Die neue Lockerheit eines Serien-Zauber-Stars

Peter V. Brinkemper 03.06.2004

Warner Brothers "Harry Potter und der Gefangene von Askaban"

Eine siebenteilige Verfilmung ist wie ein Vampir. Chris Columbus hat sich nach seiner harten Aufbauarbeit an den ersten beiden "Harry-Potter"-Teilen zurückgezogen. Richard Harris, der Albus-Dumbledore-Darsteller, ist in allen Ehren hochbetagt verstorben. Sein Nachfolger in Teil 3 ist Michael Gambon. Die Kinderdarsteller sind schwer pubertierende Jugendliche geworden, die für ihre eigenen Nachrichten vom Set sorgen. Daniel Radcliffe (Harry Potter) und Rupert Grint (Ron Weasley) tragen Jeans und Emma Watson (Hermione Granger) stellt sogar ein Hustler-Jubiläums-T-Shirt zur Schau. Gefragt ist ein Regisseur, der die verschiedenen Teile sinnvoll und neu zusammenbringt: Alfonso Cuarón ist der Auserwählte.

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Joanne K. Rowlings Buch "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" erschien im Juli 1999 mit einer relativ schmalen Auflage in Großbritannien, entwickelte sich aber sofort zum Massenverkaufshit, um den gepflegten Horror-Schocker "Hannibal" von Thomas Harris von Platz 1 der Bestsellerliste zu verdrängen.

"Tante Marge geht in die Luft" (Bild

Zu Beginn des dritten Schuljahrs in der Zauberschule in Hogwarts begeht Harry einen folgenreichen Fehler: Er verzaubert seine feiste Tante Magda Dursley, und bricht auf diese Weise mit dem Zauberverbot in der Welt der normalen Muggels. Wider Erwarten wird Harry von Minister für Magie, Cornelius Fudge, auch noch hofiert statt bestraft. Währenddessen warten auf Hogwarts neue Aufgaben und Probleme auf Harry und seine Freunde. Um die Schule haben sich die Dementoren kannibalistische Seelenvampire postiert, um den flüchtigen Gefangen von Askaban wieder einzufangen.

Diabolische Dementoren auf der Jagd nach dem Sündenbock

Die Dementoren sind geisterhafte, mit Kapuzen verhüllte Riesen, Erscheinungen mit leeren Augenhöhlen und grauen, schleimig-glitzernden Körperteilen. Sie verheißen nichts gutes, sie erzeugen in Gegenwart der Menschen unerbittliche Eiseskälte. Der "Exorzist" lässt grüßen. Sie rauben durch einen "Kuss" ihren Opfern die Seele und hinterlassen geistlose Zombies. Sie saugen an den guten Erinnerungen und Stimmungen. Der Bodensatz der schlechten Gefühle, das konsequente Unglücklichsein scheint geradezu überlebensnotwendig zu sein, um in der Gegenwart der Dementoren zu bestehen.

Michael Gambon als Dumbledore (Bild

Hier treten diabolische Seelenführer zwischen Irreführung und Wahnsinn auf. Sie aktivieren in Harry Potters sensiblem Gedächtnis seinen ersten Kampf mit dem Oberbösen Magier Lord Voldemort und die Erinnerung an den Tod seiner Eltern. Andererseits ist das Exil in der melancholischen Gefühlwelt genau jener Schutz vor der völligen Abhängigkeit und Destruktion durch die monströsen Protektoren, durch den der Gefangene von Askaban, Sirius Black (Garry Oldman), überlebt. Und einmal mehr erweist sich ein Gefangener als in Wahrheit unschuldiger Sündenbock, der als Animagus, als rückführbare Hunde-Transformation aus den Händen der bösen Schächer geflohen ist.

Hogwarts weise-durchtriebener Schulleiter Albus Dumbledore ist so gewitzt, dass er den Anspruch der Dementoren nicht folgt: Er lässt die Monster nicht auf das Schulgelände von Hogwarts, denn er argwohnt, dass sie Verbündete und Vorboten von Lord Voldemort sind, der in vielfacher Gestalt an die Macht zurückkehren will. Es stellt sich heraus, dass Sirius Black eine väterliche Schlüsselfigur für Harrys Bewältigung der Vergangenheit ist: Sirius ist Harrys Pate und der beste Freund seiner Eltern. Er hat, gemeinsam mit James Potter, Remus Lupin und Peter Pettigrew (Timothy Spall) die Hilfsmittel für die Magische Tunichtsgut GmbH begründet. Zusammen hatte man viel Spaß an den Zauberstreichen und (nicht immer) freiwilligen Tierverwandlungen der eigenen Persönlichkeit in Hund, Hirsch, Wolf und Ratte, besonders, wenn sich die Streiche gegen den steifen Severus Snape richteten, dem James Potter an der peitschenden Weide aus der Patsche helfen musste, wenn der Freund und spätere Hogwarts-Lehrer-Kollege Remus Lupin seine unkontrollierten Werwolf-Anfälle bekam. Von dieser Dankbarkeit hat Harry immerhin in den beiden vorherigen Folgen bereits einige Male profitiert.

Rupert Grint, Emma Watson, Daniel Radcliffe und der Zauberstab (Bild

Ein wenig wirkt diese Story wie eine burschenschaftliche Genealogie von privilegierten Zöglingen, die wie ihre jüngeren Nachfolger allerlei durchmachen, um schließlich Pfründe, Laster und Intrigen weiter auszubauen. Aber die tierischen und menschlichen Irrungen im Werwolf- und Hundergalopp machen Laune. Es ist wunderbar zu erfahren, dass das fliegende Motorrad nicht dem altbewährten Hagrid, sondern Black gehörte, dass dieser sogar der Trauzeuge von Harrys Eltern war. Diese wählten Black als Geheimniswahrer aus, um den Anschlägen des Lord Voldemort zu entkommen. Durch eine Rochade mit dem kleinwüchsigen Peter Pettigrew schlug der Plan fehl: Der Ersatzverheimlicher Pettigrew erwies sich gegenüber der Macht des Bösen als nicht resistent genug, er wurde zum Verräter von Harrys Eltern und täuschte seine Ermordung durch Black vor, um als Animagus sich freiwillig und rückführbar in die Ratte namens Krätze (Scab, Schurke) zu verwandeln und bei der Familie Weasley sein Dasein zu fristen, bis der schwarze Lord sich zurückmeldete.

"Zauberer Sirius Black gesucht tot oder lebendig" (Bild

Zwar wird er in der neueren Schnitzeljagd enttarnt, doch gelingt dem Bösen ebenso die Flucht wie Sirius, der auf dem digital animierten "Hippogreif" Seidenschnabel entkommt und mal als Mensch, mal als Hund ein wichtiger Verbündeter der Guten bis zum nächsten entscheidenden Kampf bleibt.

Neue Besen kehren gut...

Als Pate hat Sirius Black Harry Potter gleich mit einem neuen Besen bedacht, der Gryffindor zum Quidditch-Pokal-Sieger macht. Aber irgendetwas stimmt mit der Besenbeschreibung nicht. Sollte Joanne Kathleen Rowling angesichts der heraufsteigenden Pubertät ihrer Protagonisten der Besen durchgegangen sein?

"Der Feuerblitz. Dieser Rennbesen nach neuestem Stand der Technik hat einen stromlinienförmigen, superveredelten Stiel aus Eschenholz mit diamantharter Politur und von Hand eingemeißelter Registriernummer. Jede handverlesene Birkenholzrute des Schweifs ist aerodynamisch optimal abgeschliffen, was dem Feuerblitz unvergleichliche Stabilität und haarscharfe Präzision verleiht. Der Feuerblitz beschleunigt von 0 auf 250 Stundenkilometer in 10 Sekunden und ist mit einem unbrechbaren Bremszauber ausgestattet."

Vielleicht ist es schon eine kleine Sensation, dass Alfonso Cuarón, der mit "Y tu mamá también, Lust for Life" 2001 in Mexiko und auf internationalen Filmfestivals für Furore sorgte, jetzt im dritten "Harry Potter" die Regie übernahm. Wenn es für Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley vor allem Zauber und ein bisschen Liebe gibt, dann leben die Freunde Tenoch und Julio in Cuaróns heißem mexikanischen Pubertätsstreifen in einer Welt von Sex und Drogen. Ganz in der Manier von Larry Clarks "Kids" werden sie bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem exzessiven Vögeln gezeigt. Und nichts kann sie davon abhalten, auf einer Familienfeier instinktiv die reifere Luisa aufzuspüren, die nach der Entdeckung der Untreue ihres Mannes und im Bewusstsein sofort in einen Schnellurlaub in eine mexikanische Badebucht mit den beiden Heißspornen einwilligt, um sie nacheinander zu vernaschen. Allerdings mit dem tragischen Beigeschmack einer tödlichen Krankheit der Protagonistin, die den beiden Jungmännern eine Lektion in Sachen Liebes- und Lebenskunst erteilt.

Als "böse" Zauberschüler

Cuaróns scheinbar lockere Filmerzählung mit exzellent auskomponierten und delikat ausgeleuchteten Bewegungsbildern von dokumentarischem Flair außerhalb der sterilen Studios, in den Stierkampfarenen, Supermärkten, auf belebten Straßen und Stränden schafft den unauffälligen Zauber eines authentischen Roadmovie mit einer fast beiläufigen Geschichte, die schwerfällige Symbole, Worte und Gesten vermeidet und doch immer auf den direkten humorigen Punkt in zarten Farbschattierungen und starken Schwarz-Weiß-Kontrasten kommt.

Einiges davon hat Cuaróns auf seinen "Potter" übertragen. Nicht umsonst hat Rowling Cuarón als Wunschnachfolger gelobt: Er habe die umständlich-brave, ja allzu mechanisch-buchgetreue Verfilmung von Teil 1 und 2 durch seinen freieren Stil mit so beeindruckender "Intuition" abgelöst, so dass sogar Ereignisse aus den noch nicht veröffentlichten Bänden 6 und 7 vorweg genommen wären. Rowling empfindet den Regiewechsel als kongenial: Cuarón, der Glückpilz, habe die Umsetzung des Werks übernommen, das fast mühelos entstand, da die Autorin sich finanziell freigeschwommen hatte und den ansteigenden Mediendruck noch nicht so belastend wie heute empfand.

"Alles wird gut"

Insgesamt schafft Cuarón eine rhythmisch pointiertere Vision von größerer Emotionalität, Phantastik und Unheimlichkeit, zeigt er die neue seelische Verwirrung und Reifung des Zauberhelden und seiner Gefährten als ein lebendiges Filmerlebnis und nicht bloß als eine Aneinanderreihung von einzelnen Kapiteln. Allgemein gelobt wird die düstere Vision der Dementoren, die das mentale Gefängnis der "Depression" (Rowling) angemessen umsetzt und aus dem Puzzle der zurechtgefälschten Vergangenheit ein Seelendrama macht, das die Schnitzeljagden der ersten beiden Teile deutlich an atmosphärischer Spannung überbietet. Es gelingt dem Regisseur, seinen bisher bekannten lockeren Stil auch bei dieser ehrgeizigen Großproduktion ein Stück weit zu retten. Der Charme der ganz alltäglichen Welt wird mit der Magie des Möglichen ohne das allzu große Getöse der Special Effects verbunden. So fällt sogar die Darstellung der keineswegs geliebten Muggle-Familie Dursley weniger klischeehaft aus, sie ist von der realen Angst gegenüber den außerordentlichen Fähigkeiten des magischen Adepten geprägt.

Wie sagt doch J.K. Rowling so schön:

"Das ist Alfonsos Version meiner Welt. Dies ist sein Baby. Aus dem ganz offensichtlichen Grund, dass Bücher und Filme andere Medien darstellen, leistet eine allzu wörtliche Umsetzung nicht immer den besten Dienst am Ausgangsmaterial, und ich denke, Alfonso hat genau das getan, was ich erhofft habe

Er hat eine Menge Humor in das Thema gesteckt und ich denke, das ist fantastisch."
"Wer reitet so schnell durch Nacht und Wind?" (Bild

Es sieht so aus, als dürften die Zuschauer eine Lektion in fortgeschrittener Buchverfilmung genießen. Nach der Nummer Sicher bei "Harry Potter 1 und 2" sowie der radikalen Simultanproduktion von "Der Herr der Ringe 1-3" scheint nun ein filmischer Baumkuchen mit mehreren Jahresringen und einem Hauch von Regietheater mit kleineren Interpretationsspielräumen emporzuwachsen, der die anspruchsvoller werdenden Rezeptionsgewohnheiten des Publikums im sorgsam ausgehandelten Dreieck zwischen Filmkonzern, Autorin und Regisseur bedient.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17564/1.html
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