Der Morgen könnte nie kommen

Rüdiger Suchsland 18.07.2004

Wie dreht man einen Bollywood-Film? Regisseur Nikhil Advani über seine Arbeit in der indischen Filmindustrie, deren Krise und deren Zukunft

INDIAN LOVE STORY - KAL HO NAA HO ist eine wilde, turbulente leidenschaftliche Geschichte über erfüllte und verfehlte Liebe, angesiedelt vor der Kulisse der New Yorker Skyline, im Milieu indischer Einwandererfamilien in Brooklyn. Das Drehbuch schrieb Karan Johar, auch Autor von SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD. Das Ergebnis: Ein typisches, aber überdurchschnittlich gutes Bollywood-Musical. Pathetisch, kitschig, pures Kino, garantiert "bigger than life".

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Bollywood wäre nicht Bollywood, würde der Film nicht unzählige Komplikationen erfinden, Hindernisse, Missverständnisse und Launen des Schicksals, die verhindern, dass sich das Happy End auch nur eine Minute vor Ende des dreieinhalb-Stunden-Spektakels einstellt. Oder auch nicht. Denn auch wenn das indische Mainstream-Kino auf Glück und Harmonie aus ist, kann das Schicksal hier immer etwas anderes fordern. Dies ist der entscheidende Unterschied zu Hollywood: Während man dort fast zu 100 Prozent mit einem Happy End rechnen kann, steht hier wirklich alles immer auf dem Spiel. In vielen, oft den erfolgreichsten Filmen, kommt die wahre Liebe nicht zusammen, gibt es entweder einen grandiosen Untergang, oder eine pragmatische, mittlere Lösung. Alles offen also, nur große Emotionen sind sicher.

"Der Morgen könnte nie kommen." heißt die Übersetzung des Originaltitels. "Nutze den Tag!" ist also die heimliche Botschaft dieses grandios und stilistisch so perfekt wie einfallsreich inszenierten Films. Auch sein Inhalt ist nur vordergründig harmonieselig und naiv, tatsächlich ironisch und subtil. Man muss nur genau hinsehen: Denn tatsächlich zeigt der Film in ungewohnter Offenheit familiäre Konflikte. Es ist auch extrem ungewöhnlich für Bollywood, dass es sich bei der Familie im Zentrum nicht um Hindus, sondern um Christen handelt. Und indem das alles in New York spielt, thematisiert der Film das Leben der indischen Diaspora, der Millionen, die fern der Heimat im Westen ihr Glück suchen. Das hat den für einen Westler witzigen Nebeneffekt, dass man die eigene Welt einmal mit indischen Augen vorgeführt bekommt: Klischeetriefend und oberflächlich. Und man ahnt, dass unser Blick auf Indien nicht anders ist.

KAL HO NAA HO ist einer der großen jüngeren Erfolge des Bollywood-Kinos. Der Film, der auf der Berlinale seine Europapremiere erlebte, ist das Regie-Debüt von Nikhil Advani (geb. 1972). Gemeinsam mit Drehbuchautor Karan Johar, der auch als Co-Produzent agierte, schrieb er auch das Drehbuch zu dem Film der "Dharma Productions" in Bombay. Deren Gründer Yash Johar, Vater des Drehbuchautors, einer der einflussreichsten Bollywood-Produzenten, starb am vergangenen Freitag. Bereits auf der Berlinale im Februar gab es Gelegenheit zu einem Interview mit Nikhil Advani

KAL HO NAA HO dauert drei Stunden. Für Europäer ist das ungewöhnlich: Warum müssen Bollywood-Filme eigentlich immer so lang sein?

Nikhil Advani: Weil wir das Bedürfnis haben, unserem Publikum etwas zu erklären. Und wir brauchen natürlich Zeit für unsere Songs.

Bollywood-Kino ist im Westen groß im Kommen. Ihr Film erlebte im "Internationalen Forum" auf der Berlinale seine Premiere. Wie ist die Reaktion des hiesigen Publikums, was überrascht sie, was gefiel Ihnen?

Nikhil Advani: Ich hätte nicht gedacht, dass man sich so begeistert. Aber einige Zuschauer haben den Film ziemlich schnell verlassen. Ich fragte sie, warum. Und ich bekam zu hören: "Bollywood" im Westen heißt musikalische Extravaganz mit Kostümen. Relativ traditionell. Die erste Einstellung meines Films zeigt die Freiheitsstatue. Dann kommt das Crysler-Building. Der Film spielt komplett in New York. Viele Europäer fragen sich daher: Was ist das? Das ist kein echter Bollywood-Film. Warum wurde Bollywood nach Hollywood verkauft?

Ich dagegen bin der Ansicht: Bollywood steht für Emotion. Diese Emotion ist von der Art, dass sie einen packt und nicht mehr loslässt. Egal wo das alles spielt.

Wenn die Emotion stimmt, ist es Bollywood

Die Reaktion hier ist völlig anders. Als die Leute in Indien KAL HO NAA HO zuerst gesehen haben, waren sie gerade von der ersten Hälfte angenehm überrascht. Man fand: Da ist viel Neues, bisher Ungesehenes. Ein erfrischend anderer Film. Auch in der Art des Schnitts, durch den Splitscreen, durch die Schnelligkeit der Dialoge, die Art, wie die Leute in die Kamera reden. Und im zweiten Teil kritisierte man "zuviel Kompromisse", es hieß, das sei "wie jeder andere Bollywood-Film". Hier geschieht genau das Gegenteil. Im zweiten Teil gehen die Leute mit. Zwei ganz verschiedene Reaktionen: Wunderbar!

Inder in New York, zuvor in SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD in London. Ist das ein neuer Trend im Kino Indiens?

Nikhil Advani: Das indische Publikum kümmert sich nicht sehr darum, wo ein Film spielt. Allerdings: Inder, die im Ausland leben sind definitiv "indischer", als die Inder in Indien. Sie fühlen eine Art Pflicht, indische Traditionen und Werte zu bewahren - gegen Globalisierung und Liberalisierung. Uns in Indien geht es anders. Wir nehmen unsere Traditionen für selbstverständlich. Sie sind Teil unseres Lebens, wir kümmern uns nicht sehr darum. Bollywood hat eine bestimmte Emotion. Es funktioniert wie eine Art Haken. Man versucht, das Publikum ins Herz zu treffen. Wenn das einmal gelungen ist, hat man sie am Haken

Was ist aus Ihrer Sicht die spezifische Bollywood-Emotion? Ist es die Musik? Ist es die "bigger than life"-Inszenierung? Oder eine bestimmte Art von Romanze?

Nikhil Advani: Es ist das "bigger than life". Die Fähigkeit, nicht schüchtern zu sein. Wenn der Held traurig ist, dann weint er fürchterlich, wenn er glücklich ist, lacht er und bringt das Publikum zum Lachen. Wir Inder sind nicht so subtil, wie ihr Europäer. Wir tendieren dazu, selber "bigger than life" zu sein.

Dann ist es ja nicht mehr "bigger than life" sondern einfach Leben...

Schaut, wie glücklich wir sind. So sind wir!

Nikhil Advani: Exakt! Es ist Leben. Wir wollen alles in grandioser Weise tun. Selbst der ärmste Mann in Indien will seinen Sohn oder seine Tochter in einer prächtigen Hochzeit verheiraten, mit einer Pracht, die er sich nie und nimmer leisten kann. Und wenn er die zehnfache Summe in Zinsen zurückzahlen muss. Weil er dem Rest der Welt zeigen will: Schaut, wie glücklich wir sind. So sind wir!

Wie wird Bollywood durch seinen weltweiten Erfolg verändert? Vor zehn Jahren hätte man so einen Film nicht auf der Berlinale gezeigt... Nun gibt es ein wachsendes Interesse. Man begreift, dass es auch Kunst ist, nicht nur kommerziell...

Nikhil Advani: Ja, kommerzielle Kunst.

Wie verändert dies Bollywood? Wie verändert es den Filmstil und wie verändert es die Stars?

Nikhil Advani: Was zur Zeit im Prinzip passiert: Bollywood erfindet sich selbst neu. Die Formeln, mit denen Bollywood groß wurde, funktionieren nicht mehr so gut. Junge Filmemacher sehen heute internationale Filme, und werden von ihnen beeinflusst. Mein Lieblingsfilm ist GODFATHER - der quintessentielle Hollywood-Film.

Indische Filmemacher haben heute oft an englischen Schulen studiert, in Colleges in England und den USA. Sie versuchen, anders zu sein, die Formeln neu zu erfinden. Die ganz mutigen brechen mit den Formeln, die vorsichtigeren verändern die Formeln. Ich denke, das ist es, was wir in KAL HO NAA HO gemacht haben. KAL HO NAA HO ist gewiss eine typische Bollywood-Story, aber sie wird in einem veränderten Stil erzählt, mit anderer Technik und anderer Sensibilität.

Was da passiert ist einfach: Wir sind in einer Verschmelzung zwischen Bollywood und Hollywood-Kino aufgewachsen. Das spiegelt sich in den Filmen. Was wir auch sagen: wir wollen andere, neue Dinge probieren. Der Westen nimmt Bollywood jetzt zur Kenntnis. Genauer gesagt: Man nimmt eine Gruppe Filmemacher zur Kenntnis, welche die traditionelle Bollywood-Energie mit neuem Erzählstil, neuen Charakteren und neuen Settings verbinden. Nehmen Sie MAQBUL: ist eine Adaptation von Macbeth. Wundervoll. Wundervoll gemacht. Die besten indischen Schauspieler sind drin. Im Vergleich: als hätte man Al Pacino, Marlon Brando und Robert de Niro in einem Film. Fantastisch.

In DIL SE, der vor mehreren Jahren auf der Berlinale lief, hatte man einerseits die Bollywood-Formel, andererseits eine Geschichte über Terrorismus. Das war sehr spannend und sehr ungewöhnlich. Man würde einen solchen Film nicht in Europa machen. Es wäre ein sehr unabhängiger Film, kein Big-Budget-Film. Wäre es denn möglich, etwas wie DIL SE mit seinem politischen Gehalt zu wiederholen? Ich fand, dass SOMETIMES HAPPY, SOMETIMES SAD nicht sehr politisch war. Dieser ist es wieder stärker. Es ist sehr ungewöhnlich, einen indischen Film zu sehen, in dem Menschen ohne jede Hindu-Religion vorkommen.

55 Jahre Kampf. Wofür?

Nikhil Advani: Im letzten Jahr entstanden etwa 30, 40 Spielfilme über Terrorismus in Indien. Die meisten "sitzen auf dem Zaun": Sie haben klare Meinungen. Das sollte man auch, wenn man einen Film macht. Aber ich denke, die indische Öffentlichkeit ist es müde, immer wieder etwas über den Konflikt zwischen Indien und Pakistan zu hören. Besonders, weil die Beziehungen zwischen beiden Ländern ja besser werden, freundschaftlich werden. Man kann von einem Land ins andere reisen. 1200 pakistanische Delegierte waren neulich auf dem Anti-Globalisierungsforum in Bombay im Dezember. Die neue Generation sagt: Wir sind es leid. 55 Jahre Kampf. Wofür? Das ist es im Prinzip, was die jüngere Generation denkt: Wir interessieren uns nicht mehr für die alten Kämpfe. Es gibt viele Filme über Terrorismus, aber nicht viele gute Filme. Denn man muss klare Positionen beziehen, Meinungen äußern, und das schadet dem Film.

DIL SE bezieht seine Positionen in seiner eigenen Art: Zeigt, dass Terrorismus keine Lösung ist. Am Ende von DIL SE sterben beide Stars. Selbst die Liebe ist komplett beeinflusst durch die Gewalt.

Die meisten indischen Filme über Terrorismus sind hingegen wie S.W.A.T. oder DIE HARD. Ich denke, DIL SE, KAL HO NAA HO, LAGAAN, DEVDAS haben für Bollywood einen Standard gesetzt. Ich bin froh, dass dies die Filme waren, welche die Europäer zuerst gesehen haben.

Ihr Film ist in Indien erfolgreich gelaufen. Gab es auch politische Kontroversen über den Umgang mit der Hindu-Religion. Man weiß, dass es eine starke hindu-nationalistische Bewegung gibt...

Nikhil Advani: Wir haben eine Zensurbehörde in Indien. Sie ist da, es ist ein Teil unseres Lebens. KAL HO NAA HO ist ein relativ kontroversefreier Film, ein Feelgood-Film. Ein Film, den jeder, Hindu-Moslem, reich-arm, straight-homosexuell angucken kann. Hoffentlich fühlen sich alle gleich beleidigt. [Lacht] Ein Feelgood-Film.

Wie strikt halten Sie sich an das Drehbuch? Wie viel wird improvisiert?

Advani: Es ist alles komplett improvisiert! Besonders die komödiantischen Szenen. Wir hatten ein ausgeschriebenes Script. Aber wenn Sie an einen Set kommen, ändert sich immer irgendetwas. Das Licht stimmt nicht, die Location. Die Dinge ändern sich immer wieder. Was ich sehr früh gelernt habe: Lass sie machen! Lass mich sehen, was sie anbieten. Versuch nicht, alles zu kontrollieren. Und es war wunderbar. Denn die Darsteller improvisierten sehr viel. Und sie brachten die Szenen auf ein anderes Niveau.

Die Kamera-Arbeit war demnach ebenfalls improvisiert. Sie ist sehr gut, sehr gefühlvoll. Und das ist nicht so einfach, wie es im Film dann aussieht...

Bist Du verrückt? Schau Dir die Stadt an, sie stoppt nie

Nikhil Advani: In jedem Fall. Ich bin froh, dass ich Indiens besten Kameramann gewinnen konnte. Er ist der gleiche, der LAGAAN gedreht hat. Als wir dort waren, hat er mich gefragt: "Ist Dir klar, dass wir in dem Breitwand-Format Cinemascope drehen? Aber New York ist eine vertikale Stadt." Ich wollte diese fremde Stadt nicht als Postkarte fotografieren. Ich wollte nicht, dass sie sich von den Charakteren entfernt. Sie sollten ganz integriert wirken. Also alles wurde mitten in New York gedreht, inmitten der Straßen mit Ampeln, Taxis, Geräuschen. Es war ein Alptraum! Denn KAL HO NAA HO ist ein Location-Sound-Film. Indische Filme sind nie Location-Sound. Es wird immer nachträglich vertont. Aber ich wollte das nicht: Die ganze Atmosphäre der Metropole sollte in den Film einfließen. Die Passanten, ihre Geschwindigkeit, ihre Körpersprache, das Walking-Talking. Ich sprach darüber mit meinem Tonmann: Er kam zu mir, und sagte: "Bist Du verrückt? Schau Dir die Stadt an, sie stoppt nie, das können wir nicht machen." Aber ich fand: Probieren wir es einfach einmal aus. Andere machen das auch. Auch das ist ein Schritt, um Bollywood-Filme in eine andere, hoffentlich bessere Richtung zu bringen.

Wie stark ist ein Bollywood-Film ein individuelles Werk, das Werk eines Film-Autoren? Oder ist dies ein Gemeinschaftsprodukt, etwas industrielles?

Nikhil Advani: Man ist Teil einer Familie, eines Teams. Natürlich entwickelt man erst einmal für sich allein bestimmte Ideen. Aber dann schreibt man gemeinsam. Ich habe für die Produktionsfirma der Johars bereits in zwei Filmen zuvor gearbeitet. Karan Johar, der Sohn des Produzenten hat das Script gemeinsam mit mir geschrieben. Es ist eine unkomplizierte Zusammenarbeit mehrerer Menschen, die sich gut kennen. Große Produktionsfirmen in Bollywood arbeiten so, dass sie Regisseure verpflichten, damit diese aus vorhandenen Scripts einen Film machen. Ziemlich genau, wie in einem Studio. Aber mit einer Person an der Spitze.

Bollywood ist zu einer Formel erstarrt

Aber in den US-Studios ist es nicht unbedingt üblich, dass der Autor auch Regisseur ist...

Nikhil Advani: Wir wollen nicht schreiben, aber wir sind dazu gezwungen, zu schreiben. Die Autoren sind nicht sehr gut. Es gab in den 70ern in Indien herausragende Autoren. Nie hat damals ein Regisseur auch das Buch geschrieben. In den 90ern war das nicht mehr der Fall. Die Autoren wurden schlechter. Wir Regisseure fingen an, eine Szene selbst zu schreiben, dann zehn, dann plötzlich den ganzen Film. Wir wollen nicht unbedingt schreiben. Wenn Sie ein paar Autoren kennen - schicken Sie sie zu uns!

Welche Filme haben Sie als Regisseur noch beeinflusst?

Nikhil Advani: In den Ferien sehe ich fünf Filme am Tag: John Woo, Wong Kar-wai, Quentin Tarantino. Er hat den Dialog gekillt. Heute gibt es keinen Dialog mehr, die Leute sprechen eine richtige Sprache. Fabelhaft! Ich liebe Woody Allens Filme, Scorsese Filme - ich habe alles mögliche gesehen. Es ist noch zu früh für mich, was die wichtigsten Einflüsse sind.

Bollywood-Filme, die wir hier in Europa kennen, sind zumeist romantische Liebesgeschichten. Großes Drama, vielleicht Komödien. Dagegen sehen wir kaum Kriminal-Geschichten, Horrorfilme. Obwohl diese Filme auch gemacht werden. Warum das?

Nikhil Advani: Weil Bollywood zu einer Formel erstarrt ist. Man weiß, was funktioniert, und will sicheres Geld verdienen. Das liegt auch an der Multiplex-Kultur: Kinos mit Hunderten von Sitzen kann man nur mit Gefälligem füllen. Die sogenannte Bollywood-Formel differenziert sich aber gerade aus, es entwickeln sich jetzt andere Filme. Mein nächster Film ist ein Thriller, ein Thriller über Bombay. Aber es ist kein Film, in dem die Mafia vorkommt, oder Prostituierte, oder Armut. Sondern Leute wie ich. Es geht darum, wie wir uns fühlen, um unsere Kontrollträume. Um die Systeme, in denen wir drinstecken.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17839/1.html
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