Medienrummel um umstrittenes Gewalt-Computerspiel sorgt für steigende Nachfrage
Das Spiel "Manhunt", in Deutschland seit kurzem verboten, soll Vorlage für einen brutalen Mord gewesen sein, die Forderungen nach einem Verbot hatten in Großbritannien wieder einmal das Gegenteil des Gewünschten zur Folge
In Deutschland hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das Spiel "Manhunt" der Firma Take 2 schon im März 2004 indiziert. Nach einem Beschluss des Amtsgerichts München am 19. Juli wurde das Spiel dann in allen Versionen wegen Verherrlichung von Gewalt verboten und beschlagnahmt. In Großbritannien wurde das Spiel in Zusammenhang mit der Ermordung eines 14-Jährigen durch einen 17-Jährigen gebracht und die Vermutung in den Medien ausgebreitet, wie dies seinerzeit in Deutschland beim Schulmassaker in Erfurt mit dem Spiel Conterstrike geschehen ist, dass das Spiel den Jugendlichen zur Tat angeregt habe (Die Wahrheit über das Massaker in Erfurt). Wie immer stieg mit dieser "Werbung" der Verkauf an.
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Manhunt ist sicherlich eines der grausamsten Spiele, die bislang auf den Markt gekommen sind. In Neuseeland wurde es bereits Ende des letztes Jahres wegen seiner außergewöhnlichen Grausamkeit für "Spieler jeden Alters" als erstes Spiel überhaupt verboten (Erstes Computerspiel in Neuseeland verboten). Auch in den USA wird vor dem Spiel gewarnt: Warnung vor "killografischen" Spielen.
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Tatsächlich ist das Spiel perfid, weil es die grausamsten Morde oder Hinrichtungen belohnt, die vom Helden, einem vogelfreien Schwerverbrecher, der für einen Filmproduzenten von Gewalt-Snuffvideos arbeitet, für die Kamera möglichst spektakulär und blutig inszeniert werden müssen. Die Grausamkeit der Morde mit allen möglichen Waffen von Plastiktüten oder Glasscherben über Werkzeuge bis hin zu Stich- und Schusswaffen wird dadurch verstärkt, dass die Hinrichtungen aus wechselnden Kameraperspektiven und auch mit Nahaufnahmen dargestellt werden.
Was dem Porno der cum-shot, das ist MANHUNT der Augenblick des Todes
Das Münchner Amtsgericht begründete die Beschlagnahmung des Spiels mit der Verherrlichung oder Verharmlosung grausamer und unmenschlicher Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen, die gegen § 131 StGB verstößt:
Das Spiel vermittelt in erster Linie die Botschaft, dass das Töten von menschlichen Wesen zu einem besonderen Spielspaß verhilft, der noch gesteigert wird, je höher das Maß der Gewalt ist.
Hinzukommt eine Glorifizierung der Selbstjustiz, die stets als jugendgefährdend einzustufen ist. Während Selbstjustiz zumindest noch ein gewisses, wenn auch verzerrtes Verständnis von Gerechtigkeit erkennen lässt, scheint Cash und Starkweather alles erlaubt zu sein. Irgendwelche Grenzen gibt es nicht mehr. Manhunt glorifiziert somit nicht lediglich Selbstjustiz, sondern gar die vollständige Loslösung von den grundlegendsten Regeln menschlichen Zusammenlebens.
Stern TV hatte noch am 2.6. 2004 kritisch, aber ausführlich und mit viel Bildmaterial von Hinrichtungen über das damals erst indizierte Spiel berichtet. Frau Elke Monssen-Engberding wurde in der Sendung zum Spiel gefragt, die sich aber weniger als Warnung vor dem Spiel, denn als Werbung für es entpuppte. Die Nachfrage nach dem Spiel war nach der Sendung in die Höhe geschnellt.
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Das Selbe ist nun in Großbritannien zu beobachten und weist auf die komplizierten Wechselwirkungen hin, die Medienberichterstattung, so kritisch sie auch sein mag, haben kann, was sich auch beim Phänomen Terrorismus beobachten lässt. Auch negative oder kritische Berichte sind eine Art Werbung und fördern just die Gewalt, die möglicherweise denunziert werden sollte. Allerdings ist Gewalt (oder Terror) auch ein primärer Inhalt von Medien. Das Thema bietet Bilder und sorgt für Aufmerksamkeit, so dass zumindest dann, wenn Berichte, vornehmlich im Fernsehen, mit Bildern des Kritisierten illustriert werden, durchaus von einer Komplizenschaft der Medien gesprochen werden kann.
In Großbritannien ist die brutale Ermordung des Jugendlichen durch einen 17-Jährigen eigentlich bereits im Februar 2004 geschehen. Der Täter lockte das Opfer in einen Park und schlug wiederholt mit einem Tischlerhammer, der auch in "Manhunt" zur Anwendung kommt, auf ihn ein. Doch Ende Juli bauschten britische Medien den Fall wieder auf und unterstellten eine kausale Verbindung zwischen dem Spiel und dem Mord: "Murder by PlayStation" titelte The Daily Mail. Die Forderung wurde auch hier laut, dass das Spiel, das in Großbritannien nur an Erwachsene verkauft werden darf, ganz verboten werden solle. Auch die Eltern des Opfers sagen, dass "Manhunt" den Täter zu seinem grausamen Mord inspiriert habe. Er sei von diesem Spiel "besessen" gewesen, will heißen: die Hersteller sollen zu Verantwortung gezogen werden, da der Täter in gewisser unzurechnungsfähig war.
Die Polizei hielt sich mit solchen kausalen Erklärungen allerdings zurück, zumal das Spiel auch nicht etwa beim Täter, sondern beim - 14-jährigen (!) - Opfer gefunden wurde. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter das Opfer ausrauben wollte, um Drogenschulden zu bezahlen. Inzwischen haben die Eltern des Täters, die das Verbot des Spiels fordern, offenbar den amerikanischen Rechtsanwalt Jack Thompson beauftragt, eine Klage gegen Take2-Studio Rockstar einzureichen. Thompson ist sozusagen "Rechtsexperte", was Klagen gegen die Spieleindustrie als Verursacher von realer Gewalt betrifft. Thompson hat Take 2 schon wegen des Spiels "Grand Theft Auto" aufs Korn genommen, nachdem in den USA Jugendliche, die das Spiel besaßen, aus Langeweile auf vorbeifahrende Autos mit Gewehren schossen und dabei eine Person töteten (Töten nach Vorbild eines Computerspiels aus Langeweile. Der Anwalt hatte schon Hersteller von Doom, Quake oder Mortal Kombat für ein Schulmassaker im Jahr 1997 verantwortlich machen wollen (Computerspiele nicht für Schulmassaker verantwortlich). Seine Website ist bereits Parole: www.stopkill.com/.
Einige Händler hatten aufgrund der Vorwürfe das Spiel nicht mehr verkauft. Aber diese Zurückhaltung wurde nicht von allen ausgeübt. Die Händler, die das Spiel weiterhin anboten, berichten von einer enormen Zunahme der Nachfrage. Der Sprecher der Kette HMV, Gennaro Castaldo, erklärte, dass die Nachfrage "signifikant" durch den Medienrummel um die Ermordung zugenommen habe und das Spiel bereits in den Läden einiger Städte ausverkauft sei.
Die große Ironie ist, dass die Verkäufe von Manhunt, seitdem es letztes Jahr auf den Markt kam, geringfügig waren. Menschen, die nie etwas von dem Spiel gehört haben, wollen es jetzt kaufen. Viele glauben, dass es verboten wird und das führt zum Kauf.
HMV begründet den Weiterverkauf damit, dass die Kette nicht als "Zensor" auftreten wolle. Aber nicht nur in den Läden, auch bei eBay hat die Nachfrage zugenommen. Die Anbieter gegen vor, dass das Spiel bereits verboten worden sei, um es interessanter zu machen. Interessant ist aber auch ein weiteres Argument, das Castaldo gegen ein Verbot vorbringt. Das würde eben nur das Spiel bei denjenigen attraktiver machen, die man von ihm abhalten wolle. Der Verkauf verlagere sich dann einfach ins Internet oder geschehe über illegale Händler:
Der Unterschied ist, dass sie sich nicht darum kümmern, an wen sie das Spiel verkaufen, und dass man sich nicht darauf verlassen kann, dass sie das Verkaufsverbot an Personen unter 18 Jahren befolgen.
Das freilich klingt auch nach Sicherung des Profits, klammert aber die eigentlich wichtigere Frage aus, warum wir solche Spiele überhaupt brauchen oder haben müssen, auch wenn es keine diekte Kausalverbindung zwischen Gewaltausübung und -darstellung im Spiel und ähnlicher Gewalt in der Wirklichkeit gibt. Rockstar gab folgende Erklärung bekannt:
Wir weisen jede Verbindung zwischen den tragischen Ereignissen und dem Verkauf von Manhunt zurück. Es gibt eine klare Zertifizierung und Manhunt war deutlich vom British Board of Film Classification als "Nur für Erwachsene" eingestuft worden und sollte nicht im Besitz eines Jugendlichen sein.
- Hättest Du (13.8.2004 22:24)
- dann besorg' dir doch 'ne... (8.8.2004 15:54)
- Am Thema vorbei (8.8.2004 5:10)
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