On the sunny side of life?

24.07.2004

In Schwedens Sonnen-Hauptstadt surften Internet-Forscher aus 30 Ländern durch die kulturellen Gepflogenheiten des Internet

Karlstad, ein idyllisches Städtchen im schwedischen Wärmland (!), gilt als die Sonnen-Hauptstadt Schwedens. Kein schlechter Ort also für eine Konferenz, die sich der Frage nach den Licht- und Schattenseiten des Internet gestellt hat. Über einen Platz an der virtuellen Sonne verfügt ja auch im Cyberspace längst nicht jede(r); entsprechend waren Marginalisierung, Homogenisierung und Hybridisierung von Kultur(en) im Internet Thema.

"Off the shelf or up from the ground" lautete das Motto der 4. Veranstaltung der Konferenzreihe "Cultural attitudes towards technology and communication". Angesichts der sich in Wohlgefallen auflösenden Utopie vom "global village" stellten die Internet-Forscher aus fast 30 Ländern die Unterschiede, potenziellen Konflikte und kulturellen Unvereinbarkeiten des Cyberspace als einer "urban metropolis" (Ess/Harvard) in den Vordergrund.

Die verflixten Kausalitäten – zum Verhältnis von Kultur und Technologie

Vergleichbar der Frage, was älter ist, die Henne oder das Ei, begab man sich zunächst auf die Suche nach den Kausalitäten im Verhältnis von Kultur und Technologie. Minna Kamppuri und Markku Tukiainen stellten einen Überblick über die verwendeten Kulturbegriffe in der Internet-Forschung zusammen und konstatierten ein klares definitorisches Defizit. Doch an der Formulierung einer präzisen Definition von Kultur verzweifelte das Plenum bereits in seiner ersten Diskussionsrunde. Tatsächlich offenbart bereits die im Titel der Veranstaltung vorgenommene Gegenüberstellung von Kultur und Technologie eine empfindliche offene Stelle, ist doch Technik mindestens als Artefakt immer ein Kulturprodukt.

Wei Lu aus China suchte einen Ausweg aus der Misere in der Darstellung eines "neuen Modells der technologischen Evolution", das technologischen und kulturellen Determinismus in einer Interaktionsschleife miteinander versöhnt. Wenn auch dieser Gedanke nicht wesentlich neu ist, deutete sich hier zum Ende der Konferenz doch eine Abkehr von der Suche nach linearen Erklärungsmustern an. Denn ungeachtet der Tatsache, dass beispielsweise Maja van der Velden in ihrem einleitenden Vortrag für eine Gleichberechtigung verschiedener Wissensmodelle plädiert hatte, stand bei der Bestimmung des komplexen Verhältnisses von Kultur und Technologie weiterhin das Modell der linearen Kausalität Pate, das die westliche Wissenschaftstradition prägt und dessen Ablösung im hypertextuellen Medium Internet man vor einigen Jahren ja schon mal – voreilig – gefeiert hatte.

Logo der Karlstad-Universität

Auch die Konferenzorganisation erwies sich als erstaunlich traditionell. Sowohl die Einzelpräsentationen als auch der Konferenzverlauf im Ganzen waren durch eine strikt lineare Struktur gekennzeichnet. Gleiches gilt für die Methoden-Diskussion (Agourram/Saucier, Würtz), die unter starker soziologischer Ausrichtung alternativen Darstellungsformen wenig Raum gab. Am innovativsten waren in dieser Hinsicht die zahlreichen Vorträge zum Thema Online-Learning und E-Education, die Ansätze und Probleme einer Förderung kollektiven und vernetzten Arbeitens, Lehrens und Lernens über das Internet vorstellten.

Karneval der Kulturen – Fallstudien

Glücklicherweise ließ man sich von den eigenen Erkenntnislücken nicht anfechten und ging in bester kulturwissenschaftlicher Manier, d.h. ungeachtet der Undefinierbarkeit des Forschungsgegenstands, zum akademischen Tagesgeschäft über. Mit Blick auf die präsentierten Fallstudien wurde dabei deutlich, dass Kultur von der überwiegenden Mehrheit der Vortragenden als Konglomerat nationaler oder ethnischer Spezifika behandelt wurde, mit interessanten Ergebnissen.

Das "Chinesisch-Sein" (chineseness) des chinesischen Internet – nur scheinbar eine Selbstverständlichkeit – stellte H.-J. Bucher in seinem Vortrag zur Diskussion und zeigte dabei den Problemhorizont zwischen "universalistischer" versus "partikularistischer Perspektive" auf. Gleich mehrere Vorträge widmeten sich den historisch und kulturell bedingten Spezifika der Adaptation von Informationstechnologien in den post-sowjetischen Staaten Mittelasiens (Markova, Mei) oder in der baltischen Republik Estland (Vengerfeldt/Runnel) sowie Entwicklungstendenzen im russischen Segment des Internet (Voiskounsky, Schmidt). Der Einfluss traditioneller Verhaltensmuster auf die politische Ausgestaltung des Internet in Japan (Nakada/Tamura u.a.) wurde ebenso dargestellt wie spezifische Nutzungsmöglichkeiten des Web in Afrika und Süd-Amerika (Addison/Sirkissoon, Beardon, Miscione/Aizenberg, Rodrigues, u.a.).

Am erhellendsten war dabei vielleicht ein Diskussionsbeitrag, der angesichts der isolierten Erforschung des Internet-Verhaltens einzelner nationaler oder ethnischer Gruppen vor einem Rückfall in Kultur-Essentialismus warnte. Bei der programmatischen Suche nach kulturellen Besonderheiten im globalen Netzwerk bewege man sich beständig in der Gefahrenzone der Reproduktion kultureller Stereotypen.

Internet – Herrschaftsinstrument oder "liberation philosophy"?

Einen Schwerpunkt der Untersuchungen stellten insbesondere die indigenen Völker dar, deren Umgang mit den neuen Informationstechnologien breit diskutiert wurde (Herring/Estrada, Dyson, Kampf, Radoll). Auch Gender-Fragen spielten eine – wenn auch nicht herausragende – Rolle (Crump, Simon). Dabei wurde einmal mehr die Frage gestellt nach dem Charakter des Internet als einer Herrschaftstechnologie, die bestehende Ungleichheiten eher festschreibe als mildere. Die versammelte Wissenschaftsgemeinschaft legte sich dabei durchaus selbstkritisch Rechenschaft ab von der eigenen Vorteilsnahme, stehe man doch selbst auf der Sonnenseite des (Netz)Lebens. In wessen Namen und mit wessen Stimme werde hier also gesprochen? Bezüglich der weit verbreiteten Rede vom "digital divide" wurde in den Diskussionen deutlich, dass man sich hier von einer weiteren irreführenden Metapher zu verabschieden habe. Der Begriff suggeriere eine Minderwertigkeit der Offline-Existenz und impliziere damit eine Diskriminierung lokalen Wissens, das mit den Standards und Normen der (westlichen) Wissensgesellschaft oft unvereinbar sei.

Diese Frage von Internet-Zugang, (Re)Präsentation und Macht wurde anhand einer Vielzahl von Fallbeispielen illustriert. So drohten die rituellen, kollektiven Kunstwerke der Aborigines in den anonymisierten, globalen Datenwelten ein weiteres Mal enteignet zu werden (Radoll). Auf der anderen Seite könne ein multi-linguales Internet bedrohten Sprachen ein Überleben sichern (Herring/Estrada). Die theoretischen Prämissen dieser Problematik sowie erste Lösungsansätze zeigten Beiträge über die sprachliche, technische und rechtliche Standardisierung des Internet (Pargman/Palme), insbesondere im Bereich des Copyright (Adaime, Burk, Debnath/Bahl), auf.

"A hole in the wall" – unkonventionelle Weisen der Internet-Nutzung

Spannend wurde es jedoch vor allem dort, wo der Blick auf alternative Nutzungsformen in scheinbar benachteiligten Kulturen nicht nur die Vorteile, sondern auch die Begrenzungen des westlichen Umgangs mit Kommunikationstechnologie in den Blick nahm: den Ausbruch aus den geschlossenen Räumen der Internet-Environments in Südamerika oder Indien beispielsweise, wo die individuelle Nutzung der Computertechnik mit den materiellen Gegebenheiten und kulturellen Verhaltensweisen unvereinbar ist (Rodrigues).

Ein buchstäbliches Loch in die virtuelle Mauer schlägt auch das vorgestellte Projekt "A Hole in the Wall" aus Indien (Cappelle/Evers/Mitra). In einigen ländlichen Gebieten Indiens wurden mit Internetzugang ausgestattete Computer in Mauernischen in der Wand installiert und stehen den Kindern des Dorfs täglich zur Verfügung. Weitgehend ohne Anleitung erlernen die Kinder spielerisch und selbstgesteuert den Umgang mit der Computertechnik und legen dabei erstaunlich unkonventionelle Herangehensweisen an den Tag. Der Umgang und das Spiel mit dem Computer werden zum kollektiven Happening.

"Just use" – eine sonnige Vision?

Die Ausrichtung der Konferenz auf eine "gerechte Nutzung" der Internet-Technologien bedingte ihren deutlich normativen Charakter. Die Idee der "liberation philosophy" stand hoch im Kurs (Walker), in bewusstem Kontrast zu der auch in der Sonnenmetropole Karlstad von vielen Vortragenden geäußerten Skepsis bezüglich des emanzipatorischen Potenzials des Internet. Angesichts des grassierenden Kultur- und Internet-Pessimismus ist ein solcher Schuss sonniger Vision jedoch sicherlich auch eine wichtige Zutat (McIlroy, Ess/Sudweeks).

Weitere Informationen

Die CATaC’-Konferenz-Serie wird seit ihrem Start im Jahr 1998 von Charles Ess (Drury University, USA) und Fay Sudweeks (Murdoch University, Australia) organisiert. Es gibt eine Diskussions-Liste, die über geplante Aktivitäten und Publikationen informiert. Die Beiträge der aktuellen Konferenz sind als Buch erschienen:

Ess, Charles / Sudweeks, Fay (Ed.) (2004): Cultural attitudes towards Technology and Communication 2004. Proceedings of the Fourth International Conference on Cultural Attitudes towards Technology and Communication, Karlstad, Sweden, 27 June – 1 July 2004. Murdoch University, Murdoch.

Henrike Schmidt leitet gemeinsam mit Katy Teubener ein von der Volkswagen-Stiftung gefördertes Forschungsvorhaben zum Thema der kulturellen Identitätsbildung im russischen Internet.

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