Online-Spitzel gehen auf Terroristenjagd im Web

24.06.2004

Private "Cyberspies" wollen dem Militär und den Sicherheitsbehörden helfen; kürzlich konnte eine solche Agentin, die das Abenteur sucht, einen - zweifelhaften - Erfolg vorweisen

Cyberspy nennt man sie. Geheimagenten, die sich einer Spinne gleich durch die Tiefen der virtuellen Welt fortbewegen und wahrscheinlich das Abenteuer suchen. Nachts werden sie aktiv, benutzen Pseudonyme und begeben sich auf die Jagd nach Terroristen. Sie treiben sich in der virtuellen Welt herum, um nach vermeintlicher Propaganda, nach Rekrutierungsbemühungen oder Aufrufen zur Gewalt zu suchen und womöglich dadurch einen Terroranschlag verhindern zu können. Ein Cyberspy arbeitet bisweilen derart klandestin, dass selbst die Ehepartner und Kinder der "Agenten" keine Ahnung haben, was Nachts, vom Heimcomputer in der Stube aus, alles geschieht. Die Cyber-Agenten arbeiten nicht für das FBI oder andere Institutionen, sie arbeiten aus Überzeugung im "Krieg gegen den Terror" und überwachen im Selbstauftrag und ohne Hemmungen das Internet.

Cyberspy oder Cyber-Spitzel Rossmiller spielt auch "agent provocateur", begibt sich also auf rechtliches Glatteis und stiftet womöglich erst an, was sie dann aufdeckt. Dann geht es womöglich nicht um Menschen, die Straftaten begangen haben, sondern um solche, in deren wirren Köpfen vielleicht auch nur romantische und ebenso abenteuerliche Ideen kreisen, wie dies auch bei den Cyber-Spitzeln der Fall ist. So gab sie sich in ihrer Tarnidentität als Algerier mit Verbindungen zur verbotenen "Armed Islamic Group" aus und schrieb einem jungen Mann Namens Amir Abdul Talhah Rashid eine Email mit dem Aufruf: "A Call to Jihad!"

Eine deutliche Aufforderung. Rashid biss an. Er bezeichnete sich als "Bruder, der auf der falschen Seite kämpft", und fragte seinen neuen vermeintlichen algerischen Terrorkameraden, ob er trotzdem am Dschihad teilnehmen könne. Selbstverständlich könne er das, meinte Rossmiller. Über eine Periode von 4 Monaten entwickelte sich so eine Serie von 27 Emails.

Bald stellte sich heraus, dass der Bruder, der auf der falschen Seite kämpft, 26 Jahre alt ist, dass er ein zum Muslim konvertierter Amerikaner ist und in Kürze als Nationalgardist der "National Guard's 81st Armor Brigade" von Fort Lewis in den Irak verlegt werden soll. Er möchte, so schrieb er seinem Terrorpaten, den Dschihaddisten möglichst viele Informationen über die Verwundbarkeit der im Irak stationierten amerikanischer Truppen preisgeben. Ein trojanisches Pferd also. Er wünschte sich in seiner erhofften Position als infiltrierter muslimischer Geheimagent, dass aufgrund seiner Informationen möglichst viele Anschläge auf Amerikaner verübt werden.

Rossmiller kontaktierte das Heimatschutzministerium, das das FBI und die Armee benachrichtigte. Der milchgesichtige Soldat, mit richtigem Namen Ryan Anderson, wurde am 12. Februar 2004 verhaftet. Die Zeitungen bezeichneten ihn als einen Al-Qaida-Überläufer und Al-Qaida-Terroristen, der in einer bravourösen "Sting Operation" festgenommen wurde. Rossmiller wurde als Zeugin gegen Anderson zum lokalen Star, Daniel Pipes (Neue Aufgabe für den "führenden Islamophobiker") ernannte sie gleich zum "American Hero".

Ryan Anderson ist natürlich kein richtiger Al-Qaida-Terrorist. Seine Geschichte, im WWW bis in das Jahr 1995 zurück verfolgbar, zeichnet eher die eines traurigen Versagers. Am 18. Dezember des selben Jahres schrieb er:

Suche Anschluss an Washington State Miltias! Ich bin Collegestudent und suche Anschluss an patriotische Gruppen. Ich habe eigene Waffen und besuchte Kurse für deren Handhabung. Bitte meldet euch so schnell wie möglich!

Kein Patriot meldete sich. Dann schrieb er im Oktober 1996 auf alt.religion.islam:

I do not know if this is unusal, but I am a 19 year old Army Officer Cadet/collage student of German/Irish decent who was raised in a "zombie Lutheran" home (i.e. everyone always followed the religion their fathers followed with no thought otherwise). I began to look at the Middle East as a course of study as I am a steadfast student of history. Seince beginning my Arab History 272 class a number of months ago, Islam has almost literaly called to me. I find myself scrambeling to find any current information, but in a collage of 24,000, 18,000 of which are students, even an English translation of the Qu'ran is quite nearly impossiable to find. I would like to talk to people, but short of walking up to people of obvious Arab decent and asking them if they are of the Faith, I dont know where to start.
I would be greatfull to talk to someone, inshallah.

Ryan

Niemand antwortete. Auf Suche nach einer Frau gab er 1997 auch eine Selbstdarstellung:

A girl who can handle a blade or a rifle is definitly my type, I my self am a fencer, aspireing sword fighter and gun-slinger with an innate ability to work with old weapons. Other intrests include history and travel, old cars, planes and motorcycles- it has been said I am a bit of a Lawerence of Arabia; passionet and a little eccentric, but in my heart of hearts I need someone I can trust implicitly and love fiercel

Am 26. September 1997 schrieb er:

Salaam alaaykum all, ich bin ein konvertierter Muslim und würde gerne in Ägypten oder in der Türkei ein Studienjahr absolvieren. Kann mir jemand helfen?
Salaam, Amir (Ryan).

Niemand antwortete. So gehen seine Mails weiter und werden über die Jahre radikaler. Er bittet und bettelt um Anschluss an die rechtsgerichtete Militia und später an muslimische Terrorgruppen. Tragisch, keiner will ihn ... Keiner außer Shannen Rossmiller aus Conrad - und sie war definitiv die falsche Adresse. Der "Fang" zeigt aber auch gleich die Gefahr, dass die selbsternannten Online-Milizen in ihrem Eifer auch Unschuldige zu ihren Opfern machen können. Ryan wäre denn möglicherweise bei einem Therapeuten besser aufgehoben als beim FBI.

Rossmiller ist nicht der einzige Cyberspy. Es gibt die Online-Terroristenjäger im Selbstauftrag in Kanada, in England, in Australien und auf dem europäischen Kontinent. Sie arbeiten alleine oder in Gruppen wie Shannen Rossmiller. Ihre Gruppe nennt sich 7-Seas Global Intelligence Security Team. 7-Seas, das sind sieben Hobby-Cyber-Agenten in verschiedenen Ländern, darunter ein arbeitsloser Physiker, ein ehemaliger Detektiv, ein "global Media" Spezialist, ein Architekt und ein Häusermakler. Die wahre Identität der Mitglieder halten sie geheim - bis beispielsweise auf Rossmiller, die sich dann doch in der einmal gefundenen Prominenz sonnen wollte. Und sie wollen überall mitmischen, wo es um die Jagd auf die vermeintlichen Bösewichte geht:

With the advances in technology with respect to information and intelligence processing, 7-Seas is capable of providing real time intelligence in support of military operations in order to counteract national and international security threats on the part of terrorist and other extremist groups.

Manchmal landen sie einen Treffer. Am 12. Mai 2002 zum Beispiel veröffentlichten sie eine Warnung auf der Seite It's happenning. Die Warnung hatte sich bestätigt, einige Tage später wurde ein Australier bei einer Bombenattacke in Riad, Saudi Arabien, getötet. Das ist nicht schlecht, denn keiner der "Weißen Ritter" spricht arabisch oder hat tief greifende Kenntnisse der Spionage.

Und spätestens da kann es auch für sie selbst gefährlich werden. Die Hobbyspione kommen bisweilen den richtigen Agenten in die Quere, denn auch FBI und CIA sowie andere Dienste mit Lizenz jagen im Web. Vereinzelt hat das auch schon zu heiklen Situationen geführt. Astley, einer der 7-Seas-Agenten, wurde von regulären Diensten brüsk zurückgepfiffen, weil er, ohne es zu wissen, einen richtigen Agenten an der Angel hatte. Spion vs. Spion.

Die Behörden verschließen jedoch beide Augen und lassen, ganz in der Art des "neighborhood watching", die Privaten weiter spionieren. Die Kultur des "neighborhood watching" wird vom Justiz- und Heimatschutzministerium gefördert, denn der "Krieg gegen den Terror" und die Gefahr von "Schläfern" verlangt angeblich neue Methoden, die allerdings auch in totalitären Systemen gepflegt wurden. Gerade der einfache Umgang mit Web-Techniken und ein bisschen Talent gekoppelt mit vermeintlicher Anonymität lassen die Herzen der Sherlock Holmes höher schlagen. Bis zu 80% der geheimdienstlich benötigten Nachrichtenbeschaffungen können über das Internet zusammen getragen werden.

Wer die richtigen Tools hat, auf Datenbanken zugreifen kann und die richtige Nase entwickelt, kann daher auch relevante Lagebilder erstellen. Fast wie die richtigen Geheimdienste. Laut FBI sind es Hunderte, die sich an diesem privaten Geheimagentenkrieg beteiligen.

Seit Mai dieses Jahres ist Rossmiller auf Anordnung des FBI unter Polizeischutz gestellt worden. Ihre virtuellen Gegner haben sich, nach einem verdächtigen Telefonanruf in der Conrad City Hall vom 18. Mai, offensichtlich bereits an ihre Fersen gehängt. Das private Agentenspiel, harmlos in der anonymen Welt der Daten, beginnt erst richtig lebendig und vielleicht auch gefährlich zu werden.

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