Biotech-Visionen aus Brüssel

Brigitte Zarzer 28.06.2004

EU-Kommissar Busquin will Gentechnik-Forschung an Pflanzen massiv forcieren

Experten und Politiker sollen noch bis Jahresende im Rahmen eines Technologieforums zur Pflanzentechnologie einen Strategieplan über die Forschungsziele bis 2025 vorlegen. Das sagte der für Forschung zuständige Kommissar Philippe Busquin am Donnerstag in Brüssel. Eine "Vision" für die "Pflanzen der Zukunft" wurde bereits vorgestellt. Für die Umsetzung sollen innerhalb der nächsten zehn Jahre 45 Milliarden Euro von privater und öffentlicher Seite aufgebracht werden.

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In den Pflanzenwissenschaften und der Biotechnologie hat Europa in den letzten Jahren seine führende Rolle eingebüßt, da die Auswirkungen dieser Technologien in der Öffentlichkeit Bedenken auslösten, die Vorteile dieser Technologien der Öffentlichkeit nicht angemessen vermittelt werden konnten und strategische Forschungsprogramme fehlten. Dies ist angesichts der Herausforderung, vor denen Europa steht, alarmierend

die nachhaltige Versorgung einer anwachsenden Weltbevölkerungen mit gesünderen Lebensmitteln und der Ersatz von Materialien fossilen Ursprungs durch neue, umweltfreundliche Biomaterialien aus erneuerbaren Pflanzenressourcen.

Eine "Vision" wurde bereits von Vertretern aus der Forschung, der Lebensmittel- und Biotech-Industrie und der Landwirtschaft entwickelt und ebenfalls am Donnerstag unter dem Titel Pflanzen für die Zukunft in Brüssel vorgelegt. Unter den zwanzig Unterzeichnern des 23-Seiten starken Papiers finden sich u.a. Eggert Voscherau, Vize-Chairman von BASF, Jochen Wulff ehemals CEO von Bayer CropScience und der Vorstandschef der europäischen Biotechnologie-Vereinigung EuropaBio. Die deutsche Wissenschaft war durch Peter Gruss, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, vertreten ebenso wie von der Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, die das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen leitet.

Die insbesondere bei Fragen der Koexistenz kritischen deutschen Bauernvertreter scheinen übrigens ebenso wenig in die Gespräche eingebunden gewesen zu sein wie kritische Konsumentenschutzverbände oder NGOs. Und das obwohl das Papier die Wichtigkeit der Einbeziehung aller "Stakeholder" betont.

Als Prioritäten beziehungsweise Zielsetzungen der künftigen Biotechnologieforschung wurden drei Punkte genannt:

Erzeugung erschwinglicher, gesunder und qualitativ hochwertiger Lebensmittel, Förderung von Umweltverträglichkeit und nachhaltiger Landwirtschaft sowie Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirtschaft, Industrie und Forstwirtschaft.

Das federführende Personenkomitee beklagt den Rückstand der Union gegenüber den USA. Während Biotech-Firmen in den USA Millionen 650 Millionen Euro pro Jahr in Forschung und Entwicklung investieren würden, geben ihre europäischen Pendants nur 400 Millionen Euro aus. "Letztes Jahr hat die amerikanische Regierung eine nationale Pflanzengenom-Initiative auf den Weg gebracht, die für die Jahre 2003-2008 mit einem Gesamtbudget von 1,1 Milliarden Euro ausgestattet ist. In der EU-15 wurden schätzungsweise etwa 80 Millionen jährlich hierfür zur Verfügung gestellt", so Busquin. Die Expertengruppe veranschlagt einen Finanzbedarf von 45 Milliarden EUR in den nächsten zehn Jahren, um die formulierten strategischen Ziele in der Biotechnologie zu erreichen:

Developing and implementing a pertinent long-term research agenda based on the identification of the priorities of the sector and of European citizens. We estimate that public and private funding - at EU, national and regional level - will have to exceed 45 billion over the next ten years if Europe is to remain competitive.

Begründet wird die Notwendigkeit von Biotechnologie respektive GVOs mit üblichen Argumenten wie etwa Absicherung der Lebensmittelversorgung für die anwachsende Weltbevölkerung. Interessant ist, dass auch die Klimaveränderung beziehungsweise die Klimaerwärmung als Begründung herangezogen wird. Dazu soll insbesondere die Forschung zur Entwicklung stressresistenter Pflanzen intensiviert werden:

Neue stressunempfindliche Pflanzen werden die landwirtschaftliche Produktivität trotz saisonaler Schwankungen und Klimaveränderungen erhöhen und dabei noch weniger Dünger, Pestizide und Wasser benötigen.

Mögliche Risiken für Gesundheit und Umwelt werden in dem Papier nur kurz angesprochen. Demgegenüber wird aber immer das riesige Potenzial, das die Biotechnologie für das Wohlergehen der Menschheit eröffnen würde, hervorgestrichen. Immerhin ist man sich zumindest des Koexistenz-Problems bewusst und sieht eine Lösung u.a. in der Entwicklung von Sterilisationsmechanismen, die eine unerwünschte Ausbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen unterbinden könnte.

To ensure consumer and farmer choice, GM, conventional and organic crops will need to exist side by side. This can be achieved in a number of ways, such as applying appropriate agricultural practices and cultivating GM plants containing biological characteristics that reduce gene flow. These include engineering cleistogamy (which prevents plants from pollinating) or cytoplasmic male sterility into 'specialty' crops so that they retain the purity of their special features without running the risk of mixing with other plants.

Überwiegend liest sich der EU-Bericht wie eine Werbebroschüre der Biotech-Industrie und so ist es kaum verwunderlich, dass sich die europäische Biotechnologie-Vereinigung EuropaBio postwendend zu Wort meldete und die Entscheidung der Kommission als "wichtiges Signal" begrüßte. "Der Einsatz der Biotechnologie zur Herstellung von Biomasse, Bioenergie, Bio-Kunststoffen und Bio-Textilien aus pflanzlichen Produkten kann die Landwirtschaft revolutionieren. Nicht nur Lebens- und Futtermittel werden die Bauern herstellen. Pflanzen werden die Quelle für Brennstoffe, organisch verderblichen Kunststoffen, umweltfreundliche Reinigungsmitteln und Arzneimittel sein", erklärte Feike Sijbesma, Vorstandschef von EuropaBio und Mitglied in dem Personenkomitee, welches diese EU-Vision entwickelte.

Dass bei der überwiegend kritischen Haltung in der europäischen Bevölkerung noch einiges an Überzeugungsarbeit zugunsten der EU-Biotech-Visionen geleistet werden muss, scheint auch dem EU-Kommissar klar zu sein. Immerhin lautet ein wesentlicher Punkt auf der Agenda: "Förderung des gesellschaftlichen Konsens durch gegenseitiges Verständnis und Kommunikation."

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17754/1.html
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