Abhängen in 30 Kilometer Höhe

Jörg Prigge 01.06.2004

Erste Tests zum Bau des bemannten Riesenluftschiffs "Dark Sky Station" starten in Kürze - Bau eines militärischen "Cargolifters made in USA" wird wahrscheinlicher

Wenn das Wetter mitspielt und der Wind nicht all zu heftig weht, wird sich in den nächsten Tagen das so genannte "Ascender"-Luftschiff von der texanischen Wüste aus auf den Weg in die Stratosphäre machen. Das Ungetüm besteht aus zwei v-förmig miteinander verbundenen Schläuchen, jeder davon gut 50 Meter lang und mit Helium gefüllt. Bis in eine Höhe von 30 Kilometern soll es hinauf steigen, dort mehrere Stunden verharren und dann via Fernsteuerung wieder zur Erde zurück gleiten. Doch dies ist nur der erste Testlauf auf dem Weg zu neuen Megaprojekten in der Luftschifffahrt.

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Luftschiff "Ascender", JP Aerospace

Seit Jahren schon arbeitet John Powell, Gründer der Kalifornischen Firma JP Aerospace an der Idee, riesige Luftschiffe in extremen Höhen zu platzieren. Der Grund: Sie sind weit aus kostengünstiger als Satelliten und können zum Austausch von Instrumenten oder Reparaturzwecken wieder zur Erde zurückgeholt werden. Klar, dass das Pentagon an dem Projekt starkes Interesse zeigt - denn schließlich könnten die Schiffe kurzfristig wichtige militärische Überwachungsaufgaben übernehmen. Und im Gegensatz zu Spionage-Flugzeugen wären sie vom Boden aus in dieser Höhe nur schwer zu attackieren.

Doch für Powell und sein 50-Mann Team ist der Testflug vom "Ascender" erst der Anfang für weitaus höhere Ziele. Geplant ist eine bemannte Plattform, ähnlich der ISS (vgl. dazu Quo VadISS?) - nur in rund 40 Kilometern über der Erde. Auch hier bilden Helium gefüllte Ballons die Grundlage, der Durchmesser dieser so genannten "Dark Sky Station" wird dann rund zwei Kilometer betragen. Die Energieversorgung sollen dabei auf die Ballons aufgetragene Solarzellmatten übernehmen, das kurzfristige Absinken zu den Jet-Streams sorgt dann für die mögliche Fortbewegung.

Damit nicht genug. In einer dritten Stufe soll sich von dieser Plattform aus ein noch größeres Luftschiff (vier mal so groß wie der "Ascender") auf den Weg in den Orbit machen. Da aber ab 40 Kilometern Höhe die Grenze für Ballons zu einem weiteren Aufsteigen aufgrund des Eigengewichts erreicht ist, soll das Gefährt mit Hilfe eines Ionen-Antriebs (wie er z.B. bei der Mondsonde SMART1 schon zum Einsatz kam) auf Touren gebracht werden.

Doch bis zur praktischen Umsetzung dieser Vision ist es noch ein weiter Weg. Um sich in der Erdumlaufbahn halten zu können, müsste das Gefährt auf eine Geschwindigkeit von Mach 25 beschleunigt werden - Belastungen, welche die momentan verfügbaren Materialien der Heliumballons noch nicht überstehen könnten.

Daher richtet sich das Interesse der Ballon-Bastler zunächst auch auf das konkret Umsetzbare: Für den Start des im Verhältnis zu diesem Projekt klein anmutenden "Ascenders" ist der Zeitraum vom 7. bis 21. Juni eingeplant. Erst wenn der Jungfernflug in die suborbitalen Höhen erfolgreich gemeistert wird, besteht Aussicht auf Förderung von Folgeprojekten.

geplantes Ballon-Raumschiff

So illusorisch sich diese Projekte der kalifornischen Bastler anhören mögen, so real ist der Drang - insbesondere des amerikanischen Militärs - die Entwicklung weiterer gigantischer Luftschiffe anzukurbeln. 40 Millionen US-Dollar hat beispielsweise das Pentagon für den Rüstungskonzern Lockheed Martin zum Bau eines riesigen Zeppelins locker gemacht. Das so genannte "High Altitude Airship" (HAA) soll sich mit einer Länge von gut 150 Metern und einer möglichen Flughöhe von 20 Kilometern als Überwachungsschiff ein Jahr lang in der Luft halten können.

Eingebettet ist das Projekt in das ominöse "Ballistic Missile Defense- System" (vgl. dazu Das Raketenabwehrsystem: das Toll-Collect-Projekt der Bush-Regierung) Starttermin für den Flug eines ersten Prototyps des HAA ist für das Jahr 2006 anberaumt. Mittlerweile zeigt auch das US-Ministerium für Heimatschutz verstärktes Interesse an diesem Multimillionen Dollar-Projekt. Schließlich soll später ein um den Globus gespanntes Netzwerk von Überwachungsluftschiffen errichtet werden, um vermeintliche Terrorbedrohungen schneller orten zu können.

"High Altitude Airship", Lockheed Martin

Noch eine Nummer größer fährt momentan die DARPA, der Forschungsableger des Pentagon, die Planung um die Zukunft der Luftschifffahrt. Das so genannte "Walrus-Project" wird nach Bekunden der Verantwortlichen alles bis dahin da gewesene in den Schatten stellen: 500 Tonnen Fracht soll das größte Luftschiff aller Zeiten dann transportieren können - entsprechend einer militärischen Einheit inklusive Soldaten und Gerät. Und dies über eine Strecke von mehr als zehntausend Kilometern. Gelingen soll dies durch den Einsatz einer neuen Hybrid-Technik, welche die Auftriebseigenschaften eines Flugzeuges mit dem leichter-als-Luft-Auftrieb eines Luftschiffs kombiniert.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es also kein Wunder, dass das Fachmagazin "Aerospace America" schon jetzt ein neues Zeitalter der Luftschifffahrt ausruft. Und auch wenn Vielen bei solch Getöse eher Assoziationen um die Pleite des Cargolifters (vgl. dazu Die Wiedergeburt eines Klassikers) in den Kopf schießen mögen, gibt es hinsichtlich der Verwirklichungschancen im Vergleich zu dem gescheiterten deutschen Projekt einen gravierende Unterschied: die Pläne der US-Militärs finden unter ganz anderen Prioritäten statt, die eine tatsächliche Finanzierung (und mögliche Umsetzung) viel wahrscheinlicher macht.

Denn der Schock bei den Verantwortlichen über die tatsächlichen Transportkapazitäten der US-Streitkräfte seit Beginn des Irak-Kriegs sitzt immer noch tief: Nicht nur dass sämtliche Frachtflugzeuge bis an die Kapazitätsgrenzen im Dauereinsatz waren - zudem musste auch noch die zivile Reserve der amerikanischen Luftflotte mobilisiert werden. Nur mit Hilfe dieser kommerziellen Fluglinien war es möglich, die über tausend Transporte in den ersten vier Monaten nach Beginn des Krieges zu bewältigen, bei denen eine Viertelmillionen Soldaten in den Nahen Osten und sonst wo auf der Welt verschoben wurden.

Angesichts dieser Engpässe ist es nahe liegend, dass der Bau riesiger Transport-Zeppeline zur schnellen Truppenverlagerung für künftige militärische Interventionen auf der Wunschliste der US-Streitkräfte immer weiter nach oben rücken wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17551/1.html
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