Pleiten, Pech und Pannen (II)

25.06.2004

Nach dem absehbaren Null-Ergebnis der 9-11-Untersuchungskommission fordern die Opferangehörigen weitere Ermittlungen

Eine unvorhersagbare Serie von Pleiten, Pech und Pannen sorgte dafür, dass die Terroranschläge des 11.9. stattfinden konnten - so könnte man das Zwischenergebnis der 9/11-Untersuchungskommission nach ihrem letzten öffentlichen Hearing umreißen (. Pleiten, Pech und Pannen. Alles untersucht, nichts geklärt, niemand verantwortlich - Mission erfüllt - Die 9/11-Untersuchungskommission hielt ihre letzten öffentlichen Hearings). Die vom Bush-Regime über ein Jahr lang verhinderte und dann nach Kräften blockierte Untersuchung hat die Familienangehörigen der Opfer schon oft frustriert und empört - nach dem nunmehr absehbaren Null-Ergebnis fordern sie weitere Ermittlungen.

Die Bürgerinitiative 9/11-Citizenwatch, zu der auch Angehörige der Opfer gehören, hat nach den letzten Hearings der 9/11-Kommission einen ersten Katalog von unbeantworteten Fragen aufgestellt und verlangt von der Kommission unter anderem:

1) Stellen Sie deutliche Fragen, um die Befehlskette und nationalen Kommando-Aktionen am 11.Spetember herauszuarbeiten, die sich mit den üblichen FAA/NORAD-Prozeduren für Notfälle überschnitten und es den Hijackern erlaubt haben, nach New York und Washington zu gelangen, ohne abgefangen zu werden - über eine Stunde lang, vom Zeitpunkt des ersten Alarms bis zum Treffer in das Pentagon.

2) Erkunden Sie die verschiedenen Manöver, die auf Flugzeugangriffe reagierten und von NORAD und anderen Regierungsbehörden durchgeführt wurden - früher, direkt vor und während des Zeitraums, in dem die Ereignisse des 11.9. stattfanden.

3) Befassen Sie sich mit den bleibenden Fragen über die Identität der Hijacker des 11.9., ihre Verbindungen zu ausländischen Geheimdiensten und anderen globalen Netzwerken.

4) Decken Sie die historischen und laufenden Verbindungen der CIA mit Militärgeheimdiensten und Operationen im Ausland auf, die die Bewaffnung und Ausbildung militanter islamistischer Mudschaheddin unterstützt haben - von den Regierungen Carter, Reagan und Bush Sr. über Clinton bis Bush.

5) Erklären Sie die vielfältigen spezifischen Warnungen und terminlichen Vorwarnungen von ausländischen und weiteren Quellen - und das Ausbleiben jeder Antwort auf das Briefing des Präsidenten am 6. August.

6) Machen Sie die in der nationalen Kommandogewalt, bei den Geheimdiensten, dem Militär und dem Sicherheitsapparat um Washington DC, das National Military Command Center und die gegenwärtige oder vergangene Regierungen für ihre Rolle bei der Unterstützung verantwortlich - und für ihr Versagen, vollständig zu ermitteln, zu verhindern, sich darauf vorzubereiten und angemessen zu antworten, wenn ein Terroranschlag innerhalb der USA erfolgt, dem vielfältige Warnungen über die Ziele und die Methoden des Anschlags vorausgingen. Dies schließt Verantwortliche der gegenwärtigen Regierung ein, die dringende Warnungen von Sicherheitsberatern und Geheimdienst-Briefings nicht weitergaben, jede potentielle Ermittlung verhinderten und weiter verdeckte Beziehungen zu Schlüsselfiguren des globalen Netzwerks militanter Islamisten unterhalten.

7) Veröffentlichen Sie alle nicht-geheimen Aufzeichnungen, Fotos und Filme zur öffentlichen Begutachtung und veröffentlichen Sie alle Aufzeichnungen Ihrer Ermittlung, die die Zusammenfassungen und Empfehlungen des 9/11-Kommissionsreports belegen.

8) Stellen Sie klar, welche Zeugnisse unter Eid abgelegt und wie Interviews und Fragen aufgezeichnet wurden (Mitschnitt, Niederschrift oder nur Notizen).

9) Beantworten Sie die ernsten Fragen, die Familienaghörige und Citizenwatch zu allen Aspekten dieser Untersuchung stellen.

Dass die Opferangehörigen die Aufklärung, die sie verlangen, von diesem Untersuchungsausschuss noch erhalten werden, ist allerdings kaum erwarten. Die Fragen, die von ihnen für das letzte Hearing der Kommission vorbereitet worden waren, kamen nicht zur Sprache. Warum?

Diese Fragen sind ziemlich deckungsgleich mit dem, was Präsident Bush in seiner Rede vor den Vereinten Nationen als "frevelhafte Verschwörungstheorien" bezeichnete, die nur von "den wahren Schuldigen" ablenken - jenen Verdächtigen, die 48 Stunden nach der Tat als Täter feststanden. Und abzulenken von diesen "wahren Schuldigen" - das geht ja nun wirklich zu weit, nur un-patriotischen, anti-amerikanischen Bush-Hassern kann einfallen, nach Beweisen für die Schuldigen zu fragen, nach Aufklärung ihrer Identität und Ermittlungen ihrer Hintermänner in Geheimdiensten und Militär zu verlangen.

In einer aktuellen Reportage im "New York Observer" berichtet Gail Sheehy, wie mit den Angehörigen der Opfer umgesprungen wurde, denen Aufzeichnungen des Funkverkehrs und der angeblichen Handyanrufe aus den entführten Maschinen vorgeführt werden sollte. Bevor sie anhand von schwer definierbaren Tonkonserven irgendetwas zu hören bekamen, mssten sie unterschreiben, nichts darüber an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Das Vertuschen und die Geheimnistuerei der Behörden hat viele der Opferangehörigen empört - und so ist es kein Wunder, dass Initiativen wie das "9/11 Families Steering Committé", "9/11 Citizenwatch" und andere mittlerweile Fragen stellen, die vom Bush-Lager am liebsten den "frevelhaften Verschwörungstheoretikern", "Verrückten" oder "Terrorunterstützern" zugeschlagen würden ... handelte es sich nicht um die Angehörigen der Opfer, denen man das Recht auf hartnäckige und bohrende Fragen zumindest öffentlich nicht absprechen kann.

Und so wird es bei der obigen ersten Liste von Forderungen nicht bleiben. Anders als 1963 bei der Warren-Kommission zur ersten Vertuschung des Kennedy-Mords ("Ein dummer, kleiner Kommunist") halten die Familienangehörigen dieses Mal nicht so stille wie damals (und bis heute) der Kennedy-Clan, der den Sündenbock Oswald als Einzeltäter akzeptierte, weil die engen Mafia-Verbindungen und -Geschäfte sowie Wahlschiebungen des alten Kennedy unter der Decke bleiben sollten. Anders als damals haben die 9/11- Opferangehörigen nichts zu verbergen - und einige haben wie Ellen Mariani sogar auf die Stillhalteprämie einer Entschädigungszahlung verzichtet und die Bush-Regierung verklagt.

Wenn also die jetzige 9/11-Kommission auf die Forderungen und Fragen der Angehörigen nicht eingeht, wird es bald eine weitere Kommission geben - mit der Ausrede Pleiten, Pech und Pannen werden sich die Familien nicht zufrieden geben; sowenig wie mit neuen Terrormärchen des Masterminds Khalid Sheik Mohammed (Rätsel um Scheich Mohammed).

Die Chuzpe, mit den unüberprüfbaren Geschichten eines Phantoms wie KSM als Hauptbelastungszeugen überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen, hängt wohl nur mit der Sicherheit über die allzeit willfährigen Medienkanäle zusammen, die ohne Nachfrage jede Absurdität einfach solange wiederholen, bis sie für wahr gehalten wird (Scheichegal); und jede kritische Zwischenfrage als unbotmäßigen Frevel und Verschwörungstheorie von der Tagesordnung verbannen.

Dass jetzt die Opferangehörigen genau jene Fragen stellen, die vor 2,5 Jahren der Inquisition anheim fielen und als Verschwörungstheorien aus dem öffentlichen Diskurs verbannt wurden; dass jetzt das äußerst merkwürdige Verhalten des US-Präsidenten am Morgen des 11.9., als er Ziegengeschichten lauschte, statt zu re(a)gieren, zu einem Thema des Mainstream wurde und in die "Washington Post" darüber berichtet; dass weiterhin der hier seit langem ventilierte Verdacht, dass sich die Herren GWB und OBL bei aller simulierten Feindschaft letztlich in die Hände spielen und gegenseitig stark machen, jetzt auch von einem "Top-Offiziellen des US-Geheimdiensts" (The Guardian) in einem demnächst erscheinenden Buch vertreten wird; dass "historische" Whistleblower wie Daniel Ellsberg, der einst mit der Veröffentlichung der "Pentagon Papers" die Vietnam-Lügen öffentlich machte, sich mit aktuellen wie der FBI-Übersetzerin Sibel Edmonds zusammentun - und davon ausgehen, dass Justizminister Ashcroft wegen der Nicht-Ermittlung und Vertuschung des 11.9. hinter Gitter kommen könnte (auch Project On Government Oversightklagte deswegen Ashcroft an)... all dies macht zumindest Hoffnung, dass die Lügen des 11.9. und die fortgesetzten Vertuschungen durch die US-Regierung und ihre Untersuchungskommissionen nicht so ganz unbehelligt und glatt durchgehen.

Die Fragen werden nicht einfach verstummen. Michael Moore's Film "Fahrenheit 9/11" bricht mit seinem Anlaufen in den ersten Kinos alle Rekorde und die Zuschauer werden von Aktivisten davor mit Flugblättern versorgt die darauf hinweisen, dass der Film nur einen Teil der Geschichte erzählt: Dude, there's more to the story.

Der "Commander in Chief" hat unterdessen noch einmal seine Unschuld klargestellt:

The reason I keep insisting that there was a relationship between Iraq and Saddam and al-Qaeda is because there was a relationship between Iraq and al-Qaeda...

Dies bekundete Bush letzte Woche gegenüber Reportern - und machte damit einmal mehr deutlich, dass er persönlich auf keinen Fall in den Plot des 11.9. eingeweiht gewesen sein kann. Für mehr als an diesem Morgen zwei Stunden "business as usual" zu simulieren, fehlt es ihm vermutlich schlicht an mentaler Kapazität und Kompetenz....

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