Umstrittener Preisträger

24.05.2004

Im Zeichen der zunehmenden Entfremdung von den USA bekommt die Preisverleihung des US-Kritikers Noam Chomsky eine besondere Note

Am vergangenen Sonntag hat der US-Amerikanische Philosoph und Sprachwissenschaftler Noam Chomsky in Oldenburg den mit zehntausend Euro dotierten Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik entgegengenommen. Der Preis wurde dem Wissenschaftler von der Jury, der u.a. der Journalist Dr. Klaus Bednarz und die ehemalige Berliner Senatorin und heutige Präsidentin des Goethe-Instituts Inter Nationes, Professor Dr. Jutta Limbach angehören, einstimmig zuerkannt. Geehrt werde Chomsky für seine kritische Sicht auf die Weltordnung unter besonderer Berücksichtigung der Medien.

Als politischer Publizist erlangte Chomsky ebenfalls seit den 6Oer Jahren Berühmtheit. Seine kultur- und politikkritischen Veröffentlichungen ließen ihn zum Wortführer der neuen Linken und zum bekanntesten Protagonisten der Anti-Vietnam-Bewegung avancieren.

Kritik an der Preisverleihung an Chomsky kam etwa von einer ausgewiesenen Linken, wurde allerdings öffentlich bislang kaum wahrgenommen. Schon länger gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um den verengten Machtbegriff von Chomsky. Der Titel seines kürzlich im Europa-Verlag auf Deutsch erschienenen Buches bringt ihn gut auf den Punkt: "Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtsstellung der USA".

Während er die US-Politik einer vernichtenden Kritik unterzieht, werden andere weltpolitische Akteure wie die EU ausgeblendet oder nur als Opfer und Vasallen einer allmächtigen USA gesehen. So wird in seinen Analysen zum Kosovo-Krieg die Rolle europäischer Regierungen und besonders die Deutschlands weitgehend ausgeblendet. Auch seine politischen Interventionen in den Nahost-Konflikt beschränken sich auf eine Verurteilung von Israel und der USA. Die Politik der Palästinenser wird von Chomsky keiner kritischen Würdigung unterzogen. Sie sind in seinem Weltbild Statisten einer omnipotenten USA.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich Chomsky auch vor falschen Freunden nicht retten kann. So hat der Herausgeber der neofaschistischen Nationalzeitung Gerhard Frey mit Chomsky ein Interview geführt und lobt seine Bücher in höchsten Tönen. Vermutlich war der Professor aus den USA über die politische Ausrichtung des Blattes nicht informiert. Ob er dann das Interview tatsächlich verweigert hätte, ist zumindest fraglich. Schließlich verteidigt Chomsky bis heute hartnäckig das Recht auf Meinungsfreiheit auch für Holocaustleugner oder -relativierer.

Auch seine aktuelle Preisverleihung ist ein politisches Signal. Chomsky liefert mit seiner US-Kritik die Stichworte, die in einem selbstbewussteren, sich zunehmend von den USA abkoppelnden Europa längst aus den Publikationen der Linken und Friedensbewegten in die Verlautbarungen der deutschen oder französischen Regierungsstellen gewandert sind. Die Preisverleihung selber kann als gelungene Symbiose von Regierungspolitik mit Bewegungselementen interpretiert werden. So hat der Chomskyübersetzer Michael Schiffmann die Laudatio. Der hat sich erst kürzlich als Heidelberger Friedensaktivist gegen Kritik an der umstrittenen Kampagne "10 Euro für den irakischen Widerstand ("Spenden für den Terror") verwahrt. Was zumindest den Verdacht nahelegt, dass Schiffmann ebenfalls nur die Rolle der USA in der Weltpolitik kritisiert und andere Akteure ausblendet.

Während man den US-Bürger Chomsky zugute halten kann, dass er eben in erster Linie sein eigenes Land kritisiert, kann das von seine Interpreten in Deutschland und anderen Ländern nicht gesagt werden. Die einseitige Vereinnahmung erfahren natürlich gegenwärtig neben Chomsky auch andere prononcierte Kritiker der US-Politik. So kann sich Michel Moore vor Preisen und Sympathie für sein Bush-Bashing nicht retten. Künstler, die ähnlich kritisch deutsche Politiker aufs Korn nehmen, fristen ein randständiges Dasein. Was man Chomsky zubilligt, gilt für einen Regierungskritiker aus Deutschland noch lange nicht. Diese Erfahrung musste im November 2003 der Psychoanalytiker Hans Eberhard Richter machen. Seine Ernennung zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Giessen scheiterte am Widerspruch von CDU und FDP. Grund war Richters Pazifismus und seine Ablehnung des Irak-Kriegs.

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