produkten der IT-Industrie sogar - wie bei der Grafikkarte - auf nur sechs Monate. (...) Was ist die Folge der schnellen Produktzyklen? Sie befinden sich in einem permanenten Wettlauf um technische Innovationen. Das hat den Vorteil, sehr schnell aufholen zu können - und den Nachteil, genauso schnell wieder Schlusslicht der Entwicklung zu sein.

Der letzte Satz Schumachers will nicht so recht zur Torschlusspanik des Economist passen. Wenn man ebenso schnell in der Entwicklung aufholen, wie zurückbleiben kann, wieso soll es dann für irgend jemanden zu spät sein? Und was haben die sich verkürzenden Produktzyklen mit den langen Wellen der Konjunktur zu tun? Ulrich Schumacher stellt den Produktlebenszyklen, die sich in seiner Branche stetig verkürzen, gesamtwirtschaftliche Innovationszyklen gegenüber, mit einer Dauer von etwa 50 Jahren:

Denn die Gesellschaft wird immer auch durch neuartige wissenschaftliche Entdeckungen verändert. Dies galt für die Entdeckung der Dampfmaschine ebenso wie für die Einführung der Halbleiter-Technologie, also den Computer. Zwischen diesen Entdeckungen und ihrer gesamtwirtschaftlichen Nutzung liegt nach bisherigen Erfahrungen eine Zeitspanne, die mit 50 Jahren veranschlagt wurde. Diese Spanne ist eine Art gesamtgesellschaftlicher Lernprozess, der den Innovationszyklen zugrunde liegt. Die Konjunktur verläuft zu diesen Innovationszyklen fast parallel. Dem Ende eines Innovationszyklus entspricht eine Rezession beziehungsweise Depression. Damit erlebt die Konjunktur weltweit einen Tiefpunkt dann, wenn ein gesamtgesellschaftlicher Lernprozess zu Ende geht.

Offenbar verschmiert der Economist die sich verkürzenden Produktlebenszyklen mit den 50jährigen gesellschaftlichen Innovationszyklen und überträgt die stressigen Erfahrungen mit den Produktlebenszyklen auf die Langen Wellen.

Die langen Wellen der Konjunktur

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte der russischen Ökonomen N. D. Kondratieff bei der Analyse umfangreicher statistischer Daten, dass sich die Wirtschaft in langfristigen, etwa 50 bis 60 Jahre dauernden Zyklen entwickelt. Der österreichische Ökonom J. A. Schumpeter integrierte diese Hypothese in sein Entwicklungsmodell der kapitalistischen Wirtschaft und nannte die langen Wellen der Konjunktur zu Ehren ihres Entdeckers "Kondratieffwellen".

Schumpeter entwarf ein Vier.Phasen-Modell der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine auf ein Jahrzehnt zusammengeballte Woge umfassender kreditfinanzierter ökonomischer Innovationen setzt eine konjunkturelle Kettenreaktion in Gang, die das ökonomische und kulturelle Geschehen für die nächsten 40 Jahre beherrscht und zu einer tiefgreifenden Umwälzung aller Bereiche der Gesellschaft führt. Idealisiert kann man dieses Modell am Bild einer Sinuswelle veranschaulichen.

Zu Anfang eines Zyklus treten Unternehmensgründer in Rudeln auf und erproben neue wirtschaftliche Kombinationen. Da die Unternehmer wie auch ihre Ideen neu sind, haben sie zunächst nichts außer ihrer Idee und brauchen Kredit. Finden sie ausreichend Kreditgeber (Banken, Risikokapital, Lieferantenkredit oder wen auch immer, der über die Möglichkeit der Kreditschöpfung verfügt) und erweisen sich ihre Ideen als tragfähig, startet der neue Zyklus.

In der ersten Phase (grün) brummt die Wirtschaft. Die neuen Unternehmer fragen Ausrüstungen etc. bei den alten Betrieben nach und stellen neue Leute ein. Alle Kapazitäten werden bis zum Anschlag ausgelastet. Es herrscht Vollbeschäftigung. In dieser Phase steigen die Einkommen, die Preise und wegen der starken Kreditnachfrage die Zinsen. Die neuen Unternehmungen fahren ihren Surplusprofit ein, die alten Unternehmungen sind immer noch gut ausgelastet. Die Wirtschaft schwimmt im Geld. Das Signum dieser Zeit ist die Inflation. Dieser Boom hält jedoch nicht lange an.

Die überhitzte Konjunktur hat gewaltige Überkapazitäten aufgebaut. Die Nachfrage bei den alten Betrieben sinkt und die neuen Angebote drängen massiv auf den Markt, konkurrieren untereinander und mit den Angeboten der alten Betriebe. In dieser zweiten Phase des Zyklus (gelb) kippt das System in die Rezession. Es beginnt eine Abwärtsspirale. Die neuen Unternehmen geraten an die Grenzen ihrer Märkte. Das Geschäft läuft nicht mehr wie geschmiert. Außerdem werden spätestens jetzt ihre Kredite fällig. In dieser Phase geraten die alten Unternehmungen an die Grenzen ihrer Leistungskraft. Wer jetzt nicht scharf kalkuliert verliert das Spiel. Die Zahl der Pleiten steigt.

Es beginnt die scharfe ökonomische Auslese, die dritte Phase des Zyklus, die Depression (rot). Alle Beteiligten sind massiv überschuldet, die Einkommen sinken und mit ihnen schrumpfen die Märkte. Es entsteht ein massiver Druck auf Preise und Zinsen, mit der Folge wachsender Deflationsgefahr. In der Depression verschwindet das Alte und das Neue wird auf Normalmaß zurechtgestutzt. Zwar war schon der gesamte Entwicklungsprozess ein harter Machtkampf zwischen Neuem und Altem, während der Depressionsphase tritt dieser Kampf jedoch in sein agonales Stadium.

Ist dieser tödliche Ausleseprozess beendet, erholt sich die Wirtschaft mehr oder weniger langsam wieder auf ein durchschnittliches Geschäftsniveau (hellblaue Phase) und der ganze Zyklus kann mit dem Auftreten eines neuen Rudels innovativer Unternehmer wieder von vorne beginnen.

Soweit das theoretische Modell. In der Praxis stören zufällige Ereignisse wie Kriege und andere Katastrophen den Nachweis der langen Wellen und kürzere periodische Schwingungen der Konjunktur überlagern sie. Schumpeter identifizierte insgesamt drei Schwingungstypen von unterschiedlicher Dauer, die Kondratieffwelle mit einer Länge von etwa 56 Jahren, Schwingungen von mittlerer Frequenz, mit einer Dauer von etwa 9 bis 11 Jahren (Juglars), und kurze Schwingungen von etwa 36 Monaten Dauer (Kitchins). Die Addition der drei Wellen ergibt keine Sinusschwingung mehr. Man muss aus dem empirischen Material die einzelnen Wellen getrennt herausrechnen. Zudem erschwert mangelnde Vergleichbarkeit und Zuverlässigkeit der ökonomischer Daten über die langen Zeiträume hinweg den empirischen Nachweis der langen Wellen.

Eine neue lange Welle beginnt nach Schumpeter mit einer kräftigen Erholung nach einer längeren Zeitspanne der Krisen und Depressionen, unterbrochen nur von relativ schwachen Aufschwüngen. Setzen wir also die tatsächlichen Zeitpunkte kräftiger Erholungen nach einer längeren Periode der Krise und Depression in die Zeitreihe des Economist ein:

Der Beginn der Zeitreihe mit 1785 ist cum grano salis zu nehmen. Die Wirtschaftsdaten aus dem 18. Jahrhundert sind spärlich und unzuverlässig. Dafür kann der Beginn des zweiten Kondratieff recht genau auf 1844 datiert werden, der Beginn einer Prosperität nach Jahren der Krise. Gleiches gilt für den Beginn des dritten Kondratieff 1896. Dieses Jahr erlebte einen kräftigen Boom nach einer langen Epoche schwacher Aufschwünge und heftiger Krisen, die mit dem Börsencrash von 1873 einsetzte. Die über 20jährige Krise verleitete nicht nur Marx dazu, dem Kapitalismus kein langes Leben zu prognostizieren. Krisen und Depressionsperioden von 20 Jahren oder länger sind im Rahmen der Theorie langer Wellen etwas völlig Normales. Für das Ende des dritten und dem Verlauf des vierten Kondratieff bietet sich ein Blick auf eine langfristige Zeitreihe der Kapitalmarktzinsen an.

Die Preisbewegung, die Entwicklung der Einkommen und die Schwankungen der Kapitalmarktzinsen bilden die Phasen des Zyklus recht zuverlässig ab. Zinsschwankungen sind für Schumpeter eine Funktion der Nachfrage nach Kapital, hervorgerufen durch den Kreditbedarf innovativer Unternehmer. Da dieser Kreditbedarf im Verlauf des Innovationszyklus sinkt, sinken die Zinsen und erst mit Beginn eines neuen Zyklus, also dem massiven Auftreten neuer innovativer Unternehmer steigt der Kreditbedarf wieder und mit ihm auch die Zinsen. Die Zinshöhe ist also keine Ursache der Konjunkturschwankungen, sondern eine eingebettete Größe. Da man mit Recht den Vierten den "amerikanischen" Kondratieff genannt hat, wählen wir im folgenden US-Wirtschaftsdaten.

Die Grafik des Diskontsatzes der USA von 1914 bis heute zeigt plastisch die lange Depressionsperiode der 30er Jahre, die schleppende Erholung in den 40iern und einen vollständigen Kondratieffzyklus vom Anfang der 50er Jahre bis zur Gegenwart, mit dem Kulminationspunkt am Ende der 70er Jahre. Die Gestalt dieses Kondratieff entspricht offensichtlich eher dem zweiten Zyklus am Ende des 19. Jahrhunderts, als dem dritten Kondratieff. Wir kommen also zu folgender Periodisierung:

  Krisen-
periode
Erhohlung Krisen-
periode
Erhohlung Krisen-
periode
Erhohlung Krisen-
periode
Erhohlung
1785(?) 1838-43 1844 1873-94 1896 1929-50 1952 1980-?? ???
    59(?) Jahre   52 Jahre   56 Jahre   5x Jahre

Gibt es einen Computerkondratieff?

Wie der Economist würden auch verschiedene deutschsprachige Autoren, etwa Leo Nefiodow oder Erik Händeler, die Länge der Kondratieffzyklen gerne verkürzen und für den Computerboom der letzten 10 Jahre einen eigenen Kondratieff einführen. Sie kommen so zu einem sechsten oder gar siebten Kondratieff. Da diese Theorien sich in Deutschland verbreitet haben, lohnen einige Bemerkungen über einen angeblichen Computerkondratieff.

Während der Depressionsphase stagnieren bzw. sinken die Einkommen. Sie steigen erst wieder während der Prosperität einer neuen langen Welle. Ein Blick in die Einkommensstatistik der USA zeigt die Stagnation der mittleren und ein Sinken der unteren Einkommen seit Mitte der 1970er Jahre:

Haushaltsgruppen Anteil am Gesamteinkommen Durchschnittliches Nettoeinkommen Veränderung
  1997 1999 1997 1999  
Fünftel mit dem niedrigsten Einkommen 5,7% 5,2% $ 10.000 $ 8.800 -12,0%
Nächstniedrigstes Fünftel 11,5% 9,7% $ 22.100 $ 20.000 -9,5%
Mittleres Fünftel 16,4% 14,7% $ 32.400 $ 31.400 -3,1%
Nächsthöchstes Fünftel 22,8% 21,3% $ 42,600 $ 45.100 +5,9%
Fünftel mit dem höchsten Einkommen 44,2% 50,4% $ 74.000 $ 102.300 +38,3%
Die ein Prozent mit dem höchsten Einkommen 7,3% 12,9% $ 234.700 $ 515.600 +119,7%

Die Zahlen addieren sich rundungsbedingt nicht auf 100%; inflationsbereinigt, Quelle: New York Times, 5.9.1999, Gap Between Rich and Poor Found Substantially Wider, By David Cay Johnston.

Der Computerboom der 90er Jahre ist an den Einkommen der Unter- und Mittelklasse vorbeigegangen. Eine solche Einkommensentwicklung spricht nicht für einen Kondratieffboom, das Aufklaffen der Schere zwischen Arm und Reich ist typisch für eine Depression, ebenso wie die oben vorgestellte Zinshöhe.

Computer und Telekommunikation sind keine "Zukunftstechnologien", sie sind der krönende Abschluss eines 50 Jahre alten Paradigmas. Wir folgen der Einschätzung des ehemaligen Infineon-Chefs:

Im Lichte dieser Theorie (der 50jährigen gesellschaftlichen Innovationszyklen) wären die als "Zukunftstechnologien" bezeichneten Innovationen Computer und Telekommunikation bereits nahezu "ausgereizt", denn die industrielle Fertigung der Basistechnologie Halbleiterprodukte begann vor 50 Jahren.

Computer und Telekommunikation perfektionieren die alten Industrien. "Der Depressionsprozess erfüllt, was der Aufschwung versprach" (Joseph A. Schumpeter). Und der Aufschwung der 60er Jahren versprach uns ziemlich genau das, was wir heute haben: die futuristischen Haushaltsgeräte aus dem Doris Day Film "Spion in Spitzenhöschen" (The Glass Bottom Boat, 1966), die elektronischen Wunderdinge von "Raumschiff Enterprise" und James Bond. Sie sind nicht der Frühling einer neuen Epoche, sie sind Spätsommerblüten einer Epoche, die gerade vergeht.

Das Surfmodell der Weltökonomie des Economist, der Kampf um Meter und Sekunden, um Innovationen in immer kürzeren Produktlebenszyklen, ist ein Krisenphänomen der Kondratieffdepression. Es ist Symptom der verschärften Konkurrenz in der agonalen Phase des langen Zyklus.

Der Puls der Welt

Seit dem Auftreten Schumpeters beschäftigt die Konjunkturforschung zwei Fragen:

Gibt es ökonomische Gründe für das Phänomen, dass innovative Unternehmer zu bestimmten Zeiten in Rudeln auftreten?

Warum dauert ein solcher Zyklus gerade 56 Jahre?

Schumpeter selbst gab auf keine dieser Fragen eine befriedigende Antwort. Er verstand sein Modell als Beschreibung des Entwicklungsprozesses und lehnte eine kausal verstandene Ursachenerklärung ab.

Gerhard O. Mensch sammelte umfangreiche empirische Belege für die zyklische Häufung von Innovationen. Gründe fand er jedoch nur für den jeweiligen historischen Einzelfall, nicht jedoch für die regelmäßige Wiederkehr der Zyklen.

Roland Wagner-Döbler stellte fest, das solche Innovationsebben und Innovationsfluten auch im Wissenschaftsbetrieb auftreten.

Jim Corredine vermutet, dass die 56-Jahre-Wellen entwicklungsbiologische Gründe haben. Ein Kondratieffzyklus umfasst ziemlich genau die Zeitspanne von zwei Generationen. Die erste Generation schafft Neues, die zweite konsolidiert und entwickelt das Erbe und die dritte Generation schafft wiederum Neues. Corredine vermutet also anthropologische Ursachen für die regelmäßige Wellenbewegung.

Theodore Modis berichtet in seinem Buch "Predictions" (deutsch: "Die Berechenbarkeit der Zukunft") , dass der Energieverbrauch, der Einsatz von Pferdekraft, das Auftreten grundlegender Innovationen, die Entdeckung stabiler Isotope, die Zahl der Bankzusammenbrüche, die Lebenserwartung, die Häufung von Leberzirrhose, der Weltrekord über eine Meile, der Anteil weiblicher Nobelpreisträger, die Zahl der Morde, das Verhältnis weiblicher zu männlicher Mörder -innen und die Wahl der Mordwaffen im selben 56jährigen Puls schwingen wie die Wirtschaft, wenn auch teilweise phasenverschoben. Es scheint sich um einen Zyklus zu handeln, der das gesamte menschliche Leben bestimmt.

Lexiline, ein think tank für ungewöhnliche historische Erkenntnisse, bemerkt eine Koinzidenz zwischen dem Kondratieffzyklus, der Häufung der Geburtstage wichtiger Persönlichkeiten und dem astronomischen Saros-Zyklus, einer alle 56 Jahren sich wiederholenden Konstellation von Sonne, Mond und Erde. Demnach wären ökonomische Zyklen von astronomischen Konjunkturen beherrscht.

Michael Royston fand diesen 56jährigen Pulsschlag in der abendländischen Geschichte seit dem 12ten Jahrhundert.

Josef Hahnl sieht einen Zusammenhang zwischen der fraktalen Struktur ökonomischer Zyklen und der "Global Scaling"-Theorie, wonach eine globale stehende Gravitationswelle natürliche und technische ebenso wie gesellschaftliche Prozesse strukturiert. Die Frequenz der Kondratieffwelle wäre demnach durch eine allgemeine Naturkonstante determiniert.

Selbstverständlich gilt der 56-Jahre-Rhythmus auch für die Kondratiefftheorien selbst. Alle 56 Jahre, zu den Zeiten weltweiter Depression, gibt es eine Häufung von Veröffentlichungen über Kondratieffzyklen.

Cesare Marchetti vom "International Institute for Applied Systems Analysis" (IIASA) in Laxenburg (Österreich) ist nachgerade erschüttert über die Präzision, mit der die Zyklen abrollen.

The absolutely striking fact is that the system operates like a clockwork. The said centerpoints fall into specified positions in the (Kondratiev) cycle with the precision of one year. E.g. infrastructures construction waves are always centered six years after the bottom. The system seems to know (50 years ahead) that public works are needed to overcome recession. The agitation of the decision makers seems to be of no consequence, because no ripples appear in the long-term equation describing the process.

Hervorhebungen im Original

Die Politik kann die Dauer des Depressionsprozesses nicht verkürzen, bestenfalls könnte sie die Folgen für die Gesellschaft mildern und die nationalen bzw. regionalen Voraussetzungen für den nächsten Aufschwung bewahren.

Könnte, wenn sie die Erfahrungen aus der letzten großen Depression der 1930er bis 1940er Jahre beherzigen würde. Jedoch scheint nicht nur die deutsche Politik wild entschlossen dem Vorbild Brünings nachzueifern und mit einer prozyklischen Politik die Krise zu verschärfen. Die Parallelen gehen bis in die Wortwahl. Karl Georg Zinn bietet als Beispiel eine Stellungnahme des Reichsverbandes der deutschen Industrie vom 4. Mai 1931, die wie von heute anmutet.

Damals folgte Brüning den Rezepten der Großkonzerne, heute tut es Schröder. Aber die Großkonzerne mit ihren immer gleichen Krisenrezepte konnten weder damals die Situation bessern, noch können sie es heute. Sie sind selbst Teil des Kampfes zwischen Alt und Neu und womöglich gehören sie zu den potentiellen Verlierern. Werfen wir einen Blick auf die Automobilindustrie.

Verkehrsinfarkt

Nach Marchetti hat jede Industrie eine charakteristische Entwicklung, die von den Anfängen bis zur Sättigung in der Form einer natürlichen Wachstumskurve verläuft. Eine solche Kurve sieht etwa so aus:

Die untere Asymptote ist das Startniveau. Die obere Asymptote ist das Endniveau. Mit derem Erreichen ist die Entwicklungsnische ausgefüllt. Der Wendepunkt P ist der Punkt maximalen Wachstums. Stellt man nicht wie oben die kumulierte Menge dar, sondern die Änderung der Wachstumsrate in der Zeit, erhält man eine Glockenkurve, ähnlich der bekannten Gauß-Verteilung:

In dem Maße wie die Märkte gesättigt sind, sinkt die Wachstumsrate. Sinkende Wachstumsraten sind daher ein sicheres Indiz, dass eine Technologie die Grenze ihrer Entwicklung erreicht hat.

Die Grafik zeigt die Wachstumsrate des KFZ-Bestandes in Deutschland von 1964 bis heute. Man erkennt deutlich die Konjunkturzyklen von mittlerer Dauer (Juglars) und ab ca. 1982 auch die kürzeren Zyklen. Im Piek 1993 schlägt sich die Wiedervereinigung statistisch nieder. Der Trend weist seit 1964 stetig nach unten. Offenbar zeigt unsere Kurve nur die zweite Hälfte des Wachstumsprozesses, den Weg in die Sättigung. Das Paradigma Automobil ist ausgereizt. Andere Daten bestätigen den Befund. Wie der ADAC berichtet, verwandeln sich etwa 10% des 11.000 km langen deutschen Autobahnnetzes täglich zum Parkplatz .

Mit dem Verkehrsinfarkt verliert das Automobil seine Akzeptanz. Yacov Zahavi stellte 1981 fest, dass die Zeit, die Menschen täglich für Fortbewegung aufwenden, etwa eine Stunde beträgt, und dass sie dafür nicht mehr als 10% bis 15% ihres Einkommens einsetzen. Diese Grenzen sind unabhängig von der Kultur und der technologischer Entwicklung. Sie gelten für mittelalterliche Städte genauso wie für moderne Großstädte. Mit zunehmenden Stau wird der Verkehr daher zum Stressfaktor, er zwingt Menschen dazu dieses Zeitbudget zu überschreiten.

Zusätzlich zum Stress verursacht der Verkehr enorme Verluste. Die externen Kosten des Verkehrs erreichten 1995 530 Milliarden Euro, fast 8% des Bruttosozialproduktes, die Straße steuerte dazu 92% bei.

For 1995 the total external costs of transport (excluding congestion costs) are estimated on 530 billion Euro, or 7.8 % of the total GDP in EUR 17 (8.3 % including congestion costs). The most important contributor is road transport, causing 92 % of the total costs.

Und die Belastung soll noch zunehmen. So geht die Bundesregierung in ihrem Verkehrsbericht 2000 davon aus, dass der Personenverkehr bis 2015 um 20 Prozent zunehmen wird. Der Güterverkehr soll angeblich sogar um 64 Prozent steigen.

Die "Zukunftstechnologie" Computer bringt dabei wenig Erleichterung, eher verschärft sie die Situation noch. Das Internet vereinfacht zwar die Kommunikation und damit den Handel, jedoch wollen die elektronisch verkauften Waren auch transportiert werden. Es entsteht eine Situation, die das frühe 19. Jahrhundert schon einmal kannte. Damals konnte man zwar in den neuen, mit Dampfmaschinen betriebenen Fabriken die Güter schneller und arbeitskraftsparender produzieren, die neuen Warenmengen mussten aber zu den Märkten gelangen und ungeheure Mengen Kohle zu den Fabriken. Zunächst erhöhte der Bau von Kanäle die Transportkapazitäten, aber dies erreichte bald seine Grenzen. Die Lösung brachte erst die Eisenbahn. Die Eisenbahn revolutionierte den Transport und begründeter damit eine neue lange Welle der wirtschaftlichen Entwicklung und eine neue Lebenskultur, das bürgerliche Zeitalter. Ähnliche Revolutionen kannten die späteren Kondratieffzyklen.

Cesare Marchetti prognostiziert auf Grund dieser Entwicklungslogik der bisherigen Kondratieffzyklen die Geburt eines neuen Transportsystems im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends:

The key is a new kind of transport. In the past 200 years, the system has embraced a new means of transport every 50 years or so: barges, trains, autos, planes. One can view these vehicles and their infrastructures as products competing for market share. The secular evolution is beautiful. Clearly, air will be the big winner for several decades. But the beginning of the millennium must also give birth to a new mode of transport.

Weltweit ist die Arbeit an diesem neuen Transportsystemen längst in Gange. Innovative Transportation Technologies versammelt auf seiner Seite Hunderte von Projekten und Projektideen.

Innovationen, die eine neue lange Welle einleiten sind keine kurzatmigen Produktinnovationen, sondern ganze Bündel an Neuerungen, die die Lebensumstände grundsätzlich verbessern, d.h. zu maßgeblichen Zeit- und Krafteinsparungen führen. Da sie völlig neue Infrastrukturen schaffen, begründen sie ein langfristiges neues Wachstum. Diese Veränderungen müssen sich gegen Gewohnheiten, etablierte Machtstrukturen und Einkommensprivilegien durchsetzen.

Aber wie die daraus resultierenden Machtkämpfe auch immer ausgehen werden und was auch immer die Politik mehr oder weniger Sinnloses tun wird, der von Cesare Marchetti "Uhrwerk" genannte Mechanismus tickt.

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