Free Society: Von der Utopie zum Alltag

12.06.2004

Idealismus und Realismus in der "Free Software"-Bewegung auf der Wizards of OS

20 Jahre ist es her, dass Richard Stallman mit der Gründung der Free Software Foundation eine politische Bewegung zur Befreiung von Software von ihren proprietären Fesseln ins Leben gerufen hat. Längst geht es dabei nicht mehr nur um offenen Quellcode, sondern um eine komplette Lebensphilosophie für die digitale Gesellschaft. Dezentrale und auf offenen Standards aufbauende Netzinfrastrukturen dienen als Modell und Zündkerze für freie Hardware, ein freies Frequenzspektrum und eine freie Kultur, die in einer digitalen Wissensallmende wurzelt. Wie weit das Projekt gekommen ist und wo die Stolpersteine liegen, zeigt die Wizards of OS 3.

Für Eben Moglen gibt es keine Zweifel mehr: Die Free Software Foundation (FSF), die sich eigentlich längst in Free Society Foundation umbenennen sollte, hat den Kampf so gut wie gewonnen:

Unsere Revolution ist aus der theoretischen Phase heraus. Die Beweise sind erbracht und wir haben den funktionierenden Code.

Der offene Quellcode, mit dem alles anfing und der nun in Regierungen, Schulen und Unternehmen verstärkt implementiert wird, dient laut der rechten Hand des FSF-Gründers Richard Stallman als architektonischer Agent des Wandels auf dem Weg zu einer wahrhaft freien Gesellschaft.

"Die Technologie lässt sich nicht mehr rückgängig machen", meint Moglen. "Das, was wir in Händen halten, gehört uns und es ist am Laufen", sagt der kleine und stämmige New Yorker Rechtsprofessor. Der jahrhundertelange Kampf um die Meinungs- und Gedankenfreiheit, der in den vergangenen 20 Jahren vor allem ein Kampf gegen Microsoft und gegen die Musikindustrie als Symbole der dunklen Mächte der Welt war, ist damit so gut wie beendet. Die Pfeiler sind unverrückbar in den digitalen und physikalischen Boden gerammt: freie Software, freie, von ihren Käufern zumindest noch selbst kontrollierte Hardware und freie Tauschkultur - das alles gehört zum Alltag vieler Internetnutzer. Fehlt nur noch die komplett freie und von den Usern selbst getragene Telekommunikation mitsamt Gratisgesprächen und schier unendlicher, ubiquitärer Bandbreite, um das Glück komplett zu machen.

Es war eine ziemlich amerikanische Rede, durchtränkt mit geradezu biblischen dualistischen Motiven und aufklärerischen Impulsen, mit denen Moglen die Teilnehmer der bereits zum dritten Mal in Berlin stattfindenden "Open Everything"-Konferenz Wizards of OS begrüßte. Das Publikum reagierte gespalten: Die eine Hälfte war hingerissen von den bewegenden Momenten der Zelotenrede, die andere verzog das Gesicht angesichts der "Adorno-light-Show" des Free-Software-Veteranen.

Der Glaube an die rationale Argumentation

Ein wenig biss sich die Keynote jedenfalls mit den Zielen der Konferenz, die Volker Grassmuck, Projektleiter des "Wizards of OS"-Vereins, Moglens Vortrag vorangestellt hatte. Auch er sieht die Freiheit zwar als "einen Wert in sich selbst" an und verweist auf die wachsenden Massen, die an freien Funknetzen, freien Filmen, freien Musikstücken oder freien Schulungsprojekten werkeln. Doch "wir glauben an die rationale Argumentation", hatte Grassmuck als Motto ausgegeben. Nur soviel Utopie wie nötig, um eine bessere Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren, ansonsten soviel Praxis wie möglich.

Anhaltspunkte für das Entstehen einer Free Society zeigten sich im Laufe der ersten zwei Tage der noch bis Sonntag dauernden Konferenz so manche. Samyeer Metrani etwa stellte das Simputer-Projekt vor, das seine Wurzeln in Indien hat und einen rund 200 US-Dollar teuren PDA auf der Basis frei verfügbarer Hardware und Software kreieren will. Der zunächst als Volkscomputer für Entwicklungsländer gedachte Handheld erschien auch manchem Geek hierzulande als unabdingbares Gadget. Daneben gab es auch Fortschrittsberichte aus den Bereichen Free Science und Free Networks auf WLAN-Basis.

Den Höhepunkte stellte am gestrigen Freitagabend zudem der Startschuss für die deutsche Version der "Creative Commons"-Lizenz (CC) dar, den der Stanforder Rechtsprofessor und Free Culture-Aktivist Lawrence Lessig persönlich gab. Das durch Techniken wie Digital Restriction Management (DRM) gestützte Copy-Verhinderungssystem erstickt seiner Meinung nach die "Remix-Kultur" der heranwachsenden digitalen Generation im Keim (s.a. Creative Commons als Geheimwaffe der Künstler im Copyright-Krieg).

Die digitale Allmende wächst

Um gegenzusteuern, baut Lessig auf den internationalen Erfolg seines freien Lizenzierungsprojekts zur Stärkung der "iCommons", der digitalen Allmende. Kreative können sich damit "einige" Rechte bewahren, die einfache Wiederverwertung von Inhalten ohne kommerzielle Absichten ist allerdings gesichert. Neben einem Schweizer Filmemacher, mehreren auf die klassischen Labels als Promoting-Maschinen keinen Wert legenden Machern elektronischer Musik wie Björn Hartmann sowie Telepolis (Telepolis-Bücher zum kostenlosen Herunterladen) sind vom Start weg im deutschen "iCommons" dabei.

Doch das magische Wort "free" ist kein Patentrezept für die Rettung der Welt und zahlt nicht die Rechnungen aller Wissensarbeiter. "Wir sollten nicht vergessen, dass für manche Künstler das Urheberrecht auch sein Gutes hat", betonte Thomas Dreier, Leiter des Instituts für Informationsrecht an der Universität Karlsruhe und Vorstand des deutschen CC-Projekts. Journalisten etwa, die ihre hauptsächlichen Nutzungsrechte abgeben würden, könnten angesichts auf "Exklusivität" Wert legender Verlage gleich auch ihr Einkommen vergessen.

Auch ein unabhängiger Open-Source-Programmierer zeigte sich in einem Panel über die wirtschaftlichen Aspekte freier Software wenig angetan davon, dass er seine Produkte schlicht nicht verkaufen könne, sondern immer nur Beratungs- und Service-Dienstleistungen drum herum. Die dotKommunistische Revolution Moglens ist so noch kein reiner Selbstläufer. Aber zumindest erweitert sich ständig das Feld der Alternativen für alle, die vom bisherigen System in der Computer- oder Informations- und Medienwirtschaft eh nicht profitieren.

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