Marine Vorboten des Klima-Umschwungs?

07.06.2004

Der Eisbrecher "Polarstern" kehrte von einer siebenmonatigen Antarktis-Expedition zurück. Polar- und Meeresbiologen fanden Hinweise für Klima-Umschwung: Rings um die Antarktis steht das marine Ökosystem vor beträchtlichen Veränderungen.

Sie studierten die Zerstörung der globalen Ozonschicht und die Lebensgemeinschaften des antarktischen Meeresbodens und fanden deutliche Indizien dafür, dass rings um den sechsten Kontinent das marine Ökosystem vor gravierenden Veränderungen steht, die Ausdruck eines Klima-Umschwungs sein könnten. Was sich bei der 21. Antarktis-Expedition der "Polarstern" herauskristallisierte, die sich in vier Fahrtabschnitte mit vier verschiedenen interdisziplinären Forscherteams aufteilte (Kapstadt/Südafrika diente mehrfach als An- und Auslaufhafen), hätte für einen cineastischen oder belletristischen Öko-Thriller glatt der Auftakt sein können.

Ungewöhnliche Pressekonferenzen an ungewöhnlichen Orten erfordern ungewöhnliche Themen und Ergebnisse. Eine, die allen Kriterien gerecht wurde, ereignete sich letzten Mittwoch an Bord des deutschen Forschungs-Eisbrechers "Polarstern", der nach siebenmonatiger Antarktis-Expedition und 70.000 Kilometer auf hoher See kurz zuvor in Bremerhavener Heimathafen eingelaufen war. Für das dort ansässige Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) Anlass genug, um in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftspressekonferenz (WPK) zu einem Pressegespräch im Vortragsraum des Schiffes zu laden und die ersten Forschungsergebnisse der 21. Antarktis-Expedition vorzustellen. Und diese haben es in sich.

Die Schüsselstellung des Krill

Schließlich fanden die Forscher der vierten und letzten Teilexpedition – hierunter 38 Wissenschaftler aus sieben Nationen, allesamt Teilnehmer des internationalen Programms "Global Ocean Ecosystem Dynamics" (GLOBEC) einen besonders bemerkenswerten Hinweis auf eine Veränderung des Klimas.

Die "Polarstern" an der Eiskante (Bild

Hierbei spielte der so genannte Krill, den die Crew unter der Leitung von Prof. Ulrich Bathmann vom AWI im Blickfeld hatte, eine besondere Rolle. Diese bis zu sechs Zentimeter langen Planktonkrebse leben vorzugsweise in der Antarktis in Schwärmen in einer Wassertiefe von bis zu 300 Meter. Sie nehmen im dortigen Ökosystem eine Schlüsselstellung ein, da sie sich von dem reichen Phytoplanktonangebot ernähren, andererseits aber selbst Nahrung für Wale, Robben, Pinguine und Seevögel sind. Schon seit längerem rätseln Meeresbiologen darüber, wie es der Krill, der erst nach drei bis vier Jahren geschlechtsreif wird und eine Lebenserwartung von sieben Jahren hat, immer wieder schafft, trotz der nahrungsarmen Winterzeit die Geschlechtsreife zu erreichen.

"Unser Ziel war, die Bestände des antarktischen Krills vor dem Eintritt in den Winter, die Populationsdynamik und Zusammensetzung der Altersstruktur zu erfassen", erklärt Prof. Ulrich Bathmann. Zu diesem Zweck wurde zuerst mit einem Krill-Echolot die Verteilung der Tiere großräumig und erstmals bis in 600 Meter Wassertiefe erfasst. "Nachdem wir dann das Gebiet beprobten, fanden wir überraschenderweise neben dem Krill auch zahlreiche bis zu fünf Zentimeter große Salpen im Meeresgebiet, vor allem im antarktischen Küstenstrom unter dem sich neu bildenden Meereis."

Überraschende friedliche Koexistenz

Salpen sind keineswegs Quallen wie etliche Zeitungen und Magazine derzeit schreiben, sondern Manteltiere, die einerseits mit Seescheiden verwandt sind, andererseits auf der zoologischen Entwicklungsskala an der Basis der Wirbeltiere stehen. Sie bevorzugen wärmeres Wasser und sollten daher im Küstenstrom vor der Antarktis eigentlich nicht vorkommen. Dennoch fanden die Forscher in dieser Region Krill und Salpen in friedvoller Zweisamkeit. "In den letzten 100 Jahren sind diese noch nie so weit südlich entdeckt worden und in den letzten 30 Jahren noch nie in hoher Anzahl nach Süden vorgedrungen", staunt Prof. Bathmann.

Nur scheinbar einsame Pinguine – Antarktische Impressionen (Bild

Tatsächlich beobachten Polar- und Meeresforscher derzeit weltweit, dass die Salpen mit warmen Strömungen aus dem Norden immer näher an die Antarktis herankommen. Möglicherweise hängt diese Entwicklung, so deren Vermutung, damit zusammen, dass wärmeres Wasser in den Küstenstrom verstärkt eingetragen wurde – und damit auch die Salpen.

Aber auch in anderer Hinsicht bewähren sich die Salpen als unerschrockene Vorboten eines sich abzeichnenden Klimawandels. "Salpen können nur in Gewässer mit relativ geringen Phytoplankton-Konzentrationen existieren. Bei hohen Konzentrationen verstopft ihr Nahrungs- und Atmungsorgan". Mit anderen Worten: Die Anwesenheit der Salpen vor der Antarktis ist zugleich Beleg dafür, dass das antarktische Plankton ärmer geworden sein muss, was die aktuellen Konzentrationsmessungen wiederum zu bestätigen scheinen. Der Grund hierfür sind geringere Starkwinde und Stürme; dadurch gelangt weniger Eisenstaub in den antarktischen Ozean, den Plankton wiederum für sein Wachstum benötigt.

Die Rückkehr der Steinkrabben

Weitere Hinweise auf einen globalen Wandel fand auch die zweite "Polarstern"-Teilexpedition. Noch ist auf dem größten Teil der Antarktis zwar keinerlei Erwärmung messbar, dafür aber auf der antarktischen Halbinsel, jener Landzunge, die fast bis nach Südamerika hoch reicht. "Die antarktische Halbinsel und natürlich das ganze Gebiet rings um die Antarktis erwärmen sich kräftig", bestätigt der AWI-Biologe Prof. Wolf Arntz, der als Fahrtleiter der zweiten Polarstern-Expedition die Meeresfauna der Bouvet-Insel unter die Lupe nahm.

Über 2000 Kilometer von dem antarktischen Kontinent entfernt, gilt die Bouvet-Insel gemeinhin als nördlichster Vorposten des antarktischen Ökosystems. Früher waren in diesem Gebiet die Temperaturen derart niedrig, dass sich zum Beispiel die Steinkrabbe bereits vor 15 Millionen Jahren zum Auswandern genötigt sah. Heute jedoch versucht diese wieder in der alten Heimat Fuß zu fassen. "Wir beobachten verstärkt Bestrebungen der Fauna und Flora, dort wieder eine Nische zu finden. Die ersten Steinkrabben haben wir schon aus dem Meer gefischt."

Menschengemachter Klimaumschwung?

Eine nicht zu übersehende Mitverantwortung für diesen Trend hat nach Ansicht von Prof. Arntz der Mensch. "Kältere und wärmere Perioden hat es zwar immer gegeben. Aber momentan geht die Erwärmung schneller voran als unter normalen Bedingungen. Das ist menschengemacht. Nur weil die Antarktis weit weg ist, sollten wir nicht dem Glauben verfallen, dass sie uns nicht betrifft. Im Gegenteil, sie beeinflusst unser Wetter nachhaltig."

Inwieweit die beobachteten Veränderungen wirklich Ausdruck menschlichen Handelns oder ein natürliches Phänomen sind, wird unter anderem im Rahmen der 28. Internationalen Antarktiskonferenz (SCAR) zu diskutieren sein, die Ende Juli dieses Jahres in Bremen abgehalten wird. Zwar werden an dem bislang bedeutendsten Treffen der Antarktisforschung keine Krills, Salpen und Steinkrabben teilnehmen. Immerhin werden aber etwa 700 Wissenschaftler aus über 30 Ländern erwartet.

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