Kinder der Eiszeit

Wolf-Dieter Roth 07.08.2004

Der Mensch entwickelte sich in Klimakrisen weiter

Seit "The day after tomorrow" gruselt es manchen davor, dass eine neue Eiszeit kommen könnte. Das ist vermutlich unausweichlich und nur eine Frage der Zeit, doch hat die Menschheit aus der letzten Eiszeit gelernt und sich ihre heutige Intelligenz im Umgang mit veränderten Umgebungsbedingungen angeeignet

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Vor 24.000 Jahren war ein Großteil der Erde mit Eis bedeckt. Jeden Tag breiteten sich die riesigen, drei Kilometer dicken Eisplatten weiter aus. Die extremen klimatischen Bedingungen stellten die Menschen vor höchste Herausforderungen, sie waren vom Aussterben bedroht und konnten nur mit Hilfe ihrer Intelligenz überleben.

Im Eiszeit-Sommer scheint das Leben noch einfach (Bild

Über Tausende von Generationen mussten die Menschen in Europa mit dem ewigen Eis leben. Passend zu den heißen Hundstagen hat sich Arte TV zur Abkühlung mit dem frostigen Thema wissenschaftlich beschäftigt und ein vier hoffentlich heiße Tage dauerndes "Eiszeit-Special" produziert. Hierzu gehört ein zweiteiliger Film über die menschliche Entwicklung in der Eiszeit ebenso wie zwei Reisen in die heutige Kälte: mit dem polnischen Forschungsschiff "Eltanin" mehrere Wochen durch die Arktis Richtung Nordpol und nach Lappland, in das kleine schwedische Städtchen Arjeplog.

Die zweiteilige Dokumentation "Eiszeit" von Tim Lambert und Andrew Chater wurde 2002 erstmals in Channel 4 gezeigt. Neben den wissenschaftlichen Erläuterungen von Spezialisten wurde in diese Dukumentation auch eine Spielfilmhandlung eingebaut, eine Rekonstruktion über das Leben zum Beginn der Eiszeit in Europa vor 24.000 Jahren. Dazu wurden die neuesten archäologischen Erkenntnisse berücksichtigt.

doch schon wird es kälter! (Bild

Die Spielfilm-Handlung beginnt in Südost-England. Eine Gruppe Jäger sucht an diesem damals nördlichsten Grenzwall der Zivilisation dahinter beginnt das ewige Eis nach Rentieren, die zu dieser Zeit die beste Proteinquelle darstellten. Sie konnten bereits Kleidung anfertigen und Unterkünfte, die im Eiszeit-Klima tauglich waren Mammuts gab es dort nicht und sie wären auch zu groß gewesen, um von Menschen in begrenzten Gruppengrößen erlegt zu werden. Damals waren Menschen seltener als heute Schimpansen und Gorillas: In ganz Europa lebten in jenen Tagen vielleicht 1000 Menschen in Clans zu je etwa 30 Personen die für eine Gruppe von Jägern und Sammlern geeignete Größe und so hatte jeder Mensch 100 km2 für sich doch mit dem Einbruch der Eiszeit sollten auch diese 100 km2 nicht mehr so ohne weiteres zur Ernährung ausreichen .

Vor 3 Millionen Jahren entstand durch die Kontinentaldrift die Landenge von Panama, dadurch war der Austausch von Meeresströmungen zwischen Atlantik und Pazifik nicht mehr möglich. Wasser aus den Tropen floss nun nach Norden. Am Nordpol gab es damals kein Eis die Luftfeuchtigkeit war für Schnee schlichtweg zu gering, auch wenn es kalt genug war. Mit der feuchten tropischen Luft änderte sich dies: Es bildete sich ein Eisschild am Nordpol und die Eiszeit begann, die bis heute nicht beendet ist wir haben gegenwärtig nur eine warme Phase. Als der Golfstrom gar durch dauerndes Zuführen von Eisbergen unterbrochen wird, entwickelt sich das Klima in Europa völlig unstabil.

Drei Eiszeitmenschen auf dem Weg nach Süden (Bild

Mindestens 30 Mal haben sich die Gletscher in den letzten 2,5 Millionen Jahren vor- und zurückbewegt mit bis zu 20 Metern pro Woche. Vor 24.000 Jahren lag die Temperatur an den Polen dabei etwa 20° unter den heutigen und New York lag unter einem Kilometer Eis, so Klimaforscher Richard Alley. Ursache der Schwankungen, die das Vor- und Zurückbewegen der Gletscher verursachten, ist die Erdpräzession: Die Erde dreht sich nicht gleichmäßig um ihre Achse, sie taumelt vielmehr wie ein Kreisel etwas und auch die Bahn um die Sonne variiert.

All diese Erkenntnisse sind relativ neu: Erst 1831 erforschte Charles Darwin die Grotte von Cefn in Wales und fand dort einen Nashornzahn. Die typische Erklärung jener Zeit lautete: Ein Nashorn war in Afrika ertrunken und irgendwie in die walisische Höhle gespült worden. Darwin sagte dagegen: Nein, das Nashorn hat einst hier gelebt, das Wetter war früher anders! Er sah in den walisischen Bergen die Spuren längst vergangener Gletscher.

In anderen Jäger- und Sammlergruppen sind zusätzliche Mitglieder nicht willkommen (Bild

Der Klimawandel war immer schon eine evolutionäre Herausforderung: Über 100.000 Jahre passiert zwar mitunter nicht viel, doch dann ändert sich plötzlich alles! Der Anthropologe Rick Potts berichtet hierzu, Änderungen sind der Untergang der spezialisierten Tierarten und der Aufstieg der anpassungsfähigen, zu denen auch die Menschen gehören, die mit Einbruch der Kälte und dem Versiegen der gewohnten Nahrungsquellen in Europa ihren Lebensstil ändern mussten vom Jäger und Sammler, der in kleinen Gruppen unterwegs ist, zur sesshaften Lebensweise in größeren Gruppen. Der Anthropologe Daniel Netle berichtet hierzu:

Heute leben nur noch 0,1 Prozent der Menschen in einer Jäger- und Sammlerkultur. 90 Prozent ihrer Geschichte lebte aber die ganze Menschheit so und arbeitete nur etwa eine Stunde täglich.

Durch Eiskerne aus Gletschern kann heute noch bestimmt werden, was in der Eiszeit klimatechnisch genau ablief. Die Eiskerne haben dabei auch die Luft und deren damalige chemische Zusammensetzung festgehalten, so Klimaforscher James White.

Auch in Afrika spielte die Eiszeit eine Rolle: Es wurde durch die Eiszeit trocken und die Landschaft wandelte sich so von dichten Wäldern zur offenen Savanne. Auch dort entwickelten sich daher die Menschen weiter: Für das Überleben in der Savanne ist mehr Hirn nötig, um Beutetieren zu entkommen und selbst etwas zu fangen der Mensch kann nicht mehr einfach auf den nächsten Baum flüchten. Das menschliche Hirn verbraucht dabei 20 Prozent der körpereigenen Energie sieben Mal mehr als bei anderen Säugetieren.

Die erste sesshafte Gruppe im heutigen Mähren (Bild

Die im Dokumentarfilm gezeigte Gruppe von Eiszeitmenschen in Südengland überlebt den Winter fast nicht die wenigen Überlebenden ziehen nun nach Süden. Damals lag der Meeresspiegel 120 Meter tiefer, weil das Wasser im Eis gebunden war, sie können also durch die heutige Nordsee laufen. Nach 17 Tagen sind sie bereits im heutigen Flandern. Die Gruppe trifft schließlich im schwäbischen Jura andere Eiszeitmenschen, mit denen sie jedoch nicht klarkommen und will über die Alpen in ein Land, wo es wärmer sein soll das heutige Italien. Doch die Alpengletscher waren zu dieser Zeit bereits tausend Mal so groß wie heute und ein Überqueren dieser Hindernisse ist undenkbar, deshalb wandern sie nun nach Osten in der Hoffnung, einen Durchbruch durch die Berge zu finden.

Schließlich werden sie von einer bereits sesshaften Gruppe aufgenommen, die die Fremden nicht als Konkurrenten am Fleischtopf sieht, sondern als mögliche Helfer beim Verbessern ihrer Werkzeuge und Hütten, um die härter werdenden Winter zu überstehen. Im September hat es bereits -30°C und man kann nicht mehr jagen, weshalb Nahrung in Gefriergruben gehortet wird. Um im kurzen Sommer genug Nahrung zu finden, jagten vermutlich auch die Frauen mit Netzen kleinere Tiere wie Wildschweine und die Großeltern wurden zu Kinderbetreuern, damit sie dies konnten die Sesshaftigkeit führte erstmals zur Arbeitsteilung im modernen Sinn.

Auch dieses Ende der Filmhandlung beruht auf tatsächlichen archäologischen Funden: In den 20er-Jahren entdeckte man ehemalige Eiszeitsiedlungen in Dolny in Mähren. Deren Bedeutung nämlich dass man die ersten sesshaften Menschen gefunden hatte wurde jedoch erst vor einigen Jahren erkannt, so der Archäologe Richard Rudgley. 80 Prozent der heutigen Bevölkerung in Europa stammen von den damaligen Jägern und Sammlern ab, wie man anhand gemeinsamer Gene leicht feststellen kann. Steven Mithen, Autor des bald erscheinenden Buchs "After the Ice" gibt hierbei zu bedenken:

Seitdem sind nur 1000 Generationen vergangen, das ist im Kontext der menschlichen Evolution fast gar nichts. Normal ist es auf der Erde kälter, trockener und öder als heute und eines Tages wird das Eis zurückkommen. Doch wir alle sind Kinder des Eises und werden damit vermutlich besser klar kommen, als wir meinen.

Arte-Eiszeit-Special

Eiswelt, Zweiteilige Dokumentation von Tim Lambert und Andrew Chater 1.: Kampf ums Überleben Montag 9. August 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr, Wiederholung Montag 16. August 2004, 14.00 bis 14.45 Uhr 2.: Anpassung und Fortschitt, Dienstag 10. August 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr, Wiederholung Dienstag 17. August 2004, 14.00 bis 14.45 Uhr

Auszeit im Eis, Unterwegs zum Nordpol, Dokumentation von Frank Koschweski, Mittwoch 11. August 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr, Wiederholung Mittwoch 18. August 2004, 14.00 bis 14.45 Uhr

Arjeplog, Lappland zwischen Hightech und Unschuld, Dokumentation von Claudia Seifert, Donnerstag 12. August 2004, 19.00 bis 19.45 Uhr, Wiederholung Donnerstag 19. August 2004, 14.00 bis 14.45 Uhr

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17952/1.html
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