Visionen vom kreativen Archiv

05.06.2004

Filesharing, Urheberrechtsfragen und der Zugang zu Wissensarchiven standen bei der Konferenz "Free Bitflows" in Wien zur Debatte

Zwei Tage lang standen in Wien die Möglichkeiten einer Demokratisierung der Informationsgesellschaft zur Diskussion. Neben der Zukunft des Filesharing und Copyrightfragen war auch der Zugang zu Wissensarchiven Thema der von der Wiener Netzkultur-Institution Public Netbase veranstalteten Konferenz Free Bitflows. Dazu wurde auch das BBC-Projekt "Creative Archive" präsentiert.

Auf der prominent besetzten Konferenz referierten Theoretiker und Praktiker der internationalen Netz-Szene. Darunter der Autor und Gründer der bekannten Nettime-Mailinglist Pit Schultz ebenso wie der Journalist Janko Röttgers, der zum Thema Zukunft des Filsharing auftrat. Ein weiterer Programmschwerpunkt war Archiven gewidmet. "Archive sind heute mehr denn je eine Schlüsselkomponente der Kulturlandschaft", hieß es in den Konferenzunterlagen. "Vor dem Hintergrund individualisierten Zugangs und On-demand Systemen hat der Live-Aspekt digitaler Produktion vergleichsweise an Bedeutung verloren. Dass mehr produziert wird, als sich irgendjemand in Echtzeit ansehen und -hören kann, lässt den Faktor des Speicherns, Archivierens und Abrufens kultureller Produkt in den Vordergrund treten."

In diesem Kontext hat BBC ein geradezu revolutionäres Projekt in Angriff genommen. "Creative Archive" will den Briten den Zugang zu Audio- und TV-Files ermöglichen (Internet-TV auf Abruf). Diese sollen zum Download und auch zur Bearbeitung durch den User für nicht-kommerzielle Zwecke bereit gestellt werden. Über die Grundidee des Projekts referierte Paula Le Dieu, Leiterin des Content Managements von BBC New Media.

Erst kürzlich gab die BBC bekannt, dass "Creative Archive" auf dem US Modell der Creative Commons basieren soll, was wohl auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass der britische Sender den Stanford-Juristen Lawrence Lessig ins Beraterteam geholt hatte. Lessig setzt sich seit Jahren für eine Neudefinition des Urheberrechts ein und kämpft gegen die Auswüchse der heutigen Urheberrechtsindustrie. Die BBC will dabei einen Mittelweg gehen zwischen dem Ansatz des Allgemeingut-Denkens ohne urheberrechtliche Ansprüche und jenem Verständnis, dass grundsätzlich "alle Rechte vorbehalten" sind. Die Lizenzverträge nach dem Creative Commons-Modell sehen eine geregelte Nutzungserlaubnis vor. Das betrifft etwa die Überarbeitung von Werken und ihre weitere Veröffentlichung. Der Urheber kann unterschiedliche Nutzungsbereiche bestimmen, die er sich vorbehalten möchte. Meistens betrifft das die kommerzielle Verwertung. Für private oder auch kreative Nutzung werden dagegen die Urheberrechte sehr großzügig abgetreten.

Was einfach klingt, scheint aber in der Praxis gar nicht so einfach zu funktionieren. "Ich habe sehr, sehr viel mit Juristen zu tun", räumt Paula Le Dieu im Telepolis-Interview ein. Es können vorerst nur Beiträge verwendet werden, bei denen die Urheberrechte eindeutig bei der BBC liegen:

Wir haben uns vorerst für den Bereich "Natural History" - also Clips und Dokus von Tieren oder Landschaften usw. - entschieden, da hier die Urheberrechte vergleichsweise einfach zu handeln sind. Im Herbst wollen wir damit den ersten Bereich des "Creative Archive" eröffnen.

Sollte das Pilotprojekt Erfolg haben, möchte man sich an Bereiche wie Sport, Musik oder Drama heranwagen.

Wie viele ältere Beiträge auf Basis des Creative Commons-Modell allerdings tatsächlich zugänglich gemacht werden können, oder ob dieses Modell eher für den Aufbau zukünftiger freier Archive taugt, scheint noch nicht ganz klar zu sein. Auch zu Budgetfragen konnte Le Dieu gegenüber Telepolis keine genauen Angaben machen. Immerhin arbeiten aber zehn Personen derzeit an den Vorbereitungen für das Herbst-Projekt "Natural History". Ihre Visionen will sich Le Dieu trotz aller Unsicherheiten nicht nehmen lassen.

Ich denke Creative Archive hat ein Riesen-Potenzial. Der Nutzer ist nicht mehr bloß Konsument sondern kann Gestalter werden und ich bin überzeugt, dass gerade die jüngere Generation diese kreativen Möglichkeiten wahrnehmen wird.

Konrad Becker von Public Netbase zeigte sich sehr angetan von dem BBC-Projekt. Gegenüber der österreichischen Tageszeitung Die Presse meinte Becker, dass es ein Schritt in Richtung "Demokratisierung der Informationsgesellschaft" wäre, wenn auch der Österreichische Rundfunk seine Archive nach dem BBC-Modell öffnen würde. Inzwischen werden die Deutschen und Österreicher wohl nur neidisch auf die Briten blicken können. Denn nur den britischen Steuerzahlern (die Gebühren werden in Großbritannien mit der Steuer eingehoben) wird das BBC-Creative Archiv zur Verfügung stehen.

Die Veranstalter von "Bit flows" zogen am Freitag eine positive Bilanz der Konferenz, wenngleich die Kritik an der Urheberrechtsindustrie und den Distributionsmechanismen harsch ausfiel. "Mit Free Bitflows wollten wir ins Bewusstsein rufen, dass die 'semiotische Demokratie' auf dem Spiel steht", erklärten die beiden Gastgeber Felix Stalder und Konrad Becker abschließend. "Schlussfolgerung der zwei Tage muss daher sein, dass sich mit der Frage des freien Flusses der Information eine entscheidende politische Dimension verbindet. Nur wenn alle Menschen Kultur frei schaffen und teilen können, lassen sich neue und unabhängige Inhalte im Kontext einer Maschinerie des Mainstream und der Massenunterhaltung etablieren."

"Free Bitflows" - Die gleichnamige Ausstellung zur Konferenz ist noch bis 17. Juni im Wiener Künstlerhaus zu sehen und zeigt ausgewählte Arbeiten im Kontext der Netzkultur.

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