Lebenshilfe via Weblog

14.06.2004

Wie Jugendliche Weblogs nutzen

Weblogs sind statistisch gesehen eine Teenagerdomäne. Mehr als die Hälfte aller Blogs wird von Jugendlichen im Alter zwischen dreizehn und neunzehn Jahren betrieben. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Statistiksoftwarefirma Perseus, die im Oktober letzten Jahres veröffentlicht wurde und an der Bloggerszene kaum ein gutes Haar ließ (Massensterben bei den Blogs?). Die Studie mit dem griffigen Titel The Blogging Iceberg schätzte die Zahl der Weblogs damals auf rund vier Millionen und prognostizierte, dass sich die Zahl der Weblogs bis Ende 2004 weltweit auf gut zehn Millionen mehr als verdoppeln würde.

Diese enormen Zuwachsraten führten laut Perseus-Studie dazu, dass die Bedeutung von Blogs für die Kommunikation im Internet allgemein völlig überschätzt werde. Es gebe einige wenige äußerst aktive Blog-Betreiber. Das sei aber nur die kleine Spitze des Eisberges. Der weitaus größte Teil der Weblogs dümpele vor sich hin, werde nur unregelmäßig aktualisiert oder sei von seinen Betreibern längst schon wieder aufgegeben worden. Was daneben an aktiven Blogs übrig bleibe, sei inhaltlich völlig belanglos. Das typische Blog, so hieß es in der Studie, stamme von einer Teenagerin, die darin zwei Mal im Monat mit eigenwilliger Rechtschreibung über sich und ihren Alltag Dinge schreibt, die in aller Regel nur einen Leser brennend interessieren: die jugendliche Bloggerin selbst.

Es geht um Inhalte, nicht um Zahlen

Exakt an diesem Punkt setzt die neue Untersuchung des US-amerikanischen Kommunikationswissenschaftlers David Huffaker von der Georgetown Universität in Washington an. Huffaker ist nicht angetreten, um einen weiteren statistisch abgesicherten Überblick über die jugendliche Webloggerszene zu geben. Dafür ist seine Stichprobe mit lediglich siebzig untersuchten Weblogs auch zu klein. Huffaker interessiert vielmehr exakt das, was die Perseus-Studie belanglos nennt: die Themen und Inhalte jugendlicher Weblogs sowie die Art und Weise, wie sich Jugendliche in ihren Weblogs präsentieren, welche Identitäten sie benutzen, welche Sprache sie sprechen und ob es zwischen Jungen und Mädchen geschlechtsspezifische Unterschiede in der Art gibt, wie Weblogs üblicherweise geführt werden.

Für ihn sind Blogs neben Emails, Instant Messaging oder Chaträumen eine neue Form der Kommunikation via World Wide Web, die gerade Jugendliche in besonders hohem Maße anspricht. Einen Grund für diese Popularität sieht Huffaker u. a. in der Kommentarfunktion, die die überwiegende Mehrzahl aller Weblogs besitzt. Darüber hinaus betrachten Jugendliche ihre Weblogs als Möglichkeit, sich anonym online präsentieren und artikulieren zu können, ohne Sanktionen ihrer Umwelt fürchten zu müssen.

Worüber jugendliche Blogger schreiben

Die wichtigsten Themen, die Huffaker in den untersuchten Blogs vorfand, entstammten erwartungsgemäß dem jugendlichen Alltag. 71 Prozent aller Blogger beschäftigten sich mit dem Thema Schule, 49 Prozent mit Beziehungen und 46 Prozent mit Musik. Fragen zur sexuellen Orientierung kamen in 17 Prozent aller Weblogs vor. Hier ging es im Wesentlichen darum, dass Blogger ihre eigene Homosexualität thematisierten. Huffaker zufolge nutzten diese Blogger ihre Weblogs, um in einer sicheren, weil anonymen Umgebung über ihre sexuelle Identität zu sprechen.

Das Weblog werde hier als inhaltlich privates, aber öffentlich geführtes, anonymes Tagebuch genutzt, dessen Postings einer gleichaltrigen Öffentlichkeit freimütig zum Lesen und Kommentieren anvertraut würden. Weblogpostings seien für diese Jugendlichen oft der einzig sichere Weg, ihre Gefühle und Gedanken im Hinblick auf das eigene Coming Out offen mit anderen zu diskutieren - wohlwissend, dass eine solche Diskussion in der nicht-virtuellen Welt nicht so problemlos möglich ist. Demgegenüber würden Weblogs den Jugendlichen einen sicheren Raum geben, in dem sie aufrichtig ihre Probleme und Gefühle offen legen könnten, ohne Sanktionen der Erwachsenenwelt fürchten zu müssen.

Sorgloser Umgang mit persönlichen Daten

Die scheinbare Anonymität des Internet erleichtere es den Jugendlichen einerseits, problembeladene Themen anzusprechen. Andererseits verleite sie viele Jugendliche dazu, mit ihren persönlichen Daten reichlich sorglos umzugehen. Auch das hat Huffaker mit seiner Weblog-Studie herausgefunden. So wird vielfach eine beachtliche Menge an sensiblen persönlichen Informationen wie Name, Alter, Wohnort, Emailadressen, Instant-Messenger-Indentitäten oder Links zu persönlichen Homepages gedankenlos preisgegeben.

Signifikante Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen konnte Huffaker hier nicht ermitteln. Auch sonst hat der Wissenschaftler kaum geschlechtsspezifische Unterschiede in der Weblognutzung festgestellt. "Insgesamt gab es mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede", fasst Huffaker diesen Teil seiner Ergebnisse zusammen.

Virtueller "peer support"

Eine besonders wichtige Rolle in der virtuellen Welt der jugendlichen Weblogs spielt die Möglichkeit, dass Blogleser zu den Postings Kommentare hinterlassen können. Die Kommentarfunktion hat Huffaker zufolge eine ganz besondere Bedeutung. Sie ermöglicht die Rückkoppelung zwischen jugendlichem Weblogbetreiber und seinen Lesern und gibt ihm oftmals gerade dann Rückhalt, Verständnis und Unterstützung, wenn es um Problemkreise geht, die über belanglose Allerweltsthemen wie Schule, Musik und Freundschaften hinausgehen.

Weblogs kreiieren in diesen Fällen einen anonymen "peer support", eine anonyme Unterstützung durch Gleichaltrige. Als Beispiel führt Huffaker zwei Weblogs aus seiner Untersuchung an. Diese beiden Blogs wurden von 15-jährigen Müttern geführt, die in ihren Weblogs offen alle Facetten ihrer schwierigen Lebenssituation beschrieben. Viele der Kommentare, die ihre Weblogleser hinterlassen hatten, wurden mit dem Zweck verfasst, den Blog-Betreiberinnen Solidarität und Unterstützung zu bekunden, die ihnen im realen Leben möglicherweise vorenthalten wurden. Es hatte sich um diese Weblogs herum eine virtuelle peer group gebildet. Ihr Ziel war Lebenshilfe via Weblog.

Weblogs pädagogisch nutzen

Dass Weblogs unter Jugendlichen so beliebt sind, hat sich mittlerweile auch bei den Pädagogen herumgesprochen. Im Schulunterricht würden Weblogs Huffaker zufolge derzeit aber noch eher selten eingesetzt. Dabei seien Weblogs aufgrund ihrer Beliebtheit unter Jugendlichen in besonderem Maße geeignet, die Lese- und Schreibfähigkeiten von Schülern zu verbessern. Denn der durchschnittliche Eintrag in einem Weblog habe immerhin die Länge von rund zweitausend Worten - freiwillig und aus dem eigenem Ansporn heraus, sich anderen schriftlich mitzuteilen, geschriebenen Worten.

Hier liege eine Unterrichtsmethode brach, die Schüler erfolgreich zum Schreiben und Lesen motivieren könnte. Und das sei schade - zumal wenn man bedenke, welcher pädagogische Aufwand normalerweise betrieben werde, um Jugendliche zum selbstständigen Schreiben und Lesen zu animieren.

"Let me be myself"

Die von der Perseus-Studie denunziatorisch zum Prototyp hochstilisierte jugendliche Bloggerin, die zwei Mal im Monat ihre eigenwillige Rechtschreibung demonstriert, indem sie sich in ihrem Weblog über ihre scheinbar banalen Alltagssorgen und -probleme auslässt, befindet sich in zuweilen interessanter Gesellschaft - nicht, was ihre Rechtschreibung anbelangt, sondern im Hinblick auf die Frage, welche gesellschaftliche und politische Relevanz Weblogs haben sollten.

So betreibt beispielsweise auch der iranische Vizepräsident für Rechts- und Parlamentsfragen Ali Mohammad Abtahi ein gut gepflegtes Weblog, in dem es u. a. um so banale Dinge wie den Geschmack von Schokolade oder darum geht, was passieren kann, wenn man beim Autofahren eine SMS schreibt.

Das Motto dieses Weblogs lautet kurz und knapp: "Let me be myself" - "Lasst mich einfach nur ich selbst sein!" - ein Motto, das die jugendliche Protobloggerin vorbehaltlos unterschreiben würde. Eine Kommentarfunktion gibt es in Abtahis Weblog übrigens nicht. Auf Lebenshilfe via Weblogs ist der iranische Vizepräsident und Khatami-Vertraute offenbar nicht angewiesen. Peer groups sucht er sich vermutlich auf ganz anderem Wege.

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