Ein Tag wie jeder andere
Im blutigen israelisch-palästinensischen Konflikt wurden Tausende von Menschen verletzt, meist unbeachtet von den Medien wie im Fall des Palästinensers K.
Der israelisch-palästinensische Konflikt fordert nicht nur Todesopfer. Tausende Menschen beider Seiten wurden in den letzten vier Jahren verletzt. Flieger- und Panzerangriffe sowie Selbstmordattentate schaffen es noch in die Nachrichten. Kleinere Ereignisse werden selbst in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten kaum noch beachtet. K. ist einer von über 26.000 Palästinensern, deren Erfahrung im Schatten viel schlimmerer Ereignisse übersehen wurde.
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| K.'s Verletzung |
Vor sechs Wochen schwebte K. zwischen Leben und Tod. Aber der 30-Jährige hat überlebt, soviel vorweg. Er muss zwar noch regelmäßig zur Nachuntersuchung, kann aber wieder arbeiten gehen. K. ist sehr zurückhaltend, über den Vorfall zu berichten scheint ihm unangenehm. Nicht weil es ihm peinlich ist, sondern weil hier tagtäglich vieles passiert, was viel größere Erwähnung verdient. So fand sein Erlebnis kaum Niederschlag in den Medien außerhalb der von Israel besetzten Gebiete. Und selbst die palästinensische Presse nannte nur die trockenen Rahmendaten:
Um 10
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Eine für den Nahostkonflikt alltägliche Meldung. "Die Armee eröffnete das Feuer auf Zivilisten." Nichts weiter. Neue Ereignisse verdrängten die Nachricht schnell. Aber für K., einer der erwähnten Verletzten, ist der Morgen des 30. Mai noch lange nicht vorbei.
Ein ganz normaler Sonntag
An jenem Sonntag machte sich der junge Verkäufer wie jeden Morgen auf den Weg zur Arbeit. Dieser führt ihn über Al-Manara, den zentralen Platz Ramallahs, wo die Taxi-Fahrer auf Passagiere warteten und sich mit den Verkäufern von allerlei Krimskrams unterhielten. Polizisten regelten den Zustrom der Autos in die Hauptstraße, die sich langsam zu füllen begann. Um etwa neun Uhr schloss K. die schwere Stahltür zu dem Juwelierladen auf, in dem er seit über zehn Jahren angestellt ist. Zusammen mit seinem Chef bereitete er wie immer die Ware auf den Besuch von Kunden vor, deren Zahl in den letzten Jahren stetig abnahm. Ein Tag wie jeder andere.
"Um etwa Viertel vor Zehn hörten wir plötzlich die Armee kommen", erinnert sich K. Was die Soldaten vorhatten, war zunächst nicht ersichtlich. Erst später sollte sich herausstellen, dass sie zur Verhaftung von drei Männern am Gerichtsgebäude eingerückt waren, ganz in der von K.'s Laden in der Hauptstraße der Stadt.
Ich habe Tränengas gerochen, und weil das mein Chef mit seinen Herzproblemen nicht verträgt, wollte ich schnell den Laden schließen.
Als er die sechsflügelige Tür schon fast verrammelt hatte, hörte er, dass die Soldaten scharfe Munition verschossen. "Das lernt man schnell hier", erklärt K., "scharfe Munition hat einen speziellen Klang." Er bekam Angst und flüchtete sich in die hinteren Räume. Dann aber raffte er sich auf, um den letzten Riegel von innen zuzuschieben, als zwei Kugeln das Metall trafen. Die eine drang in K.'s rechten Brustbereich ein, bahnte sich ihren Weg vorbei an Lunge und Herz und fand wieder einen Weg nach draußen. Das zweite Geschoss wurde beim Einschlag in die Tür zerstört. K.'s Bauch wurde von mehreren Splittern getroffen, von dem einer ein Stück aus seiner Leber riss.
"Ich habe genau gefühlt, wie die erste Kugel wieder aus meiner Brust heraustrat", sagt K., der nach beiden Treffern immer noch bei Bewusstsein war. "Ich ging zu Fuß zur Arztpraxis in den zweiten Stock über uns", sagt er mit leiser Stimme. "Und der hat sofort einen Krankenwagen gerufen."
Es musste schnell gehen. Zwei Männer halfen K., den die Kräfte langsam verließen, die Treppe hinunter und über die Straße. Die Soldaten waren immer noch in der Nähe und hielten mit scharfer Munition und Tränengas Passanten und wütende Jugendliche auf Distanz. "Mitten auf der Straße wurde einer meiner Helfer von zwei Kugeln ins Bein getroffen", so K. weiter. Er fiel auf den Asphalt.
Die herbeigerufene Ambulanz konnte die mittlerweile zwei Verletzten wegen dem anhalten Feuer der Soldaten in einer Nebenstraße nicht erreichen. So rollte sich K. aus eigener Kraft zu dem wartenden Auto eines Bekannten, quälte sich hinein und überbrückte so den kurzen Weg zu den wartenden Sanitätern, die mit ihm ins nahe Krankenhaus rasten. "Ich war immer noch wach. Der Arzt erklärte, dass ich viel Blut brauche und ich nannte ihm noch sachlich meine Blutgruppe", erinnert sich K. lachend an die absurde Situation.
30 Zentimeter
"Es ist ein Wunder, dass mein Sohn noch am Leben ist", sagt K.'s Mutter immer wieder. Die 56-Jährige erinnert sich noch mit Schrecken an ihren persönlichen Blut-Sonntag. "Ich war wie immer um diese Zeit auf dem Weg zum Gottesdienst, als ich hörte, dass ihm etwas passiert ist." K.'s Chef hatte die Familie sofort verständigt. "Ich wollte sofort zum Krankenhaus, aber mein Mann schickte mich in die Kirche." Schließlich war die Armee noch in der Stadt, und auch in Palästina ist man in einem christlichen Gotteshaus sicherer als anderswo. "Ich konnte aber nicht still sitzen, lieh mir ein Telefon und ließ mich abholen." Als die Armee abzog, eilte sie ins Krankenhaus. "Ich sah die Einschüsse und K. bat mich, sich um seine Frau zu kümmern", fügt sie traurig hinzu. "Er dachte, dass er sterben muss."
Die folgende Operation dauerte dreieinhalb Stunden. Zwei Wochen später durfte K. das Krankenhaus wieder verlassen und wird seitdem meist von seiner Mutter versorgt. Eine 30 Zentimeter lange vertikale Narbe prangt auf seinem Bauch. "Alles konnte wiederhergestellt werden, und die Leber hat ja die wunderbare Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren."
Die israelische Armee verlautbarte standardmäßig, dass die Festgenommenen und Verwundeten des Tages sämtlich "gesuchte Palästinenser" seien. "Aber ich stehe nicht auf der Liste. Ich war noch nie im Konflikt mit der Armee", erklärt K. Der beste Beweis für die Richtigkeit seiner Angaben ist der israelische Erlaubnisschein zum Betreten Jerusalems, ausgestellt auf den 30. Mai. "Ich hatte vor, nachmittags zu fahren. Ich muss regelmäßig geschäftlich nach Israel, da gab es noch nie Probleme."
Wenn die israelischen Behörden einen Palästinenser als "Sicherheitsrisiko" einstufen, erhält dieser keine Genehmigung zum Überqueren der militärischen Kontrollen. "Ein Großteil unserer Rohmaterialien kommt aus Israel", erklärt K. "Die geschäftlichen Kontakte sind sehr wichtig für uns." Die Verweigerung künftiger Anträge auf Erlaubnisscheine will er nicht riskieren und besteht deshalb auf Anonymität. Seine jüdischen Geschäftspartner aus Tel Aviv unterstützen ihn allerdings. "Sie riefen jeden Tag an und erkundigten sich nach mir. Sie konnten gar nicht glauben, dass mir das passiert ist."
Granat- und Bombensplitter
Dabei ist es nichts Besonderes. Alleine in der unmittelbaren Nachbarschaft der Familie wurde in den letzten zwei Jahren von Soldaten eine Frau in ihrem Wohnzimmer erschossen. Zwei weitere Nachbarn wurden von einem israelischen Scharfschützen verwundet. Der hiesige Rote Halbmond zählt insgesamt 26.758 verletzte Palästinenser seit Beginn der Intifada vor fast vier Jahren. Davon wurden über 12.000 von Gummi-ummantelten Stahlkugeln und Tränengas getroffen. Mittel, die gegen Nichtbewaffnete eingesetzt werden.
Die von Granat- und Bombensplittern Verletzten sind eine zweite große Gruppe. Sie waren meist in der Nähe, als die israelische Luftwaffe ihre "gezielten Tötungen" durchführte. Knapp über 7.000 Menschen wurden von scharfer Munition getroffen. K. ist einer von ihnen. Diese Angabe trennt allerdings nicht zwischen Militanten und Zivilisten. Für den gleichen Zeitraum nennt die israelische Armee insgesamt 4.520 verletzte israelische Zivilisten, unterscheidet jedoch nicht zwischen der in Israel lebenden Zivilbevölkerung und den para-militärischen Siedlern in den besetzten Gebieten.
Israelische und palästinensische Opfer des Konflikts verbindet vieles. Israelis werden allerdings von einem wohlorganisierten Staat aufgefangen. Sogar eine Art von direkter Vergeltung ist möglich, wenn das Militär nach einem palästinensischen Angriff gegen den Verursacher (oder seine Familie) vorgeht. Palästinenser haben diese Möglichkeit nicht. Nur in sehr wenigen Fällen gibt die Armee Fehlverhalten zu. Der Anteil der Wiedergutmachungsleistungen für unschuldig erlittene körperliche oder materielle Schäden liegt im Promillebereich.
"Es gibt kein Gericht, an das wir uns wenden können", meint K.'s Mutter resigniert. Die Idee, Aufklärung des Falls durch die palästinensische Polizei zu verlangen, ist geradezu lächerlich. Diese haben keinerlei Mittel zum Vorgehen gegen israelische Staatsbürger. K. bleibt nichts anderes übrig, als den Ärger über das erlittene Unrecht zu verdrängen.
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