Untergangsstimmung

Rudolf Maresch 24.06.2004

Das Ausscheiden der Völler-Elf spiegelt die Situation des Landes

Die deutsche Elf ist ausgeschieden, gescheitert am eigenen Unvermögen. Der Katzenjammer, der ausgebrochen ist und die Gazetten und Bildschirme in den nächsten Tagen füllen wird, war aber vorprogrammiert. Jeder wusste, dass in Portugal mit dem "Rumpelfußball", den die Mannschaft im Vorfeld geboten hatte, kein Blumentopf zu gewinnen ist, die spieltechnischen Defizite sind viel zu groß.

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Darum ist auch die vollkommen überzogene Kritik, die jetzt auf die Spieler einprasselt, im höchsten Maße unehrlich und objektiv verlogen. Genau diejenigen, die aktuell über die Spieler herziehen und sie als "Obertrottel" und "Europas Deppen" titulieren, haben sie noch vor einer Woche, nach dem Holland-Spiel, in den Himmel gehoben. Ein halbwegs gute Halbzeit gegen eine zerstrittene und völlig indisponierte holländische Mannschaft und der unentschiedene Ausgang gegen diesen "Erzfeind" reichten schon aus, um das Nationalteam ins Endspiel zu reden und zu schreiben.

Am mangelnden Können der Spieler wird auch Ottmar Hitzfeld, der schon Gewehr bei Fuß steht, nichts ändern können. Mag er, als langjähriger Trainer von Topteams, auch mehr Autorität haben und mehr Fachwissen und praktischen Umgang mit sensiblen, selbstzufriedenen und häufig sich selbst überschätzenden Alt- und Jungprofis mitbringen als "Kumpeltyp" Rudi und "Comical" Skibbe, so ist auch der ehemalige Bayern-Coach gezwungen, mit demselben "Spielermaterial" auszukommen wie die zurückgetretenen Trainer.

Es ist ja nicht so, als ob Völler und sein Vize die eine oder andere Fußballgröße zu Hause gelassen hätten, die Hitzfeld reaktivieren könnte. Anders als Holland, Tschechien, England oder die an ihrer eigenen Dummheit gescheiterten Mannschaften Italiens und Spaniens, die jeweils leicht zwei Mannschaften zum Turnier hätten entsenden können, gibt es diese Vielfalt und Auswahl in Deutschland nicht. Die dreiundzwanzig Fußballer, die in Portugal dabei gewesen sind, waren und sind die besten, die Deutschland derzeit verletzungsfrei aufbieten kann.

In der Politik verhält es sich nicht viel anders, weshalb das Scheitern der Elf wieder mal spiegelbildlich für die Verfassung des Landes ist. Auch sie muss mit dem Personal auskommen, das regiert, mit Schröder, Eichel, Stolpe und all den anderen. So wie Schneider, Ballack und Kuranyi die besten Einschussmöglichkeiten verstolpern, stolpern sie von Wahl zu Wahl, von Ankündigung zu Ankündigung, von Gesetz zu Gesetz. Und auch hier hat man das Gefühl, als brächte eine Auswechslung des Trainers, des Anführers oder der Assistenten keine spürbare Besserung.

Ein anderer Kanzler, Finanzminister oder Bundespräsident würde an der "bescheidenen" Lage nicht viel ändern. Genau darin besteht ja die Misere dieses Landes, dass sie alternativlos ist, dass es die anderen auch nicht besser können, weder der umtriebig-vorlaute Stoiber noch die pausbäckige Merkel. So wie sich die deutsche Elf in Portugal präsentiert hat und wie vor vier Jahren in Holland an einem B-Team gescheitert ist, so präsentieren sich die politischen (und wirtschaftlichen) Eliten dieses Landes: fantasielos und überfordert, das Risiko scheuend und stets den Weg des geringsten Widerstandes suchend.

Deutschland hat das Ende des Kalten Krieges, Globalisierung und Vernetzung schlichtweg verschlafen, in der Politik genauso wie im Fußball. Während die anderen Länder ringsum ihre Sozialsysteme längst runderneuert, der neuen Lage angepasst und Talentschmieden eingerichtet haben, um die Herausforderungen zu meistern, die Freihandel, Wettbewerb und Brain Drain allen Staaten und Nationen aufzwingen, hat man sich hier zu Lande auf den einmal erreichten Lorbeeren ausgeruht, die der lange Arm Amerikas, also der Windschatten des Posthistoire, Westdeutschland lange Jahre beschert hat.

Von diesem Wohlstand, von diesen sozialen Errungenschaften und historischen Kompromissen, vom Glanz und Ruhm vergangener Tage und Jahre, zehrt man noch immer. Noch gestern, nachdem Milan Baros in der 78. Minute die schwerfälligen Verteidiger Wörns und Nowotny als Slalomstangen missbraucht hat und mit seinem Tor allen finalen Hoffnungen der Deutschen auf Erlösung den "Todesstoß" versetzte, faselte danach eine nicht mehr ganz jugendliche Zuschauerin vor uns auf dem Tollwood-Gelände in München ständig vom "Wunder von Bern", an das man als Fan und Spieler nur felsenfest glauben müsse, dann werde alles schon noch gut. So latent hartnäckig den Realitätssinn trübend können Mythen wirken, die von Medien einmal in die Welt gesetzt worden sind.

Um heutzutage die Vorrunde einer EM zu überstehen, reichen Erinnerungen an Wundersames oder historische Taten aber nicht mehr aus. Auch nicht der Appell an Willensstärke und Laufbereitschaft, die Aktivierung von Teamgeist oder die Mär von der Turniermannschaft. Einmal entzaubert verlieren Mythen nämlich rasch ihre Wirkung. Dafür braucht es schon mehr als das. Spielwitz und Spieltechnik zum Beispiel, Ballbehauptung auf engstem Raum, auch gegen mehrere Gegner, und die Bereitschaft zum Risiko. Von all diesen Fähigkeiten, die im modernen Fußball verlangt werden, von Verteidigern ebenso wie von Stürmern: enge Ballführung und Spieleröffnung, Flügelspiel und Doppelpass, rasche Positionswechsel und Fintenreichtum usw., hat die Völler-Truppe wenig zu bieten. Langsam und schleppend, den Ball hoch und weit in den Strafraum dreschend, bewegte sie sich auf dem Feld. Bei einem mutigeren Schiedsrichter hätte Völler und Co. schon gegen die Letten "fertig gehabt".

In England, unter Berti Vogts, versetzte der Wille noch einmal Berge. Mit höchstem körperlichen Einsatz und Kampfgeist, aber auch mit etwas Glück (das dazu gehört), wurde man dort, trotz begrenzter spielerischer Mittel, nochmals Europameister. Mittlerweile sind Berserkertum und Roboterfußball zu wenig dafür. Völler ist zu loben, weil er bei seinem Rücktritt keine Schönfärberei mehr betrieben und diese Mängel der deutschen Kicker ehrlich und offen vor der Presse eingestanden hat. Ach wären doch unsere Politiker auch so! Würden sie doch auch mal eingestehen, dass sie es nicht können.

Hitzfeld wird das schnell merken und zu spüren bekommen. Sein Amtsantritt wird der Elf und den Medien eine "strategische Verschnaufpause" ermöglichen. Mit seiner Person wird er die Strukturprobleme, die Felix Magath jüngst in einem Kicker-Interview angesprochen hat: zu viel PR-Termine der Spieler, mangelnde Talentförderung der Profiteams, zu viele mittelmäßige Ausländer in den Profiteams, mangelhaftes Ausbildungssystem beim DFB, von der Presse rasch hochgejazzte Spieler (siehe Podolski, Schweinsteiger und Co.), für einige Zeit zudecken. An der Misere als solcher wird auch er nichts ändern können. In zwei Jahren, wenn die WM in Deutschland ausgespielt wird, wird der Katzenjammer noch viel größer sein. Zum Leidwesen Schröders.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17736/1.html
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