Schönheit vergeht ...

Was bleibt von den Miss-Universe-Wahlen und der Stop-Barbie-Kampagne im russischen Internet?

Schönheit ist bekanntlicherweise vergänglich zumal, wenn sie im Zeitraffer-Medium Internet prämiert wird. Die informatorische Halbwertzeit liegt im Streit-Fall um die russische Anwärterin auf den Titel der Miss Universe 2004 jedoch wesentlich höher.

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Der Skandal um die nationale Kandidatin für das finale Schaulaufen in Quito / Equador hat alle Chancen, in die Annalen der Geschichte des russischen Internet einzugehen. Gewählt wurde nämlich erstmals nicht von einer Jury, sondern von den russischen Internet-Usern und das barg einige Überraschungen. Veranstalter der Wahl war die Firma Firebird Prod. gemeinsam mit dem populären Informationsportal Rambler.ru, dem die technische Durchführung oblag. Eine Stimmabgabe war im Laufe des Monats März in verschiedenen Etappen per Internet, per SMS oder über den hauseigenen TV-Sender möglich.

Logo der Internet-Vorausscheidung von Rambler.ru

Gefallen sind die virtuellen Würfel auf Ksenija Kustowa, eine klassische Schönheit mit (ir)realen Traummaßen. Bekannt gegeben wurde die Entscheidung in einer feierlichen Zeremonie am 16. April 2004 im Moskauer Kasino "Phantom". Tatsächlich stand die glückliche Gewinnerin jedoch nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Schatten eines Phantoms namens Aljona Pisklowa. Pisklowa ist der eigentliche Star der Kandidatinnen-Kür: Sie erhielt die überwältigende Anzahl der Stimmen in der Vor-Ausscheidung und den Preis der "Zuschauer-Sympathien", was auch immer unter "Zuschauern" im Internet verstanden werden mag. Grund für den unerwarteten Erfolg waren ihre prallen Rundungen, ihr "non-konformes" Gesicht, ihre Authentizität, ihre unkoventionellen Antworten im Kandidatinnen-Porträt, kurzum: ihr Mut, als hässliches Entlein gegen die Armada der Schönen und Schlanken anzutreten. Sie wurde zur Ikone des Individuellen und anrührend Aufrichtigen in einem Wettbewerb, der sich traditionell eher mit dem Schein denn mit dem Sein beschäftigt. Und wurde damit zum Anlass und Mittelpunkt der Stop-Barbie-Kampagne, die sich zu ihrer Unterstützung und im Zeichen des Widerstands gegen die globalen Symbol- und Warenströme im (russischen) Internet gebildet hat. "Sag nein zu den Barbie-Puppen. Stimme für Aljona" lautete der Slogan, dem Zehntausende Usern folgten.

Der Sieg war schon in Reichweite, als Aljona und ihrer Fangemeinde eine kleine Mogelei in Form einer falschen Altersangabe zum Verhängnis wurde: Aljona war zum Zeitpunkt des Wettbewerbs erst 15 statt der erforderlichen 18 Jahre alt. Sie wurde vom Wettbewerb ausgeschlossen. Doch kann sie sich mit der sprichwörtlichen Weisheit von der vergänglichen Schönheit trösten der Ruhm und die Tatsache, der globalen Schönheitsindustrie die Stirn geboten zu haben, bleibt ihr hingegen erhalten. Selbst auf dem offiziellen "Logo" des Wettbewerbs erschien denn auch nicht das klassisch-schöne Gesicht der glücklichen Gewinnerin, sondern die sympathischen Pausbäckchen der Aljona aus dem virtuellen russischen Märchenland.

"Sag nein zu Barbie-Puppen". Oder: Die rosa-rote PR-Kampagne

Wie nun hängen das Mädchen aus dem Volk namens Aljona und die Aller-Welts-Puppe Barbie zusammen? Alle Angaben zur schrittweisen Rekonstruktion des Skandals erfolgen angesichts der widersprüchlichen Angaben und hypertextuellen Verzweigungen des russischen Internet ohne Gewähr:

Stop-Barbie-Logo

Nominierung: Aljonas Freundin erlaubt sich einen Spaß und entwendet Photos von deren privater Homepage, die sie mit einem fingierten Fragebogen zur Bewerbung bei der Miss-Universe-Wahl einreicht: Aljona im Badeanzug und mit Matrjoschka-Figur, Aljona im dicken Woll-Pullover, Aljona am Strand mit einem Sandkunstwerk, das einen anderen, nicht weniger un-koventionellen Star des russischen Internet, die Comic-Figur Masjanja darstellt.

Entdeckung: Der Designer Roman Schreibikus stöbert unter den geklonten Schönheiten des russischen Miss-Universe-Wettbewerbs die unverwechselbare Aljona auf. Und ist begeistert von dem Mädchen, das sich in unvorteilhafter Positur der Armada von idealen Maßen entgegenstellt. Das verdiene die Unterstützung aller Fans des Authentischen und Nicht-Normierten. Schreibikus veröffentlicht in seinem Live-Journal einen entsprechenden Unterstützeraufruf: jede Stimme für Aljona sei eine Stimme gegen die Angepasstheit und die Wahllosigkeiten des russischen Alltags. Anscheinend hat er einen wunden Punkt getroffen. Die kommunikative Basis des privaten Live-Journals reicht schnell nicht mehr aus, um das Geschehen zu kontrollieren und weiter zu steuern.

Promotion: Eine programmatische Unterstützer-Homepage wird ins Leben gerufen, unter dem Label der "Stop-Barbie-Kampagne" und in hübschem Zart-Rosa. In kräftigen Farben kommt die Programmatik daher, die den "Fall Aljona" zum Indiz macht, zum Zeichen eines zunehmenden Unbehagens an den globalisierenden und damit unifizierenden und kulturnivellierenden Tendenzen der zeitgenössischen Medien-Welt stilisiert. "Aljona" sei eine Figur, in der sich die Probleme des zeitgenössischen Russland und der Welt offenbaren.

Enttarnung: Doch offenbaren sich in der Figur Aljona nicht nur die Problemzonen der Gesellschaft im globalen Wandel, sondern im Gegenteil auch die Vorteile der grenzenlos medialisierten Welt. Zwar geraten die Veranstalter des Wettbewerbs, allen voran die Verantwortlichen von Rambler.ru, zunehmend unter Druck, doch münzen sie alle Diskussionen um das problematische Prozedere und mögliche Tricksereien bei der Stimmabgabe in eine beispiellose Werbe-Kampagne um. Und es klingelt in der Kasse, denn Voten per SMS werden bald kostenpflichtig. Auf dem Höhepunkt der Aufregungen um die russische Miss Universe erfolgt die für die Veranstalter durchaus glückliche Enttarnung der unmöglichen Anwärterin, die aufgrund des Regelverstoßes von der weiteren Teilnahme ausgeschlossen werden kann. Um die in Stimmung geratene Internet-Öffentlichkeit bei Laune zu halten, erhält Pisklowa den Trost-Preis der Zuschauer-Sympathien und ein paar Prozent aus den Einnahmen, die sie dem Wettbewerb durch ihre unerwartete Popularität beschert hat.

Aljona am Strand

Die Stimmung ist versöhnlich. Die Internet-Gemeinschaft ist von ihrem unerwarteten Erfolg begeistert: Mission accomplished. Der Producer von Miss.Rambler.ru, Iwan Zasurski, gratuliert den Netz-Aktivisten zu ihrem überragenden Erfolg, der jedoch in letzter Konsequenz die Dominanz und den Erfolg der normierten Schönheit nicht wirklich in Frage stellen konnte. Aljona selbst nimmt mit einer Videobotschaft an ihre Anhängerinnen Stellung: nach ihren 15 Minuten im Rampenlicht bedankt sie sich artig für die Unterstützung und gibt ihren Rückzug ins Privatleben bekannt, nicht ohne den Konkurrentinnen alles Glück für die bevorstehende Wahl zu wünschen.

Doch mit dem Abflauen der Euphorie kommen erste kritische Stimmen und Fragen auf: Wie steht es um die Legitimität der Entscheidungsprozeduren und der Abstimmungsverfahren des Wettbewerbs? Welche Interessen vertreten die Organisatoren von Rambler? Kommen die Gelder aus der SMS-Kampagne tatsächlich wie versprochen Aljona zu Gute? Welche Rolle spielt Schreibikus? Ist das Anti-Globalisierungs-Pathos wirklich das Anliegen der Internet-Kampagne? Oder handelt es sich um einen (bösen) Spaß, der nicht zuletzt zu Ungunsten der eigentlich ganz unbeteiligten Aljona verlief? Und wer hat hier eigentlich wen "manipuliert" und "medialisiert"? "Mit unseren Händen schufen die PR-Technologen der Korporationen einen Namen" fasst der Journalist Jewgeni Zolotow die Situation kritisch zusammen.

Authentizität versus schönen Schein

Die Authentizität Aljonas ein Schlagwort in den Diskussionen um die "echte Schönheit" der russischen Miss ist denn auch zumindestens fragwürdig. Schließlich trat sie mit einer fingierten Biographie und einem fiktiven Alter in Erscheinung. Auch der Familienname Pisklowa ist ein Pseudonym, angeblich eine Reminiszenz an eine unglückliche Liebe. Immerhin der Vorname stimmt glücklicherweise, denn er ist "typisch russich" und erinnert an das gleichnamige pausbäckige Mädchen aus der Schokoladenreklame, was seine Eignung zum Markenzeichen für kräftige Schönheit à la russe befördert.

Das russische Schokoladenmädchen

So wurden denn auch bald Diskussionen laut, ob Aljonas spektakulärer Auftritt Teil eines abgekarteten Spiels sei, das lediglich der Popularisierung des unscheinbaren Wettbewerbs gedient habe. Auch die Lauterkeit der Motive des Initiators und Stop-Barbisten Roman Schreibikus steht mittlerweile zur Disposition. Sind die hehren Losungen zum Kampf gegen globale Schönheits-Stereotypen und Markenzeichen, mit denen die Kampagne verbrämt ist, ernst gemeint? Oder handelt(e) es sich ganz einfach um einen Joke unter Kollegen, der über den Tellerrand des Privaten geschwappt ist? Eine Form des im russischen Internet viel geliebten "stjob", eine Form der Wortspielerei, allerdings weniger mit lexikalischem denn mit (kulturellem) Sinn. In den Zeiten des medialen Scheins ist eben weder der visuellen, noch der verbalen Botschaft noch zu trauen!

Fan-Art. Oder die Ästhetik des Widerstands

Diese Botschaften der Unterstützer wie der "Widersacher" - sind jedoch unbestritten schön. Die Unterstützer-Site ist für russische Verhältnisse schlicht und schlank gestaltet; die Texte in den Foren, den Live-Journals oder der Presse übertreffen sich angesichts des dankbaren Bild- und Symbolmaterials in ihrer verbalen Eleganz. Die ausgefeilte Rhetorik des Anti-Globalen-Diskurses wird auf der Stop-Barbie-Seite in schönster Manier entwickelt und mit dem wachsenden Erfolg der Kampagnen in den ausländischen Medien mittlerweile auch in englischer Sprache geliefert. Ein Boom von Fan-Art setzte ein: Fotos und Logos, Clipart und Fotomontagen zum Beispiel eine im Mausoleum zu Grabe getragene Barbie-Puppe , Banner und Websites, die Aljona zur Ikone oder zum Schreckensbild stylen ein kreatives Feuerwerk der Internet-Folklore. Besonders aufschlussreich ist das im Netz allgegenwärtige Foto der Heldin in einem knallroten T-Shirt mit dem eigenen Konterfei darunter der Slogan "Barbies no pasaran".

Das Bild im Bild im Bild zeigt die Verschachtelung der privaten und der öffentlichen Person, zu der Aljona im Rahmen der Kampagne geworden ist. Ein ähnlicher Prozess verschuf dem bisher im engen Kreis bekannten Designer Roman Schreibkus on- wie offline unerwartete Popularität. Über das Live-Journal als einem privaten Forum ist dieser nun selbst zu einer öffentlichen Person geworden, und zu seinem eigenen Amüsement zum gefragten Spezialisten in Schönheitsfragen.

Aljona selbst hat sich mit ihrer Rolle mittlerweile scheinbar identifiziert und die Bilder ihres privaten und öffentlichen Daseins wieder in Übereinstimmung gebracht: In einem Interview erklärt sie ihre Teilnahme an dem Wettbewerb als einen bewussten Protest gegen die Standardisierung von Schönheitsvorstellungen, eine Reaktion auf persönliche leidvolle Erfahrungen und eine Ermutigung für Mädchen ihres Formats. Vergessen ist die nicht minder hübsche Geschichte mit der Spaß-Nominierung durch die beste Freundin, nachzulesen in einem anderen Interview. Welche der Versionen "echt" ist, lässt sich kaum mehr unterscheiden, denn mittlerweile kursiert eine Vielzahl von Text-Fiktionen durchs Netz.

"Barbie" Aufbauhelferin der Zivilgesellschaft im russischen Internet?

Der Genuss an der Ästhetisierung ist zentraler Bestandteil des Skandals und der "Kampagne", die möglicherweise nur am Rande politische Erwägungen zum Ausdruck bringt. Sicherlich sind die Betonung der Wahlfreiheit, die das Internet ermöglicht sowie die Euphorie angesichts der Entscheidungsmacht des "einfachen Users" im Kontext der letzten Pseudo-Parlaments- und Präsidentswahlen auch als politischer Kommentar zu sehen.

"Vor dem Hintergrund der grauen Realität" mit ihren (scheinbar) beschränkten Wahlmöglichkeiten ist, so drückt es einer der Forums-Besucher aus, die Stop-Barbie-Aktion besonders erfrischend und unterhaltsam. Während der Wahlen selbst trafen die Manipulationsbestrebungen der Regierung allerdings auch im russischen Internet auf keinen nennenswerten Widerstand, abgesehen von wenigen Projekten wie denen des Programmieres und Schriftstellers Maksim Kononenko, der seit Jahr und Tag eine Art Kreml-Web-Soap-Opera im Netz publiziert mit der Hauptfigur Vladimir Vladimirovic (Putin) in Deutsch, Englisch und Spanisch! Andere Projekte und Websites wie diejenige des Aktionskünstlers Oljeg Kirejew, der zu einem Boykott der Wahlen aufrief, sind eher in der Minderzahl und verhältnismäßig unbekannt.

Nach Meinung des Internet-Managers und Historikers Dmitri Iwanow im noch unveröffentlichten Interview mit den Autorinnen, der im Rahmen des Fonds für Effektive Politik lange Zeit an der Schaffung eines "offiziellen" politischen Internet beteiligt war, ist das Internet in Russland entgegen allen staatlichen Initiativen zu seiner Kontrolle - zwar frei von Zensur, jedoch genauso frei von (politischer, gesellschaftlicher) Bedeutung.

Spiegelt sich diese Bedeutungslosigkeit, diese (Selbst-) Beschränkung auf verspielte Nebenschauplätze, nun in dem Barbie-Hype um die Miss-Universe-Wahlen wider? Oder wird Barbie im Gegenteil zur Aufbauhelferin der russischen Zivilgesellschaft, des Widerstands im Netz? Die Vielzahl der euphorischen Reaktionen der ausländischen Presse, die das Anti-Globalisierungs-Sujet aus dem russischen Netz nur allzu gerne aufgriffen inklusive dieses Texts , bringt zumindest eine solche Erwartungshaltung zum Ausdruck. Als "Schönheitskönigin der Herzen" bezeichnete sie gar die Süddeutsche Zeitung.

Schönheit vergeht ...

... was bleibt von der Stop-Barbie-Kampagne? Das ursprüngliche Live-Journal, das der Popularisierung des Phänomens und Phantoms Pisklowa gewidmet war, wurde bereits eingestellt. Die Neuauflage unter anderer Adresse krankt an mangelndem Interesse und geringer Qualität der Beiträge. Von ihrem "Sieg" regelrecht euphorisierte Kampagnen-Anhänger fordern auf der Homepage dennoch eine Fortsetzung des erfolgreichen Kampfes: schließlich gebe es noch genug (internationalen) Disziplinierungs- und Anpassungsdruck, dem man widerstehen könne und müsse. Beispielsweise könne die Verteidigung der kostenlosen Web-Bibliotheken, die im März 2004 aufgrund von Copyright-Streitigkeiten in die Schusslinie der Justiz geraten waren, auf ähnlich effiziente Weise verteidigt werden (Urheberrechts-Piraterie oder Erhaltung nationalen Kulturguts?).

Das russische Internet hat sich zu seinem 10. Geburtstag also gleich mit zwei großen Skandalen selbst beschert, die seine Lebendigkeit unter Beweis und auf die Probe stellen. Nach gut einem Jahrzehnt der Formierung ist das Runet, wie es von seinen Usern gerne genannt wird, in der weltweiten Realität des Copyrights und des Kommerzes endgültig angekommen. Auf der einen Seite stehen die Attacken der kommerziellen Literatur- und Kulturanbieter die versuchen, private Initiativen aus dem Netz zu verdrängen oder durch Werbestrategien zu marginalisieren. Auf der anderen Seite formiert sich der Widerstand gegen die wachsenden Kommerzialisierungstendenzen.

Dass Barbie als Inbegriff eines global vertriebenen Schönheitsbildes dabei eine Hauptrolle zufällt, ist nicht neu. Bereits 1993 wurde der Barbie-Puppen-Hersteller Mattel Opfer eines Sabotageaktes der besonderen Art: In einem Bekennervideo, das zahlreichen Nachrichtenstationen der USA zugespielt worden war, gab die Barbie Liberation Organization (BLO) bekannt, dass ein internationaler Zusammenschluss sprechender Spielzeugpuppen gegen die ihnen aufgezwungenen Sätze protestiere. Deshalb seien passend zum Weihnachtsgeschäft in 43 US-Staaten die Stimmen von insgesamt 300 Teen Talk Barbies durch die der martialisch sprechenden Soldatenfigur GI Joe ersetzt worden. Und tatsächlich: Während Barbie ihren neuen Puppimuttis ungewohnte Sätze wie "Tote lügen nicht" entgegenraunzte, klagte Joe darüber, wie schwierig Mathematik sei und schlug seinen erstaunten Besitzern stattdessen vor, einkaufen zu gehen.

Ziel der Aktion sei es laut BLO gewesen, die Fortschreibung geschlechterspezifischer Stereotype bei der Herstellung von Spielzeug als "terroristischen Akt gegen Kinder" zu brandmarken. Doch erst die Medien, die sich einen wahren Wettstreit um die Erstberichterstattung geliefert hatten, verhalfen dem anonymen Kollektiv selbsternannter Freiheitskämpfer zum Erfolg. Sogar in der Fernseh-Comic-Serie "Die Simpsons" tauchte die Geschichte um Barbies verzweifelten Geschlechterkampf wieder auf.

Im Unterschied zur aktuellen Stop-Barbie-Kampagne im russischen Internet, die auf einen Streich unter Freundinnen zurückgeht und erst im Laufe der Zeit zu einem Medien- und Marketingfeldzug des Roman Schreibikus & Co. geraten ist, war die Aktion der BLO von Anfang an in das professionelle Widerstandsmanagement von ®TMark eingebunden. Die im Geheimen operierende Künstlergruppe hatte 1991 ein alternatives Investmentfond-System ins Leben gerufen, das den Austausch von Ideen, Geld und Ressourcen für kreative Sabotageakte ermöglichen sollte. Auf der Website von ®TMark finden sich mittlerweile 16 verschiedene Fonds, die allesamt der Koordination und Finanzierung von Aktionen gegen die stetig wachsende Macht der multinationalen Konzerne dienen.

So werden zum Beispiel zur Zeit Personen gesucht, die in Anknüpfung an die BLO-Aktion Warnhinweise an Barbie-Puppen anbringen, die auf die Gefahren von Fettabsaugungen, Brustimplantaten und plastischer Chirurgie aufmerksam machen. Auch der Preis sei höher zu etikettieren, um die steigenden Kosten für die plastische Puppen-Chirurgie zu kompensieren. Im Gegenzug erhalten die Kundinnen ein Rückgaberecht, von dem sie Gebrauch machen können, falls ihre Barbie als Folge nachträglich auftretender Komplikationen aus dem Leim geht.

Wer sich von diesem Aufruf angesprochen fühlt, kann nun auf zwei Arten aktiv werden. Entweder er führt die Aktion selbst aus oder er investiert Geld, das der Saboteur nicht zuletzt für sein Risiko erhält, und bekommt je nach Investitionsvolumen einen Titel verliehen. Mit der höchsten Auszeichnung (Cultural Terrorist) darf sich schmücken, wer über 1000 Dollar anlegt.

Da eine hohe Dividende in Form starker Medienresonanz nur bei spektakulären, noch nie dagewesenen Aktionen zu erwarten ist, wundert es nicht, dass die Etiketten-Idee bislang noch keinen Investor gefunden hat. Ganz oben auf der Projektliste steht dagegen der sogenannte "Baby-Fund", in dem für einen besonders risikobereiten Aktivisten gesammelt wird. 6000 Dollar erhält, wer ein internationales Unternehmen unter den Augen der Medienöffentlichkeit dazu bewegt, in Bildung und Gesundheit eines sozial benachteiligten Babies zu investieren, das als Gegenleistung das Logo des Unternehmens auf seinen Körper tätowiert bekommt. Laut ®TMark steht die Aktion kurz vor ihrer Realisierung.

Nun sind sich die Kultursaboteure durchaus der Tatsache bewusst, dass ihre Botschaft in der Zusammenarbeit mit dem Mainstream-Journalismus stets Gefahr läuft, verändert zu werden und sie jederzeit selbst zum Label werden können. Nicht umsonst haben sie sich bereits im Vorfeld als ein solches deklariert und in Anlehnung an das Akronym für "eingetragenes Markenzeichen" (Registered® Trademark) ®TMark genannt.

Dass erfolgreich praktizierte Formen des Widerstands ob bewusst (BLO) oder unbewusst (Aljona "Pisklowa") früher oder später in den Verwertungsprozess des Kapitalismus integriert werden, darf jedoch nicht ihren gesellschaftlichen Wert in Frage stellen. Sie hinterlassen allemal kleine Risse im System, in denen sich subversives Gedankengut anlagern und mitunter materialisieren kann. Wie etwa im Fall der BLO-Aktion, die Mattel einige Jahre später bewogen haben mag, eine "Barbie for President"-Puppe auf den Markt zu bringen.

Angesichts seines Schattendaseins bis Ende der 90er Jahre ist das Widerstandspotential gerade des russischen Internet noch lange nicht erschöpft. Im Gegenteil: Mit der wachsenden Anzahl von Usern und der steigenden Popularität vergrößern sich sowohl die Möglichkeiten als auch die Notwendigkeiten der Schaffung von Gegenöffentlichkeiten, siehe dazu insbesondere die Arbeiten des russischen Internet-Forschers Jewgeni Gorny, die zum Teil auch in englischer Sprache vorliegen. Ob diese in Zukunft auch stärker an gesellschaftspolitische Zielsetzungen geknüpft sein werden, bleibt abzuwarten. Die zur Zeit laufenden Diskussionen zum Thema Copyright könnten durchaus richtungsweisend sein.

Henrike Schmidt und Katy Teubener leiten ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Forschungsvorhaben zum Thema der kulturellen Identitätsbildung im russischen Internet. Nähere Informationen unter Russian Cyberspace.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17497/1.html
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