Neues vom E-Dschihad

Thomas Pany 24.07.2004

Wer will eine E-Mail an Al-Qaida schreiben?

"Wer will eine E-Mail an Al-Qaida schreiben?", fragt Reuven Paz, Direktor und Gründer des Project for the Research of Islamist Movements (PRISM), das nach eigenen Angaben bestrebt ist, ein "Vakuum" zu füllen, nämlich die Benutzung von arabischen Quellen , um das "islamistische Phänomen" zu erforschen. Kürzlich hat Paz in einem "islamistischen Forum von Unterstützern des weltweiten Dschihads" eine E-mail-Adresse ausfindig gemacht, die eine Verbindung zum saudiarabischen Zweig der Qaida herstellen soll.

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Die Adresse, welche Paz am 18.Juli dieses Jahres in einem (nachträglich gesperrten) Threat von ansarnet.ws gefunden hatte, soll einem begleitenden Posting zufolge als Mail-Kontakt-Adresse zu den "Mudschahedin der Tanzimal-Qaida der arabischen Halbinsel" fungieren. Für Paz ist die Adresse - sout@mail4all.us - zunächst ein weiterer Beleg dafür, dass Islamisten das Netz für ihren Dschihad nutzen und außerdem ein Alarmzeichen, da die Adresse der Hosting company eine amerikanische ist: die E-mail-Adresse lässt sich auf www.mail.com zurück adressieren, das, so Paz, zu Easylink gehört.

Ein Skandalon, das auch eine kanadische Zeitung aufgegriffen hat: "Amerika hostet 76% der islamischen "Terrorwebseiten", lautet die entsprechende Überschrift. "Während Amerika und die Welt den Terror bekämpft, ist es anscheinend so, dass die Terroristen und deren Unterstützer die boomende amerikanische web hosting-Industrie anzapfen, um ihr Gift zu verteilen", raunt der Text dazu.

Die etwas plakative Prozentangabe entstammt dem jüngsten Bericht des MEMRI-Instituts über "Islamistische Webseiten und deren Hosts".

MEMRI hat 25 Webseiten aufgelistet, die mehr oder weniger direkt mit Terrorgruppen zu tun haben, soweit sie bis zum 16.Juli 2004 aktiv waren. ...20 dieser Seiten werden in Nordamerika gehostet, 19 in den Vereinigten Staaten und eine in Kanada. Die verbleibenden Seiten wurden in Großbritannien., in Hongkong, den Vereinigten Emiraten und Iran gehostet. Das heißt, dass 76 Prozent der official or affiliated terror sites ..in den Vereinigten Staaten gehostet werden, während zwei bzw. 8 Prozent im Mittleren Osten ihre Hosts haben.

Dass die "islamistischen" Webseiten (Liste hier), deren Zielgruppe, so Reuven Paz, muslimische "Youngsters" sind, westliche Server und Hosts benutzen, sei nicht unbedingt neu; neue Entwicklungstrends der letzten Monaten ließen sich aber dennoch ausmachen:

Zum einen ein "signifikanter Anstieg" von Teilnehmern in islamistischen Foren, die in Englisch oder Arabisch - aber mit lateinischen Buchstaben - schreiben. Für Paz ein deutliches Anzeichen, welches auf das gestiegene Interesse der Muslim Youngsters an westlichen communities verweist. Neuerdings sollen zum ersten Mal Drohungen der al-Qaida übersetzt ins Italienische in diesen Foren aufgetaucht sein.

Zum anderen würde deutlich mehr militärisches Material von al-Qaida-Unterstützern ins Netz gestellt werden. Westliche Manuale würden ins Arabische übersetzt; die Präsentation solcher Materialien im Netz mache einen sehr viel besser organisierten und systematischeren Eindruck als früher. Auch die beiden virtuellen Magazine - Saut al-Dschihad und Al-Battar -, die zentralen Organe der "al-Qaida-Organisation" in Saudi-Arabien und der muslimischen Welt, so Paz, hätten eine beachtliche organisatorische Basis.

Da Skeptiker in der Arbeit von MEMRI tendenziöse, nicht gerade "arabophile" Züge beobachtet haben (vgl. dazu Der Club der rechten Schlaumeier) und man israelischen Forschern in Sachen radikaler Islam gerne Ähnliches unterstellt, seien hier noch die Eindrücke erwähnt, die der libanesische Intellektuelle und Publizist AbuKhalil, der Materialien von Al-Qaida in die Hände bekam, am 20.Juli in seinem Blog veröffentlichte:

Ich habe von einem Freund via Email einen Stoß von Schriften, Pamphleten und Stellungnahmen von al-Qa'ida erhalten. Er war in der Forschung über Saudi-Arabien tätig und wurde dadurch recht geschickt im Auffinden ihrer Webseiten, die sie regelmäßig und oft wechseln. Erstens bin ich erstaunt über ihre publizistischen Fähigkeiten. Die fraglichen Dokumente waren aus technischer Perspektive ziemlich fortgeschritten. Ich sah auch zum ersten Mal, dass sie den Begriff Al-Qa'idun für ihre Anhänger benutzen - als Synonym für al-Mudschahidun. Es ist erstaunlich, wie sie in ihrer politischen Literatur/Propaganda militärische, religiöse und technische Informationen zusammen mischen. In einem Kapitel liest man einen Kommentar über einen Hadith und im nächsten etwas über Waffenausbildung, im folgenden Kapitel etwas über Techniken zur körperlichen Fitness usw. Sie geben auch detaillierte Auskünfte, wie man eine konspirative Wohnungen unterhält...

In einem Buch mit dem Titel Questions and Dubiosities Regarding the Mujahidin and Their Operations, das AbuKhalil an das "ABC des Kommunismus" erinnert, gebe es einen speziellen Abschnitt, der sich mit dem E-Dschihad beschäftigt. Darin würden Unterstützer dringlichst dazu aufgerufen, Webseiten und Chatrooms zu besuchen, um dort ihre Ideologie von al-Qaida zu "injizieren" und, um die Feinde der al-Qa'ida zu verfolgen und zu schikanieren - eingeschlossen die Säkularisten.

Besonders beeindruckt war der Professor für Politikwissenschaften, der in Kalifornien lehrt (und ein scharfer Kritiker des amerikanischen war on terror ist), davon, wie sehr die "Al-Qaida-Wirrköpfe" auf dem Laufenden sind, was die westliche Presse anbelangt. Immer wieder würden in den Publikationen und Statements auf englische, deutsche und französische Medien (Fernsehen und Presse) verwiesen.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17944/1.html
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