Google-Anzeige für das Nicholas Berg-Video

Florian Rötzer 21.05.2004

Wie "objektiv" ist Google? Manchmal wird das Page Ranking verändert, problematisch aber ist auch der Umgang mit den Adwords-Anzeigen

Mit den Adwords-Anzeigen bei Google, die bei der Darstellung der Suchergebnisse bei bestimmten Begriffen rechts auf der Seite platziert werden, gibt es immer einmal wieder Schwierigkeiten. Gerade erst wurden Adwords-Anzeigen, die sich kritisch gegen die Präsidentschaftskandidaten Bush und Kerry aussprachen, von Google entfernt. Zuvor aber wurde eine Zeitlang eine Anzeige für den Kauf des Videos über die Exekution des Amerikaners Nicholas Berg geschaltet, wenn man den Suchbegriff "behead berg" eingegeben hat. Immerhin hatte man bei Google schneller reagiert als beim Provider der Webseite.

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Google ist zwar keineswegs konkurrenzlos, doch noch ist die Suchmaschine marktbeherrschend. Für viele mag daher zutreffen, dass es nicht gibt, was nicht in Google angezeigt wird. Dass Google - ohne dies explizit mitzuteilen - zensiert oder, neutraler gesagt, bestimmte Ergebnisse nicht anzeigt, ist bekannt. Das wird nicht nur in China gemacht (Gefiltertes Internet für China), sondern etwa auch in Frankreich oder in Deutschland (Die Welt ist keineswegs alles, was Google auflistet). Suchergebnisse werden zwar sicherlich, wie ein Google-Sprecher meinte, "ausschließlich von unserem Computeralgorithmen" bestimmt, aber danach greifen dann und wann doch noch Menschen ein, um Unerwünschtes zurecht zu biegen.

So gibt es auch einzelne Fälle, bei denen die Verantwortlichen entscheiden, ob ein Suchergebnis angezeigt werden soll oder nicht. Mit bestimmten Tricks lässt sich Google austricksen, so dass eine Website ganz oben oder als erste bei bestimmten Suchbegriffen aufgeführt wird. Dass war der Fall, wenn der Begriff "Jew" eingegeben wurde. An erster Stelle bei den Ergebnissen wurde dann eine antisemitische Seite "Jew Watch" aufgeführt. Darüber kam es zu einem Konflikt, da sich Google weigerte, hier einzugreifen, und begründete dies in einer Erklärung. Nach "Jew" zu suchen sei, so die Begründung ungewöhnlich, vor allem aber würden die "Suchresultete vollständig objektiv erzeugt und sind unabhängig von den Glaubensvorstellungen und Wertschätzungen von denjenigen, die bei Google arbeiten". Es würden nur Webseiten nicht angezeigt, die man aus rechtlichen Gründen nicht anführen dürfe oder die "bösartig versuchen, unsere Ergebnisse zu manipulieren". Internetaktivisten haben daher versucht, ihrerseits die Ergebnisse zu beeinflussen (Google-Bombing), was ihnen auch gelungen ist, so dass "Jew Watch" nun an vierter Stelle steht.

Angeblich hat Google zur Entscheidung solcher heiklen Fragen, die die maschinelle Objektivität beiseite stellen, eine Art Ethikkomitee, wie Google-Mitarbeiter Eran Gabber der israelischen Zeitschrift Maariv gegenüber erklärte. Ethikkomitee ist sicherlich übertrieben, aber - Google soll ja nach seinen Entwicklern "nicht böse" sein ("Google won't be evil!") - man kümmert sich schon um die Moral. Genaueres ist leider nicht bekannt:

Wir ändern den PageRank, wenn wir sehen, dass Spammer ihm missbrauchen, aber wir ändern ihn nicht oft. Es gibt ein internes Ethikkomitee bei Google. Intern gibt es Leute, die sich sehr um die Ethik kümmern. Bei Google gibt es viele Menschen, die finden, dass Ethik wichtig ist.

Sind die Suchergebnisse also tatsächlich "objektiv"? Erfahren die Benutzer, wann die Auflistung nach Kriterien der moralischen, anti-manipulativen oder legalen Korrektheit verändert wurden? Das sollte eigentlich eine rechtliche Auflage für Suchmaschinen sein, nämlich zumindest die Begriffe zu nennen, bei denen eine manipulierte Auswahl vorgelegt wird.

Bei den Adwords liegt die Sache natürlich anders, allerdings beschert die automatische Schaltung gelegentlich auch seltsame Ergebnisse, die dann wieder nachgebessert werden müssen. Es gibt allerdings hier explizite Geschäftsbedingungen. So verbietet Google, "to advertise substances, services, products or materials that are illegal in any state or country where Your ad is displayed; (iii) in any way that violates any policy posted on any Google Property, as revised from time to time". Das ist natürlich vieldeutig.

Vor kurzem hatte ein Anbieter von modischen Spielkartensets, in diesem Fall ein Anti-Bush-Kartenspiel "Deck of Bush. 54 reasons NOT to re-elect the President", einen bezahlten Link für die Suchbegriffe George Bush", "George W. Bush", "President Bush", "Bush Cards" und "Bush Decks" geschaltet und zunächst auch erhalten. Der Text der Anzeige:

Political Playing Cards
The Deck of Bush - 54 Reasons
NOT to re-elect George W. Bush
www.deckofbush.com

Die Anzeige wurde von Google aber dann wieder entfernt, weil sie oder die Keywords gegen die "Richtlinien" verstoßen und einen "inakzeptablen Inhalt" darstellen. Die - im Allgemeinen verbleibende, weil automatisch aus Textbausteinen erzeugte - Begründung in einer Email an Jerry Vasilatos, den Spielkartenanbieter:

Content

At this time, Google policy does not permit the advertisement of websites that contain "language that advocates against an individual, group, or organization", "language that advocates against an individual, group, or organization". As noted in our advertising terms and conditions, we reserve the right to exercise editorial discretion when it comes to the advertising we accept on our site.

Weiter heißt es, dass man großen Wert auf die Meinungsfreiheit setze. Versichert wird, das dies nichts mit der Ausgabe der Suchergebnisse zu tun habe, aber dass für Suchergebnisse und kommerziellen Anzeigen unterschiedliche Kriterien gelten. Alle Anzeigen werden vom Personal überprüft, es könne aber eine gewisser Zeit dauern, bis die zunächst automatisch frei geschaltete Anzeige tatsächlich geprüft und gebilligt werden kann.

Vasilatos war sich nicht im Klaren darüber, welche Formulierungen oder Keywords für Google anstößig sind. Offenbar hatte er auch noch das Keyword "war profiteer " angegeben, was natürlich stark ist. Er bot Google an, dies wegzulassen, monierte aber, dass man bei politischer Kritik eingreife, aber bei sexuellen Inhalten unbedenklich sei:

However, if I put in the keyword "fuck" using Google, I see ads for multiple porn companies promoting urination, anal fetishes, and young teens which ARE acceptable Google ad content. So sexual ad content in Google Ad Words is acceptable, however political content is not?

So würden bei "underage porn" oder "young boy porn" Anzeigen geschaltet. Mittlerweile scheint Google alle bezahlten Anzeigen für die Suche nach Kerry und Bush, die irgendwie politisch einseitig sind, zu bannen. Von einer Zensur von Anti-Bush-Adwords, wie eine Website behauptet, kann man zumindest jetzt nicht mehr sprechen, auch wenn es weitere ähnliche Fälle gibt (Zensur bei Google?). Bei Ralph Nader, dem Präsidentschaftskandidaten der amerikanischen Grünen hat man länger gebraucht, bei Abfassen des Artikels waren auch die kurz zuvor noch vorhandenen Anzeigen verschwunden.

Dass die automatische Freischaltung und spätere Überprüfung der Adwords zu unerquicklichen Situationen führen kann, erhellt die kurzzeitig veröffentlichte Anzeige, die erschien, wenn man die Begriffe "behead berg" in die Google-Suchmaske eingab. In den Tagen nach der ersten Veröffentlichung des Exekutions-Videos, das von den Fernsehanstalten nur gekürzt gezeigt wurde, suchten offenbar viele Internetnutzer nach der vollständigen Fassung. Über die Motive der Suche kann man spekulieren (Der seltsame Fall Nicholas Berg), Schaulust dürfte auf jeden Fall eine wesentliche Rolle gespielt haben. Bei Google stand am 17. Mai die Suche nach "nick berg" an erster Stelle. Bei Lycos bezogen sich beispielsweise am 13. Mai die ersten 10 Suchbegriffe alle auf Nicholas Berg:

1. Nick Berg video
2. Nick Berg Beheading
3. Nick Berg and Iraq
4. Nick Berg Execution
5. Nick Berg Beheading Video
6. Nick Berg Killing
7. Nick Berg murder
8. Nick Berg assassination
9. Nick Berg decapitation video
10. Execution of Nick Berg.

Die Nachfrage jedenfalls wollte jemand geschäftstüchtig ausnutzen, obgleich bald die ersten Websites aus unterschiedlichen Gründen das Video kostenlos zum Herunterladen ins Netz gestellt haben (Die Medien und die grausamen Bilder). Für 2,99 Dollar, angeblich Selbstkostenpreis oder als "Donation", wurde das Video auf CD-ROM angeboten, im Ausland oder per Eilzustellung in den USA für 9,99 Dollar:

This is the full, uncut video that the News Media does not want you to see. They are so desperate to suppress this video that they have even made it impossible to find on the web!

Und weil man doch nur am Ersten Verfassungszusatz, der die Meinungsfreiheit garantiert, festhalten wollte und die Menschen doch das "Recht auf Wissen" hätten, nahm man eben auch zur größeren Verbreitung einen "sponsored link" bei Google, was denn auch Bloggern aufgefallen war.

Die Anzeige wurde bald entfernt, die Website selbst konnte bei dem Provider für kostenlose Websites noch ein paar Tage überleben. Sie ist irgendwann gestern vom Netz genommen worden und findet sich nur noch im Google-Cache. Mit einem Snuff-Video, angepriesen als "Extremely Graphic Violent Video", Geld verdienen zu wollen und dabei vorzugeben, für die Meinungsfreiheit und das Recht auf Wissen einzutreten, lässt sich wohl an Zynismus nur noch schwer überbieten.

Auch wenn Google irgendwann solche Anzeigen löscht, an denen möglicherweise das Suchmaschinen-Unternehmen bereits Geld verdient hat, so ist doch die Frage, ob die kostenreduzierende Automatisierung bei den Adwords, aber auch bei AdSense und wahrscheinlich bald bei GMail (Bei jeder Mail wird mitgelesen) nicht ständig zu ähnlichen Problemen führen wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17470/1.html
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