Das war das deutsche Hollywood

14.07.2004

Für einen Euro verkauft Vivendi das Studio Babelsberg - die Zukunft des Traditionsstudios ist ungewisser denn je

Wer ist Christoph Fisser? Das war heute die meistgestellte Frage in den Babelsberger Filmstudios, nachdem kurz zuvor bekannt geworden war, dass die altehrwürdigen Potsdamer Traditionsstudios nach München verkauft wurden - für nur einen Euro und an einen Mann, der in der Filmbranche zwar ein unbeschriebenes Blatt ist, und von Kino, so ein Münchner Bekannter Fissers auf Anfrage, "soviel Ahnung hat, wie ein Hund vom Autofahren".

Um so mehr versteht Fisser dagegen von Veranstaltungen und Immobilien. 1992 gehörte er, ein guter Freund des Journalisten und designierten Chefredakteurs der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", Giovanni di Lorenzo, zu den Organisatoren der "Lichterkette" gegen Ausländerfeindlichkeit - damals demonstrierten 400.000 Münchner. Sein Geld verdiente er im München der 90er Jahre vor allem mit dem geschickten Kauf und Verkauf von Gebäuden und mit der Vermietung ungewöhnlicher Liegenschaften. Besonders in der Vermietung ausrangierter Bundeswehrkasernen im Norden der Stadt war Fisser aktiv.

Steht Ähnliches jetzt auch den Studios Babelsberg bevor? Toben am Ende bald wilde Technojünger in den ehrwürdigen Studiokomplexen? Nichts Genaues weiß man nicht. "Wir wissen denkbar wenig", meint auch Felix Neunzerling vom Studio Babelsberg, "nur, dass die Entscheidung in Paris offenbar gefallen ist. Nächste Woche treffen wir uns mit den neuen Investoren." Längerfristig vereinbarte Projekte seien von dem Verkauf nicht betroffen. Zwölf Jahre lang gehörten die Traditionsstudios zum französischen Unterhaltungskonzern Vivendi-Universal. Zuletzt war jedoch auch Vivendi in die Krise geraten. Bereits vergangene Woche wurde gemeldet, dass der Konzern das Studio loswerden will. Damals hatte man in Branchenkreisen noch mit einer Übernahme durch das Studio Hamburg gerechnet. Doch der knallharte Konsolidierungskurs gab jetzt offenbar den Ausschlag für den Bieter, der am wenigsten Geld kostet.

Mit Babelsberg wird eines der prestigeträchtigsten Filmstudios Europas verkauft. Noch vor wenigen Jahren drehte man hier große Hollywoodfilme wie "Enemy at the Gates", Autorenfilme wie Roman Polanskis "Der Pianist" oder deutsche Kinoepen wie "Good Bye Lenin!" von Wolfgang Becker und Margarethe von Trottas "Rosenstraße". Acht Jahre hat Volker Schlöndorff als Geschäftsführer versucht, die Zukunft der Filmstudios zu sichern und die große Tradition aufrechtzuerhalten. Dass die 100prozentige NDR-Tochter, Studio Hamburg, Babelsberg kaufen könne, hat ihm vor einem Monat noch große Sorgen bereitet. Die jetzige Übernahme durch den dritten Bieter dürfte ihm und anderen wie ein Schlag ins Gesicht der gesamten Branche vorkommen: jene Münchner Investorengruppe, die laut screendaily als so "geheimnisumwölkt" galt, dass die Konkurrenz überhaupt nicht wusste, ob sie wirklich existierte, hat eine sehr klare Gestalt angenommen.

Ihre größte Zeit erlebten die Studios in den 20er und frühen 30er Jahren, der Blütezeit des deutschen Vorkriegskinos. Damals drehte hier Josef von Sternberg seine ersten Films mit Marlene Dietrich. Auch die meisten andere Großproduktionen der Ufa entstanden hier. Unter den Nazis war Babelsberg dann das Zentrum der von Goebbels gesteuerten NS-Filmindustrie. Auch während der DDR-Zeit blieben die Studios aktiv, hier entstanden viele renommierte DEFA-Produktionen. 1992 verkaufte die Treuhand die Studios an Vivendi.

Was die Zukunft bringen wird, ist denkbar unklar. Manche Kenner der Szene vermuteten, dass die jetzigen Käufer - neben Fisser, der unter anderem in München ein Produktionsstudio für Kinderfilme leitet, ist auch Carl Woebcken, Geschäftsführer beim Berlin Animation Fonds und ehemaliger Finanzvorstand der Münchner Rechtefirma TV-Loonland AG namentlich bekannt - nur als Zwischenhändler auftreten, und die Studios bald mit Gewinn weiterverkaufen.

Der Betriebsrat der 220 Angestellten fühlt sich vor allem von Paris im Stich gelassen: "Wir freuen uns über jeden Investor. Aber wir wären gern besser informiert worden", erklärte der Betriebsratsvorsitzende Jan-Peter Smarje auf Anfrage: "Wo bleibt das moralische Gewissen der Konzernführung? Jetzt geht es uns genau wie vor 12 Jahren, als uns die Treuhand über Nacht verkaufte." Am Donnerstag tritt die Babelsberger Belegschaft zu einer Betriebsversammlung zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten.

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