Künstliche Verknappung gentech-freier Futtermittel?
Die Art, wie manche Futtermittelhersteller die neue Kennzeichnungspflicht umsetzen, bringt Verwirrung für Landwirte
Es ist schon eigenartig. Eigentlich würde man vermuten, dass bei der bestehenden breiten Ablehnung von grüner Gentechnik ein Unternehmen seine unbelasteten Produkte besonders hervorheben würde und schon gar nicht Ware als gentechnisch manipuliert deklariert, wenn dem nicht so wäre. Im Fall von Soja-Schrot der Ölmühle Mannheim der Bunge Deutschland GmbH, scheint es aber gerade umgekehrt zu sein.
Laut Greenpeace würde die Firma ihre gentechnikfreie Ware als genmanipuliert deklarieren und nur einen kleinen Teil als gentech-frei - mit Preisaufschlag - an Landwirte verkaufen. Die Ölmühle stellte laut Greenpeace im April 2004 komplett auf die Verarbeitung zertifizierter gentechnikfreier Soja um. Dabei handelt es sich um so genannte Hard-IP (Identity Preservation) Soja, deren Herkunft zurück verfolgt werden kann bis ins gentechnikfreie Nordbrasilien. Daraus stellt die Bunge Deutschland GmbH gentechnikfreies Soja-Öl für die Lebensmittelindustrie her, Soja-Schrot ist das Nebenprodukt.
Während Bunge Lebensmittelherstellern gentechnik-freies Speiseöl garantiert, sieht es bei Schrot anders aus. "Nur etwa ein Fünftel des gentechnikfreien Soja-Schrots verkauft der Konzern auch als gentechnikfrei weiter - und verlangt für diese Ware einen Aufpreis von knapp zwei Prozent", so Greenpeace. Die weitaus größere Menge wird mit dem Vermerk "hergestellt aus gentechnisch modifizierten Sojabohnen" verkauft.
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Greenpeace untersuchte 16 Proben vom Sojaschrot der Bunge Ölmühle Mannheim und fand dabei heraus, dass etwa ein Viertel der Proben gentechnikfrei waren. "Der Anteil der Gen-Soja lag bei den übrigen Proben meist noch unter 0,1 Prozent", so Greenpeace. Die Umweltaktivisten fanden auch in Stichproben anderer Firmen wie Deuka (Worm/Rheinland-Pfalz) und der Raiffeisen-Warenzentrale (Wiesbaden/Hessen) ihrer Meinung nach "falsch" deklarierte Ware.
Nun könnte man meinen, Bunge und die anderen erwähnten Firmen seien eben sehr korrekt und setzen nur um, was die EU vorschreibt. Denn immerhin gilt seit 1. April 2004 die neue EU-Verordnung Nr. 1829/2003. Danach sind Lebens- bzw. Futtermittel kennzeichnungspflichtig, die "aus" einem GVO, jedoch nicht solche, die "mit" einem GVO hergestellt sind, und zwar unabhängig davon, ob diese im Endprodukt nachweisbar sind. Damit wurde das "Nachweisprinzip" aufgegeben, welches früher für Unmut bei Konsumenten- und Umweltschützern gesorgt hatte. Die dadurch notwendige Rückverfolgbarkeit von gentechnischen Veränderungen über die gesamte Produktionskette hinweg wird jetzt ebenfalls durch die Verordnung Nr. 1830/2003 genau geregelt.
Darauf beziehen sich auch die Futtermittelhersteller. So fragte etwa der Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) bei den von Greenpeace angesprochenen Firmen sowie beim Deutschen Verband Tiernahrung e.V. (DVT) nach. Die Antwort:
Für Mischfutterhersteller, die in der Regel neben nicht-kennzeichnungspflichtiger auch kennzeichnungspflichtige Ware beziehen und verarbeiten, sei eine lückenlose Trennung in allen Stufen des Transports, der Lagerung und der Verarbeitung fast unmöglich. Angesichts hoher Strafen, die bei Nicht-Kennzeichnung von sogenannter GVO-Ware drohten, stellt die Herstellung von nicht kennzeichnungspflichtigem Futter keinen Anreiz dar. ... Bestünden seitens eines Herstellers Zweifel an den tatsächlichen Gehalten, oder könnten Vermischungen mit "Gentechnik-Ware" beispielsweise auf dem Transport nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, darf - ja muss - der Hersteller vorsorglich deklarieren.
Greenpeace hingegen will eine korrekte Umsetzung der EU-Richtlinie und verweist auf den Grenzwert von 0,9 Prozent. Denn sind die Werte im Soja-Schrot üblicherweise tatsächlich so niedrig wie die von den Umweltaktivisten jetzt durchgeführten Stichproben ergaben, so stünde Bunge mit der Anwendung des Artikels 12 der EU-Richtlinie auf der sicheren Seite. Hier heißt es nämlich ganz eindeutig zur Kennzeichnungspflicht:
(2)Dieser Abschnitt gilt nicht für Lebensmittel, die Material enthalten, das GVO enthält, aus solchen besteht oder aus solchen hergestellt ist, mit einem Anteil, der nicht höher ist als 0,9 Prozent der einzelnen Lebensmittelzutaten oder des Lebensmittels, wenn es aus einer einzigen Zutat besteht, vorausgesetzt, dieser Anteil ist zufällig oder technisch nicht zu vermeiden.
Zudem drängt sich die Frage auf, warum das Unternehmen, wenn es schon "überkorrekt" agiert und quasi vorsichtshalber sauberes Soja als Gen-Soja deklariert, auch gentechnikfreie Ware den Landwirten als Futtermittel mit Aufschlägen verkauft. Auf der Website des international agierenden Konzerns mit Sitz in New York findet sich keine offizielle Stellungnahme zu den Greenpeace-Vorwürfen.
Greenpeace jedenfalls wittert bereits eine Verschwörung. In einer Aussendung heißt es:
Die Firma Bunge beschränkt so das Angebot an gentechnikfreier Ware unnötig und kassiert für jede Tonne der vermeintlich raren gentechnikfreien Ware vier Euro mehr. Durch den künstlich erhöhten Preis sinkt die Nachfrage. Dadurch steigt der Preis erneut für die wenigen Landwirte, die trotzdem gentechnikfreies Futter anfordern. Durch den hohen Preis bedrängt Bunge Landwirte und Futtermittelhersteller, die gentechnikfreie Fütterung ihrer Tiere aufzugeben. Auf diesem Wege erzwingt Bunge - einer der größten Sojahändler weltweit - einen Absatzmarkt für die bisher wenig akzeptierte "Gen-Soja".
Die Umweltschützer protestieren seit gut drei Wochen gegen die "Falschkennzeichnung" bei Futtermitteln und wandten sich bezüglich Bunge auch an die baden-württembergischen Behörden. Diese prüften dann tatsächlich, ob ein Verstoß gegen die Futtermittelgesetze oder sogar ein Fall unlauteren Wettbewerbs vorliege. Am 22. Juli erhielt Greenpeace aber eine abschlägige Mitteilung. Das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum teilte der Organisation mit, dass es nur dann Abmahnungen erteilen würde, "wenn im Futterschrot absolut keine Gentechnik nachweisbar sei."
Greenpeace reagiert in einer Aussendung enttäuscht. "Die Entscheidung aus Stuttgart ist das falsche Signal an die Futtermittelindustrie", so Carmen Ulmen von Greenpeace.
Die Industrie will durch irreführende Deklaration die Entstehung von Märkten für gentechnikfreies Futter verhindern. Landwirte und Verbraucher sollen glauben, es gäbe fast nur noch Gen-Futter. Es gibt genug gentechnikfreie Soja aus Brasilien. Je mehr die Landwirte diese Ware nachfragen, desto schneller wird sich der gentechnikfreie Futtermarkt weiter entwickeln. Wenn gentechnikfreie Ware allerdings als genmanipuliert verkauft wird, ist die Verwirrung komplett.
Greenpeace fordert deshalb: "Wollen Futtermittelhersteller freiwillig ihr Futter als "genmanipuliert" kennzeichnen, muss deutlich gemacht werden, dass der Gen-Anteil unter dem EU-Grenzwert liegt."
Außerdem appelliert die Organisation an Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast in dieser Sache tätig zu werden. Gut möglich, dass die Umweltaktivisten bei Künast Gehör finden. Erst kürzlich erklärte die Ministerin anlässlich eines Treffens mit ihrem österreichischen Amtskollegen, Josef Pröll: Man müsse Gentechnik aus rechtlichen Gründen zwar zulassen, aber eine "schleichende Dominanz" der Gentechnik verhindern.
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17954/1.html- uwe karper angestellt bei biotech? (29.7.2004 20:07)
- ach ja... (27.7.2004 23:35)
- Antwort (27.7.2004 22:28)
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