Die Welt der Jungs ist nicht mehr die Welt der Mädchen

Thomas Pany 06.07.2004

Frankreich: Gefahr der Ghettoisierung von Problemvierteln

Mehr als 300 von 630 untersuchten Problemvierteln ("quartiers sensibles") in Frankreich sind in Gefahr, zu Ghettos zu verkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des französischen Pendants zur deutschen Verfassungsschutzbehörde, der Direction centrale des renseignements généraux (DCRG).

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Die Studie, über deren Inhalt die französische Tageszeitung "Le Monde" gestern in ihrer Internetausgabe berichtete, besäße zwar weder einen wissenschaftlichen Wert, noch stütze sie sich auf einwandfreies statistisches Material; sie gebe dennoch eine "alarmierende Tendenz" wieder. Immerhin entsprächen die über 300 Problemviertel aufs ganze Territorium gerechnet einer Einwohnerschaft von 1,8 Millionen.

Im Kern der Studie geht es um ein Phänomen, das in Frankreich als repli communautaire bezeichnet wird. Gemeint ist damit eine gemeinschaftliche Isolations- und Rückzugstendenz, die dem politischen Anspruch der Integration verschiedener Bevölkerungsschichten zuwiderläuft. Den französischen Vorstädten, den sogenannten banlieues, wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Als Problemviertel - Quartier sensibles - fungieren in der Studie Orte, an denen die Verhaltensweisen, Gewalttätigkeiten, das religiöse Engagement und die Beziehungen zwischen Männer und Frauen "sich von den erlaubten Praktiken entfernen".

Genau genommen sind es acht Kriterien, die das DCRG aufgestellt hat, um zu bestimmen, ob ein Problemviertel, das durch "urbane Gewalt" auffällig geworden ist, vom Phänomen des gemeinschaftlichen Rückzugs (repli communautaire) betroffen ist: eine hohe Zahl von Familien aus ursprünglichen Einwanderern, "die teilweise die Polygamie praktizieren"; ein gemeinschaftliches Netzwerk; das Vorkommen von ethnisch bestimmten Geschäften; die Vervielfachung von Moscheen; das Tragen von orientalischer und religiöser Kleidung; antisemitische und antiwestliche Graffities; die Existenz von Klassen an den Schulen, die sich aus Erstankömmlingen zusammensetzen, die kein Französisch sprechen; die Schwierigkeit des Verbleibs von nicht-immigrierten Franzosen. Wenn ein Viertel mehreren dieser Kriterien entspricht, wird es von den (Polizei-)Beamten des DCRG, das dem Innenminister unterstellt ist und "Informationen aus allen Lebensbereichen (öffentliche Sicherheit, Politik, Kultur, Wissenschaft usw.) sammeln" soll, als "ghettoisiertes Viertel bzw. auf dem Weg dorthin" geführt.

Dort würde sich dann eine Art Parallelgesellschaft entwickeln: Immigrantenfamilien, welche die Endogamie bevorzugen, nach den Traditionen ihrer Ursprungsländer leben, und Konflikte parallel zu den Institutionen regeln. Die Folge sei, dass mehr und mehr Familien "europäischen Ursprungs" die Viertel verlassen und die "traditionellen Geschäfte" schließen würden.

Prosperieren würde dagegen der Islam. Selbst wenn die Verfasser der Studie, so Le Monde, darauf bedacht wären, nicht dem Verdacht zu unterliegen, auch den Islam auf den Index zu setzen, weise man doch sehr deutlich auf die zunehmend stärkere Rolle der radikalen islamischen Prediger in solchen Vierteln hin.

Das Proselytentum der radikalen Islamisten (..) trägt seine Früchte, vornehmlich unter den Jugendlichen und Kindern, die von zahlreichen Vereinen und Verbindungen in Beschlag genommen werden, die im sportlichen und erzieherischen Bereich arbeiten.

Als besonders alarmierend begreifen die Verfasser der Studie die Beobachtung, wonach die radikal-islamischen Prediger, indem sie die Jugendlichen als "Opfer von Diskriminierung und Rassismus" zeichnen, im Gegenzug einen "antifranzösischen Rassismus" erschaffen würden.

Für Kritiker der Studie krankt deren Analyse an Oberflächlichkeit. Schon die zentrale Untersuchungskategorie des repli communautaire sei nicht zu halten, meint der französische Soziologe Didier Lapeyronnie. Dass sich die Einwohner dieser Viertel auf Distanz zwischen sich und der restlichen Welt setzen würden, springe zwar ins Auge; die Tendenz sei aber keine gemeinschaftliche. Der Begriff des "gemeinschaftlichen Rückzugs" sei eine falsche Interpretation. Wenn die Richtung gemeinschaftlich wäre, dann würde sie sich in eine kollektive Kapazität zur Solidarität und kultureller Einheit übersetzen lassen. Die Realität aber sei schlimmer: der Rückzug findet im Ghetto statt, einem Ort, der von jedem Sinn entleert sei.

Wenn das Viertel gemeinschaftlich organisiert wäre, würde nicht jeder daraus entkommen wollen; die Wirklichkeit sei sehr viel komplexer. Was einem dort auffalle, sei die extreme Fragmentierung dieses Universums, das von den Einwohnern einmal als solidarisch und zugleich als Dschungel beschrieben wird, in dem keiner mit einem spricht. Die Welt der Jungs ist nicht mehr die Welt der Mädchen, diejenigen, die Erfolg haben, leben nicht mehr auf dem gleichen Planeten wie diejenigen, die scheitern.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17816/1.html
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