Ist die Mediengesellschaft eine Fiktion?

22.05.2004

Medienwissenschaftler diskutierten Metaphern, Mythen und Modelle

Manche Medienforscher glauben, das Ende sei nah. Am Beispiel "Fernsehen" wollen sie den Niedergang der Mediengesellschaft zeigen: Während in den 60er Jahren der aktuelle "Tatort" die Menschen vor dem Fernseher vereinte, zersplittern die aktuellen Medienwelten die Gesellschaft in kleine und kleinste Grüppchen. Und mit dem Internet als Bösewicht habe das alles angefangen. Oder auch nicht? Darüber stritten in Erfurt drei Tage lang mehr als 250 Publizistik- und Kommunikationswissenschaftler auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Das Konzept der "Medialisierung", dass also die gesellschaftliche Wirklichkeit zunehmend geprägt wird von der Wechselwirkung zwischen Medien und Ereignissen, trägt weiterhin. Und die Bedeutung der Medien nimmt zu. Zu diesem Schluss kam Winfried Schulz, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, in seiner Untersuchung zur politischen Kommunikation anhand von Begriffen wie "Mediengesellschaft", "Informationsgesellschaft" oder auch "Mediendemokratie". Er fragte: Wie verändern Medien die individuelle Kommunikation? Und wie verändert der Medienwandel die soziale Kommunikation? Als Komponenten sozialen Wandels machte Schulz aus, dass zunehmend soziales Handeln durch Medienhandeln ersetzt wird, also das persönliche Gespräch durch das Telefonat oder die Mail (Substitution). Eine weitere sei, dass mediale und nichtmediale Wirklichkeit verschmelzen (Amalgamation), eine dritte der Verstärkungseffekt durch die Medien (Extension) (Winfried Schulz zur politischen Kommunikation).

Prof. Dr. Klaus Merten (Münster), Eva Breßler (Mainz), Dr. Maren Hartmann (Erfurt). Foto

Mediengesellschaft beginnt dort, wo Fakten und Fiktionen gegenseitig substituiert werden können. Das hielt auch Klaus Merten, Professor an der Universität Münster, für zentral. Für den Akteur in der Mediengesellschaft verschmelzen "reale" und "fiktionale" Wirklichkeit zur aktuellen Wirklichkeit. Beispiel: An die Stelle des recherchierenden Journalisten treten seit den 80er Jahren verstärkt Informationsproduzenten vor Ort, die PR-Fachleute. Sie generieren eigene Events, die von Journalisten wie von Medienkonsumenten als Fakten rezipiert werden.

Der Rezipient geht noch einen Schritt weiter: Er zieht zum Verständnis der Medien Meta-Medien heran, um daraus seine strategische Wirklichkeit zu konstruieren. "Beobachtung der Beobachter" nannte Merten diesen Zusammenhang, der sich darin spiegelt, dass nicht mehr eine Demonstration als solche interessant ist, sondern die Tatsache, dass ständig die aktuellen Teilnehmerzahlen bekannt gegeben werden ("schon über 10.000 Teilnehmer"). Bei der Gelegenheit bleibe allerdings, so Merten, der Wahrheitsbegriff auf der Strecke.

Wie gehen Menschen damit um, wenn sie Opfer von negativen Presseberichten werden? Hans Mathias Kepplinger und Sonja Glaab von der Universität Mainz befragten über zwei Jahre hinweg Menschen, die sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat gewandt hatten. Ihr überraschendes Ergebnis: Nicht der Prominente, der sich gegen Paparazzi wehrt, sei der Normalfall, sondern Bürger X, der seinen Nachbarschafts-Clinch mit Bürger Y in der Presse wiederfindet. Und nicht etwa die BILD-Zeitung liege vorn bei den Beschwerden, sondern die Lokalpresse. Dabei sieht sich Bürger X genau wie der medienerfahrenere Prominente gleichermaßen beschädigt, und das oft noch Jahre nach der Publikation.

Dass der Begriff der Mediengesellschaft eine ziemlich deutsche Angelegenheit sei, machte Dr. Maren Hartmann in ihrem Beitrag deutlich: Eine vergleichbare internationale Diskussion gebe es nicht. Wo man im angloamerikanischen Diskurs von gesellschaftlichen Leitbildern zur Orientierung spreche, heiße es "Visions". Hartmann wies auf die Verschiebung des Diskussion von der "Informationsgesellschaft" zur "Kommunikationsgesellschaft" hin. Ihr Fazit: Der Begriff sei eine Metapher und müsse von den Medienwissenschaften noch mit Inhalt gefüllt werden.

Der Mythos vom guten Journalisten

Stefan Ruß-Mohl, Professor an der Universitá della Svizzera italiana, Lugano, wollte in seinem Beitrag den Mythos vom uneigennützigen Journalisten entzaubern, dem der "rationale", also gewinnorientierte Verleger/ Medienmanager gegenübersteht. Dazu wandte er die Lehre vom "homo oeconomicus", der rational am Markt agiert, auf Journalisten an. Dabei ging er von zwei Annahmen aus: 1. Auf diesem Markt geht es nicht um Geld, sondern hier werden Informationen gegen Aufmerksamkeit getauscht. 2. Auch Journalisten handeln rational. Mit diesem Marktmodell lasse sich, so Ruß-Mohl, das Verhältnis von Journalismus und PR in all seinen Facetten beschreiben: von der Vormachtstellung der PR-Leute, die sich den Medien verweigern können, über eine Monopolsituation (Schröder gibt der BILD-Zeitung keine Interviews mehr) bis zur Skandalisierung eines Themas durch die Medien.

Können sich die Akteure am Markt der Informationen am "Händler" Journalist vorbei direkt verständigen - und braucht es in bestimmten Fällen vielleicht gar keine Journalisten mehr (was sich am Internet belegen ließe?). Ruß-Mohl rettete mit seiner Antwort die Journalisten: Es werde sie als professionelle Informationshändler wohl weiterhin brauchen.

Darf nicht fehlen: Mythos Internet

Die knapp 100.000 Weblogs im Wahlkampf des inzwischen gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Howard Dean untersuchte Dr. Elisabeth Prommer von der Hochschule Potsdam-Babelsberg daraufhin, welchen Themen sie sich widmeten. Howard Dean wurde mit einem Schlag bekannt, als es ihm im zweiten Quartal 2003 gelang, mehr Spenden von Unterstützern einzusammeln als allen anderen Kandidaten - und zwar Klein- und Kleinstspenden (Der Herausforderer). Die Anhänger Deans, eines dezidierten Gegners von Bushs Angriff auf den Irak, vernetzten sich per Weblogs und trafen sich in sogenannten Meet-ups (der Begriff entstand nach dem 11. September, als Betroffene sich per Weblog in Selbsthilfegruppen organisierten). Als Dean zugunsten von John Kerry zurück zog (Das Ende der Sprechstunde), ging die Grassroot-Kampagne unter dem Namen Democracy for america auf ihn über.

Prommer fand heraus, dass sich der geringere Teil der Beiträge in den Blogs, nämlich 35 Prozent, mit Howard Dean befasste. 43 Prozent folgten dem großen Nebenthema, der Reflexion des eigenen Medienhandelns: Haben wir die richtige Strategie? Sollte man einen professionellen Spin Doctor in den Wahlkampf einschalten? Ihr Fazit: Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen standen für die Blogger im Vordergrund - neben regelmäßigen Treffen im real life sicherlich die wesentlichen Bestandteile für den Zusammenhalt einer Community.

Für Susanne Femers, Professorin an der FHTW Berlin, hat das Internet hingegen als Sozialisationsinstrument versagt. Der Netzeuphorie setzt sie ein Unbehagen an den Kommunikationsrisiken entgegen, die die neuen Medien mit sich bringen: den mächtigen Einzelnen, der weitgehend unkontrolliert mithilfe der Medien interagiert. Als Beispiel wählte sie eine Hass-Seite einer nordrhein-westfälischen Universität, auf der Studenten missliebige Professoren virtuell steinigen dürfen.

Ihrer These: "Das Internet ist ein Ort des Verfalls sozialer Ordnung und eine Brutstätte kommunikativer Unkultur" mochte das Auditorium allerdings nicht folgen. Winfried Schulz, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, gab vielmehr vorsichtig der Hoffnung Ausdruck, dass solche virtuellen Entgleisungen der Entlastung der Gesellschaft dienen könnten - schließlich seien sie sozial verträglicher als entsprechendes herkömmliches soziales Handeln.

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