"Wer hat mein Buch so zerstört, Ma?"

Wolf-Dieter Roth 21.06.2004

Über 3000 Blogs im digitalen Fegefeuer gelandet

Alles wird kurzlebiger: Während klassische Tagebücher noch Jahrzehnte überdauerten, so sie nicht Überschwemmungen, Feuer, Diebstahl oder Aufräumwut zum Opfer fielen, sind auch nur zehn Jahre alte Webseiten eher rar und dann nur aus Versehen noch in der damaligen Form online. Falls der Hoster überhaupt so lange mitspielt.

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Zugegeben, ein Blog ist sowieso eine merkwürdige Erfindung, wenn man es als digitales Tagebuch sieht. Schließlich werden normale Tagebücher als sehr private Sache geführt, gut weggesperrt und eine Veröffentlichung wäre für den Schreiber meist sehr peinlich und mitunter auch für den Veröffentlicher, obwohl manches Tagebuch wie das der Anne Frank durchaus historischen Wert hat.

Blogs werden dagegen durchaus für die Öffentlichkeit geschrieben und verzichten daher im Allgemeinen auf Sätze wie "Heute wieder schwere Blähungen gehabt" zumindest im wörtlichen Sinn. Sie entstanden aus den ursprünglichen privaten Webseiten, deren statische Informationen ("Das bin ich, das ist mein Haus, mein Auto, mein Hund und meine Frau in dieser Reihenfolge") für andere meist wenig zu bieten hatten und deren regelmäßige Aktualisierung einfach zu aufwendig war. Beim Blog ist das Anlegen eines neuen Eintrags dagegen nicht schwieriger als das Posten ins Telepolis-Forum, wenn die Blogsoftware einmal läuft.

Das Blog: Ein öffentliches Tagebuch

Viele Blogger möchten allerdings wenn sie schon ihr Innerstes täglich nach außen kehren wenigstens unerkannt, also anonym bleiben. Nicht jeder will hinter der öffentlich gemachten Liebe zu Hund, Frau und Wohnort mit seinem Namen stehen und mitunter missfällt den Autoritäten der Inhalt des Blogs so sehr, dass es lebensgefährlich wäre, seinen Namen anzugeben.

Mit eigener Domain ist das unmöglich: Über die Einträge beim Registrar kann der Besitzer der Domain ermittelt werden und in Deutschland muss jede regelmäßig aktualisierte und damit als "geschäftsmäßig betrieben" geltende Website auch privater Natur sogar ein Impressum tragen, damit jeder, dem im Blog etwas nicht passt, dessen Schreiber nachts anrufen oder gar vor den Kadi ziehen kann. Mal ganz abgesehen vom sonstigen unkalkulierbaren Abmahn-Risiko der eigenen Domain, bei der man sich neben Ärger mit dem Domainnamen selbst, der kommerziellen Unternehmen ein Dorn im Auge sein kann, auch ohne bösen Willen noch allen möglichen weiteren Ärger ins Haus holen kann, von Urheberrechtsproblemen (Vollzitate, fremde Bilder, MP3-Schnipsel) bis zu alten Links zu illegal gewordenen Programmen.

Die private Website: Ein nicht mehr finanzierbarer Luxus

"Es gibt heute ja auch praktisch keine privaten Homepages mehr", meint Uschi Hering, die einst "Freedom for Links" gründete und damit den geballten Zorn jener Juristen auf sich zog, die gut davon lebten, Privatleute und Kleinunternehmer mit Serienabmahnungen zu überziehen. Wurden bekannte Netzpersönlichkeiten angegriffen, so kamen zwar genügend Spenden zusammen, um einen Prozess "Gemeinsam gegen den Abmahnwahn" durch zwei Instanzen führen und gewinnen zu können. Die damaligen Abmahnwellen konnten so tatsächlich erfolgreich gestoppt werden.

Doch die gut 30.000 Euro, die von den meisten Spendern ausdrücklich dazu bestimmt war, nicht zurückgezahlt zu werden, sondern weitere Abmahnopfer oder sie unterstützende Organisationen wie beispielsweise die später gegründeteAbmahnwelle e.V. in Prozessen als "Kriegskasse" zu unterstützen und vor dem Ruin zu schützen, liegen stattdessen bis heute tot auf einem Konto fest. Die kleinen Leute, die die Netzpersönlichkeiten einst unterstützten und längst das eigentliche Ziel von Markenrecht, Urheberrecht und Prozessen aus Spaß an der Schikane geworden sind, bleiben so weiterhin stets auf Ärger und finanziellem Schaden sitzen, selbst wenn sie einen Prozess wagen und ausnahmsweise sogar einmal gewinnen ein kritischer Kommentar im Blog oder Gästebuch und alles ist wieder für die Katz'. Nur die Netzpersönlichkeiten wurden mitllerweile noch mit weiteren Spenden gestärkt.

"So frei, wie damals jeder publizieren wollte und konnte, das geht heute doch nicht mehr", so Uschi Hering. Weshalb "Freedom for Links" heute auch nicht mehr über die Schweinereien der diversen Abmahnhaie berichtet und auch nur noch eine Handvoll jener Links bietet, für die es einst kämpfte. Immerhin die feindliche Übernahme der Domain, um diese komplett zu missbrauchen, konnte verhindert werden. Doch unter eigenem Namen auf eigenes Risiko eine Website aufzumachen, ist heute gefährlicher als einen Fernsehsender zu gründen, der ja immerhin unter dem Schutz eines journalistischen Angebots steht oder selbst einen Piratensender in Betrieb zu setzen, denn dieser wird maximal ein paar Kilometer weit gehört und nur noch selten angepeilt. Im Web ist man dagegen weltweit anpeil- und verfolgbar.

Ein bisschen Anonymität gibt es nur ohne eigenen Webspace

Die Alternative ist anonymer Free-Webspace, was auch für den eigenen Arbeitsplatz sicherer ist, denn Arbeitgeber sind weder davon begeistert, wenn ihre Angestellten von konkurrierenden Konzernen in Prozesse um ihre privaten Websites oder E-Mails verwickelt werden noch, wenn gar über sie selbst geschrieben wird. Umso besser, wenn auf dem Freespace dann auch noch die bevorzugte Blogsoftware läuft. Idealerweise muss der elektronische Tagebuchführer so nur noch seinen Browser bedienen und sein Blog einmalig nach seinen Wünschen einrichten. Wer er ist, weiß im Idealfall nicht einmal der Hoster.

Doch gibt es natürlich nichts umsonst, auch im Web nicht: Irgendjemand hostet den freien Webspace und will davon auch selbst etwas haben. Also werden Werbebanner eingeblendet und mitunter, wenn es sich nur mit Bannerwerbung immer noch nicht rentiert oder zu viele Klagen eintrudeln, verschwindet auch mal ein ganzes Freehosting-Angebot, wenn es erst einmal genügend Traffic angelockt hat und wird durch eine Dialerbatterie ersetzt, die die über auf anderen Webseiten und Blogs angelegten Links weiter hereinkommenden nichtsahnenden Surfer abzockt. Auch seriöse große Firmen hinter den Freehosting-Angeboten schützen dabei nicht davor, dass diese ausfallen oder die Webseiten gelöscht oder abgeschaltet werden. Ebenso ergeht es kostenlosen Mailinglisten, Diskussionsgruppen oder Bilderalben. Dass es auch kostenlosen Blogs so ergehen kann, ist also kein Wunder. Normalerweise gibt es aber zumindest eine Vorwarnung.

Free Hosting: gratis oder doch nur umsonst?

Nicht so bei Dave Winer, der einst bei Userland arbeitete, RSS entwickelte und neben deren kostenpflichtiger Blog-Software Manila auch kostenlosen Blog-Webspace auf weblogs.com anbot: Er schaltete ohne Vorwarnung über 3000 Weblogs ab angeblich war der Traffic zu hoch und seine Gesundheit zu schlecht und er regte sich zu sehr über Probleme mit den Weblogs auf vermutlich, weil die Juristen nun bei ihm anklopften, wenn sie der Blogger nicht direkt habhaft werden konnten. Oder auch, weil er sich einfach gerne unvermittelt aufregt und es sogar schon Scorelisten für die Anzahl und Direktheit von Beschimpfungen durch ihn gibt ("Winer number"). Immerhin: Der Traffic von 3000 Weblogs kann eigentlich auch nicht schlimmer sein als der von einer von Dave Winer statt einer schriftlichen Erklärung hinterlegten unverständlichen MP3-Ansprache.

Wer nett sei, bekäme nach 14 Tagen vielleicht seine Daten wieder, so Winer. Die Panik unter den Bloggern war groß, für manche ist ihr Blog ja ihr ganzes niedergeschriebenes Leben und Backups von einer Website, in die man per Webinterface neue Daten eingibt, hatten die wenigsten.

"Hilfe, mein gesamtes digitales Leben ist vernichtet!"

Doch sind die meisten, dann allerdings auch nicht besonders bekannten Blogs nach einer Untersuchung von 3000 Blogs durch die Marktforschungsfirma Perseus ohnehin kurzlebige Hobbys von Teenagern, die ebenso wie das Papiertagebuch bald wieder verwaisen. Auch Profis passiert so etwas übrigens des Öfteren. Und mitunter streikt auch die Software bei älteren Einträgen und Archivdaten. Wer also mit seinen Tagebuchgedanken nicht nur jetzt und hier seine Meinung kundtun, sondern auch der Nachwelt etwas überlassen will, sollte vielleicht wieder zu Papier zurückgehen. Oder zumindest einmal die Woche Daten sichern. Oder doch lieber Briefmarken sammeln.

Inzwischen gibt es von Dave Winer einen Übergangsplan: in zwei Wochen sollen die Blogs noch einmal 90 Tage kostenlos gehostet werden, danach wird es kostenpflichtig. Wer ausziehen will, kann dann auch seine Daten sichern. Falls es sich Dave nicht noch mal anders überlegt. Ganz sicher kann man sich da bei ihm wohl nicht sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17699/1.html
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