Eine antisemitische Attacke mit einem Wolf drin

Thomas Pany 14.07.2004

Frankreich: Eine junge Frau soll von Maghrebinern überfallen und mit Hakenkreuzen bemalt worden sein. Jetzt sitzt sie in Polizeigewahrsam

Seit drei Tagen wartet das ganze Land auf die Zeugen des brutalen Aktes. Am letzten Freitag wurde eine junge Französin mit ihrem 13 Monate alten Baby Opfer eines Überfalls in einer S-Bahn. Sechs Maghrebiner und Afrikaner aus den Banlieues, den notorischen Problemzonen (vgl. Die Welt der Jungs ist nicht mehr die Welt der Mädchen), sollen der Frau Haare abgeschnitten haben, den Kinderwagen mit dem Baby umgestoßen, die Geldbörse geraubt, sie als sale juive beschimpft und ihr Hakenkreuze auf den Bauch gemalt haben. Zwanzig andere Fahrgäste gaben sich nach dem Bericht des Opfers unbeteiligt. Der hässliche Vorfall hat zu einer "Lawine" (Libération) an entrüsteten Reaktionen in Frankreich geführt; der Skandal, neuester Beweis für die aufdringliche Präsenz der antisemitischen und rassistischen "Gefahr" (Chirac) für die Nation, beherrschte die Titelseiten der Presse. Jetzt tauchen erste Zweifel an der Wahrheit der Geschichte auf.

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Einen wirkungsmächtigeren Prolog hätte die "News" vom rücksichtslosen, hasserfüllten Überfall auf die junge Mutter mit ihrem Kind nicht haben können: Tags zuvor hatte der französische Präsident an einem geschichtsträchtigen, symbolbeladenen Ort noch eine vielbeachtete "Ruckrede" gegen den "Rassismus, den Antisemitismus, die Xenophobie und die Homophobie" gehalten.

In Chambon-sur-Lignon, das den Titel der "Gerechten" vom israelischen Yad Vashem verliehen bekommen hatte, weil hier Hunderte von verfolgten Juden im 2.Weltkrieg Zuflucht vor den Nazihäschern gefunden hatten, appellierte Jacques Chirac an die "Wachsamkeit" jedes Franzosen im "Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus". Besondere Aufmerksamkeit solle dabei dem Kampf gegen den "gewöhnlichen Antisemitismus, den man in bestimmten Problemvierteln mit einer starken maghrebinischen Bevölkerung" konstatiere, zukommen.

Tags darauf hatte die Rede nicht nur die Statistik - in den ersten vier Monaten des Jahres zählte man eine Verdoppelung antisemitischer Übergriffe auf fast hundert - als Untermauerung, sondern ein besonders gruseliges Exempel aus dem aktuellen Leben. Sechs Banlieusards maghrebinischer bzw. afrikanischer Herkunft, nach Angaben des Opfers, welche keine Rücksicht auf das unschuldige kleine Kind und deren Mutter nehmen, dieser die Haare scheren - eine demütigende Prozedur, welcher nach dem Zweiten Weltkrieg "Kollaborateurinnen" unterzogen worden - und ihr Hakenkreuze auf den Körper malen, nachdem die Übeltäter, die in ihrer Tasche nach Geld suchten, im Personalausweis eine "schicke" Pariser Adresse ausgemacht hatten, wo nur "Reiche" wohnen würden und also "Juden" - das Opfer ist übrigens weder reich noch jüdischen Glaubens. Und: Das Ganze soll von zwanzig Mitreisenden schweigend und untätig beobachtet worden sein.

Viel Brennstoff also für ein "Aufheulen" (Reuters Frankreich) der medialen und politischen Motoren in Frankreich. Chirac bekundete am Samstag nach dem Innenminister Dominique de Villepin sein "Entsetzen", kündigte eine unnachgiebige Verfolgung der Übeltäter an und setzte zum ersten Mal in der Geschichte jede Amnestie (zum Nationalfeiertag) für rassistisch oder antisemitisch motivierte Gesetzesüberschreitungen aus. Der Überfall wurde zu einem nationalen Thema, das in Frankreich naturgemäß auf allen Kanälen und in allen Blättern ausgiebig debattiert und von allerlei Demonstrationen begleitet wurde.

Am Montag Abend bekam die Geschichte dann eine ganz neue Wendung. Es fanden sich - bis auf einen Mann, der die Frau mit zerrissener Hose an einem Bahnhof gesehen hat - keine Zeugen. Am Dienstag morgen wurde berichtet, dass die Polizei ernsthafte Zweifel am Bericht der jungen Frau habe, zuviel Unstimmigkeiten, man laufe "Zigzag", ein Fakt scheint die Geschichte zu bestätigen, ein anderer widerspreche ihr vehement. So hätten die installierten Kameras am Bahnhof, wo die Übeltäter nach Aussage der jungen Frau ausgestiegen sind, kein entsprechendes Bildmaterial. Die Eisenbahnangestellten, bei denen sich die Frau angeblich über den Vorfall beklagt hätte, können sich an nichts erinnern. Von den zwanzig mitfahrenden Passagieren der S-Bahn: keine Spur. Zu guter Letzt veröffentlichte der Figaro ein Gespräch mit einer Bekannten der Frau, die zu Protokoll gab, dass die Frau eine "notorische Geschichtenerzählerin" sei, die schon einige Male erfundene Anzeigen gemacht habe.

Seit Dienstag 16 Uhr ist die Frau in Polizeigewahrsam: Der Zweifel, so die Internetausgabe des Nouvel Observateur sei in den Erklärungen der jungen Frau eingezogen.

Er hoffe, dass da kein Wolf versteckt sei in dieser Affäre, sagte der sozialistische Präsident des Conseil Régional Ile-de France Jean Paul Huchon noch am Montag zu Nicole Guedj, der Staatssekretärin für die Rechte der Opfer, in einer von einem Fernsehsender übertragenen Seitenbemerkung. Die Staatssekretärin hatte am Morgen eine Stunde lang mit der Frau gesprochen und deren Angaben als "seriös" empfunden.

Am gestrigen Abend dann das vorläufige Ende der Geschichte: Die junge Frau gab der Polizei gegenüber zu, dass sie alles erfunden habe. Die Hakenkreuze habe sie sich mit der Hilfe ihres Freundes selbst aufgemalt.

Gesprächsstoff genug also für den heutigen Nationalfeiertag, der ganz im Zeichen des Kampfes gegen den Rassismus und Antisemitismus stehen wird. Chirac hat eine entsprechende Rede seit längerem angekündigt. Man darf gespannt sein, wie Medien und Politiker auf das Ende des Märchens mit den falschen Wölfen reagieren werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17869/1.html
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