Von Fort Benning, Georgia, nach Abu Ghraib

Michael Nagler 09.07.2004

Es müssen andere Problemlösungen als Kriege gefunden werden: Plädoyer für die Einrichtung eines Friedensministeriums

"Es war mir immer ein Rätsel", sagte Gandhi einmal, "wie sich Menschen durch die Demütigung ihrer Mitmenschen geehrt fühlen können." Er hatte so recht. Egal, wer am Schluss die Schuld für die Misshandlungen der irakischen Gefangenen, deren Bilder uns nicht loslassen, tragen muss, das Image der Vereinigten Staaten selbst wurde befleckt durch die Entmenschlichung, die den Männern im Irak von unserem Militär zugefügt worden ist.

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Die ganze traurige Affäre hat für mich einen besonderen Klang, da ich Professor für Friedensforschung bin, der sich auf Gewaltlosigkeit spezialisiert hat, und sich viele meiner Studenten über Jahre hinweg nach Fort Benning, Georgia, aufgemacht haben, um dort gegen die mutmaßliche Ausbildung in Foltertechniken an der früheren School of the Americas, jetzt unbenannt in Western Hemisphere Institute for Security Cooperation, zu protestieren (Die Folter hat System).

An dieser "Schule" bildeten die Vereinigten Staaten die berüchtigsten Menschenrechtsverletzer in der "Hemisphäre" aus, eingeschlossen wahrscheinlich jene, die drei amerikanische Nonnen und deren Haushälterin 1980 in Guatemala ermordet haben, und ganz sicher diejenigen, die neun Jahre später sechs Jesuiten-Priester getötet haben.

Und wir haben, soweit wir das sagen können, wenig Gründe, darauf zu hoffen, dass die Katze das Mausen gelassen hat, als sie einen anderen Namen erhielt. Stattdessen ist die Reaktion der Armee gegenüber den Protestierenden nur härter und barscher geworden, und ich musste beobachten, dass einige meiner Studenten für ihre Überzeugungen ins Gefängnis kamen. Wie viel Kummer hätten wir uns erspart, wenn wir die andere Richtung eingeschlagen hätten! Hätten wir dem Schmerz, den die Protestierenden gefühlt haben, mehr Aufmerksamkeit geschenkt, dem Missbrauch, den sie uns deutlich machen wollten, dann hätten wir vielleicht nicht die Enthüllungen ertragen müssen, die uns jetzt aus dem Abu Ghraib Gefängnis entgegen kommen.

Wie hätten wir die Lektion dieser Ereignisse besser lernen können? Zwei Dinge wären nötig gewesen. Erstens hätten wir alle die Verantwortung für das, was in unserem Namen getan wurde, übernehmen müssen. In einer berühmten Szene des phantastischen Doku-Dramas "Die Schlacht von Algier" (Kino oder Wirklichkeit?), entgegnet General Massu den französischen Journalisten, die schockiert über die Entdeckung sind, dass seine Truppen algerische Gefangene gefoltert haben:

Ihr habt uns hierher geschickt, damit wir unsere Aufgabe erledigen und ihr müsst alle Konsequenzen akzeptieren.

Zweitens hätten wir uns fragen müssen, warum wir, nach all dem zu Recht gefühlten Ekel gegenüber den Nazi-Methoden, die im 2.Weltkrieg angewendet wurden, als zivilisierte Nationen in Europa und Amerika als solche wiederfinden, welche dieselben Methoden benutzen. Was wir entdecken würden, wenn wir der Frage wirklich auf den Grund gingen, ist, dass es so etwas nicht mehr gibt - wenn es ihn je gegeben hat - wie einen Krieg ohne Grausamkeiten und Gräueltaten. Tatsache ist, dass der Krieg selbst eine Grausamkeit ist. Es gibt weitaus bessere Methoden, um unausweichliche Konflikte, die zwischen Nationen immer wieder aufkommen werden, zu lösen: Methoden, die von Diplomatie (Denken Sie nicht, nicht einmal einen Moment lang, dass dies im guten Glauben vor dem ersten oder zweiten Golfkrieg versucht wurde - das wurde es nicht) bis zum gewaltlosen Widerstand jenes Typs reichen, die kürzlich zur Absetzung des Saddam ähnlichen Diktators von Serbien, Slobodan Milosevic, geführt haben.

Es ist nicht zu spät, um diese Lektionen zu lernen. Genau in diesen Tagen wird ein Gesetz (HR 1673) vorbereitet, dass den Kongress dazu veranlasst, ein Friedensministerium in der Regierung zu schaffen. Diese radikale Idee wurde zuerst von einem der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, Benjamin Rush, im Jahre 1793 vorgeschlagen. Wenn sie schließlich wirkungsfähig ist, würde das Friedensministerium genau solches Denken zum Tragen bringen, sobald Entscheidungsträger mit einem anderen Konflikt konfrontiert werden (mehr Informationen dazu hier). Krieg ist ein zunehmend unnötiges Böses, weil zunehmend mehr und weitaus bessere Mittel zur Problemlösung zur Verfügung stehen.

Wir sollten weder die Grausamkeiten von Abu Ghraib vergessen, noch sollten wir uns übermäßig mit Schuld beladen. Stattdessen sollten daraus lernen, dass es mit der fortschreitenden Zivilisation deutlicher wird, dass wir andere Wege finden können und müssen, um unsere Probleme zu lösen, indem wir dem Frieden eine Gestalt geben und nicht dem Krieg.

Michael Nagler ist Friedensforscher und leitet die Peace and Conflict Studies (PACS)an der University of California, Berkeley.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17838/1.html
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