Anschlag auf die Kunst: Bioterrorismus, Kunst und Politik
Aufgrund des Patriot Act wird in den USA ein Künstler, der sich kritisch mit Biotechnologie auseinander setzt, des Bioterrorismus verdächtigt
Am 11. Mai musste der Künstler, Gründungsmitglied des Critical Art Ensembles, das für Telepolis ein Online-Kunstwerk geschaffen hat, und Kunstprofessor Steve Kurtz die traurige Entdeckung machen, dass seine 45 Jahre alte Frau Hope über Nacht gestorben war. Kurtz rief bei der Notfallnummer an. Neben Sanitätern kamen auch Polizisten. Was die an in der Wohnung des Künstlers sahen, der unter anderem für seine Biokunst-Arbeiten bekannt ist, ließ bei ihnen den Verdacht aufkommen, sie hätten das Nest eines Bioterroristen entdeckt.
In hysterischen Zeiten wie diesen, in denen schon aus Gründen der Staatsräson die Angst vor Anschlägen mit unvorstellbaren Auswirkungen sowie das Misstrauen vor Schläfern und anderen Bösen, die ganz unverdächtig wie Jedermann aussehen, können überzogene Reaktionen schnell geschehen. Die Polizisten kamen wegen eines noch unerklärlichen Todesfalls in eine Wohnung, in der sie seltsame Laborausrüstungen, Petrischalen und Bakterienkulturen vorfanden.
Gerade das Trauma eines erneuten Anschlags mit Biowaffen, die besonders unheimlich sind, ist nicht nur in den USA ausgeprägt, aber dort nach den Anthrax-Briefen. deren Urheber noch immer nicht gefunden wurde, noch höher als anderswo. Zumal man durchaus davon ausgehen kann, dass der Absender der Anthrax-Briefe kein muslimischer Extremist, sondern ein Amerikaner gewesen sein dürfte.
Ein totaler Zirkus
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Auf jeden Fall wurde das Haus des Künstlers durchsucht und entsprechend verwüstet, er selbst abgeführt und zwei Tage lang in einem Hotel verhört, Computer sowie Geräte und Substanzen wurden beschlagnahmt, das Haus erklärte man vorübergehend zur Gefahrenzone. Das FBI hat die Untersuchung übernommen. Auch Beatriz da Costa, Dorian Burr und Steve Barnes, drei weiteren Mitgliedern des Critical Art Ensembles, das sich ebenso wie Kurtz und seine Frau schon seit Jahren kritisch mit Biotechnologie beschäftigt, wurden Vorladungen ins Haus geschickt. Auch Paul Vanouse, auch von der Universität von Buffalo und früher beteiligt an Projekten des Critical Art Ensembles, erhielt eine Vorladung.
Untersucht wird aufgrund der Vorladungen der Verdacht, dass biologische Substanzen und Toxine entwickelt worden und in Besitz gewesen seien. Damit wurde nun neben der altbekannten Fragestellung, ob etwas Pornografie oder Kunst ist, vielleicht erstmals die mit erheblichen Folgen verbundene Frage gestellt, ob Bakterienkulturen oder Laborausrüstungen Material eines Künstlers oder eines (potenziellen) Terroristen sind.
Hope Kurtz ist nach Auskunft von Ärzten an Herzversagen gestorben. Es liegt kein Verdacht vor, dass dies von irgendwelchen biologischen Kampfstoffen verursacht wurde. Den FBI-Agenten hatte Kurtz zwar gleich erzählt, was er ist und was er macht, also dass er Biokunst betreibt, gleichwohl tauchten Mitglieder der Joint Terrorism Task Force - die vielleicht endlich mal zum Einsatz kamen - in ihren Schutzanzügen auf, um sein Haus zu durchsuchen und sperrten die Straßen ab. Eine Art Probe auf den Ernstfall also, ein "totaler Zirkus", sagt der Rechtsanwalt von Kurtz. Die gefundenen Bakterienkulturen (E. coli, Bacillus globigii und serratia) wurden untersucht - ohne Ergebnis. Das Haus wurde wieder geöffnet, weil in ihm offensichtlich keine Gefährdung vorlag.
IN einer Email an Joi Ito schreibt Steve Kurtz:
Its a long and complex story.
To shorten it
Ausreizen des Patriot Act
Aber irgendwie hat man anscheinend trotzdem endlich einen Fall gefunden, den man so schnell nicht loslassen will, und pflegt den Verdacht, dass bei dem seltsamen, noch dazu gesellschaftskritischen Künstler, der mit dem Critical Art Ensemble Bücher wie Electronic Civil Disobedience und Other Unpopular Ideas and The Electronic Disturbance geschrieben hat) irgendetwas im "Busch" sein muss. Die Zeiten von McCarthy scheinen tatsächlich unter Bush und Ashcroft wiederzukehren (Friedensdemonstrationen unter Antiterror-Beobachtung). So fragten FBI-Agenten etwa Adele Henderson, die Leiterin der Kunstinstituts an der Universität von Buffalo, an der Kurtz arbeitet, ob es sie überraschen würde, wenn dieser mit Bioterrorismus zu tun habe. Künstler, die sich mit Biotechnologie beschäftigen, nutzen Geräte und Substanzen, die "dual use" sind, also einerseits zivile, andererseits aber auch militärische oder terroristische Anwendungen haben können, eine schwierige Unterscheidung, die auch im Fall des Hussein-Regimes weidlich ausgeschlachtet wurde, aber tatsächlich auch das Problem der relativ einfach herzustellenden Massenvernichtungswaffen darstellen. Andererseits scheint Kurtz die Bakterienkulturen für ein neues Kunstprojekt gehabt zu haben, das sich mit der Förderung der Abwehr von Biowaffen und der Auswirkung auf die Gesundheit beschäftigt.
Grundlage der Vorladungen ist der nach dem 11.9. überstürzt durchgeboxte Patriot Act, der den Besitz eines "jeden biologischen Wirkstoffs, Toxins oder Verbreitungssystems" verbietet, wenn dafür keine Rechtfertigung im Rahmen der Forschung oder eines "friedlichen Zwecks" vorliegt. Wie aber aus dem Besitz von Bakterienkulturen oder einem Gerät für die DNA-Analyse von Lebensmitteln, die Kurtz für seine dokumentierten Arbeiten verwendet hat, der Verdacht auf eine "unfriedliche Nutzung" abgeleitet werden kann, ist leider nicht nur höchst verwunderlich, sondern schon bedenklich, da es sich ja offenbar um keine gefährlichen Geräte oder Substanzen gehandelt hat. Man will möglicherweise den Patriot-Act austesten, der wiederum die Möglichkeit zu bieten scheint, willkürlich gegen unliebsame Personen vorzugehen (Der Patriot Act und der saudische Webmaster).
Schon früher hatte das Critical Art Ensemble Schwierigkeiten. Während einer Vorführung letztes Jahr an der University of Washington war im Rahmen der Arbeit Genterra geplant, transgene, aber ungefährliche E. coli Bakterien mit einem entsprechenden Gerät in der Luft zu verstreuen. Zuschauer sollten auch Bakterien als Andenken mit nach Hause nehmen können. Das wurde schon im Vorfeld unter Druck abgeändert. Verwendet werden sollten nur tote Bakterien, Zuschauer sollten sie nicht mitnehmen. Überdies verlangen aber die National Institutes of Health (NIH), dass an jeder Universität, die öffentliche Gelder erhält, Forschungsvorhaben mit transgener DNA oder gar eine Freisetzun von transgenen Organismen erst einmal von einem Bio-Sicherheits-Kommittee überprüft werden muss. Die Genehmigung ist auch gewährt worden. Das Critical Art Ensemble hat auch Performances mit toten Anthrax-Bakterien ausgeführt.
No law enforcement agency has indicated that they discovered anything illegal on his person, in his home or anywhere else. He's a performance artist whose art makes controversial political statements. It may be weird to some people, but there's nothing illegal about it.
Auf Anraten seiner Rechtsanwälte äußert sich Kurtz nicht zu den Beschuldigungen. Am 15. Juni findet eine Anhörung statt, in der entschieden wird, ob Kurtz angeklagt wird. RTMark (siehe RTMark) ruft zur Unterstützung von Kurtz in Form von Spenden und Protestschreiben auf. Eine Erklärung der gerade in Wien stattfindenden Konferenz Free Bitflows lautet:
Die Konferenz "Free Bitflows" nimmt die breite internationale Beteiligung von KünstlerInnen, WissenschafterInnen und Kulturschaffenden zum Anlass, um die Vorgehensweise der US-amerikanischen Justiz gegen Steve Kurtz mit allem Nachdruck zu verurteilen. Wir fordern die sofortige Einstellung des Verfahrens, die volle Rehabilitierung sowie die Wiederermöglichung der künstlerischen Tätigkeit.
- Globaisierung (24.6.2004 23:00)
- Globalisierung- der Bastard des Kapitalismus (23.6.2004 20:43)
- Re: Think global, die local (23.6.2004 19:45)
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