Mexikanische Strafverfolger an der elektronischen Leine

Florian Rötzer 13.07.2004

Update: 168 Mitarbeiter eines neu gegründeten Informationszentrums und der Generalstaatsanwalt haben sich angeblich aus Sicherheitsgründen einen Chip implantieren lassen

Bislang waren die Menschen eher zögerlich, sich einen Chip zu implantieren, um zweifelsfrei identifiziert zu werden. Bislang wurden denn auch nur RFID-Chips in wenige Menschen implantiert, beispiels- und sinnigerweise in Stammgäste einer spanischen Diskothek, die so kein Geld mehr mitnehmen müssen, um zu bezahlen (Das Konto im Oberarm). Auf der Liste der möglichen Kandidaten stehen (Schul)Kinder, Kranke, Alte, Sexualstraftäter oder andere Straftäter und gefährdete Personen wie Politiker oder reiche Prominente. Einen ersten Vorstoß gab es nun in Mexiko. Hier haben sich gleich über 150 Mitarbeiter des Justizministerium verchippen müssen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Wie genauere Informationen ergeben haben, gingen die ersten Berichte über die Implantierung von Chips in die falsche Richtung. Offenbar hat sich Generalstaatsanwalt Rafael Macedo de la Concha nach den ersten Berichten von der Pressekonferenz sich missverständlich ausgedrückt oder die Reporter haben dies falsch wieder gegeben. Technische Einzelheiten gab es keine. So hieß es in verschiedenen Artikeln, Macedo habe gesagt, mit dem implantierten Chip könne man ihn überall über Satelliten verorten, ganz egal, wo ers ich im Land aufhalte. Das ließ vermuten, dass es sich um implantierbare GPS-Chips handeln müsste, die zwar schon länger in Entwicklung (Die Digitalen Engel kommen), aber bislang noch nicht auf dem Markt sind (Implantierbare Chips: das neue ID-Verfahren?).

Jetzt stellt sich heraus, dass es doch "gewöhnliche" RFID-Chips sind, die allerdings nur auf kurze Entfernung durch fest als Schranke installierte oder tragbare Scanner lokalisiert und identifiziert werden können. Macedo könnte also bestenfalls überall dort im Centro Nacional de Información lokalisiert werden, wo er eine Schranke passiert. Zur Sicherheit der Person, also etwa als Schutz bei Entführungen. wären die Chips hingegen nicht geeignet. Implantiert wurde den mexikanischen "Pionieren" der VeriChip, den Applied Digital Solutions entwickelt und auf den Markt gebracht hat. Der schon vor Jahren unter dem Namen "Digitaler Engel" angekündigte GPS-Chip der Firma lässt hingegen noch auf sicht warten.

In Mexiko wird der VeriChip von Solusat vertrieben. Die Firma macht sich Hoffnung, dass auch weitere Berufsgruppen schon bald in den Genuss der implantierten Chips kommen werden. Antonio Aceves sprach von wichtigen Militärs, hohen Polizeibeamten und den Mitarbeitern des mexikanischen Präsidenten Vicente Fox. Das wurde allerdings weder von der Regierung noch von der Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.

Die mexikanische Regierung will den Kampf gegen die Kriminalität mit aller Entschlossenheit aufnehmen. Ein Schritt dazu war die Gründung des Centro Nacional de Información (Nationales Informationszentrum), das am Montag vom Präsidenten Vicente Fox eingeweiht wurde. Er kündigte an, dass der Kampf gegen das Verbrechen Jahre lang dauern könne, aber dass man gewinnen werde, wenn die Gesellschaft dabei gemeinsam an einem Strang zieht.

Im neu gegründeten Zentrum sollen alle Informationen über "kriminelle Aktivitäten" in einer Datenbank - auch aus dem Ausland - zusammen laufen und ein schneller und landesweiter Informationsaustausch gewährleistet werden. Der Generalstaatsanwalt Rafael Macedo de la Concha sagte, die Verbrechensbekämpfung sei eine Priorität der Regierung, niemand werde mehr geschont. Mit dem neuen Zentrum, so Concha, würde "der Informationsverlust praktisch auf Null" zurück gehen. Das Zentrum sei ein deutliches Beispiel für die Modernisierung Mexikos, die durch die "tiefgreifenden Veränderungen" des Landes notwendig wird.

Um die Mitarbeiter des Zentrums oder das Zentrum selbst zu schützen, wurde bei allen Mitarbeitern ein Chip in den Arm implantiert. Nur wer einen solchen Chip im Körper hat, soll das neue Informationszentrum betreten können. Auch die leitenden Beamten des Justizapparates, die mit dem Zentrum zu tun haben, mussten sich daher den Chip implantieren lassen, allen voran der Generalstaatsanwalt selbst, der damit wohl auch ein gutes Vorbild für seine Mitarbeiter geben wollte. Insgesamt 168 Personen sei der Chip in diesem Massenexperiment eingepflanzt worden.

Den Chip, so Concha, habe er in einem Arm. Er diene "dem Zugang, der Sicherheit und der Möglichkeit, jeder Zeit feststellen zu können, wo ich mich aufhalte". Angeblich lässt sich der Aufenthaltsort des Verchippten über Satelliten, also mit einem GPS-Empfänger, orten. Concha teilte allerdings keine näheren Einzelheiten und auch nicht den Namen der Firma mit, von dem die GPS-Chips stammen. Den Chip könne man nicht mehr herausnehmen und auch nicht ersetzen, aber er könne bei Bedarf deaktiviert werden, wenn die betreffende Person aus dem Dienst ausscheidet. Zur besseren Identifizierung mögen solche Chips ja dienen, aber ob sie den Schutz der Betroffenen beispielsweise vor Entführung erhöhen, ist doch fraglich. Auch wenn es heißt, dass die Chips nicht mehr entfernt werden könnten, befinden sie sich doch dicht unter der Haut und wären wohl schnell von Entführern zu finden und herauszuschneiden, wodurch Entführten nicht gerade geholfen würde und die Entführer möglicherweise mit dem Chip die Polizei auf eine falsche Fährte setzen könnten.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17867/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Der ID-Chip muss endlich unter die Haut

Neueste Idee sind "smart guns" mit implantierten RFID-Chips

Chips für die Familie

Viel Rummel um einen erstmals in Menschen implantierten Chip, der sich in dieser Form nicht durchsetzen wird, aber gleichwohl einen Ausblick auf Überwachungsmöglichkeiten der Zukunft eröffnet

Die Digitalen Engel kommen

Ein Unternehmen verspricht Mini-GPS-Implantate für Millionen von Menschen zur Steigerung der Lebensqualität und zur Sicherheit für den E-Commerce

Implantierte Chips für die Prominenten

Die Reichen und Berühmten könnten aber nur die ersten Versuchsobjekte sein

Die geistigen Väter von SETA

Teil 1: SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen

Sauber abgetippt und analysiert

Peter Mühlbauer 29.09.2007

Joachim Lottmann schildert, wie der Verfassungsschutz Ende der 1970er Jahre tägliche vierstündige Telefongespräche zwischen ihm und Diedrich Diederichsen überwachte

"Mir fuhr nicht einmal nachträglich der Schreck in die Glieder. Ein Staat ohne diese peniblen Geheimdienste hätte uns bis an unser Lebensende verdächtigt, sozusagen zu recht."

weiterlesen
FOTOBLOG

Eine schöne Bleibe

Oder soll es heißen, dass alles so bleiben soll, wie es ist, weil es so schön ist?

bilder

seen.by


TELEPOLIS