Großflächige Menschenversuche

03.07.2004

Arte zeigt erstmals zwei deutsche Filme über die Atombombentests mitten in Amerika und der Sowjetunion

Die Filme von Peter Kuran über die Atombomben, ihre Tests und ihre Auswirkungen sind optisch beeindruckend. Wer lieber einen konventionelleren, deutschen Ansatz zu dem größten Schrecken des letzten Jahrhunderts sehen will, wird jedoch am Montag und Dienstag im Abendprogramm auf Arte fündig. Dabei besucht auch erstmals ein westliches Kamerateam das ehemalige sowjetische Atombombentestgelände in Kasachstan.

Atombombenexplosionen wird man auf Arte weit weniger zu sehen bekommen als in den US-Filmen: Einerseits, weil die deutschen Filmer nicht das Material zur Verfügung hatten wie Peter Kuran und andere Dokumentarfilmer, andererseits, weil man nicht so sehr die Atompilze zeigen will, als ihre nicht weniger massiven Folgen. Beide Filme beschränken sich dabei auf die Versuche, die die beiden Atommächte des kalten Krieges im eigenen Land und damit auch – gewollt oder ungewollt – an der eigenen Zivilbevölkerung vornahmen.

"Ground Zero" – Das Zentrum der überirischen Atomtests in Kasachstan mit diversen Messtürmen (Bild

Der erste Film von Gerold Hofmann zeigt dabei das für uns interessantere, weil bislang unbekannte Motiv: Das sowjetische Atombombentestgelände in Kasachstan, das von 1949 bis 1989 benutzt wurde. Es ist auch 40 Jahren nach dem Ende der Tests in der Atmosphäre immer noch strahlend und wurde zum ersten Mal von einem westlichen Kamerateam besichtigt, wobei der kasachische Geheimdienst erst am Tag der Abreise aus Deutschland endgültig grünes Licht gab. Juri Borantschenko, der in Deutschland lebt und arbeitet – als Geologe an der Universität Halle – reist mit: Aus eigener Neugier und weil er die Idee umsetzen will, das ehemalige Bombentestzentrum als touristisches Ziel anzubieten, so wie die Amerikaner "Trinity", den Ort, an dem die erste Atombombe gezündet wurde. Sinnigerweise sind die Mini-Vans, mit denen Kamerateam und Besucher auf das Gelände gefahren werden, bereits passend mit "Adventure Tourism East Kasachstan" beschriftet.

In der Nähe des sowjetischen Atomtestplatzes waren Semipalatinsk, 150 km entfernt und Kurchatov. Die letztere Stadt ist nach Igor Kurchatov benannt, der als Vater der ersten russischen Atombombe von 1949 gilt. Sie liegt am Ufer des Irtisch, der aus China kommt und nach Russland fließt – samt eventueller radioaktiver Fracht. Die Stadt ist erst seit kurzem überhaupt auf russischen Landkarten zu finden, denn sie war das Zentrum der UDSSR-Atomtests, wo die Beteiligten wohnten und arbeiteten und deshalb eine "verbotene Stadt". Das Testgelände liegt am östlichen Ende der ehemaligen UDSSR, nahe der chinesischen Grenze. Es leben Bauern dort, die noch in den 80ern an der Strahlung starben.

Monsteridee: Kanalbau mit Atombomben

Das Bombentestgelände ist mit 19.000 km2 fast so groß wie Belgien und seit den 90er-Jahren offen für Wissenschaftler aus aller Welt. Von 1949 bis 1989 wurden hier insgesamt 461 Bomben gezündet, davon 113 über der Erde und 348 nach dem Stopp der atmosphärischen Bombentests 1963 unterirdisch in Stollen im Gebirge. Ein solcher Stollen ist in der Region Balapan, wo der Boden noch plutoniumverseucht ist – man muss zwar keine Schutzanzüge mehr tragen, aber Schutzstiefel. Die Strahlung in der Luft beträgt dort heute noch 4 Mikrosievert in der Stunde – eine Woche Aufenthalt dort entspricht von der radioaktiven Strahlung her einem Jahr Aufenthalt in Deutschland.

Im Januar 1965 wollte die UDSSR ähnlich dem US-Programm Plowshare Atombomben zivil nutzen, um mit entsprechend vielen nuklearen Explosionen Gletscher zu schmelzen, Kanäle zu sprengen und Flüsse umzuleiten. Beim Test mit einer atomaren Sprengladung entstand ein weit größerer Krater als erwartet, der sich mit Wasser füllte und sich heute noch als hoch radioaktiver Atomsee im Testgelände befindet. Die hochgesprengte Erde wurde als fallout mit verschiedenen Winden in verschiedenen Höhen in zwei radioaktiven Wolken nach Semipalatinsk und in die Altai-Region nach Russland getragen.

Der Balapan-See auf dem ehemaligen Atomtestgelände bei Semipalatinsk. Er wird landläufig auch "Atomsee" genannt (Bild

Die überirdischen Atomtests ähnelten denen der USA: Kameras und Messgeräte wurden in Messtürmen aus Beton 3 Kilometer von dem Epizentrum der Explosion untergebracht. Noch näher platzierter Beton schmolz in der Explosion, alle Türme und der Boden sind plutoniumverseucht. Auch die Tierversuche ähnelten denen der USA: Pferde, Schafe, Schweine und Hunde wurden auf dem Testgelände angebunden und dem Atomblitz ausgesetzt, allerdings wurden die russischen Schafe nicht vorher geschoren und starben nach der Explosion mit qualmendem Fell.

Die meisten russischen Versuchstiere waren jedoch zweibeinig: Wie Professor Boris Gusef berichtet, der zu Sowjetzeiten in der Strahlenklinik in Semipalatinsk arbeitete, waren die Testbedingungen geradezu darauf angelegt, die eigene Bevölkerung zu verstrahlen, um die möglichen Folgen des Atomkriegs am lebenden Objekt zu erforschen. August 1953 wurde beispielsweise die erste Wasserstoffbombe in Kasachstan gezündet und zwar vor dem kompletten Abtransport der nahe am Testgelände wohnenden Bevölkerung. Dieser Abtransport fand auf offenen Fahrzeugen statt, lediglich mit Decken als Schutz, und die Lager lagen ebenfalls unter offenem Himmel, ohne Schutz vor Wind, Wetter und Strahlung.

Test im Herbst bei Sturmwind mit Regen für höhere Strahlenschäden

80 Prozent der Tests fanden bei Sturmwind mit Regen statt, so Gusef, und deshalb sei zu vermuten, dass dies Absicht war, ebenso wie die Tatsache, dass alle Explosionen im Herbst stattfanden, wenn der Weizen reif ist und geerntet wird. Gusef nennt dies ein "Präventives Kriegsszenario gegen die eigene Bevölkerung": Jedes Wochenende um 9 Uhr gab es "Erdbeben". Insgesamt waren 300.000 bis 400.000 betroffen und es gibt heute noch doppelt soviel Krebsfälle in Kasachstan wie anderswo in der ehemaligen Sowjetunion. Auch Herzprobleme sind im Dorf Mukur nahe Semipalatinsk deutlich erhöht.

Heute leben noch 10.000 Menschen in Kurchatov, damals waren es vier Mal so viele. Ein ehemaliger Luftwaffenstützpunkt 30 Kilometer vom Epizentrum der überirdischen Explosionen wird heute als Bauernhof verpachtet. Der Boden dort ist zwar nicht mehr gefährlich verseucht, doch bei jedem der häufigen Sandstürme besteht noch die Gefahr, mit dem herüberkommenden Sand auch Plutonium vom Testgelände einzuatmen oder zu schlucken.

Atom-Kameramann Doug Wood neben einem ehemaligen US-Atomtestbunker in der Wüste von Nevada (Bild

Der zweite Film von Markus Fischötter wandelt auf bereits von Peter Kuran und anderen amerikanischen Dokumentarfilmern vertrauten Spuren, nämlich dem US-Atomtestgelände in der Wüste von Nevada, das sich 100 Kilometer nordwestlich von Las Vegas befindet und so groß ist wie das Saarland. Dort machten die USA zwischen 1950 und 1992 jedes Frühjahr insgesamt über 900 Atomtests.

Im Arte-Film interviewt wird unter anderem Doug Woods, der heute 81 ist und eigentlich Spielfilme machen wollte, bis er sich 1950 für die Atomtests interessierte und als Kameramann fast 300 über- und unterirdische Aufnahmen für Das geheime Hollywood-Filmstudio Lookout Mountain Observatory machte. Von 1947 bis 1969 arbeiteten hier 250 Produzenten, Regisseure und Kameramänner und machten 6500 Filme, einige davon Propaganda, die meisten jedoch militärintern und bis vor kurzem oder teils auch noch heute unter Geheimhaltung.

USA: Hauptsache keine Strahlung in Las Vegas

Im "Frenchmen Flat" wurde am 27. Januar 1951 nach dem Trinity-Test in New Mexico der erste oberirdische Atomtest auf dem Gelände der USA vorgenommen. Die Mitarbeiter lebten dabei lange Zeit in Zelten am Hang, wie Doug sich erinnert – eine gegen Fallout ziemlich ungeschützte Art der Unterkunft. Getestet wurde nur bei nach Osten blasendem Wind, um Las Vegas und Los Angeles vom Fallout zu verschonen. Dafür entstanden im gesamten Rest der USA "Hot Spots" bis hinüber in den Staat New York.

Am schlimmsten erwischte es allerdings die Mormonenstadt St. George im Bundesstaat Utah. Claudia Petersen berichtet, wie sie mit 5 Jahren erstmals die Blitze und Atompilze sah und ihre Mitschüler Leukämie bekamen. Lange hoffte sie verschont zu bleiben, doch Mitte der 80er starben dann innerhalb eines Jahres ihr Schwiegervater, ihre Schwester und schließlich ihre sechsjährige Tochter qualvoll an Krebs. Ab 1988 bot der Staat Kompensationszahlungen an mit 50.000 Dollar Entschädigung pro Gestorbenem – für Claudia Petersen eine unverschämte Offerte, die sie ausschlug.

Zugrichtungen der radioaktiven Fallout-Wolken aus Nevada (Bild

Doch den Soldaten ging es auch nicht besser, sie wurden nur 3 Kilometer von der Explosion entfernt stationiert, obwohl die Atomic Energy Commission 11 Kilometer Abstand vorschrieb, um sie gegen die Atomexplosionen abzuhärten und 45 Minuten bis eine Stunde nach der Explosion bereits in das Explosionszentrum geschickt 380.000 Soldaten mussten an den Tests teilnehmen, viele starben an Krebs.

Jonathan Parfrey von der Organisation "Ärzte für soziale Verantwortung" in Los Angeles nennt 11.000 Krebstote durch die Atomtests und 100.000 bis 150.000 schwer erkrankte Personen sowie allein 120.000 Fälle von Schilddrüsenkrebs nur durch freigesetztes radioaktives Jod 131. Auch 18 von insgesamt etwas 800 unterirdischen Tests blieben nicht unterirdisch und brachen an die Oberfläche durch.

Ein Teil des ehemaligen US-Atomtestgeländes in der Wüste von Nevada – der Atomblitz setze die im Bild zu sehenden Joshua Trees in Brand, die Druckwelle blies sie dann wieder aus (Bild

Das US-Testgelände, in dem einst 15.000 Menschen lebten und arbeiteten, hat heute nur noch wenige Bewohner und ist nun für die Öffentlichkeit offen. Auch heute werden dort noch ABC-Versuche gemacht, allerdings keine Atomexplosionen mehr, sondern unter anderem unterkritische Pluttoniumtests mit Sprengstoff in 300 Meter Tiefe, um die vorhandenen Atombomben intakt zu halten. Bald soll allerdings wieder "richtig" getestet werden – zur Entwicklung von "Mini-Nukes" hat die Bush-Regierung grünes Licht für neue Atomtests in Nevada gegeben….

"Das Geheimnis der Atombombenversuche", zweiteilige Dokumentation mit Erstausstrahlung auf Arte TV, produziert von Arte und dem mitteldeutschen Rundfunk

  1. Gerold Hofmann, Atomtests in Kasachstan, UdSSR von 1949 bis 1989, Montag 5. Juli 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr
  2. Marcus Fischötter, Atomtests in Nevada, USA von 1950 bis 1992, Dienstag 6. Juli 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr

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