Der Planet des freien Wissens

01.06.2004

Die Zukunft der digitalen Allmende ist das Thema der Veranstaltung Wizards of OS 3

Wizards of OS 3 (10.-12. Juni im Berliner Kongresszentrum) bringt eine interdisziplinäre Gruppe führender Gelehrter und Praktiker vom Planeten des freien Wissens zusammen. Auf diesem Planeten tut sich viel. Überall erzeugen Menschen Informationen und tauschen sie aus. Sie arbeiten zusammen, um ein solides Fundament aus freier Technologie zu bauen und Kathedralen des Wissens - von allen, für alle - wie Wikipedia zu errichten. Einige bemühen sich, die Wissenschaft wieder zu ihren philosophischen Grundlagen zurückzuführen: zum uneingeschränkten Austausch an Ideen und zu der Freiheit, die wesentlich ist für Forschung und Innovation.

Das Prinzip der westlichen Wissenschaft, das Prinzip der freien Software und das Prinzip der Nichtausschließung sind der Entwicklungsweg für das 21. Jahrhundert.

Die Archivare auf diesem Planeten sind damit beschäftigt, die Reichtümer des digitalen Kulturerbes zu bewahren und sie allen zugänglich zu machen. Andere erforschen neue Formen der Vernetzung, sozialen oder politischen, drahtlos oder Peer-to-Peer. Wieder Andere arbeiten kreativ mit Instrumentarium des Recht und der Vertragsfreiheit, um die Grenzen dieses Planeten der Freiheit zu verteidigen.

Schließlich grenzt dieser Planet unmittelbar an eine andere Welt. Eine Welt, in der Wissen und Kultur mit Stacheldraht eingezäunt sind und in der kreative Arbeit unter Nicht-Weitergabe-Verpflichtung stattfindet, und ihre Ergebnisse in gesetzlich gehärtete Black Boxes eingekapselt werden. Hier gibt es eine klare Trennung zwischen professionellen Produzenten von Information und Kultur und ihren Konsumenten.

Auf dem Planeten des freien Wissens dagegen kann jeder gerne etwas beitragen. Der PC und das Internet haben die Macht der vernetzten Intelligenz freigesetzt. Der Planet des Wissens manifestiert sich in menschengemachten Symbolen und seine Regierungsform ist eine "semiotische Demokratie" (William Fisher). Seine Bewohner sind bereitwillig zu teilen, aus dem sehr egoistischen Grund, sich gegenseitig bereichern zu wollen.

Auf diesem Planeten gibt es viele Währungen, monetäre und andere, in denen Beiträge zum gemeinsamen Wissensbestand vergütet werden. Gegenwärtig werden neue Systeme entwickelt, um die richtige Balance zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Kreativen und ihrer Dienstleister sowie den Bedürfnissen der Wissens-Allmende zu finden. Systeme, die einen Fair Deal darstellen würden, ohne die geringste Notwendigkeit für digitalen Stacheldraht. "In anderen Worten, Kompensation ohne Kontrolle." (Lawrence Lessig)

Die Existenz des Planeten des freien Wissens zeigt drei einfache Tatsachen des Lebens:

  1. Freiheit funktioniert. Sie funktioniert ausgezeichnet für die kooperative Genomanalyse, Software-Entwicklung, Herstellung von Enzyklopädien, Musik-Samples und vielen anderen Wissensformen.
  2. Freiheit zahlt sich aus. Dass die Gesamtkosten des Besitzes von freier Software geringer sind als die von proprietärer Software, ist offensichtlich. Auf der anderen Seite ist der Preis, den die Gesellschaft als Ganze für geheime technologische Grundlagen in Privatbesitz - gleich, ob es sich um Betriebssysteme, Standards oder Suchmaschinen handelt - zahlen muss, viel höher, als man sich vorstellen kann.
  3. Freiheit ist ein Wert, den viele Menschen schätzen. Wer wäre nicht gerne imstande, frei auf den gesamten Wissenskorpus in einem bestimmten Gebiet zugreifen und von diesem lernen zu können, wie dies bei freier Software der Fall ist?

WOS 3 ist eine Versammlung der Bewohner dieses Planeten der Freiheit. Ein Treffen des offenen Geistes und der offenen Kulturen. Eine mächtige Demonstration der vielfältigen Digitalen Allmende.

WOS 3 wird auch Fragen stellen. Viele neue Herausforderungen liegen vor uns. Viele der Werkzeuge können verbessert werden, um der Allmende noch besser zu dienen. Welche neuen ehrgeizigen Projekte werden entstehen? Auf dem Planet des Wissens sind die neuen Länder, die sich entdecken lassen, nur durch unsere Fantasie begrenzt. Da der Planet des freien Wissens und der des kontrollierten Wissens Nachbarn sind, aber ihre Philosophien und sozialen Strukturen sich so grundsätzlich unterscheiden, kommt es zu Reibungen. Wie können sie behoben werden, so dass beide Seiten auf gut nachbarschaftliche Weise miteinander leben können?

So lange das Marktparadigma die einzige Grundlage darstellt, um über die künftige rechtliche Umwelt von Information und Kreativität nachzudenken, werden solche Fragen nicht einmal gestellt. Über die Allmende zu sprechen, hilft uns dagegen, eine neue Form des Dialogs zu beginnen und eine breite Bewegung zur Verteidigung unseres gemeinsamen Reichtums aufzubauen.

Drei Tage lang werden sich auf Wizards of OS 3 100 Fachleute aus 23 Ländern Gedanken über die Zukunft unseres digitalen Gemein- wesens machen (Programmübersicht). Programmierer, Künstler, Wissenschaftler und Aktivisten präsentieren ihre Projekte, leiten Workshops und diskutieren mit den Teilnehmern, wie freie Software, freie Inhalte, freie Netze und offene Archive für eine neue Wissensordnung fruchtbar gemacht werden können.

Die WOS 3 präsentiert erfolgreiche Beispiele auf dem Weg dorthin, die zur Nachahmung und Weiterentwicklung anregen sollen, zum Beispiel die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia und das freie Hardware-Design des Simputers. So wie unsere natürliche Umwelt nur dank einer inzwischen mächtigen (Umweltschutz-)Bewegung erhalten bleibt, braucht unsere digitale Umwelt entsprechenden Schutz vor der Privatisierung. Der glo- balen Herausforderung einer geeinten Bewegung für die Wissensfreiheit stellen sich u.a. Lawrence Lessig, Gründer der Creative Commons- Initiative, die Allmende-Forscherin Charlotte Hess und der Rechtsprofessor und Autor der GPL Eben Moglen.

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