Alle machen mit - aber keiner war's

16.07.2004

"Kollektives Gruppendenken" als Generalabsolution für Kriegslügen

Im politischen Geschäft scheint eine Art von Magie am Werk, deren Emanationen selbst abgebrühten Journalisten die Sprache verschlägt. Schon fast lyrisch mutet das Stakkato der Unterzeile des britischen "Independent" zur Veröffentlichung des Untersuchungsberichts zu den Geheimdiensterkenntnissen des Irakkriegs an: The intelligence: flawed
The dossier: dodgy
The 45-minute claim: wrong
Dr Brian Jones: vindicated
Iraq's link to al-Qa'ida: unproven
The public: misled
The case for war: exaggerated
And who was to blame? No one

Bevor Lord Butler (Der Butler hat's gerichtet) den Weißwasch- Zauber an Tony Blair vollzog, hatte in den USA die 9/11-Untersuchungskommission ihre letzten öffentlichen Hearings abgehalten, und war zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Pleiten, Pech und Pannen Alles untersucht, nichts geklärt, niemand verantwortlich - Mission erfüllt. Und zu demselben Schluss kam auch die Kommission des US-Senats, der die Geheimdiensterkenntnisse im Zusammenhang mit dem Irakkrieg untersuchte, wobei diese allerdings einen Hinweis darauf gab, wie solche Mirakel - alles Lügen, aber niemand war's - zu erklären sind:

Absolution von Butler

In einem schonungslosen Bericht ...sagte das "U.S. Senate's Select Committee on Intelligence", dass die CIA unbegründete Annahmen von "Gruppendenken" benutzte, um die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak zu beurteilen...und zu Schlussfolgerungen kam, die entweder "übertrieben" waren, oder "von den zugrundeliegenden Erkenntnissen nicht gestützt wurden." (..)Das Komitee kam zu dem Schluss, dass die Geheimdienst-Gemeinschaft von einem "kollektiven Gruppendenken" beeinträchtigt war.

Aber nicht nur CIA, DIA, das "Office of Special Plans" und andere Dienste in den USA sollen von diesem Virus des mentalen Kollektivismus befallen sein.

Dieses Gruppendenken erstreckte sich auch auf die US-Alliierten, die UN und andere Länder - dies war ein globales Geheimdienstversagen.

Eine Art Epidemie also, da kann man nichts machen. Und so konstatiert der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, Dan Bartlett, erleichtert:

Jetzt ist es wichtig, dass wir aufhören, mit dem Finger zeigen und auf den Grund der Tatsachen kommen, um sicherzustellen, dass wir so etwas nicht wieder tun.

Also: "Schwamm drüber!" - und: "Soll nicht wieder vorkommen!"

Bevor wir den Fall als Paradebeispiel für die "Inkompetenzkompensationskompetenz" (Odo Marquard) der politischen Klasse, vulgo: für ihre Fähigkeit, sich aus der Verantwortung zu stehlen, ad acta legen, lohnt allerdings noch ein Blick auf das Phänomen, mit dem der US-Senat die Generalabsolution für die Lügen des Bush-Regimes erteilt und zu dem die Soziologin Barbara Ehrenreich in der New York Times besorgt bemerkt:

Diese Nation wurde nicht von gewohnheitsmäßigen Gruppendenkern gegründet. Aber es besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie von ihnen zerstört wird.

Der Begriff "Gruppendenken" (groupthink) wurde 1972 von dem Yale-Psychologen Janis Irving eingeführt, der in seinem Buch Victims of Groupthink: A Psychological Study of Foreign-Policy Decisions and Fiascoes anhand von Pearl Harbor, der Kuba-Invasion in der Schweinbucht und Ereignissen wie NASA-Katastrophen (Smart People Working Collectively can be Dumber Than the Sum of their Brains) untersuchte, wie es aufgrund der vollständigen Assimilation aller Einzelmeinungen innerhalb einer Gruppe zu einer kollektiven Gruppenmeinung und in der Folge zu irrationalen Entscheidungen kommt. Die Gründe, die laut Janis dazu führen, lesen sich wie das Glossar eines Verhaltensforschers, der die Primaten im Bush-Camp beobachtet hat:

  1. Unverletzlichkeitsillusion: Offensichtliche Gefahren werden ignoriert, selbst hohe Risiken werden in Kauf genommen.
  2. Es gibt keine Notfallpläne.
  3. Kollektive Verdrängung: Die Gruppenmitglieder wehren durch Abwertung und objektiv falsche Erklärungen Gegenmeinungen ab.
  4. Illusion der richtigen Sache: Die Gruppenmitglieder sind der festen Überzeugung, im Recht zu sein und ethisch korrekt zu handeln.
  5. Schaffung von Feindbildern: Die Gruppe konstruiert sich aus externen Personen (z.B. Wettbewerbern) Feindbilder.
  6. Konformitätsdruck: Jede abweichende Meinung innerhalb der Gruppe wird bereits im Entstehen massiv unterdrückt.
  7. Selbstzensur: Die Gruppenmitglieder unterdrücken selbst die eigene, abweichende Meinung.
  8. Illusion der Einstimmigkeit: Die Gruppenmitglieder glauben, dass alle mit der Gruppenentscheidung übereinstimmen. Schweigen gilt als Zustimmung.
  9. Zensoren ("mindguards") entstehen: Einige starke Gruppenmitglieder übernehmen die Aufgabe, die Gruppe von verunsichernden Informationen von außen zu "schützen".

Wer sind nun die Alpha-Männchen, die "Mindguards", die den Geist des Kollektivs in Bushs post-kommunistischem Politkollektiv steuern und bewachen? Einmal mehr ist es der Investigativ-Journalist Seymour Hersh, der zuletzt den Abu Grahib-Skandal publik machte, der die unangenehmen Wahrheiten auspackt - dieses Mal in einer Rede vor der Association Civil Liberties Union:

Statt uns um die offensichtlichen Dinge über Bush und die Wahl zu kümmern, müssen wir, glaube ich, wirklich die Frage stellen... also, hier ist was passiert

eine Truppe von Leuten, acht oder neun Neokonservative, Sektenanhänger - nicht Charles Manson-Sektenanhänger, aber Sektenanhänger kommen ran. Aber es geht nicht, mit allem Respekt für Michael Moore (sein Film ist gut), um Öl, es geht auch nicht um Israel, es geht um eine Utopie, die sie haben. Es geht um eine Idee, die sie haben. Nicht nur darüber, dass Demokratie verbreitet werden kann. In einem gewissen Sinn würde ich sagen, Paul Wolfowitz ist der größte Trotzkist unsere Zeiten, er glaubt an die permanente Revolution. Und dass sie, überflüssig zu sagen, im Mittleren Osten beginnt. Und so haben wir eine Truppe von Leuten, die seit zehn, zwölf Jahren, seit dem Golfkrieg 1991, über die Lösung der Probleme phantasiert. Und natürlich wird es Nutznießer geben, Israel wäre ein Nutznießer etc. etc. - aber die Welt ist in ihren Augen ein Utopia. So kam diese kleine Gruppe von Kultanhängern zusammen. Wie haben sie das gemacht? Sie haben es gemacht; sie haben die Regierung übernommen. Und was mich überrascht - und wirklich Besorgnis erregt - ist, wie fragil unsere Demokratie ist. Schauen Sie sich an, was passiert ist

Die Phantasten, die das "Gruppendenken" der Bush-Riege auf Kurs brachten - und als Mitglieder des "Project For a New American Century" allesamt mit der Rüstungs- und Ölindustrie verbunden sind -, haben es bisher verstanden, jede Kritik mit den Schlagworten "Verschwörungstheorie" und "Antisemitismus" zum Schweigen zu bringen: The neocon cabal and other fantasies.

Nachdem nun mit Seymour Hersh auch der vielleicht bestinformierte und unbestechlichste Journalist der USA ins Lager der "Verschwörungstheoretiker" übergewechselt ist - und sich die Vordenker unter Verweis auf anonymes "Gruppendenken" aus der Verantwortung zu stehlen versuchen -, wird dieser Abwehrzauber aber zunehmend unwirksam.

Wenn nun auch noch die Medien aus ihrer 9/11-Trance aufwachten - und die Chefredakteure und Leitartikler konstatieren müssten, dass sie - angesteckt von der Epidemie des US-Gruppendenkens - irgendwie ebenfalls einer Art Kollektivwahn anheimgefallen sind, der ihren kritischen Verstand ausschaltete.... Ja, dann könnten die Köpfe der Neocon-Bande aus dem Verkehr gezogen werden, bevor sie in ihrem Wahn weiteres Unheil anrichten.

Bis zu diesem medialen Erwachen - was seinerseits eine Utopie sein mag -, wird das Publikum auf der Suche nach Wahrheit nicht in den TV-Nachrichten und auf den Titelseiten fündig, sondern - ironischer geht's kaum - in der Traumfabrik Hollywood, im Kino, bei Michael Moore. Wie Hersh sagt, kommen zwar die Neocon-Sektenmitglieder in "Fahrenheit 9/11" nicht vor - Kritiker monieren deswegen schon, dass Moore sich mit dem Neocon-Topideologen Richard Perle zusammengetan hätte -, doch nach den Anmerkungen von Hersh können wir hoffentlich weiterer Dokumentationen gewiss sein: Dude, there's more to the story.

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