Mehr Terroranschläge statt weniger
Der Bericht des US-Außenministeriums über den internationalen Terrorismus für 2003 musste korrigiert werden, Computer- und Rechenfehler einer neuen Abteilung seien für die natürlich nicht beabsichtigten niedrigeren Zahlen verantwortlich gewesen
Es wäre natürlich so schön für die Bush-Regierung im Wahljahr gewesen, wenn das militärische Vorgehen der USA gegen den Terrorismus und vor allem der Krieg und die Besetzung des Irak zu einem Rückgang des Terrorismus geführt hätten. Das hatte denn auch tatsächlich der vom US-Außenministerium Ende April vorgelegte Bericht über den Terrorismus für das Jahr 2003 gemeldet. Nachdem dies aber doch einige Verwunderung ausgelöst hat, ließ man den Bericht noch einmal überarbeiten. Dem Bericht seien falsche Zahlen zugrunde gelegt worden, alles natürlich keine Absicht, hieß es.
Am 10. Juni gestand die US-Regierung ein, dass die Zahlen nicht stimmen. Außenminister Powell würdigte nun auch den demokratischen Abgeordneten Henry Waxman, der auf falsche Zahlen aufmerksam gemacht habe. Eigentlich hatten die beiden Professoren Alan B. Krueger und David Laitin aber in einem Artikel vom 17. Mai in der Washington Post zuerst auf die falschen Zahlen hingewiesen, was eigentlich erstaunlich lange gedauert hat. Besonders bei der Erfassung der "signifikanten Terroranschläge" habe man die Zahl der gesamten Terroranschläge durch Auslassen gedrückt, war das Ergebnis von deren Analyse.
Last year, we saw unprecedented collaboration between the United States and foreign partners to defeat terrorism. We also saw the lowest number of international terrorist attacks since 1969, and that's a 34-year low.
Man habe, so Powell nun, tatsächlich Irrtümer festgestellt und im Außenministerium sowie im neu geschaffenen Terrorist Threat Information Center, das eigentlich Terrorist Threat Integration Center (TTIC) heißt, dann die Zahlen korrigiert. Das TTIC untersteht eher dem Heimatschutzministerium und ist womöglich empfänglicher für Resultate, die vom Weißen Haus erwünscht werden. Wer will, konnte bei Powells eine leise Kritik am TTIC heraushören, dort nämlich seien die "computational and accounting errors' gemacht worden. Schließlich war der Außenminister schon einmal mit den "Beweisen" für die Existenz von Massenvernichtungswaffen und die Beziehungen des Hussein-Regimes zu al-Qaida hinters Licht geführt worden und hat sich mit seiner Rede vor der UN blamiert.
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Allerdings wurde Powell äußerst unwillig und brach schließlich das Pressegespräch ab, als er immer wieder gefragt wurde, ob es denn tatsächlich stimme, dass man den Krieg gegen den Terrorismus gewinne. Der Krieg gehe weiter, mehr habe man nie gesagt, antwortete Powell wiederholt, Vizeaußenminister Armitage, der bei der Vorstellung des ersten Berichts dies gesagt hatte ("You will find in these pages clear evidence that we are prevailing in the fight"), habe dies aufgrund der falschen Zahlen gesagt.
Nach der Korrektur ist also die Zahl der Anschläge des "internationalen Terrorismus" nicht zurückgegangen, sondern angestiegen, wenn auch nur leicht von 198 im Jahr 2002 auf 208. Zuvor war man von 190 ausgegangen. Nach den Zahlen des ersten Berichts wäre die Zahl der Anschläge so tief gesunken wie vor über 30 Jahren und seit Antritt von Bush um gute 45 Prozent zurück gegangen. Doch auch die Zahl der Getöteten musste von 307 auf 625 erhöht werden, liegt allerdings damit noch unter den 725 im Jahr 2002 Getöteten. Korrigiert wurde vor allem die Zahl der Verletzten. Jetzt führt man über 3.600 Verletzte auf, zunächst wollte man nur 1.593 angeben. 2002 soll es 2.013 Verletzte bei Anschlägen des internationalen Terrorismus gegeben haben.
Der nationale Terrorismus wird allerdings dabei ebenso wenig berücksichtigt wie Anschläge im Irak auf "Kombattanten". Das hält die Zahl der Angriffe entscheidend niedriger, da offenbar auch Angriffe auf irakische Sicherheitskräfte nicht einbezogen wurden. Nur Anschläge auf Zivilisten oder auf nicht bewaffnete oder nicht im Dienst befindliche irakische Sicherheitskräfte sowie Koalitionstruppen wurden aufgelistet. Das heißt, sobald etwa ein irakischer Polizist zum Opfer wurde, taucht der Anschlag nicht in der Statistik auf. Auffällig ist, dass in der Übersicht in der Region Mittlerer Osten der Irak nicht erwähnt wird und dass in der chronologischen Übersicht der erste Anschlag im Irak nach dem Irak am 3. Juli stattfand, aber die Zahl der Anschläge dann stetig zunahm.
Der Irak wird hingegen unter der Kapitelüberschrift "staatlich geförderter Terrorismus" geführt. Hier werden Libyen und der Sudan lobend erwähnt, weil sie sich dem Krieg gegen den Terrorismus angeschlossen hätten, während Kuba, der Iran, Syrien und Nordkorea gerügt werden. Die "Befreiung" des Iraks habe, so der Bericht, ein Regime gestürzt, das lange Zeit den Terrorismus unterstützt habe. Auch wenn daher die Sanktionen beendet wurden und der Irak zu einem nichtterroristischen Staat aufstieg, wurde er "zu einer zentralen Front im globalen Krieg gegen den Terrorismus, da die Koalitionstruppen und die irakischen Sicherheitskräfte zahlreichen Angriffen von unterschiedlichen Gruppierungen aus früheren Regime-Angehörigen, Kriminellen und einigen ausländischen Kämpfern ausgesetzt waren". Die Grenze zwischen Aufstand und Terrorismus sei teilweise verschwommen geworden.
Einer größeren Glaubwürdigkeit der Bush-Regierung hat die Geschichte nicht gedient. Nach all den Versuchen, Informationen auf die politischen Ziele zuzuschneiden oder aufzuplustern, ist der Verdacht kaum abzuweisen, dass Nämliches auch hier versucht worden sein könnte. Nicht unbedingt durch Anweisung von oben, wohl aber durch verspürten Druck, der dann im Terrorist Threat Integration Center von eifrigen Angestellten umgesetzt wurde. Wirklich nachgeprüft hat allerdings auch die neuen Zahlen noch niemand.
"Man muss keinen Doktortitel in Statistik oder nicht einmal eine Rechenmaschine haben, um festzustellen, dass der Terrorismus zunimmt", sagte William F. Schulz, Vorstand von Amnesty International in den USA. "Alles, was man benötigt, ist eine Fernbedienung für den Fernseher, um die nachrichten anzuschauen."
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17725/1.html- Also im Jemen ist das... (25.6.2004 19:18)
- Bewaffnete Robotersoldaten: Jetzt gehts den Terroristen an den Kragen (25.6.2004 11:41)
- "Hassprediger" auch im Jemen ... so wird nach und nach jedes Land destabilisiert (25.6.2004 11:18)
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