Die Mauer um Al-Ram schließt sich

13.06.2004

80.000 Palästinenser werden in Enklaven isoliert

"Wir protestieren gegen die Mauer, die uns von Jerusalem abschneidet." Das Thema der Freitagspredigt hat einen außerordentlich praktischen Bezug. Etwa 200 Gläubige aus Al-Ram, einem Ort zwischen Ost-Jerusalem und Ramallah, haben sich auf der Mitte einer Kreuzung zum Gebet eingefunden. Seit dem 8. Juni wird hier am Fundament einer Mauer gearbeitet, die schon bald 80.000 Palästinenser aus Al-Ram und Umgebung von Ost-Jerusalem trennt und in verschiedenen Enklaven voneinander isoliert. Der Straßenverkehr in südlicher Richtung ist bereits umgeleitet. Etwa fünf Meter hohe Betonteile liegen verwendungsfertig am Straßenrand. Armee und Grenzpolizei sind vermehrt im Einsatz.

Bewohner Al-Rams finden sich zum Freitagsgebet auf dem künftigen Gelände der israelischen Trennmauer ein, die ihnen den Zugang nach Ost-Jerusalem verwehren wird

Der Besitzer eines Blumenladens direkt an der Kreuzung Al-Ram ist pessimistisch. "Die Mauer ist schlecht fürs Geschäft", klagt er. "Es war immer voll hier, eine Menge Leute kamen täglich vorbei. Aber schon jetzt sind einige Zufahrtstraßen gesperrt, und es wird noch schlimmer werden." Die Mauer wird sich vom Kalandia-Checkpoint, dem südlichen Ende der Bewegungsfreiheit für die Bewohner Ramallahs in Richtung Jerusalem ziehen, vorbei an Al-Ram, Dahiet Al-Barid und dem Flüchtlingslager Shufat.

"Unteilbare Hauptstadt Israels"?

"Viele von hier arbeiten in Jerusalem und haben dort Geschäfte", erklärt Sarhan Salima, der Bürgermeister Al-Rams. "Unsere Kinder gehen dort zur Schule, de facto sind wir Teil Jerusalems."

Nach Fertigstellung der Mauer wird die heutige Verbindungsstraße völlig der Kontrolle des Militärs unterliegen und nur noch von jüdischen Siedlern benutzt werden dürfen. Direkt nebenan befindet sich das israelische Industriegebiet Atarot, ebenfalls Teil der seit 37 errichteten Siedlungsstruktur, die nach internationalem Recht illegal ist. Dahinter liegen drei palästinensische Orte - Jib, Bir Nabala und die Altstadt Beit Haninas -, um die Israel auch eine Mauer ziehen will.

"Was sollen wir denn machen, wenn uns eine Mauer von Jerusalem trennt?", fragt Salima, langjähriger Dialogpartner der israelischen Friedensbewegung.

Israel besetzte Ost-Jerusalem im Krieg von 1967. Die Stadtgrenzen wurden erweitert und die Fläche der nun "ewigen und unteilbaren Hauptstadt Israels", so Ministerpräsident Ariel Scharon und seine Vorgänger immer wieder, auf fast das Dreifache vergrößert. Das neue Territorium wurde in der Folge annektiert, im Gegensatz zum Rest des Westjordanlands, das bis heute Besatzungsstatus hat. Jerusalem reicht nach israelischer Lesart also von Ramallah im Norden bis Betlehem im Süden. Rund im die Stadt werden bis heute Siedlungen errichtet, in denen sich auf enteignetem Land an die 200.000 jüdische Israelis staatlich subventioniert niedergelassen haben. Palästinenser dürfen hier nicht wohnen, auch jene mit israelischem Pass nicht.

Al-Ram gehört nicht zum israelisch annektierten Jerusalem, liegt aber südlich vom Checkpoint Kalandia. Die Bewohner können deshalb ihre Arbeitsstellen in Ost-Jerusalem immer noch relativ leicht erreichen. Die Ost-Jerusalemer Einwohner werden mit hohen israelischen Steuern und anderen Abgaben belegt. Serviceleistungen der Stadtverwaltung sind jedoch gering. Straßen werden kaum erneuert, der Müll oft über Wochen nicht abgeholt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Um die ungerechtfertigten Abgaben zu umgehen, wanderten deshalb viele palästinensische Halter israelischer Identitätspapiere nach Al-Ram ab, das in kurzer Zeit auf 60.000 Einwohner wuchs. Der israelische Mauerbau bewegt nun jene, die sich das finanziell erlauben können, dazu, wieder nach Ost-Jerusalem zu ziehen.

Der Bevölkerungszuwachs Al-Rams und die Schlüsselposition des Orts zwischen Ost-Jerusalem, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Palästinenser, und ihrem politischen Mittelpunkt Ramallah hat zu wirtschaftlichem Aufschwung geführt. "Al-Ram dient heute als wichtigstes Zwischenlager für Waren für das gesamte Westjordanland", sagt Jamal Juma vom Netzwerk palästinensischer Umweltschützer. "Hier kommen die Container aus dem Hafen in Aschdod an, um nach Norden und Süden weitertransportiert zu werden. Die Mauer riegelt den Ort nun aber von allen Seiten ab und macht ihn zur Enklave. Der einzige Ausweg wird eine Straße nach Ramallah sein, aber nach Ost-Jerusalem geht kein Weg mehr."

"Die Mauer hat nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen", erklärt Umm Tarik aus Al-Ram. Sie arbeitet als Lehrerin in Ost-Jerusalem. "Ich werde im besten Fall einen langen Umweg zu meiner Arbeit in Kauf nehmen müssen." Wie sie das im Detail bewerkstelligen soll, weiß sie noch nicht. "Die meisten haben Familie in Ost-Jerusalem, werden sie aber nicht mehr besuchen können." Der Besitzer eines Hühnerladens am Gelände der künftigen Mauer stimmt ihr zu. "Das schafft Probleme innerhalb der Familien. Man streitet darüber, wo man leben soll, ob es finanzierbar ist und so. Wenn die Frau in Jerusalem arbeitet, der Mann aber in Al-Ram, dann fällt die Entscheidung nicht leicht."

Kein Beschwerderecht

Bewohner aus Al-Ram, Dahiet Al-Barid und Beit Hanina klagen nun vor dem israelischen Obersten Gerichtshof gegen den Mauerverlauf. Große Chancen rechnen sie sich aber nicht aus. "Ich erwarte vom Gericht die Einfrierung des Mauerbaus bis zum endgültigen Urteil", sagte Muhammad Dahleh, der Anwalt eines Bewohners. "Das Verteidigungsministerium und die Armee fingen an zu bauen, ohne die betroffenen Menschen über den Verlauf oder die Absichten zu informieren. Die offizielle Haltung der Armee ist, dass den Bürgern kein Beschwerderecht eingeräumt werden sollte, weil die Mauer auf einer öffentlichen Straße verlaufen wird und nicht (wie sonst im Westjordanland) auf Privatland."

Trotz der massiven Ansiedlung jüdischer Israelis in und um Ost-Jerusalem bestimmen die Palästinenser bis heute den Charakter des Zentrums. Die meisten jüdisch-israelischen Taxifahrer lehnen die Fahrt in die palästinensischen Viertel ab. Der Normalbürger aus dem Westteil kommt nicht hierher. Und Ost-Jerusalemer Palästinenser (mit israelischen Papieren) werden ihrerseits auf ihrem Weg zum jüdischen Teil stark kontrolliert und misstrauisch beobachtet.

Palästinenser aus dem Westjordanland dürfen Ost-Jerusalem, von dem aus der Zugang zu Israel theoretisch problemlos ist, überhaupt nicht betreten. Im Süden und Norden sind die Bewohner Betlehems und Ramallahs bereits von ihren Landsleuten in Ost-Jerusalem getrennt. Der Mauerbau im Osten der Jerusalems isoliert die dortigen Palästinenser nun völlig. Aber die Bewohner Al-Rams und anderer Orte am Rand werden bald vollständig von Mauern und Zäunen eingeschlossen sein, in großen Menschengehegen, deren Zugänge von der israelischen Armee kontrolliert werden.

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