Zum Erfolg gehört Dummheit

Die dümmsten Bauern haben nicht nur die dicksten Kartoffeln

Der Mensch halt sich für die Krone der Schöpfung, vor allem weil er ein großes Gehirn hat und besonders klug ist. Das ist an sich nicht falsch, erläutert ein Verhaltensbiologe in der aktuellen Ausgabe des New Scientist, aber ein begrenzter Intellekt birgt durchaus auch eine ganze Menge Vorteile. Blödheit steht dem evolutionären Erfolg nicht im Weg.

Nicht nur Verona Feldbusch/Pooth, ihr Ex-Ehemann und der Profiteur der Star-Suche Daniel Kübelböck (Deutschland sucht die Supergurke) sind lebende Belege dafür, dass man nicht ausgesprochen intelligent sein muss, um besonders erfolgreich zu sein. Ein beschränkter Intellekt ist oft überlegen, das behauptet jedenfalls der Biologe Simon M. Reader von der Universität Utrecht in den Niederlanden.

Zwar zeigt das Beispiel Mensch, dass ein schwächlicher Körper sich als dominant durchsetzen kann, wenn er sich zunehmend etwas einfallen lässt. Aber in 3,8 Milliarden Jahren Evolution ist dieser durchschlagende Erfolg von Intelligenz eine einmalige Ausnahme. Die meisten Tiere kommen mit einem kleinen Hirn und sehr beschränkten Lernfähigkeiten ganz hervorragend zurecht. Reader vermutet, dass hohe Intelligenz nicht der Hauptgewinn in der Evolutionslotterie ist, sondern nur eine von vielen geglückten evolutionären Anpassungsstrategien.

Intelligenz ist die Waffe der Verlierer

Intelligenz zahlt sich in der Evolution durchaus als ein Vorteil aus, vor allem für um ihr Überleben kämpfende Verlierer, die sonst keine besonderen Stärken haben. Ein großes Gehirn und die damit verbundene starke Lernfähigkeit ist also eine Möglichkeit für potenzielle Loser, sich doch noch neben erfolgreichen Individuen zu halten.

Tatsächlich kommen Tiere, die rein instinktiv wissen, vor welchen Räubern sie sich schützen und welches Futter gut für sie ist, ganz hervorragend durchs Leben und ihr Risiko, Fehler durch falsches Verhalten zu machen, ist sehr viel geringer als bei Intelligenzbestien, die alles erst erlernen müssen. Allein die nötige lange Ausbildungszeit ist ein im Grunde unnötiges Dauerrisiko. Dazu kommt, dass Intelligenz ein Energiefresser ist: beim Menschen gehen 20 Prozent des Stoffwechselumsatzes im Ruhezustand ins Gehirngewebe, bei Säugetieren mit kleinen Hirnen sind es dagegen nur ungefähr drei Prozent.

Das kostbare Organ muss körperlich aufwändig durch einen dicken Schädel und Kontrollmechanismen der Temperatur sowie der Chemie geschützt werden. Dazu kommt, dass Eltern viel Zeit und Energie in die Aufzucht ihres Nachwuchses stecken müssen. Das zahlt sich nicht immer aus.

Dumme Fruchtfliegen leben länger

In einer Studie konnten Frederic Mery und Tadeusz Kawecki von der Evolutionsbiologie der Universität Freiburg in der Schweiz nachweisen, dass unter den Fruchtfliegen die Dummen die besseren Chancen haben (A fitness cost of learning ability in Drosophila melanogaster). Die Larven der extra gezüchteten, cleveren Fliegen starben eher als die der dummen, wahrscheinlich weil sie wesentlich mehr Energie zur Versorgung der neuronalen Verbindungen ihres Hirns investieren mussten.

Ein eingehender Blick auf die Tierwelt offenbart, dass sich erlerntes und instinktives Verhalten oft sehr ähneln. Um nur einige bekannte Beispiele zu nennen: Das Knüpfen eines Fischfangnetzes und die Spinne, die ihre Netz spinnt, um Insekten einzufangen. Der Schimpanse, der mit einem Grashalm nach Termiten angelt und die Raubwanze, die eine tote Termite in den Eingang des Termitenhügels hält, damit sich ein Artgenosse in ihr verbeißt. Einmal erlernt, einmal nur dem Instinkt folgend. Selbst der Werkzeuggebrauch ist nicht den Primaten vorbehalten, wie nicht zuletzt die schlaue Krähe Betty der staunenden Wissenschaftswelt bewies (Krähen verblüffen durch Herstellung von Werkzeug).

Die Kognitionsforscher staunen immer wieder über die Fähigkeiten selbst ganz primitiver Lebewesen. Was genau alles angeboren gekonnt oder im Lauf des Lebens gelernt wird, ist in vielen Bereichen noch ungeklärt (Intelligenztest für Bestien).

Intelligenzentwicklung in der Evolution

Seit Darwin versuchen Biologen den Begriff der Intelligenz zu fassen und zu verstehen, wie sie sich entwickelt hat. Inzwischen greifen sie dabei auch zu mathematischen Modellen und Computersimulationen (z.B. Evolution und Intelligenz). Dabei ergab sich die Erkenntnis, dass Intelligenz dem Individuum hilft, mit den Anforderungen sozialen Zusammenlebens fertig zu werden und dadurch Informationen von anderen zu erhalten, um mit unvorhergesehenen Aufgaben fertig zu werden. Aber das ist nur der Ansatz der Biologen, die glauben, dass die soziale Komponente der entscheidende Punkt war, durch den der Intelligenzsprung erfolgte.

Die Anhänger der Theorie der ökologischen Intelligenz gehen dagegen davon aus, dass es die Wahl sehr spezieller Nahrung war, die zum Anwachsen des Intellekts führte. Wer spezielle Früchte mag, muss suchen und denken – wer schlicht Blätter oder Gras frisst, und sein Futter überall reichlich vorfindet, bleibt blöd.

Es gibt aber auch Forscher, die davon ausgehen, dass der Prozess durch positives Feedback in Gang gehalten wurde. Intelligentere Spezies finden in neuen Umgebungen oder Situationen ihre Erfolgserlebnisse und entwickeln dadurch verbesserte Lernfähigkeiten.

Last but not least gibt es einige, die glauben, dass Intelligenz für Weibchen schlicht sexy war und sie die Intelligenz als Qualitätsmerkmal bei der Partnerauswahl ansahen. Schlaue Kerlchen hatten also bessere Fortpflanzungsmöglichkeiten und setzten so zunehmend ihr großes Gehirnvolumen in ihrer Art durch.

Innovationsfähigkeit und Kreativität sind sicher ein evolutionärer Vorteil, aber wie genau sie entstehen und wie viel sie überhaupt mit Intelligenz zu tun haben, wird noch diskutiert (Evolution der Kreativität).

Sicher ist, dass sie meistens aus purer Not erwachsen, denn wem es schlecht geht, der muss sich was einfallen lassen. Wen es einem Individuum gut geht, wird es eher auf bewährte Wege setzen. Das Neue funktioniert nicht immer, es ist sogar äußerst riskant, aber wenn es funktioniert, bringt die innovative Vorgehensweise oft erstaunliche Erfolge. Readers Fazit:

[Innovation] ist eine Strategie mit hohem Einsatz, aber wenn das Spiel gewonnen wird, kann das den evolutionären Jackpot einbringen. Mit anderen Worten ist die Geschichte der menschlichen kreativen Intelligenz vielleicht nicht eine von erfolgreichen Individuen, die ihre Situation noch verbessern wollen, sondern eher eine von Verlierern, die versuchen es durch Innovation für sich etwas weniger schlecht zu machen.

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