Quo VadISS?
Die Odyssee der Internationalen Raumstation: Das bislang aufwändigste Technikprojekt der Menschheitsgeschichte droht zu scheitern
Schätzungsweise 100 Milliarden US-Dollar wird sie insgesamt kosten, rund 130 Millionen Euro jährlich schießt allein Deutschland zu: Die Internationale Raumstation ISS, vor Jahrzehnten als Forschungsplattform und Startrampe für Missionen zu entfernten Planeten geplant, ist weiter denn je von ihrer Fertigstellung entfernt. Grund: Versorgungsprobleme und neue Prioritäten in der amerikanischen Weltraumpolitik.
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Die Idee
Es war ein Artikel im Colliers Magazine aus dem Jahre 1952, geschrieben von Wernher von Braun (vgl. Von Hermann Oberth zu Wernher von Braun), der den Anstoß für die Amerikaner zum Bau einer bemannten Raumstation gab. Aber erst im Jahre 1983 wurden die mittlerweile völlig modifizierten Pläne Wirklichkeit, als der damalige US-Präsident Ronald Reagan für die spätere ISS acht Milliarden US-Dollar locker machte. Optimismus war das Gebot der Stunde:
Wir können in 30 Tagen lebensrettende Medikamente herstellen, deren Produktion sonst 30 Jahre auf der Erde brauchen würde. Wir können Kristalle von außergewöhnlicher Reinheit züchten für Supercomputer, Arbeitsplätze und neue Technologien werden entstehen
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Die Umsetzung
Ein Megaprojekt kam ins Rollen, an dem mittlerweile mehr als hunderttausend Arbeitsplätze in insgesamt 16 Ländern hängen. Doch schon bald zeigte sich, dass die Kosten für die Entwicklung der ISS ins Unermessliche stiegen: sechs mal musste sie im Laufe der Jahre komplett neu überarbeitet werden - der ursprünglich veranschlagte Zeitrahmen von zehn Jahren bis zur Fertigstellung der Raumstation rückte ab ins Reich der Illusionen. Jetzt, nach 21 Jahren, ist gerade mal die Hälfte der Bauteile im All.
Auch der Zusammenbau der einzelnen Module gestaltete sich schwieriger als erwartet: 1993 plante die NASA gut 400 Stunden an "Weltraumspaziergängen" zum Aufbau der Station ein - real werden schätzungsweise rund 2000 benötigt. Ein weiterer Kostentreiber waren die Versorgungsflüge mit den NASA-Shuttles: jeder Start verschlang mehr als 400 Millionen US-Dollar.
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Zumindest dieser Kostenfaktor liegt momentan auf Eis: Seit dem zweiten Space-Shuttle-Crash im Februar vergangenen Jahres gilt ein Startverbot für alle US-Raumfähren. Doch damit fehlt auch ein brauchbares Gefährt, um die noch ausstehenden riesigen Module zur Komplettierung der ISS in den Orbit zu transportieren. Abhilfe schaffen können da auch nicht die russischen Sojus-Raketen, da ihre Ladekapazität viel zu klein ist.
Neue Visionen
Angesichts solch fulminanter Probleme war klar, dass sich die NASA-Verantwortlichen eine neue Zielsetzung für die ISS setzten mussten: US-Präsident Bushs Visionen von einem bemannten Flug zum Mars (vgl. "Wir werden Ressourcen auf dem Mond oder dem Mars entdecken, die unsere Vorstellungskraft übersteigen") kamen daher gerade zur rechten Zeit. Denn so lange die Komplettierung der ISS in den Sternen steht, sollen dort zumindest die Auswirkungen beim Langzeitaufenthalt im All auf Körper und Geist der potenziellen Mars-Mannschaft näher untersucht werden. Schließlich dauert ein Trip zum roten Planeten und zurück voraussichtlich drei Jahre. Doch auch hier mehrte sich bald die Kritik: ganz abgesehen davon, ob die Billionen-Dollar teure Marsmission je realisiert werden kann, sind die Forschungsmöglichkeiten auf der ISS sehr begrenzt. Ein wichtige Frage, nämlich der Einfluss der kosmischen (radioaktiven) Strahlung auf den Menschen bei Langzeitflügen durchs All kann auf der ISS nur eingeschränkt untersucht werden, da sie ihre Bahnen noch im Schutzmantel des Erdmagnetfeldes zieht.
Hinzu kommt, dass die ISS chronisch unterbesetzt ist. Mittlerweile sind nur noch zwei Wissenschaftler an Board. Denn nur die großen US-Shuttles sind in der Lage, ein drittes Crewmitglied mit Nachschub zu versorgen. Und von der ursprünglichen Planung, mit sechs Astronauten die Station zu bewirtschaften, ist sowieso kaum noch die Rede. Denn nicht nur, dass die an die ISS angedockte Sojus-Rettungskapsel maximal drei Passagiere aufnehmen kann und somit die Anzahl der Besatzung stark eingeschränkt ist, macht den Verantwortlichen zu schaffen. Auch die Tatsache, dass die Planung für eine zweite Sojus-Rettungskapsel auf Eis liegt, seit der US-Kongress 1998 beschlossen hatte, sämtliche Zahlungen an die russische Weltraumbehörde einzustellen, lässt wenig Hoffnung auf eine baldige Erweiterung der Mannschaft aufkommen.
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Alltag auf der ISS
So spaßig die in regelmäßigen Abständen zur Erde gefunkten Bilder auch aussehen mögen - das Leben an Board ist schon lange kein Zuckerschlecken mehr. Nicht nur, dass eine Pannenserie (Harakiri-Andockmanöver, Druckabfall, kaputte Raumanzüge, etc.) die Nächste jagt, auch die verbliebene Zeit für wissenschaftliches Arbeiten beschränkt sich mittlerweile auf ein Minimum. Im Schnitt schläft die Besatzung acht Stunden, sechs weitere werden für Nahrungsaufnahme, Körperhygiene und Training gegen Knochen- und Muskelschwund benötigt. Bis zu zweieinhalb weitere Stunden sind für Gespräche mit Studenten, Politikern und Journalisten an der Tagesordnung. Den überwiegenden Teil der verbleibenden Zeit schlagen sich die Astronauten mit Reparaturarbeiten und Kontrollrundgängen - im wahrsten Sinne des Wortes - um die Ohren.
Denn das Ganze findet bei einem Lärmpegel von 85 Dezibel an Board statt - der Lautstärke einer Hauptverkehrsstraße zur Stoßzeit. Klar, dass bei diesem von Computern und sonstiger Maschinerie verursachtem Lärm die Besatzung die meiste Zeit Ohrstöpsel tragen muss.
Letztlich verbleibt den zwei Männern an Board im Schnitt weniger als eine Stunde am Tag für wissenschaftliche Forschung. Medizinische und technologische Durchbrüche, wie einst angekündigt - schon lange herrscht bei den NASA-Verantwortlichen diesbezüglich Sendepause. Oder wie es ein ehemaliger NASA-Berater zusammenfasst:
As long as the crew size stays at two or even three, there isn't any way that I'm aware of that they can pursue [their] objectives...you certainly can't do scientific research.
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Ohne die Möglichkeit, auf der ISS effektiv wissenschaftlich zu arbeiten, hat das Projekt jedoch seine Mission verfehlt. Oder wie es die sonst eher technikfreundliche Los Angeles Times auf den Punkt bringt: "It has begun to lose its reason for being." Dies hat wohl auch die US-Administration erkannt. Gerüchte über den vorzeitigen Ausstieg der Amerikaner aus dem ISS-Projekt machen immer öfter die Runde.
We have simply wallowed with this and spent so much money for so long without any significant return, maybe we should cut our losses and quit.
Klar ist, dass Präsident Bush die Aktivitäten auf der ISS bis 2010 einstellen will. Ob dann die Russen gemeinsam mit den Europäern ohne die USA weitermachen werden, wie unlängst Anatoli Perminov, Chef der föderalen Raumfahrtagentur, lauthals verkündete, ist nur eine Option. Schließlich stehen die Chinesen schon Spalier, die unlängst bekannt gaben, bis 2020 eine eigene bemannte Raumstation (vgl. Prestigegewinn, Machtdemonstration oder Vorbereitung zum Krieg der Sterne?) bauen zu wollen. Nicht auszuschließen, dass klamme Kassen in naher Zukunft zu ganz neuen Allianzen führen werden - zumindest im Weltall.
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17481/1.html- so oder so (25.5.2004 21:52)
- Irgentwie finde ich die Nachrichten gar nicht schlecht (25.5.2004 18:37)
- stimmt schon... (25.5.2004 17:20)
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