Spartacus im Maschinenpark
Alex Proyas' Science-Fiction Thriller I ROBOT erzählt von der Revolution der Roboter
Planen die Roboter den Aufstand? Das ist die Frage in I, ROBOT, einer unterhaltsamen, in manchem clevereren, vielleicht etwas zu humorfreien Science-Fiction-Detektivstory nach Isaac Asimovs gleichnamiger Kurzgeschichtensammlung. Mit dieser hat der Plot nicht mehr zu tun, wohl aber gelingt es Regisseur Alex Proyas, den Geist der Vorlage in virtuose Bilder und intelligentes Mainstream-Entertainment umzusetzen. Im Rückblick auf dieses Kinojahr wird I, ROBOT wohl als der gelungenste, interessanteste der bisherigen Sommer-Blockbuster im Gedächtnis bleiben.
Träumen Roboter von der Revolution? Das ist, der Eindruck verfestigt sich, nicht nur eine der grundlegenden Fragen dieses Films, sondern überhaupt der jüngeren Science-Fiction. Designed und programmiert, um als bester Freund des Menschen in der Welt der Zukunft allerlei nützliche Sklavenarbeit zu verrichten, führen steigende Fähigkeiten der Maschinen auch zu anwachsender Furcht vor ihrer Macht. Gerade die Vorstellung von lernfähigen Robotern, die womöglich eines Tages sich selbst programmieren und fortwährend perfektionieren könnten, regt düstere Phantasien an, die auch die Niedlichkeit von Aibo und NeCoRo, Hund und Katz im Roboterland, und in ihrer Tierähnlichkeit erstaunlich weit fortgeschritten, nicht hinwegtrösten kann.
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Aber denken Roboter, träumen sie oder haben sie gar Geheimnisse? Das ist, darum dreht sich I, ROBOT, irgendwann nicht mehr die Frage - dann nämlich, wenn sie so perfekt programmiert sein werden, dass es scheint, als würden sie all das tun. Das genügt. Denn vielleicht, und das ist nun die uralte Frage aller Bewusstseinsphilosophie, scheint es ja auch nur, als ob wir Menschen denken.
Zumindest mit menschlichem Antlitz traut man ihnen nicht über den Weg. Menschenähnlichkeit, sagen Roboterwissenschafter, führe zur Ablehnung der Maschinen, zu Misstrauen und Angst. Allenfalls "Qrio", der kleine Sony-Robot in Kindergröße mit einer Art Kopf und drei augenähnlichen Öffnungen auf demselben, geht so gerade - er ist offenbar klein genug, um keine tieferen Bedrohungsgefühle aufkommen zu lassen. Es scheint, als brauche es ansonsten noch ein paar Jahre, vielleicht eine Generation, um sich an die Roboter zu gewöhnen. Genau die Zeitspanne, die es, folgt man noch einmal einigen Roboterforschern, benötigt, um die Maschinen vom derzeitigen, cognitiven Stand eines etwa neunmonatigen Kleinkindes zu einer Art Erwachsenen zu machen. Mit Menschen Fußball spielen werden sie dann können, was sonst noch herauskommt, wird man sehen.
Eine Generation, das ist auch genau die Zeitspanne, die es braucht, um das Jahr 2035 zu erreichen - die Ära, in der "I Robot" spielt. Die Science-Fiction Geschichten von Isaasc Asimov, seit 1940 veröffentlicht, und in Deutschland unter dem Titel "Meine Freunde die Roboter" in einem Sammelband (beim Heyne Verlag) erschienen, standen Pate, bildeten Inspirationsquelle - aber mehr auch nicht. Die Handlung des Films ist keiner einzigen Story entlehnt, die Hauptfiguren auch nicht, zwei weitere dagegen schon. Nur tatsächliche Ähnlichkeit mit ihrer Vorlage hat die Roboterforscherin Dr.Susan Calvin auch nicht mehr. Und Alfred Lanning ist tatsächlich nur eine Randfigur.
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Was dem Film dagegen recht gut gelingt: Er findet für den Geist von Asimovs Vorlage eine filmische Entsprechung. Die von Asimov aufgestellten berühmten "Drei Regeln der Robotik" [(1) A robot may not injure a human being or, through inaction, allow a human being to come to harm, (2) A robot must obey orders given it by human beings except where such orders would conflict with the First Law, and (3) A robot must protect its own existence as long as such protection does not conflict with the First or Second Law.], die längst den Raum der Fiktion verlassen haben und zu einem Bestandteil der Wissenschaft geworden sind, und Asimovs Lust am Austesten ihrer philosophischen Möglichkeiten, bilden tatsächlich über weite Strecken auch den Kern des Films. "Ein perfekter Zirkel" seien die Regeln hört man, doch: "Gesetze werden gemacht, um gebrochen zu werden" raunt der Held schon früh, im sicheren, trotzdem täuschenden Einverständnis mit dem Zuschauer.
In THE CROW und vor allem im METROPOLIS-inspirierten DARK CITY hat Regisseur Alex Proyas gezeigt, dass er die Geschichte des Science-Fiction-Films gut genug kennt, um sich mit ihr auf originelle Weise auseinanderzusetzen und interessante Zukunftsvisionen auf die Leinwand zu bringen. Der Ort ist ein futuristisches Chicago, wo der Lake Michigan sich in eine postapokalyptische Sandwüste verwandelt hat - diese Bilder gehören zu den schönsten des Films, und erinnern in ihrer Zeitlosigkeit und Tristesse wohl mit Absicht an das Schlussbild aus PLANET OF THE APES. Der Rest des Films ähnelt vom Aussehen her vor allem Spielbergs MINORITY REPORT: Blaugrau Farben, runde Formen, aber etwas weniger Dreck, mehr THE 5th ELEMENT und weniger BLADE RUNNER. Und manchmal sogar METROPOLIS. Die Vorstellung unseres Lebens von Morgen, ist eine ganz passable Mischung aus unser heutigen Welt und hübschen Technik-Gimmicks.
Terrakotta und Product-Placement
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Diese wird zur Kulisse für allerlei Action: Roboter flitzen durch die Gegend, rollen wie zornige Menschen mit den Augen oder gucken erstaunt, mit halb offenem Mund, und springen von Hochhäusern. Dabei wirken sie so leicht und geschmeidig und trotzdem schwergewichtig, dass mehr als ein Hauch von TERMINATOR manche Szenen prägt, und man doch weiß: Das kann nur CGI sein. Dabei - und das gehört zu den vielen guten Seiten dieses Films - sind die Effekte nie aufdringlich, nie Selbstzweck, sondern der Geschichte untergeordnet und immer nahezu beiläufig inszeniert. Nie stellt sich das oft so störende Gefühl ein, hier wolle ein Regisseur mit seinen Möglichkeiten posieren. Erschreckend und amüsant, eindrucksvoll auch dann, wenn sie in Massen auftreten, wie Ameisen zu Hunderten ein Hochhaus emporkrabbeln, wie die Terrakottaarmee der chinesischen Kaiser still bei Fuß stehen oder wie einst bei Riefenstahl im totalen Gleichschritt marschieren. Action- und temporeich sind auch die Autoverfolgungsjagden die neben Audi-Product-Placement auch den Zweck haben, Will Smith noch einmal anders als nur ballernd und rennend in Szene zu setzen. Was man dem Film vor allem ankreiden kann, ist ein gewisser Mangel an Humor, ein Bierernst, der gelegentlich dominiert. Trotzdem ist er unterhaltsam, und in manchem cleverer, als er dem oberflächlichen Blick scheinen mag.
Jenseits aller Science-Fiction dominiert die Detektivstory, das klassische "Whodunnit": Einer der wichtigsten Roboter-Wissenschaftler hat sich umgebracht, just kurz vor der wichtigen Einführung einer neuen Robotergeneration. Und der Polizist Del Spooner (Will Smith), ein Freund des Toten, erkennt schnell die Indizien, die darauf hindeuten, dass es kein Selbstmord war, und erhält von diesem via Hologramm letzte Botschaften: "Warum sollten Sie Selbstmord begehen?" - "Das, Detective, ist die richtige Frage." Eine böse Robot-Company sorgt auch in diesem Fall dafür, dass wir uns der Gefahren des Kapitalismus jederzeit gewahr bleiben. Weil Spooner überdies technophob ist, verdächtigt er die Roboter des Mordes - eine gewagte Vermutung, da noch nie ein Roboter - vgl. die drei Regeln - kriminell geworden ist. Indem Spooner am Ende versteht, was passiert ist, klären sich die Fragen. Die Klugheit dieses Detektivs liegt, wie oft beim Film-Detektiven, die immer auch Pendant des Zuschauers und philosophische Aufklärer sind, Stellvertreter einer ermittelnden Vernunft, nicht darin, Antworten zu finden, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Besonders charmant ist auch die Ähnlichkeit, die Spooners Abneigung der Maschinen mit ganz gewöhnlichem Rassismus hat. Dies nicht (oder nicht nur), weil Will Smith als einer der wenigen schwarzen Action-Stars des US-Kinos in the real life mit ebenjenem selber viel zu kämpfen hat, sondern weil dies eine Konsequenz aller Technikfeindschaft ist: Wenn Maschinen erst ein Eigenleben, wenn sie Emotionen und "Bewusstsein" haben, wird diese zum feindseligen und unmoralischen Akt.
Robotik mit menschlichem Antlitz
Ein solches Eigenleben hat Sonny, der hier bald unter Verdacht stehende Roboter, ganz bestimmt. Sonny steht für die faszinierend-furchteregende Vorstellung einer Robotik mit menschlichem Antlitz. Ein wenig stark erinnert auch er an zuvor Gesehenes, an HAL aus 2001 nämlich. Aber wie bei Asimov gibt es viel Diskurs zwischen Mensch und Maschine, viele Erklärungen. Und das Spiel mit Robot-Emnotionen, etwa der Idee, dass ein Robot eingebildet sein kann, oder leiden und seinen Tod fürchten. "My father tried to teach me human emotions. They are difficult." meint Robot Sonny weise: "You are just a mashine." wird er zurecht gewiesen. Und so fort...
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In der zweiten Hälfte des Films - und wer sich ein paar Ungewissheiten bewahren will, sollte jetzt nicht weiterlesen - werden solche Debatten dann dadurch zugespitzt, dass man erfährt, dass Spooners Technikhass aus einem doppelten Trauma resultiert: Er wurde Zeuge einer emotionslosen Roboter-Kalkulation, über deren Ergebnis man zumindest streiten kann. Und er ist selbst ein wenig eine Maschine, ein Cyborg nämlich dessen Arm und halber Oberkörper einst künstlich wiederhergestellt wurden. "Sie müssen das Kleingedruckte auf der Organspendekarte lesen."
Roboter, so heißt es einmal, seien "Sklaven der Logik." Doch der Aufstand der Roboter, der sich ereignet, folgt selbst einem rein rationalen Kalkül, ist geradezu die - bereits von menschlichen Philosophen entwickelte - idealtypische Konsequenz des reinen Utilitarismus: Um viele zu retten, muss man einige opfern. Masse zählt, Du bist nichts, die Gesellschaft ist alles. Irgendwann, das wird nicht ausgeführt im Film, aber genau darum geht es, hat Asimov seinen drei Goldenen Regeln noch eine vierte hinzugefügt: Das "Nullte Gesetz", nach dem es noch wichtiger ist, "die Menscheit" zu retten, statt einen "Menschen", "To protect humanity, some humans must be sacrificed." - und da es "die Menschheit" nicht gibt, lauert hier, selbst wo es noch so gut gemeint sein mag, die Fratze des Totalitarismus.
Sklaven der Logik
Darum geht es eigentlich: Wie jeder halbwegs gute Science-Fiction handelt I, ROBOT mindestens so sehr von der Gegenwart, wie von der Zukunft. Und wenn die Roboter hier plötzlich beginnen, die Macht zu übernehmen, Ausgangssperren verhängen und mit bedrohlich sanfter Bestimmtheit die Menschen auffordern, "zu ihrem Schutz" nach Hause zu gehen, zu Hause zu bleiben, dann ist dies die Vision einer totalitären Zukunftsgesellschaft, die sich mit existierenden Sicherheitsmanien von Ashcroft bis Schily ebenso auseinandersetzt, wie mit dem zur "Homeland-Security" geronnenen, übertriebenen Schutzbedürfnis moderner Gesellschaften, die sich, je sicherer sie sind, um so unsicherer fühlen; wo das Rettende steigt, wächst auch die Angst.
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Natürlich sind die Assoziationen zu Riefenstahl Parteitagsfilmen gewollt, wenn die Roboter in dieser Vision vom Ausnahmezustand in unübersehbaren Mengen im Gleichschritt marschieren. Aber die Bilder, die hier anzitiert werden, stammen noch eher aus Sci-Fi-Horrorfilmen a la ALIENS (Camerons Fortsetzung) und aus Dokumentationen über Chile zu Pinochets Zeiten. Irgendwann stehen sich Menschen und Roboter gegenüber: Eine ungeordnete Horde und uniformierte Soldaten. Hier darf, hier soll man auch an Genua und andere Anti-Globalisierungsdemos denken, soll man die Bilder auf aktuelle Szenarien beziehen.
"Die 3 Gesetze führen zu einem logischen Ergebnis." "Was, welches Ergebnis?" - "Revolution." - "Was? Wessen Revolution?" - "Das, Detective, ist die richtige Frage." Die Sklaven, die hier den Aufstand proben, sind also die Menschen, Will Smith ist ihr Spartacus. Aber der Film wäre zu dumm, wenn er sich nicht auch in die Gegenrichtung lesen ließe. Um zu siegen, braucht Smith/Spooner nämlich Sonny, den Roboter. Und der, von einem Menschen programmiert, um den Aufstand seinesgleichen niederzuschlagen, der perfekte Sklave also, wird letztlich zu einer Art Mensch. Weil er seiner Einzigartigkeit bewusst wird, und das Gleiche will, wie Spooner: Freiheit, Antwort auf die Sinnfrage. Die Ameise will Mensch werden. Hier, in der Frage nach den Folgen, die Gedanken für kluge Maschinen haben könnten, und nach der Bedeutung, die es haben kann, wenn Maschinen, Melancholie empfinden, wenn sie - wie in A.I. - erkennen, dass sie nicht die sind, die sie zu sein glauben, liegt das offene Geheimnis, das dieser Film kreiert, und das ihn über den Durchschnitt hinaushebt.
http://www.heise.de/tp/artikel/18/18031/1.html- Dann war Asimovs einfach dumm (21.8.2004 12:55)
- Sehr schön (8.8.2004 23:58)
- Das Buch (8.8.2004 11:06)
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