Britisches Unterhaus sagt "Ja, aber" zu Open Access in der Wissenschaft

Die Politiker schlagen beispielsweise vor, dass Institute selbst Archive aufbauen, um einen freien Zugriffs auf öffentlich finanzierte Forschung zu ermöglichen

Der Parlamentarier-Bericht unter dem Titel Scientific Publications, der am Dienstag in London präsentiert wurde, ist eine knapp 150 Seiten starke Analyse des Science and Technology Committee, eine sehr agile Polit-Taskforce, die sich seit Jahren mit der Politik und den Ausgaben des Office of Science and Technology (OST) auseinandersetzt. Das OST ist eine in dieser Form in Deutschland nicht existierende Aufsichtsbehörde über die Wissenschaftspolitik der britischen Regierung und der britischen Forschungsorganisationen ("Research Councils").

Die Debatte über Open Access wird in England traditionell schärfer und engagierter geführt als in den meisten anderen Ländern. Das liegt möglicherweise an einem etwas größeren Interesse an Wissenschaftsthemen, aber sicher auch daran, dass sich in England einige der wichtigsten Player der Branche tummeln. Der Verlag Blackwell und die Nature Publishing Group sind britisch. Reed Elsevier unterhält auf der Insel sein größtes Verlagshaus. Und auf der anderen Seite hat sich BioMedCentral in London niedergelassen, ein Open Access-Verleger, der zu den Miterfindern des Autor-zahlt-Modells gehört. Bei diesem Geschäftsmodell werden die Kosten für die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten von den Verlagen nicht mehr, wie traditionell, durch Abonnementgebühren herein geholt, sondern im Vorfeld der Veröffentlichung durch eine vom Forscher beziehungsweise dessen Forschungsinstitution oder Geldgeber aufgebrachte Gebühr in unterschiedlicher Höhe.

Kommt nicht mal die Hälfte der Wissenschaftler an die eigenen Arbeiten ran?

Hintergrund des politischen Interesses an den Verlagspraktiken im Wissenschaftsbetrieb ist natürlich die Tatsache, dass in England wie anderswo ein erheblicher Teil der Forschung aus dem Staatssäckel finanziert wird, dass aber gleichzeitig Klagen lauter werden, wonach die Ergebnisse dieser Forschung oft nicht einmal für die Wissenschaftler selbst zugänglich sind, weil Bibliotheken sich die steigenden Abkosten zunehmend weniger leisten können.

Eine von BioMedCentral in Auftrag gegebene Untersuchung scheint diese These zu stützen: Demnach waren für die breite Öffentlichkeit weniger als dreißig Prozent der aus staatlich finanzierter Forschung resultierenden medizinischen Forschungsartikel zum Zeitpunkt der Publikation im Volltext zugänglich. Und Wissenschaftler an zwei Kliniken in Derby kamen auch nur an etwa vierzig Prozent der Artikel ihres Fachgebiets sofort ran. Nun ist BMC in der Debatte nicht neutral, aber die Ergebnisse der Umfrage scheinen in etwa in der Größenordnung zu liegen, von der auch hierzulande ausgegangen werden darf.

Die britischen Parlamentarier haben sich eingehend mit den Argumenten der großen Verlagshäuser auseinandergesetzt, wonach die durchschnittlich 58prozentige Preisanstieg bei den Subskriptionskosten wissenschaftlicher Zeitschriften zwischen 1998 und 2003 vor allem auf die immensen Kosten zurück zu führen sei, die den Verlagen durch den Aufbau von Onlinedatenbanken und durch die Organisation des Peer Review-Prozesses entstünden. Der Tenor dieses Teils des Berichts lässt sich in dem auch von den Autoren selbst gewählten Satz zusammen fassen:

"We are not entirely convinced"

Wesentlich zu dieser Skepsis beigetragen haben die Gewinnmargen der Großverleger: Reed Elsevier gibt einen Gewinn vor Steuern von 34 Prozent des operativen Umsatzes an, Wiley liegt bei 29 Prozent, was rund anderthalb mal höher ist als im Rest der Verlagswelt.

Extrem kritisch gehen die Parlamentarier angesichts dieser Gewinnmargen mit dem "Bündeln" ins Gericht, also der Praxis, dass Verlage den Bibliotheken ganze Pakete von Zeitschriften zusammen anbieten, um auch Journale an den Mann zu bringen, die sie sonst vielleicht nicht in dem Umfang losgeworden wären. In diesen Bündeln seien die jeweiligen Flaggschiffe überproportional teuer, sodass Bibliotheken gar keine reelle Alternative hätten, als das Gesamtpaket zu abonnieren. Das aber führe dazu, dass andere, für die Wissenschaftler möglicherweise viel interessantere Zeitschriften abbestellt werden müssten.

Ebenfalls vor dem Hintergrund der hohen Profite wird die mangelnde Transparenz bei den Kosten, die den Verlagshäusern im Publikationsprozess entstehen, als sehr problematisch beurteilt. So schwankten die vom Komitee bei den Verlagshäusern nachgefragten Kosten, die den Verlagen durch den Peer Review entstehen, zwischen 100 (Public Library of Science) und 3.000 bis 10.000 (Nature Publishing Group) britische Pfund pro Artikel. Selbst für Journale, die wie Nature etwa neun von zehn Artikeln ablehnen und einen entsprechend höheren Peer Review-Aufwand betreiben müssen, siedeln die Parlamentarier die von ihnen geschätzten tatsächlichen Kosten für den Peer Review eher am unteren Ende dieser Skala an, wenn sie von elf britischen Pfund pro angefordertem Review ausgehen:

Wir bemerken bei den Verlagshäusern eine Tendenz, die Kosten, die ihnen durch den Peer Review entstehen, zu übertreiben, um höhere Subskriptionspreise zu rechtfertigen.

Wenig überraschend gehen auch die von den Verlagen angegebenen Gesamtkosten pro veröffentlichtem Artikel weit auseinander: Am unteren Ende der Spanne liegen bei hochwertigen Journalen die auch kürzlich in einem Thesenpapier des Wellcome Trust verbreiteten 1.500 US-Dollar (The Wellcome Trust, Costs and business models in scientific publishing). Sie entsprechen dem, was die Public Library of Science und jetzt auch BioMedCentral für einen Artikel in ihren Flaggschiffmagazinen verlangen. Reed Elsevier ("The Lancet" und andere) schätzt, dass dieser Betrag allenfalls die Hälfte dessen abdeckt, was benötigt wird. Die Nature Publishing Group redet von astronomischen 10.000 bis 30.000 US-Dollar pro Artikel und ein von dem Komitee befragter, unabhängiger, aber Open Access-kritischer Wissenschaftler kam auf etwa 6500 US-Dollar.

Sympathien ja, Subventionen nein

Open Access-Anhänger, die erwartet hatten, dass die Politiker nach ihrer Breitseite gegen die Großverlage das Autor-zahlt-Modell freudig in die Arme schließen würden, sehen sich allerdings enttäuscht: Man sieht den Markt und die dort wirkenden Kräfte - Open Access-Anbieter haben gegenwärtig einen Marktanteil am gesamten STM-Sektor von etwa fünf Prozent - und möchte sie im Wesentlichen walten lassen, ohne stark zugunsten von Autor-zahlt-Anbietern reglementierend einzugreifen. Favorisiert wird freilich eine Art Notgroschen, der bei den Research Councils eingerichtet werden könnte, und mit dem einem Wissenschaftler die Gebühren von Autor-zahlt-Anbietern gegebenenfalls erstattet werden könnten, wenn er dort publizieren möchte und seine Sponsoren nicht dafür aufkommen wollen.

Alles in allem spürt man bei den Politikern deutliche Sympathien für das Autor-zahlt-Modell. Es führe zu einer faireren Verteilung der Kosten für den wissenschaftlichen Publikationsbetrieb und könne diese möglicherweise - hier bleibt Skepsis spürbar - auch reduzieren. Hervorgehoben wird ferner der große Nutzen von Open Access für Forscher in Entwicklungsländern, wobei der Einwand, diese könnten sich die Autorengebühren im Autor-zahlt-Modell nicht leisten, mit dem auch von BMC und der Public Library of Science vertretenen Argument vom Tisch gewischt wird, hier seien individuelle Regelungen denkbar. Trotz dieser Sympathie sei es aber für weitergehende, staatliche Interventionen zugunsten des Autor-zahlt-Modells noch zu früh, weil damit ein noch nicht ausreichend erprobtes Geschäftsmodell subventioniert werde.

Institutsarchive: Open Access auf britisch

Das Problem der öffentlich finanzierten Forschung allerdings, die nicht in ausreichendem Maße öffentlich zugänglich ist, möchte man dennoch lösen: Es wird sehr entschieden gefordert, dass Wissenschaftler das Recht erhalten sollten, ihre Forschungsarbeiten auf dem Server ihrer Institution der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das ist ein interessanter Punkt: Einige Zeitschriften, etwa Nature, erlauben das ausdrücklich. Bei vielen anderen, darunter die Elsevier-Journale, war das bisher ausdrücklich untersagt. Zum dritten Juni 2004 allerdings verkündete die Holländer eine Kehrtwendung und erlaubten es ihren Autoren, "Text-only"-Versionen ihrer Arbeiten, also ohne Grafiken, Tabellen etc, auf ihre Homepage oder die Webseiten ihrer Institution zu stellen, vorausgesetzt diese werden nicht in zentralen Datenbanken gespeichert. Das House of Commons-Komitee fand dies bemerkenswert:

Wir haben wenig Zweifel daran, dass Elsevier das Timing seiner Ankündigung zur Selbstarchivierung bewusst gewählt hat, und der Veröffentlichung unseres Berichts zuvor kommen wollte

so die Parlamentarier selbstbewusst. Wie dem auch sei, indem er die Bedeutung der Selbstarchivierung betont, redet der Commons-Report in der Tat einem alternativen Open Access-Modell das Wort, das sich in den Streit zwischen traditionellen Verlegern und Autor-zahlt-Anbietern zunächst nicht einmischt und dennoch das politische Interesse eines freien Zugriffs auf öffentlich finanzierte Forschung vertritt. Die Parlamentarier haben auch gleich einmal ausrechnen lassen, was es eine Institution in etwa kosten würde, ein eigenes Publikationsverzeichnis aufzubauen und kamen pro Institution auf großzügig klingende 93.900 britische Pfund über drei Jahre plus 3.900 Pfund einmalige Installationskosten. Der Nutzen würde diese Kosten auf jeden Fall aufwägen, sind die Autoren überzeugt. Und vermutlich würde sich ja auch jemand finden, der es etwas günstiger macht...

Einmal angenommen, es würde aufgrund der Empfehlung des Commons-Reports in Großbritannien tatsächlich gesetzlich festgeschrieben, dass öffentlich finanzierte Forscher ihre veröffentlichten Arbeiten binnen kurzer Frist auf die Webseiten ihrer Institution stellen müssen. Weiterhin angenommen, andere Länder würden diesem Beispiel folgen, was zumindest für das Großforschungsland USA denkbar erscheint, denn hier läuft bereits ein entsprechendes Gesetzesverfahren. Welchen Einfluss hätte das auf die Open Access-Anbieter beziehungsweise auf das traditionelle Verlagswesen?

Schwer zu sagen. Auf der einen Seite würden die Open Access-Anbieter einen Teil ihres moralischen Appeals verlieren, weil die Großverlage darauf verweisen könnten, dass die Arbeiten, für den, der es wirklich will, via die Webseiten der jeweiligen Institution zugänglich sind. Die Verlage könnten sich dann auf den Aufbau von Datenbanken mit Mehrwert konzentrieren und damit Geld verdienen, ohne dass sie die Reputation ihrer Zeitschriften in Open Access-Debatten aufs Spiel setzen.

Auf der anderen Seite lassen sich Institutsarchive natürlich durch Dritte verlinken, wie es der Highwire-Dienst in Stanford seit Jahren erfolgreich vormacht. Das könnte dann die Abonnementanbieter tatsächlich in Schwierigkeiten bringen, die die Autor-zahlt-Verlage elegant umschiffen, weil sie ihr Geld vorher verdient haben. Es bleibt spannend.

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