"Wir halten uns in den untersten Räumen auf"

20.05.2004

Die Bewohner Rafahs sind den israelischen Angriffen schutzlos ausgeliefert

Mindestens 40 Palästinenser fielen dem seit Montag anhaltenden Militärangriff in Rafah, dem südlichsten Ort des Gazastreifens, bisher zum Opfer. Trotz einer Verurteilung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und vielfältiger internationaler Proteste stoppt die israelische Regierung ihre Soldaten nicht. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen den Angriff als "unverhältnismäßig" und als "Kriegsverbrechen" und fordern Israels Obersten Gerichtshof zu Ermittlungen auf. Hunderte Familien flohen aus den südlichen Stadtteilen.

"Auch jetzt sind Kampfhubschrauber in der Luft", so Muhammad Ali aus Rafah am Donnerstagnachmittag gegenüber Telepolis. "Wir halten uns in den untersten Räumen auf." In den Morgenstunden starben insgesamt sieben Palästinenser, davon fünf Bewaffnete, bei mehreren Helikopterangriffen.

Die Angst und Verunsicherung der Bewohner ist seit Dienstag weiter angestiegen, als eine Rakete auf den Eingang einer Moschee im Stadtteil Tel Sultan abgeschossen wurde, kurz nachdem der Gebetsruf zu hören war. "Bewaffnete Männer" sind stets das Ziel, verlautbaren Armeesprecher regelmäßig. Die Richtigkeit dieser Angaben ist schwer überprüfbar. Klar ist nur, dass sich dort zu diesem Zeitpunkt Gläubige zum Gebet eingefunden haben. Fünf Menschen starben bei dem Beschuss.

Bereits am Mittwochnachmittag starben acht Menschen auf einer friedlichen Demonstration im Flüchtlingslager Rafahs, als ein Panzer Granaten auf die Menge feuerte. Die Hälfte der Opfer davon waren Kinder unter 14. Über 60 Palästinenser wurden verletzt, etwa 30 davon schwer. Die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Armee verschickte danach ein Luftbild. Es soll zeigen, dass die Demonstration nicht von einer Hubschrauberrakete getroffen wurde, wie palästinensische Augenzeugen im ersten Chaos erklärten. Die Fernsehbilder von den zerfetzten Leibern wurden auch in Israel gesehen. Und in einem seltenen Fall erklärte die Armeeführung dann ihre "tiefe Trauer über den Tod von Zivilisten. Zu keinem Zeitpunkt dieses Vorfalls wurde das Feuer mit Absicht in die Richtung der Zivilisten eröffnet." Ein Protest von 250 Friedensbewegten vor dem Tel Aviver Verteidigungsministerium gegen diesen Beschuss wurde von der Polizei gewaltsam aufgelöst.

"Die Armee kontrolliert jetzt alle südlichen Stadtteile und rückt ins Zentrum vor", so Muhammad Ali aus Rafah weiter. "Die Panzer feuern immer wieder auf Häuser, egal ob auf sie geschossen wird oder nicht." Die Armee fahre immer wieder durch die Straßen und mache Durchsagen: "An die Bewohner dieses Viertels. Wer gegen die Ausgangssperre verstößt, wird bestraft." Gestern riefen die Soldaten alle männlichen Bewohner des Viertels zwischen 16 und 40 Jahren dazu auf, sich in einer Schule zu versammeln. 150 wurden verhaftet, bis auf zehn sind mittlerweile wieder alle freigelassen. "

Aber niemand weiß, was mit ihnen passiert oder was ihnen vorgeworfen wird. Überhaupt ist unsere Bewegungsfreiheit innerhalb der Stadt so eingeschränkt, dass wir nicht immer überprüfen können, was vorgeht." Selbst Ambulanzen werden nicht oder nur nach mehrstündigen Verzögerungen durchgelassen, erklären Hilfsorganisationen.

Die Zustände in der Stadt werden immer dramatischer. So haben nur die nördlichen Teile Strom. Wasser und Lebensmittel werden knapp. "Wir können nicht einmal die Toten begraben", sagte Abu Ali Schahin, Parlamentsmitglied für den Bezirk Rafah. "Die Kühlräume der Krankenhäuser sind überfüllt. Wir benutzen jetzt schon die Vorratskammern von Gemüsehändlern."

Amira Hass, Reporterin für die israelische Zeitung Haaretz, hält sich zur Zeit in Rafah auf. "Die Armee sucht in Tel Sultan nach Verdächtigen", so Hass am Donnerstag gegenüber Telepolis. "Aber ich denke, die sind über Seitenstraßen, die jedenfalls bis vor kurzem noch offen waren, längst geflohen. Das ist zwar gefährlich, aber möglich." Bisher habe die Armee in Tel Sultan vier oder fünf Gebäude zerstört. "Häuser der Angehörigen von Militanten, die schon längst tot sind. Und das Haus eines Händlers, der sein Geld mit den Schmuggeltunnels verdient."

Die Tunnels sind nach Armeeangaben der Hauptgrund für die massive Militärinvasion. Über sie werden Waffen von Ägypten in den Gazastreifen gebracht, sogar Raketen, die zentrale israelische Städte treffen können, will das Militär wissen. Bisher sind jedoch außer automatischen Gewehren alle im Gazastreifen gesichteten Waffen Marke Eigenbau, einschließlich der unzuverlässigen Kassam 2-Raketen. Über die Tunnels werde alles geschmuggelt, so die Journalistin, einschließlich Zigaretten und Medizin. "Das ist billiger und eine Möglichkeit, die ökonomische Blockade zu durchbrechen." Hass hat bei einer palästinensischen Familie Unterschlupf gefunden und hält sich weitgehend innerhalb des Hauses auf. "Das gibt einem wenigstens das Gefühl von Sicherheit. Aber am Morgen sind hier ganz in der Nähe Raketen eingeschlagen. Auch Soldaten machen Fehler. Wir wissen, dass sie keine Supermänner sind."

Seit Beginn des derzeitigen Aufstandes gegen die israelische Besatzung im September 2000 wurden allein in Rafah, ein Gebiet mit etwa 150.000 Einwohnern, etwa 320 Palästinenser getötet, davon über 200 Zivilisten, 85 waren Kinder. In dieser Zeit wurden dort etwa "2.200 Häuser zerstört", erklärt Said Suroub, der Bürgermeister der Stadt, dessen Bruder diese Woche ebenfalls getötet wurde. "Und 1.500 Häuser (in den südlichen Stadtteilen) wurden von ihren Bewohnern nun verlassen, weil sie mit Zerstörung rechnen. Wir versuchen, den Menschen notdürftig zu helfen. Aber wirklich bieten können wir ihnen nichts."

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