Die Formel für den mystischen Durchblick

Bestimmt die Chemie das spirituelle Erleben? Rick Strassman sieht in DMT den Schlüssel zum Bewusstsein und transpersonalen Erfahrungen

Die wissenschaftliche Erforschung einer psychoaktiven Substanz wird immer dann zum Problem, wenn zum einen das konkrete medizinische Anwendungspotenzial unklar ist, zum anderen die Substanz von neugierigen Untergrund-Psychonauten genutzt wird. Dann ist schnell von einer neuen "Horror-Droge" die Rede, die Substanz wird verboten und Wissenschaftler haben es schwer, die Behörden von ihren lauteren Absichten zu überzeugen. Rick Strassman, Professor für klinische Psychiatrie an der Universität New Mexico, nahm Anfang der 90er Jahre den mühsamen Weg durch bürokratische Institutionen, um am Menschen mit einer Substanz experimentieren zu dürfen, die seit ihrer Entdeckung für Rätsel gesorgt hatte.

DMT (Dimethyltryptamin) ist ein chemisch nicht sehr komplexes Molekül, und ähnelt den Botenstoffen des Gehirns, dem Serotonin und Melatonin stark. Geraucht oder injiziert ist es eines der stärksten psychedelischen Drogen. Innerhalb von wenigen Sekunden nach dem Konsum lösen sich Zeit, Raum und Widersprüche auf, es kommt zu Bilderfluten und hinter diesen liegen oft noch aufwühlendere Ebenen der Erfahrung.

Strassman war Anfang der 90er Jahre der erste Forscher in den USA, der nach einem 20 Jahre lang währenden Verbot eine Studie über eine halluzinogene Substanz durchführen durfte. Herausgekommen ist nun ein in deutscher Übersetzung vorliegendes Buch, dass sich in einigen Teilen wie ein Science-Fiction Roman liest, in anderen Teilen neue Einsicht in die Natur des menschlichen Bewusstseins gibt. Ein Buch weniger für Fans des Rausches, als vielmehr für diejenigen, die das magische Universum auf eine physikalische Grundlage stellen wollen.

Wer das Glück (oder Pech) hatte, DMT schon einmal zugenießen, der wird sich in den nahezu unbeschreibbaren Erfahrungen bestätigt finden. Wer allerdings keinen hoch dosierten Kontakt zu dem Tryptamin gehabt hat - und das dürfte der Regelfall sein, ist die Substanz doch auch in Deutschland verboten -, der wird die Erfahrungsberichte für irrwitzige Halluzinationen halten. Womit man schon bei einem Grundproblem der psychedelischen Forschung angelangt ist. Verkürzt gesagt: Die Einen werden high und die Anderen wollen darüber objektiv berichten. Bis auf eine Veränderung des Blutdrucks und des Herzschlags lassen sich aber keine Parameter finden, die dem Forschungsleiter Aufschluss über das Erleben des DMT-Probanden geben. Was bleibt, sind subjektive Beschreibungen der Zustände. Aus diesen farbigen, schrecklich schönen oder furchtbaren, auf jeden Fall aber erschreckend realistisch klingenden Geschichten nun Ansätze für medizinisch-psychologische Therapien zu finden ist möglich und ein unbedingtes Potenzial der psychedelischen Forschung, aber unter Psychologen schon historisch bedingt nicht besonders beliebt.

Wenn die zu Objektivität angehaltenen Wissenschaftler selber Psychedelika nehmen, stehen sie nicht nur bei ihren Kollegen schlecht da, oft packt sie auch der gleiche missionarische Eifer wie die freiwilligen Probanden. Die nämlich sind sich sicher: Der gut vorbereitete Konsum dieser Drogen - und das sei das eigentliche Tabu der drogenpolitischen Diskussion - kann nicht nur mächtig Spaß bringen, sondern den Menschen in ein besseres Verhältnis zu sich und seiner sozialen Umwelt bringen. Von den spirituellen Erfahrungen mal ganz zu schweigen.

Das Bewusstseinsmolekül an sich ist weder gut noch schlecht, weder nützlich noch schädlich. Vielmehr schaffen Set und Setting den Kontext und die Qualität der Erfahrungen, zu denen uns DMT hinführt.

Die Konstellation der scheinbaren Unvereinbarkeit objektiver Erkenntnis über und subjektiver Erfahrung mit Psychedelika hat sich in den sechziger Jahren gebildet, als Universitätsangehörige wie Timothy Leary nicht nur Studien mit Probanden durchführten, sondern selbst mit Begeisterung auf den Psilocybin- oder LSD-Trip gingen. Mit "Turn on" und "Tune in" war es für Leary dann auch nicht mehr getan, es sollte auch zum sozialen "Drop out" kommen. Das war zu viel für das "Establishment".

Großer DMT-Kristall

Die Angst vor der Ekstase, tief verwurzelt in der calvinistisch-puritanisch geprägten amerikanischen Gesellschaft, die Angst vor der neuen sozialen Bewegung der Beatniks und Hippies, die ihre Finger - jeweils auf ihre Art - tief in die vom imperialistischen Größenwahn der Machthaber gerissenen Wunden legte und die Infragestellung diverser sozialer Kodizes durch die Gruppen, führten zu einem rigorosen Umgang mit der neuen Bewegung und ihren universitären Quellen und Ablegern. Dem "Summer of Love" (Jefferson Airplane) folgte der "Winter in America" (Gil Scott-Heron). Seither ist die damals weltweit als überaus verheißungsvoll angesehene Erforschung des menschlichen Geistes mit Hilfe von "psychedelischen Drogen" wie LSDA und Psylocibin sanktioniert oder gar unmöglich geworden.

Der Psychologe Strassman, der heute US-Behörden im Prozess der Arzneimittelzulassung berät, ließ sich von der US-Drogenbehörde DEA und der FDA die Applikation von reinem DMT genehmigen und injizierte seinen 60 Freiwilligen, die meist schon sehr erfahren im Umgang mit psychedelischen Substanzen waren, die Substanz in Abhängigkeit von ihrem Körpergewicht. Was dann folgte, waren wilde Abfahrten durch die Höhen und Tiefen der intellektuellen und emotionalen Beschaffenheit der Menschen, bis hin zu mystischen Ganzheiterfahrungen, die man sonst nur aus den Berichten religiöser Ekstatiker und von sich in spiritueller Auflösung befindlicher Meditationsexperten kennt. Selbst für erfahrene Acid-Heads ist die Wirkung des DMT, das den Geist innerhalb von Sekunden in (vermeintlich?) außerplanetarische Sphären katapultiert eine beeindruckende Erfahrung.

Die Energie ließ mein Herz rasen. Die Dunkelheit ging in Licht über, und auf der anderen Seite des Weltraums war alles völlig reglos. Dann tauchten aus dem Nichts die Worte auf und erfüllten mich.

Dort, wo die Wirkung der Droge über den psychisch-personalen Bereich hinaus geht, so folgert Strassman aus den Berichten, bestimmen entweder Begegnungen mit Außerirdischen oder mystische Erfahrungen das Erleben. Immer wieder kommen fremdartige Wesen in den Trips vor, die entweder den Neuankömmling in ihrer Sphäre mit Interesse begrüßen - oder ihn ignorieren. Die Beschreibungen der Probanden über Aussehen und Art dieser koboldartigen Entitäten gleichen sich frappant und alle Befragten sind sich sicher, dass sie hier keiner Halluzinationen erlegen waren, sondern tatsächlich Besucher in einer anderen Realität waren. Seither grübeln Strassman und die psychedelische Gemeinde um den Realitätsgrad der Aussagen und suchen nach Erklärungen für die Ereignisse, denn wer glaubt schon an Geister, geschweige denn, lässt sich gerne Geschichten über sie als wahr verkaufen? Der Psychologe in Strassman zweifelte und hielt sich am Grundsatz "It's all in your mind" fest, der Psychedeliker in ihm versuchte dagegen nicht zu schnell zu bewerten.

Letztlich siegte der Mensch in ihm und schrieb ein ehrliches und offenes Buch über seinen Versuch, Wirkung und Potenzial von DMT besser zu verstehen. Seine Antwort: Jeder ausgewachsene Körper produziert ständig dieses Tryptamin in sehr kleinen Mengen. Nach Ansicht von Strassman hält uns dies in unserem normalen, alltäglichen Bewusstseinszustand. Nahtodeserfahrungen und kosmische Ganzheitsgefühle dagegen setzen, so Strassman, hochwirksame Dosen von DMT in der tief im Hirn liegenden Zirbeldrüse frei. Damit holt Strassman ein Organ aus der Kiste alter Bewusstseinskonzepte, welches schon bei Descartes zu Ehren gekommen war. Der französische Philosoph (1596-1650) vermutete hier die Schnittstelle zwischen Geist und Körper.

Was für manchen Partygänger nur Spaßdroge ist, soll aus Sicht von Therapeuten anderen bei ihren Problemen helfen. Auch die Wissenschaft von den psychoaktiven Substanzen folgt dabei modischen Wellen. Nach dem Ecstasy-Hype Anfang der 90er Jahre, in dem Forscher wie Nicolas Saunders und der Schweizer Samuel Widmer ins "Herz der Dinge" lauschten, verschob sich Mitte des Jahrzehnts der Fokus auf das anästhetische Ketamin und das afrikanische Ibogain. Karl Jansen untersuchte Nahtodes-Erfahrungen unter Ketaminkonsum, Howard Lotsoff wollte mit Ibogain Alkoholabhängige von ihrer Sucht befreien, heute bemüht sich das I Begin Again Treatment Center um das Recht, Patienten begleitend zur Therapie auch Ibogain verabreichen zu dürfen.

Immer waren und sind die Forschungen mit großen bürokratischen Hemmnissen verbunden, während die psychedelische Untergrundkultur die Substanzen ohnehin und relativ unbeeindruckt von den Gesetzen auf ihre Weise "erforschte".

Aus Psychotria viridis stammt der DMT-haltige Anteil in Ayahuasca

Nun also DMT, eine Substanz, die seit Jahrhunderten in den indogenen Kulturen Südamerikas angewandt wird. Diese trinken das DMT-haltige Gebräu Namens Ayahuasca (Der Raum, die Zeit, die Wahrheit und der Tod) meist nicht aus Vergnügen oder dem Drang der Selbsterkenntnis, denn auch sie kotzen nicht gern. Hedonistisches Dschungelkino ist nicht das Ziel, oft steht eine konkrete Krankheit oder persönliche Krise hinter dem Gang zum Medizinmann. Der wählt zwischen verschiedenen Mitteln und manchmal greift er zu Ayahuasca, um das Problem zusammen mit dem Patienten auf einer anderen Ebene anzugehen.

Unter dem Einfluss von DMT reisen sie in eine andere Wirklichkeit, dort findet der Urwaldarzt die Ursache der Krankheit in Symbolen und Wesen. Man kann darüber streiten warum, aber dieses ungewöhnliche Vorgehen scheint zu funktionieren. Das Leben mit "Geistern" ist für diese Kulturen fester Bestandteil ihres Alltags, die anderen Welten sind ebenso relevante Realität wie die normale, dingliche Wirklichkeit. Es scheint diese Eingebundenheit und die Einhaltung eines rituellen Akts zu sein, die die Konsumenten vor psychischen Schäden bewahrt.

Injektionen in klinischen oder anderen ungeeigneten Umgebungen gelten gemeinhin nicht gerade als Ritual, im Gegenteil, sie werden für so manchen Horror-Trip verantwortlich gemacht. Strassman wünscht sich daher für die Zukunft, dass psychedelische Forschungen - oder, wie man nach der Diskreditierung des Begriffs "psychedelisch" besser sagen solle: Forschungen mit Entheogenen unter Bedingungen abgehalten werden, die den Probanden vor möglichen Schäden schützen.

Weder Ärzte noch die Hüter der Volkspsyche müssen allerdings sorgenvoll auf die weitere Erforschung des menschlichen Geistes mittels DMT achten. Wie Strassman in Befragungen einiger der Probanden fünf Jahre nach den Versuchen an der Universität heraus fand, kam es zu keinen physischen oder psychischen Krankheiten in Folge der DMT-Kur. Allerdings kam es auch nicht - und das hatte Strassman wohl gehofft - zu einem Umkrempeln der bisherigen Lebensführung. Gott sehen und zum Gottesdiener werden, bleiben also auch hier zwei Paar Schuhe.

Rick Strassmann: DMT. Das Molekül des Bewusstseins. Zur Biologie von Nahtod-Erfahrungen und mystischen Erlebnissen. Baden, München 2004, AT-Verlag.

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