Der Handel mit menschlichen Ersatzteilen

Organhandel ist eine Realität. Was kann man dagegen tun?

Weltweit werden menschliche Organe gehandelt. Die Reichen kaufen sich Gesundheit von den Armen dieser Welt (Teil 1). Seit geraumer Zeit wird darüber diskutiert, wie die Anzahl der Organspenden in den Industrienationen gesteigert werden kann. Gefragt sind zunehmend auch Lebendspenden.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 1991 Richtlinien für Organspenden aufgestellt, die von 192 Ländern, inklusive der USA, Südafrika und Brasilien unterschrieben wurden. Allerdings sind das nur letztlich unverbindliche Richtlinien, wer sie missachtet, hat keine Nachteile zu befürchten. Nach einem Bericht des Sekretariats der WHO von vergangenem Jahr (Human organ and tissue transplantation) steigt die Bedeutung der Lebendspenden international an. Im Jahr 2000 kamen fast die Hälfte der gespendeten Nieren weltweit von Lebenden in Ländern mit niedrigem und mittleren Einkommen waren es sogar bis zu 80 Prozent. Der Report empfiehlt die bestehenden Richtlinien "im Licht der medizinischen und juristischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts" zu überdenken.

Kann Leben verlängern

Ein Bericht der Schweizer Politikerin Ruth-Gaby Vermot-Mangold an den Europarat verdeutlichte vergangenes Jahr, dass es in Europa illegalen Organhandel gibt (Trafficking in organs in Europe). Organspenden von Toten reichen für den Bedarf bei weitem nicht aus. Allein in Westeuropa bräuchten 40.000 Schwerkranke dringend eine Nierentransplantationen, 15 bis 30 Prozent von ihnen sterben, während sie jahrelang auf der Warteliste stehen. Die Armut in Teilen Osteuropas sorgt dafür, dass junge Leute bereit sind, eine ihrer Nieren für 2.500 bis 3.000 Dollar zu verkaufen. Empfänger zahlen zwischen 100.000 und 200.000 Dollar. Der Bericht zeigt die zunehmende Tendenz des "Transplantationstourismus" auf und fordert dazu auf, strikte Gesetze dagegen zu erlassen.

Verwandt oder persönlich verbunden

In Deutschland besteht ein striktes Organhandelverbot, die Richtlinien zur Organtransplantation sind umfassend, aber zunehmend wird über eine liberalere Handhabung der Lebendspende für die rund 12.000 Menschen auf der Transplantations-Warteliste nachgedacht (Empfehlungen zur Lebendorganspende). Bisher sind die legalen Voraussetzungen eng definiert:

"Die Entnahme von Organen, die sich nicht wieder bilden können, ist darüber hinaus nur zulässig zum Zwecke der Übertragung auf Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahe stehen."

Im Fall ihres Todes sind theoretisch drei Viertel der Bevölkerung zu einer Organspende bereit, tatsächlich besitzen aber nur sieben Prozent einen Organspendeausweis. Im Jahr 2003 spendeten 1.140 Personen nach ihrem Ableben Organe, das sind elf Prozent mehr als im Vorjahr und angesichts des Bedarfs viel zu wenige. Nach einer Untersuchung der Uni Köln befürchten 70 Prozent der Deutschen, dass es bei einer Organspende zu Missbrauch in Form von Organhandel kommt, selbst 30 Prozent der Transplantationsmediziner teilen diese Angst (Angst vor Organhandel).

Am 1. März tagte die Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin" und befasste sich in einer öffentlichen Anhörung mit Problemen der Transplantationsmedizin (Öffentliche Anhörung zum Thema "Organlebendspende"). Die Stimmen, die eine Lockerung der Auflagen für Lebendspenden verlangen, werden immer lauter. Unter ihnen ist Günter Kirste vom Universitätsklinikum Freiburg, dem im Mai die erste Lebend-Nieren-Transplantation trotz nicht zueinander passenden Blutgruppen gelang.

Kirste war auch mit von der Partie, als 1999 die erste "Überkreuzspende" einer Niere in Zusammenarbeit mit der Universität Basel durchgeführt wurde. Bei dieser Cross-over-Transplantation wurde die Niere eines Schweizers auf einen Deutschen übertragen, als Gegenleistung bekam die Ehefrau des Schweizers dann die Niere der Frau des deutschen Organempfängers. Das Bundessozialgericht (BSG) entschied im Dezember vergangenen Jahres, dass die Überkreuzlebendnierenspende zwischen den zwei Ehepaaren zulässig war und die Krankenversicherung die Kosten zu erstatten hat.

Organtausch

Manche Experten halten das für einen viel versprechenden Weg. Die Bundesärztekammer plädiert für einen Organtausch-Pool von "unentgeltlichen anonymen Lebendorganspenden". Wichtig sei, dass kein Geld im Spiel ist. "Lebendorganspenden müssen die Prinzipien der Freiwilligkeit, Unentgeltlichkeit und Subsidiarität erfüllen. Jedwede Form finanzieller Anreize unterhöhlt altruistische Motive und öffnet das Tor zum Organhandel", erklärte der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Christoph Fuchs.

Andere Experten befürchten, dass eine weitere Lockerung bei Lebendspenden der legalen Kommerzialisierung des Organhandels erst richtig Tür und Tor öffnen wird. In den USA gibt es die Möglichkeit einer Lebensspende an einen Unbekannten (Living Organ Donation). Aber warum sollte jemand anonym eine Niere spenden, wenn kein Geld fließt und keine Bekanntschaft zwischen Spender und Empfänger besteht, sprich: wenn der Spender gar nichts davon hat? Das würden doch höchstens Personen mit einem krankhaften Helfersyndrom tun. Ein entsprechendes, mit großem Aufwand promotetes Projekt des Fairview-University Medical Center der University Minnesota (Become a living donor) führte bisher nur zu ganz wenigen anonymen Spenden. Dazu kommt das offensichtliche Risiko, dass ein derartiger "Altruismus" unter der Hand erkauft wird.

"Finanzielle Entschädigungen" oder "Anreize" für anonyme Spender wurden auch schon diskutiert, wobei die Frage unbeantwortet bleibt, wie die Ausbeutung von menschlicher Not bei diesem Konzept verhindert werden soll (Stellungnahme Prof. Dr. Hans Lilie).

Natürlich gibt es auch Experten, die offen dafür eintreten, dass auf der Schattenseite geborene Menschen ihre Körperteile weltweit frei handeln sollen. Für diese Art unkontrollierten Raubtierkapitalismus tritt z.B. der Wirtschaftstheoretiker Peter Oberender von der Universität Bayreuth ein. Er plädiert dafür, Nieren bei Internet-Auktionen zu versteigern. Derartige Angebote im Netz hatten in der Vergangenheit zu Strafverfahren geführt (19-Jähriger bot eigene Niere zur Versteigerung an).

Steigerung der postmortalen Organspenden

Andere Spezialisten treten für ein Bonus-System ein, mit dem die Bereitschaft, nach dem Tod Organe zu spenden, gesteigert werden soll. Das so genannte "Wechselseitigkeitsmodell" verspricht gegenseitige Hilfe. Wer sich verpflichtet, nach seinem Tod Organe zu spenden, soll zu Lebzeiten bei der Vergabe von Organen anderer bevorzugt werden. Wenn also jemand eine Niere braucht, bekommt er sie eher als andere, wenn er sich vorab bereit erklärt hat, später sein Herz, seine Hornhaut oder seine Leber zur Verfügung zu stellen. Das schafft einen Anreiz, denn sich einen Organspendeausweis zu holen, verspricht dann reale Vorteile, wenn man selbst schwer erkrankt. Das Modell ist ethisch unbedenklich, allerdings müsste dafür in Deutschland erst mal eine neue Struktur geschaffen werden, denn bisher wird nur nach Warteliste und Bedürftigkeit entschieden. In den USA gibt es bereits eine derartige Tauschbörse für Organspenden (Wie du mir, so ich dir).

Der Ärztetag im Mai in Bremen befasste sich mit einem Antrag zur so genannten Widerspruchslösung, die gesetzlich eine Organentnahme nach dem Tod grundsätzlich zulässt, wenn nicht widersprochen wurde. In der Bundesrepublik gilt dagegen die "erweiterte Zustimmungslösung": Organe dürfen nur entnommen werden, wenn der Patient selbst zu Lebzeiten oder seine Angehörigen nach dem Tod zugestimmt haben. Diese Regelung gilt in anderen europäischen Staaten wie Österreich, Belgien und Finnland (Gesetzliche Regelungen der europäischen Staaten, der USA und Japans zur Organtransplantation). Dieser juristische Ansatz führt zu wesentlich mehr Organspenden. Der Vorstand der Bundesärztekammer wird nun darüber beraten.

Solange die Gesetze nicht geändert sind, gilt das Motto des Tags der Organspende weiter: Organspende schenkt Leben holen Sie sich einen Organspendeausweis!

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17597/1.html
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