Das geplatzte "Geständnis"

20.07.2004

Erstmals konnten deutsche Behörden die Aussageprotokolle der angeblichen 9/11-Chefplaner Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed einsehen und bezeichneten sie als "praktisch nutzlos"

"Die beiden Chefplaner des 11. September haben gestanden - und mit den Protokollen ihrer Vernehmungen lässt sich jetzt ein genaues Bild der Vorgeschichte des Terroranschlags zeichnen. Die Aussagen zerreißen jene Schleier, die bis heute noch über der Vorgeschichte des 11. September liegen. Sie liefern den Beweis, dass die Qaida-Spitze permanent in die Vorbereitungen eingebunden war - und das auch weit früher als bislang angenommen."

So der "Spiegel" am 27.10.2003 in einem spektakulären Aufmacher: "Das Geständnis", der suggerierte, dass dank der Aussageprotokolle der beiden "Chefplaner" nun alle Rätsel des 11.9. gelöst seien - und ein "genaues Bild" liefern: Osama war's. Die angeblichen Geständnisse kamen von zwei Phantomen aus dem Off: den mutmaßlichen Al-Qaida-Mitgliedern Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed.

Die beiden dienten auch schon den Reportern Fouda und Fielding in ihrem Buch "Masterminds of Terror" als Gewährsmänner, die angeblichen Tonbandaufnahmen mit ihren Interviews wurden zwar im Sommer 2002 über Al-Dschasira ausgestrahlt, sind aber genauso dubios wie der Aufenthaltsort der zwei "Chefterroristen", die von US-Geheimdiensten gefangen gehalten werden. Weder in den Hamburger Prozessen gegen die angeblichen "20. Hijacker", noch in dem Verfahren des (ebenfalls "20. Hijackers") Moussaoui in USA standen die beiden Kronzeugen bisher Gerichten zur Verfügung - ihre Zeugenaussage wurden stets aus Gründen der "nationalen Sicherheit" blockiert. Wegen des in Hamburg anstehenden Berufungsverfahrens im Fall Motassadeq (Grenzen der Wahrheitsfindung) haben jetzt erstmals deutsche Behörden Einsicht in die Verhörprotokolle erhalten - und werten die Aussagen, so der britische Observer am Sonntag, als "praktisch nutzlos":

Sie enthalten keine Details, wo Binalshibh and Mohamed vernommen wurden, noch ob Folter oder andere Formen der Gewalt angewendet wurden, um sie zum Sprechen zu bringen. Der Inhalt kann aus Informationen bestehen, aber auch aus Desinformationen.

...wird ein "Senior German Intelligence Official" vom Observer zitiert, der auch ankündigt, dass die deutsche Staatsanwalt deshalb die Anklage wegen Beteiligung an den Anschlägen des 11.9. fallen lassen wird. Die Bundesanwaltschaft hat das mittlerweile dementiert.

Dass der in Hamburg beheimatete "Spiegel" zu diesem lokalen Ereignis (mit durchaus weltpolitischer Bedeutung) in seiner Online-Ausgabe erst auf den Bericht des "Observer"-Reporters David Rosehin aktiv wurde und ihn als "übertrieben" bezeichnet, kann indes nicht überraschen. Mit der amtlichen Einstufung der Aussagen als "praktisch nutzlos" ist auch der "Spiegel"-Reißer unter dem Titel Operation Heiliger Dienstag nun offiziell als das eingestuft, was er vom ersten Tag an war: ein journalistoides Propagandastück. Nicht nur vor Gerichten, auch für die Medien sollten mit Gewalt erpresste Aussagen ein Tabu sein und kein Anlass für einen marktschreierischen Aufmacher.

"Was glauben Sie, wie schwierig es war, an die Aussagen heranzukommen", antwortete mir unlängst ein "Spiegel"-Redakteur, den ich darauf ansprach - was nun in diesem Fall nachweislich und sicher überhaupt kein Problem gewesen sein kann, denn aufgeschrieben wurden die Protokolle von der CIA. Und so wenig wie Staatsanwälte, Richter oder die Mitglieder der 9/11-Untersuchungskommission an die beiden Kronzeugen herankamen - so wenig ließ man Spiegel-Journalisten an sie oder ihre Aussagen herankommen; vielmehr ließ sie man ihnen zukommen. Dass ausgerechnet der "Spiegel" und keines der führenden US-Magazine oder der Murdoch-Sender "Fox" im letzten Oktober den Knüller gesteckt bekamen, mag mit der offensichtlichen Zweifelhaftigkeit des Materials zu tun haben. Ähnlich wie bei Bushs Behauptungen über Erkenntnisse von einsatzbereiten WMD im Irak, bei denen man sich auf britische Geheimdienstquellen berief, wollten die Spin-Doktoren es wohl durch den Umweg über eine europäische Quelle adeln und aufwerten. So brachte denn auch die New York Times in konzertierter Aktion am selben Tag die englische Version der Spiegel-Story und sorgte für umgehende Verbreitung in den USA. Ein Win-Win-Spiel für alle Beteiligten: die US-Presse erspart sich kritische Nachfragen, warum sie mögliche Folterprotokolle als Beweisquelle heranzieht; der "Spiegel" hat endlich mal wieder einen internationalen Scoop und die CIA kann verbuchen, dass die Legende von Osama und den 19 Teppichmessern einmal mehr auf allen Kanälen weltweit durchgehämmert wird.

Einschließlich des gewünschten Spins auf Khalid Scheich Mohamed, der Mitte 2002 als neuer "Mastermind" und 9-11-"Zahlmeister" eingeführt wurde - und den ursprünglich als "Zahlmeister" enttarnten Omar Saeed Sheikh ersetzte, einen Top-Agenten des am 11.9. mit US-Senatoren in Washington frühstückenden pakistanischen Geheimdienstchefs General Mahmoud Ahmad. In einer der vielen "elusiven" Nachrichten über den 11.9. - Meldungen, die kurz auf und dann dauerhaft abtauchten - bestätigte das FBI gegenüber dem TV-Sender ABC, dass die Geldspur der Hijacker nach Pakistan führt:

As to September 11th, federal authorities have told ABC News they have now tracked more than $100,000 from banks in Pakistan, to two banks in Florida, to accounts held by suspected hijack ring leader, Mohammed Atta. As well . . . "Time Magazine" is reporting that some of that money came in the days just before the attack and can be traced directly to people connected to Osama bin Laden. It's all part of what has been a successful FBI effort so far to close in on the hijacker's high commander, the money men, the planners and the mastermind.

Dass es sich bei diesen direkt mit Bin Laden verbundenen Leuten um den ISI-Chef und Omar Saeed Sheikh handelt, wurde zwei Wochen später von AFP und der "Times of India" bestätigt, die aus einem offiziellen Report des indischen Geheimdiensts zitieren, der den USA übermittelt wurde. Darin heißt es, dass das Geld von Omar Saeed Sheik im Auftrag von General Mahmoud an Atta überwiesen wurde. Zu den Belegen, die den amerikanischen Geheimdiensten dazu geliefert wurden, zitiert AFP (10.10.2001) einen indischen Offiziellen:

Die Beweise, die wir den USA geliefert haben, sind von weit größerem Umfang und Tiefe als nur ein Blatt Papier, das einen schurkischen General mit einem verstellten Terroranschlag in Verbindung bringt.

Der kanadische Autor Chaim Kupferberg hat in einem umfangreichen Essay die "Rekonstruktion einer der größten Desinformationskampagnen der Geschichte" dargelegt und gezeigt, wie die Pakistan-Connection der 9/11-Attentäter gezielt vertuscht wurde; Christian C. Walther bringt das Vorgehen beim Marketing neuer Terrormasterminds auf den Punkt: Scheichegal.

Für die offizielle Version des 11.9. ist es freilich alles andere als egal, wie die Geschichten von Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed eingestuft werden - sie wurden seit Mitte 2002 als Kern der Legende um die Vorbereitungen der Anschläge gezielt gestreut und ausgebaut. Die 9/11-Kommission, deren Abschlußbericht diese Woche erscheinen wird, hat bereits bekundet, dass auch sie sich bei ihrer Darstellung des Plots auf diese Aussagen stützen musste - ohne weitere Rückfragemöglichkeit oder gar persönliche Vernehmung der Zeugen.

Dass deutsche Sicherheitsbehörden und Gerichte das Material als "praktisch nutzlos" bewerten, wird nun nicht nur auf das transatlantische Klima schlagen, es deutet auch bereits an, mit welchem Prädikat der Gesamtbericht für eine wirkliche Aufklärung der Anschläge wohl bewertet werden muss. Die New York Times hat sich in Sachen Irakkrieg nunmehr schon im zweiten Editorial für die Propagandaberichte entschuldigt, bei denen sie die dubiose Behauptungen der US-Regierung unhinterfragt übernahm:

In the now legendary White House press conference of March 6, 2003, not a single reporter, electronic or print, asked a tough question about anything, including the president's repeated conflating of 9/11 with the impending war on Iraq (eight times in that appearance alone).

Wann sich der "Spiegel" in Sachen 9-11-Geständnis zu einer Entschuldigung aufrafft, bleibt abzuwarten. Angesichts der Tragweite könnte es eine "Operation Heiliger Sanktnimmerleinstag" werden. Die 9-11-Untersuchungskommission hat unterdessen schon einen neuen Spin gefunden, um von dem wertlosen Kern ihres Berichts und einem möglichen Wiederauftauchen der CIA-ISI-Taliban-Bin Laden-Atta-Verbindung abzulenken. Nicht mehr Pakistan, nicht mehr Irak, der Iran wurde nunmehr als neuer Hafen der "Hijacker" ausgemacht. Nur Schelme können dahinter eine Strategie vermuten...

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