Die anti-deutschen Tugenden

Rüdiger Suchsland 30.06.2004

Spielen statt kämpfen - Warum Hollands Fußball der schönste der Welt ist, manchmal jedenfalls

Dass Fußball ein Spiegel der Gesellschaft ist, ist jedem klar, der sich mit dem Spiel beschäftigt. Ob vergangene Woche die deutsche Mannschaft mit ihrem "Rumpelfußball", nun tatsächlich wegen eines Übermaßes "deutscher Tugenden" oder gerade aufgrund des Fehlens derselben ausgeschieden ist, mag man noch lange diskutieren - letztendlich gilt "maßgebend is' auf'n Platz", wie schon BVB-Fossil Adi Preißler wusste. Und dort ist Deutschland in der Vorrunde ausgeschieden, Holland dagegen weitergekommen und nun im heutigen Halbfinale gegen Gastgeber Portugal gelandet.

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Im Gegensatz zu den deutschen Wahlverwandten, den Azzurri aus Italien, die Genialität seit 30 Jahren immer nur behaupten, auf dem grünen Rasen aber in der Regel einen erweiterten Catenaccio an den Tag legen und erst kämpfen, wenn sie in Rückstand liegen, sind es mit den Niederländern sozusagen die antideutschen Tugenden schlechthin, die hier wieder einmal auch Erfolg haben.

Der flexible Raum Hollands

Dass der holländische wie der deutsche Fußballstil seine Grundlangen in den jeweiligen kulturellen und sozialen Bedingungen hat, belegt eine hochspannende Untersuchung, die der britische Autor David Winner - was für ein Name für einen Autor dieses Buches - zwar schon vor zwei Jahren veröffentlichte, die jetzt aber erst die verdiente Aufmerksamkeit erfährt: "Brilliant Orange. The Neurotic Genius of Dutch Football" heißt das Werk, das ein Jahrhundert holländischer Fußballgeschichte untersucht, und sich dabei vor allem mit dem Team von Ajax Amsterdam um Mittelfeldregisseur Johan Cruyff und den Erfolgen der niederländischen Nationalelf in den 70er und 80er Jahren befasst.

Winner schreibt dabei nicht einfach über Fußball, sondern über das, was man mit dem Philosophen Georg Willhelm Friedrich Hegel den niederländischen "Geist" nennen darf: "Der holländische Raum ist anders", lautet eine seiner zentralen Thesen. Er entwickelt sie im Rückgriff auf die Geschichte des Landes. Einst trotzten die Holländer ihr Land durch geschickten Deichbau der Nordsee ab, im 80jährigen Befreiungskrieg gegen die Spanier siegte man trotz himmelschreiender militärischer Unterlegenheit, indem man die schwerfälligen Habsburger Reiter mit Deichöffnungen durch künstliche Überschwemmungen in Bedrängnis brachte. Der Feind wurde an der Bewegung gehindert, indem die Holländer den Raum künstlich verengten.

Das niederländische Raumgefühl, so Winner ist abstrakt, der Raum Hollands ist flexibel, nicht statisch. Winner erinnert zur Erhärtung dieser These an niederländische Malerei von Jan Vermeer bis Piet Mondrian. Holland ist als Land ein künstlich und geometrisch angelegtes Gebilde, durchzogen von klaren Linien und geraden Flächen, von linearen Straßen und Kanälen, begrenzt von Deichen. Zudem ist es das am dichtesten besiedelte Land Europas. Jeder Platz musste genutzt werden. Dies schaffte ein anderes, geometrisches Gefühl, sozusagen ein Vermögen, abstrakter zu Denken. Winner zitiert Forschungsergebnisse, nach denen Holland das einzige Land ist, dessen Bewohner mehrheitlich moderne Gemälde in ihren Privatwohnungen hängen haben.

Die holländische Fußballrevolution der Sechziger, als in den Niederlanden der moderne Fußball erfunden wurde, lässt sich aus genau diesen Unterschieden, einer in Vermeers und Mondrians Bildern sichtbaren Raumgefühlsrevolution ableiten.

Fußball wie Mondrian

Winner untersucht das Spiel von Ajax und dem Oranje-Team unter "Landschaftsarchitekt" (Klaus Theweleit) Cruyff und Trainer Rinus Michels, damals die beste Mannschaft der Welt. Dreimal in Folge gewann Ajax um Johan Cruyff zwischen 1971 und 1973 den Europapokal der Landesmeister. Zu den bestimmenden Elementen, die er entdeckt, gehört die Viererkette. Was heute gang und gäbe ist, sah man damals zum ersten Mal: eine Linie quer über das Spielfeld, die den Raum des Angreifers radikal enger macht - wie die Oranje-Truppen im Krieg gegen Spanien.

Das zweite Element ist das Ersetzen der altbewährten Manndeckung durch Raumdeckung. Durch diese entsteht eine punktuelle Überzahl, der ballführende Spieler steht - nicht nur von einem, sondern von zwei oder mehr Gegnern attackiert - ständig unter Druck, und macht häufiger Fehler. Befanden sich die Niederländer selbst im Ballbesitz, wurden - drittens - die Räume blitzschnell geöffnet: Präzise Flanken, weite Pässe quer übers Spielfeld, Angriffe, die durch schnelle Flügelspitzen geführt wurden zogen das Spiel auseinander, und gaben den eigenen Spielern den Raum, den sie brauchten. Auch hier, so Winner gab ein geometrisches Denken den Ton an: In Dreiecken und Quadraten dachten die Spieler, wie Mondrian bei seiner Malerei.

Man sprach von "Total Football". Dabei wurde die Spezialisierung der Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer aufgehoben. Alle Spieler mussten (und durften) alles können. Es war auch ein politisches Ideal der Freiheit und Gleichberechtigung, das hier eine Rolle spielte. Holland zeigte "linken Fußball", zivilisierte das Spiel - 68er-Mentalität auf dem Platz. Sachliche und soziale Rationalität traten gegen die irrationale Mentalität der kriegführenden Nationen an. Bis heute - man denke an die Partie gegen Tschechien - ist das Spiel der Holländer durch ähnliche Prinzipien, durch Raumdenken, Schnelligkeit, Flügelangriffe und Kurzpassfußball geprägt.

Das neurotische Genie

Trotzdem wurde die Partie gegen Tschechien 2-3 verloren - ebenso wie bekanntlich trotz der unbestrittenen Überlegenheit des Oranje-Teams fast alle entscheidenden Spiele bei internationalen Turnieren: das 1-2 gegen Deutschland im WM-Finale gegen Deutschland ebenso wie das Finale 1978 gegen Argentinien, 1990 gegen Deutschland, 1998 im WM-Halbfinale gegen Brasilien, 2000 bei der EM: Immer wieder sah man Oranje-Teams, die in Schönheit starben.

Vor allem "Die Ereignisse des 7. Juli 1974 in München", so Winner, "sind in die holländische Psyche so eingebrannt, wie Amerika immer noch vom 22. November 1963 in Dallas verfolgt wird." Auch für den holländischen Dramatiker Johan Timmers ist die WM-Niederlage gegen die Deutschen "das größte Trauma Hollands im 20. Jahrhundert, sieht man von der Flut 1953 und dem Zweiten Weltkrieg ab".

Die Niederlage nahm Holland nicht nur deswegen so sehr mit, weil man sich von einem Weltmeistertitel eine Art Revanche für die damals erst 29 Jahre zurückliegende Nazi-Besatzung erhofft hatte, sondern auch, weil der Sieg einfach als ungerecht, als unglückliche Niederlage der besseren Mannschaft empfunden wurde.

Soziologisch betrachtet könnte man aus alldem schließen, dass die Niederländer nur moderner in puncto Spielsystem gewesen sind, nicht aber in punkto Erfolgsorientierung. Doch dies ist ein konservativer Blick. Nur Fußball-Konservative halten noch am naiven Modell reinen Ergebnisdenkens fest. "Entscheidend ist, was hinten rauskommt", formulierte unnachahmlich Bundestrainer Helmut Kohl in den fernen 80ern.

Winner sieht die Ursache für die Niederlagen in entscheidenden Spielen wiederum in der nationalen Psyche der Niederländer, in ihrer vermeintlichen Unfähigkeit zum Teamwork: "Die Niederländer haben in allen Bereichen des Lebens ein Problem mit Autorität. Lieber diskutieren sie und treffen die Entscheidungen unter sich." Dies ist das "neurotische Genie" des Oranje-Fußballs, eine Mischung aus Arroganz und einer unbewussten Lust an der Tragödie, am schönen Untergang. Man will lieber offensiv, trickreich und scheiternd spielen, als destruktiv und erfolgreich - genau das Gegenteil der deutschen Einstellung, die sich in Jürgen Kohlers Karrierefazit - "Im Fußball gibt's keinen Schönheitspreis." - ebenso manifestiert, wie in Klaus Theweleits Beobachtung, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem der Begriff Schönspieler negativ besetzt ist.

Nur 1988 wurde Holland einmal Europameister - ausgerechnet in Deutschland und ausgerechnet mit derjenigen Mannschaft, die trotz eines genialen Spielgestalters, des legitimen Cruyff-Nachfolgers Ruud Gullit mit Superstürmer van Basten, Verteidiger Rijkaards und Libero Koeman am ehesten als Team auftrat. "Der größte öffentliche Konsens seit der Befreiung", schrieb 1988 eine holländische Zeitung. Und Rinus Michels befand: "Nun kann das Gerede über 1974 aufhören."

Die "deutsche Einstellung"

Heute hat Bondscoach Holland vor allem ein Problem: Die Last der Geschichte und die ewigen Debatten um Dick Advocaat, den holländischen Berti Vogts. Sport-Kolumnisten in Holland forderten schon im EM-Vorfeld vom eigenen Team "eine deutsche Einstellung". Auch in den Niederlande schießen die "Gurus" (Rudi Völler) aus allen Rohren gegen den Trainer, fordern von Johan Cruyff bis Louis van Gaal, andere Spieler und ein anderes Spiel. Besonders Cruyff wirft dem einstigen Abwehrklopper Advocaat Verrat am "totalen Fußball" vor. Lieber Fußball zu spielen, als zu kämpfen, gelte nicht mehr, die Kritiker sehen ein desorientiertes Team, und streiten vor allem darüber, ob Bayern-Stürmer Roy Makaay nun in die Anfangsformation gehört oder nicht.

Sollten die Holländer gegen Portugals Melancholiker wie vor sechs Jahren gegen Brasilien ausscheiden, werden wieder diejenigen glauben, Recht zu haben, die seit jeher lieber auf Defensivkonzepte und "deutsche Tugenden" setzen. Sie können sich dann über die Erfolge der Griechen freuen, die genau jene Weisheiten des "Rennens, um zu überleben" und "Der Ball muss ins Tor, egal wie" (Otto Rehhagel) zum Stilprinzip erkoren haben. Doch Holland sollte gewinnen. Mal sehen.

David Winner: "Brilliant Orange. The Neurotic Genius of Dutch Football." Bloomsbury, London 2002 (bei Amazon ist das Werk zur Zeit vergriffen).

Christoph Biermann/ Ulrich Fuchs: "Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann. Wie moderner Fußball funktioniert." Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003 (3.Auflage)

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17770/1.html
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