Wenn der Spammer dreimal klingelt

17.06.2004

170 Millionen Mal europaweiter Telefonterror im Sonderangebot: Die neueste Plage heißt "Voice-Mail-Marketing"

Wer kennt sie nicht, die Telefonmarketer, die ungebeten und illegal Tag und Nacht anrufen – für Tiefkühlkost, Versicherungen, Weingüter oder Glücksspiele? Mitunter ruft auch ein Computer an, der einem eine aufgezeichnete Mitteilung vorspielt. Natürlich alles nur aus dem Ausland, wo so etwas erlaubt ist. Nein, keinesfalls – Telepolis entdeckte einen Anbieter solch professionellen Telefonterrorismus in Augsburg in Bayern.

Wer tagsüber in der Arbeit und abends in der Kneipe hockt, mag vom Eigenleben seines Telefons gar nichts mitbekommen, denn auf Anrufbeantworter spricht kein Telemarketer und eine Nummer hinterlassen die Call-Center auch nicht – schließlich wissen sie gut genug, dass "Cold Calls", also Anrufe ohne vorherige Geschäftsbeziehung, in Deutschland ebenso wie Werbefaxe ohne vorherigen geschäftlichen Kontakt illegal sind – und an Privatnummern gleich doppelt.

Wer dagegen auch mal zu Hause ist, wundert sich schnell um die Mengen an Telefon-Spam, die trotz Verbots auf einen einprasseln: Ob der Tiefkühlkost-Heimlieferant Eismann, ob Agenten der WWK oder die öffentlich-rechtlichen Lotterien – alle rufen sie ungefragt und unerlaubt an, teils zu Bürozeiten, teils nach Feierabend.

Vollautomatische Telefonterror-Demomaschine von PMT Werbung Augsburg: Nummer eintippen und ab

Die Eismann-Telefonisten erklären einem dann auch sofort, warum man keinesfalls im Internet bestellen solle, auch wenn das viel bequemer ist, als am Telefon mitten aus der Arbeit gerissen zu werden: Dann bekommen sie nämlich die Provision für ihr illegales Tun nicht. Konkurrent Bofrost ist da schlauer, wenn auch noch lästiger: Dessen "Werbebeauftragte" klingen nämlich einfach an der Tür, drücken einem den Katalog in die Hand und fragen nach der Telefonnummer – wer so blöd ist und sie verrät, darf anschließend legal am Telefon belästigt werden. Und an der Tür klingeln ist ja nicht verboten, solange kein Schild warnt:

Betteln, Hausieren, GEZ, Zeugen Jehovas und Bofrost-Verkäufer unerwünscht!

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Das Weingut behauptet dagegen, aus Italien anzurufen, wo das wilde Anrufen noch erlaubt ist und der Versicherungsfritze redet sich darauf heraus, bereits eine Postkarte vorab geschickt zu haben. Natürlich wäre die im täglich eintreffenden – legalen – Papierspam nicht aufgefallen, also weiß auch niemand genau, ob das nur eine Ausrede ist oder wirklich eine Karte in der Post war. Immerhin noch besser als die Britannica, die einst auf die Anfrage nach einer der neuen CD-ROMs zwecks Besprechung schnippisch antwortete, den "wirklich wichtigen" Computerzeitschriften bereits eine CD geschickt zu haben, doch einem dafür ihre Vertretertruppe auf den Hals hetzte, die dem Redakteur die gedruckte Britannica privat andrehen wollte, die CD-ROM schlecht machte ("So einen billigen Mist verkaufen wir Ihnen nicht!") und dem Argument, dass sich ein Papierlexikon nun mal nicht in einer Computerzeitschrift besprechen lässt, völlig verschlossen blieb.

Die Süddeutsche Klassenlotterie war von dem Telepolis-Beitrag Günther Jauch und sein unartiges Studiopersonal dagegen anscheinend so begeistert, dass sie zu meinem Geburtstag noch einen drauf setzte: Eine Frau Güvan rief aus Köln an diesem Tag nachmittags kurz nach Drei an und fragte erst ausdrücklich, ob sie auch wirklich mit Wolf-Dieter Roth persönlich die Ehre habe. Dann bot sie mir wieder einmal an, zu Herrn Günther Jauch ins Studio zu kommen – und "mit einer sensationellen Gewinnchance von 1:5" auch noch ein Taschengeld von 5000 Euro und ein Wochenende im Hotel in München zu bekommen. Ja, sie wolle sich sogar auch noch selbst im Nebenzimmer im Hotel einquartieren – mit Verbindungstür, versteht sich.

Eine Nacht im Hotel – Zimmermädchen oder Telefonistin inklusive

Tja, die SKL weiß halt, was Männer wirklich wünschen – einige meiner früheren Chefs wären mit Sicherheit hin und weg gewesen und hätten sofort das angebotene Lotterei- äh, Lotterielos gezeichnet. Meine Partnerin nahm diese ungewöhnliche Geburtstagsofferte mit Humor, mir blieb jedoch verborgen, warum ich mein Wochenende jetzt ausgerechnet in einem Hotel in München verbringen sollte, denn auf Kölnerinnen stehe ich nicht so besonders, auch wenn sie keine Juristinnen sind, sondern nur Call(center)girls und in München bin ich auch oft genug. Also verzichtete ich erneut auf das freundliche Angebot von Herrn Jauch. Er wird seine Sendung hoffentlich auch ohne mich auf die Reihe bekommen.

Nun sind solche Callcenter wahrlich ein schwieriges Geschäft: Man macht sie auf, lässt sich Telefonisten vom Arbeitsamt liefern, kassiert dabei Provision für die Jobvermittlung und wenn die Gehälter für die billigen Arbeitskräfte trotz Minimierung derselben in Verbindung mit den Telefonkosten drohen, langsam die Provision des Arbeitsamts aufzufressen, macht man den Laden schnell wieder zu und einen neuen auf. Auch wenn dies den Vorteil hat, dass die ungelernten Telefonisten nicht ahnen, dass sie sich strafbar machen und längst wieder beim Arbeitsamt sind, wenn sie es gemerkt haben, ist es auf Dauer etwas stressig und der Firmensitz muss öfters mal verlegt werden. Es liegt daher nahe, statt Telefonistinnen Computer einzusetzen. Derartige Systeme rufen deshalb inzwischen auch öfters an und spielen einem Texte vom Band, nein, vom RAM der folgenden Art vor:

"Wenn Sie jetzt an einem Gewinnspiel mitmachen wollen, drücken Sie die 1, wenn Sie dagegen lieber mit heißen unbefriedigten Damen sprechen möchten, drücken Sie die 6".

Ultimativer Telefonterror: 25.000 Computer-Anrufe pro Minute!

Das neueste Angebot dieser Art kam der Telepolis-Redaktion nun ganz offiziell per Pressemitteilung auf den Tisch – jede Menge Rechtschreibfehler inklusive:

Telefonieren Sie mit 1,5 Mio Kunden pro Stunde via Voice-mail
Diese Aussage ist nich nur vollmundig sondern wahr.
Die Kommunikationsagentur PMT (Promotion & Media Team) Augsburg hat ein Direktmarketingtool entwickelt das die persönliche Übermittlung von Nachrichten, Werbebotschaften Kurzinfos und vielem mehr via Telefon innerhalb kürzester Zeit ermöglicht.
Und diese Botschaft wird nicht von einer Computerstimme gesprochen.Lassen Sie den Firmenchef selbst seine Stammkunde auf einen Firmen-Event einladen. Oder verknüpfen Sie Ihre Warenwirtschaft mit dem Voice-mail und lassen den Kunden darüber informieren das seine Ware eingetroffen ist und zur Abholung bereit steht.
Lassen Sie Ihre Mahnungen persönlich Stimmlich übermittlen.

Wie wunderschön solche Werbeanrufe sind, kann offensichtlich auch Dieter Bohlen bestätigen, der von der Voicemail-Demowebsite der Werbeagentur grinst: Nach Eintippen und Anklicken einer beliebigen Rufnummer geht ein Werbeanruf hinaus. Angst davor, dass ein genervter Mitmensch da mal eben die Telefonnummer eines einschlägigen Anwalts eingibt, hat das Unternehmen offensichtlich nicht, denn bestimmt befindet sich ja auch dieser in der hauseigenen "Opt-in"-Datenbank, die wohl fast dem deutschen Telefonbuch entsprechen dürfte und dicken Ärger für alle Telefongeplagten verspricht:

"Neben 12Mio Opt-in Adressen in Deutschland stehen in der eigenen Datenbank noch 170 Mio Europäische Adressen mit opt-in zur Verfügung."

Pressemitteilung PMT Augsburg

Nur eins steht dem vollautomatisierten Dauerklingeln noch im Weg: Die Telefongebühren. Herr Bauer, Inhaber der bewussten Augsburger Werbeagentur, weiß davon inzwischen ein Lied zu singen: Er beklagte sich bereits telefonisch bei der Inhaberin einer 0190-Telefonnummer, deren Freunde ihr mit dem Eintragen ihrer Nummer in die Anrufmaschine, die diese auch klaglos annahm, eine unerwartete Freude bereitet hatten – und Herrn Bauer die entsprechenden Kosten. Doch kommen erst kostenlose Telefon-Pauschaltarife, wie bei Voice-over-IP heute schon zu finden, wird es Tag und Nacht klingeln, wie die Internet World in ihrem neuesten Editorial (mit First-Gate-Account kostenlos zu lesen) zu Recht befürchtet. Somit wird auch beim Telefon bald ein entsprechender Voice-Spamfilter notwendig. Und die Werbeanrufer werden wiederum zunächst einmal sinnlose Wörter stammeln ("Goethe-Jahr – Bruttosozialprodukt – Nahostpolitik"), um die Spam-Filter auszutricksen, bevor sie zum Thema kommen ("Bei Auto Müller gibt es heute Viagra zum Sonderpreis, wenn Sie den neuen Mercedes-Bonz Probe fahren…").

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